Augenmuskellähmung (Paretisches Schielen)
Bei einer Augenmuskellähmung fällt einer der drei Hirnnerven aus, die die Augen bewegen. Die Augen stehen dann nicht mehr parallel, und es kommt meist plötzlich zu Doppelbildern. Häufigste Ursache bei Erwachsenen über 50 ist eine Durchblutungsstörung des Nervs, die sich oft in Wochen bis Monaten zurückbildet; hinter einer Lähmung mit weiter Pupille kann aber ein lebensgefährliches Aneurysma stecken.
1 Kurzübersicht
In diesem Kapitel (5)
Was ist eine Augenmuskellähmung?
Eine Augenmuskellähmung ist die Schwäche (Parese) oder der vollständige Ausfall (Paralyse) eines oder mehrerer Muskeln, die das Auge bewegen. Meist liegt die Störung nicht im Muskel selbst, sondern in dem Hirnnerv, der ihn ansteuert: Das Signal aus dem Gehirn kommt nicht oder nur abgeschwächt beim Muskel an. Das betroffene Auge bleibt in bestimmten Blickrichtungen zurück, die Augen stehen nicht mehr parallel, und es entstehen Doppelbilder.
Fachleute sprechen von paretischem oder paralytischem Schielen. Es unterscheidet sich grundlegend vom kindlichen Schielen, bei dem alle Muskeln arbeiten, die Augen aber dauerhaft unterschiedlich ausgerichtet sind. Beim Lähmungsschielen ändert sich der Schielwinkel mit der Blickrichtung: Er ist am größten, wenn Sie in die Richtung schauen, in die der gelähmte Muskel ziehen müsste.
Welche Nerven steuern die Augenmuskeln?
Jedes Auge hat sechs äußere Augenmuskeln, die von drei Hirnnerven versorgt werden. Diese Nerven treten im Hirnstamm aus, ziehen an der Schädelbasis entlang, durch einen venösen Blutleiter neben der Hypophyse (Sinus cavernosus) und durch einen Spalt hinten in der Augenhöhle bis zu den Muskeln. Auf diesem langen Weg können sie an vielen Stellen geschädigt werden.
| Hirnnerv | Versorgt | Typisches Bild bei Lähmung |
|---|---|---|
| III. Hirnnerv (Nervus oculomotorius) | Vier der sechs Augenmuskeln, den Lidheber und die Muskeln für Pupillenverengung und Nahsehen | Hängendes Oberlid, Auge steht nach unten außen, Pupille oft weit |
| IV. Hirnnerv (Nervus trochlearis) | Oberer schräger Augenmuskel (Musculus obliquus superior) | Auge steht etwas höher, Doppelbilder übereinander und verkippt, vor allem beim Blick nach unten |
| VI. Hirnnerv (Nervus abducens) | Äußerer gerader Augenmuskel (Musculus rectus lateralis) | Auge steht nach innen, Blick zur Seite nach außen eingeschränkt, Doppelbilder nebeneinander |
Wie häufig ist eine Augenmuskellähmung?
Augenmuskellähmungen sind selten. In einer großen Bevölkerungsstudie aus Minnesota (USA) erkrankten pro Jahr etwa 4 von 100.000 Menschen an einer erworbenen Lähmung des III. Hirnnervs, über 60-Jährige mit 12,5 pro 100.000 deutlich häufiger als Jüngere. Für die isolierte Lähmung des IV. Hirnnervs fand dieselbe Forschungsgruppe knapp 6 Fälle pro 100.000 und Jahr. Belastbare Zahlen für Deutschland und Österreich gibt es nicht.
Bei Erwachsenen ist der VI. Hirnnerv am häufigsten betroffen. Bei Kindern verteilen sich die Lähmungen etwas anders: In einer Studie entfielen 36 Prozent auf den IV., 33 Prozent auf den VI. und 22 Prozent auf den III. Hirnnerv, der Rest betraf mehrere Nerven zugleich. Von der Lähmung des III. Hirnnervs sind Männer und Frauen etwa gleich oft betroffen.
Ist eine Augenmuskellähmung gefährlich?
Die Lähmung selbst schädigt das Auge nicht, sie ist aber ein Warnsignal, dessen Ursache geklärt werden muss. Bei den meisten älteren Menschen steckt eine Durchblutungsstörung des Nervs dahinter, die sich meist von selbst zurückbildet. In einem kleineren Teil der Fälle ist die Lähmung das erste Zeichen eines Schlaganfalls, einer Hirnblutung, eines Tumors, einer Entzündung oder eines Aneurysmas (einer Aussackung einer Hirnarterie). Deshalb gehören neue Doppelbilder immer rasch in ärztliche Hände.
Wie wird eine Augenmuskellähmung behandelt?
Behandelt wird zuerst die Ursache; die Lähmung selbst bildet sich in vielen Fällen innerhalb von Wochen bis Monaten von allein zurück. Bis dahin helfen das Abdecken eines Auges oder eine aufgeklebte Prismenfolie gegen die Doppelbilder. In ausgewählten Fällen kommt eine Spritze mit Botulinumtoxin in Frage. Bleiben die Doppelbilder nach etwa sechs bis zwölf Monaten bestehen, kann eine Schieloperation die Augenstellung verbessern.
2 Symptome
In diesem Kapitel (14)
- Was ist das wichtigste Symptom einer Augenmuskellähmung?
- Wie können Sie selbst prüfen, ob das Doppelbild von einer Lähmung kommt?
- Wie sehen die Doppelbilder aus?
- Warum halten Betroffene den Kopf schief?
- Welche Symptome hat eine Lähmung des III. Hirnnervs?
- Welche Symptome hat eine Lähmung des IV. Hirnnervs?
- Welche Symptome hat eine Lähmung des VI. Hirnnervs?
- Wie unterscheiden sich die Symptome je nach Nerv?
- Welche Beschwerden treten im Alltag auf?
- Was bemerken Angehörige?
- Welche Zusatzzeichen deuten auf eine ernste Ursache?
- Welche Besonderheiten gibt es bei Kindern?
- Welche Besonderheiten gibt es bei älteren Menschen?
- Wann sind die Doppelbilder eher keine Augenmuskellähmung?
Was ist das wichtigste Symptom einer Augenmuskellähmung?
Das Leitsymptom sind plötzlich auftretende Doppelbilder (Diplopie), die verschwinden, sobald ein Auge geschlossen wird. Weil ein Auge nicht mehr genau dorthin blickt, wohin das andere schaut, fällt das Bild eines Gegenstandes in beiden Augen auf unterschiedliche Stellen der Netzhaut. Das Gehirn kann die zwei Bilder nicht mehr zu einem verschmelzen und zeigt sie getrennt an. Bei einer erworbenen Lähmung beginnen die Doppelbilder meist von einem Moment auf den anderen, oft beim Aufwachen.
Fachleute nennen diese Form binokulare Diplopie, weil sie nur mit beiden offenen Augen besteht. Beide Bilder sind gleich scharf und gleich hell. Viele Betroffene beschreiben das zweite Bild als Geisterbild oder Schatten.
Wie können Sie selbst prüfen, ob das Doppelbild von einer Lähmung kommt?
Halten Sie abwechselnd das rechte und das linke Auge zu: Verschwindet das Doppelbild in beiden Fällen, liegt es an der Ausrichtung der Augen. Das ist typisch für eine Augenmuskellähmung, aber auch für andere Störungen der Augenstellung. Diese Form muss rasch abgeklärt werden.
Bleibt das Doppelbild dagegen bestehen, wenn Sie nur mit einem Auge schauen, liegt die Ursache fast immer im Auge selbst. Typische Auslöser sind eine Hornhautverkrümmung, ein Grauer Star, ein Keratokonus oder ein trockenes Auge. Bei diesem einäugigen Doppelsehen ist das zweite Bild meist blasser. Es ist in der Regel kein Notfall, sollte aber ebenfalls augenärztlich untersucht werden.
Wie sehen die Doppelbilder aus?
Die beiden Bilder können nebeneinander, übereinander, schräg versetzt oder gegeneinander verkippt sein. Welche Richtung vorliegt, verrät oft schon, welcher Nerv betroffen ist: Nebeneinander stehende Bilder sprechen eher für den VI. Hirnnerv, übereinander stehende und verkippte eher für den IV. Hirnnerv, eine Mischung aus beidem für den III. Hirnnerv.
Typisch ist, dass sich der Abstand zwischen den Bildern mit der Blickrichtung ändert. In einer Richtung sind die Doppelbilder weit auseinander, in der Gegenrichtung rücken sie zusammen oder verschwinden. Manche Menschen sehen nur in die Ferne doppelt, andere nur beim Lesen oder nur beim Blick zur Seite.
Wenn das Doppelbild nur als Unschärfe erscheint
Liegen die beiden Bilder sehr nah beieinander, wird das oft nicht als Doppelbild, sondern als verschwommenes Sehen erlebt. Das gilt besonders für leichte Lähmungen und für Lähmungen des IV. Hirnnervs, die schon länger bestehen. Auch hier hilft der Test mit dem zugehaltenen Auge: Wird das Bild mit einem Auge scharf, spricht das für eine Fehlstellung der Augen.
Warum halten Betroffene den Kopf schief?
Viele Betroffene drehen oder neigen den Kopf unbewusst so, dass das gelähmte Auge möglichst wenig in die Zugrichtung des schwachen Muskels blicken muss. In dieser Kopfhaltung verschmelzen die Bilder wieder, und die Doppelbilder verschwinden ganz oder werden kleiner. Fachleute sprechen von einer Kopfzwangshaltung.
- Bei einer Lähmung des VI. Hirnnervs wird der Kopf zur Seite des gelähmten Auges gedreht.
- Bei einer Lähmung des IV. Hirnnervs wird der Kopf zur Seite des gesunden Auges geneigt, oft mit leicht gesenktem Kinn.
- Bei einer teilweisen Lähmung des III. Hirnnervs ist die Kopfhaltung je nach betroffenen Muskeln unterschiedlich.
Die Kopfhaltung entlastet, kann aber auf Dauer zu Nacken- und Schulterverspannungen führen.
Welche Symptome hat eine Lähmung des III. Hirnnervs?
Eine vollständige Lähmung des III. Hirnnervs (Okulomotoriusparese) zeigt sich durch ein hängendes Oberlid, ein nach unten außen abweichendes Auge und häufig eine weite Pupille. Weil dieser Nerv die meisten Augenmuskeln versorgt, sind die Ausfälle umfangreicher als bei den anderen beiden Nerven. Teilweise Lähmungen kommen vermutlich häufiger vor als vollständige; dann fehlen einzelne der folgenden Zeichen.
Hängendes Oberlid
Das Oberlid kann plötzlich herabsinken (Ptosis) und sich teilweise oder gar nicht mehr anheben lassen. Ist das Lid ganz geschlossen, sehen Betroffene keine Doppelbilder, weil das gelähmte Auge verdeckt ist. Manche bemerken die Doppelbilder erst, wenn sie das Lid mit dem Finger anheben. Ein hängendes Lid, das sich plötzlich entwickelt, ist etwas anderes als das langsam zunehmende hängende Oberlid im Alter.
Fehlstellung des Auges
Das Auge weicht in Ruhe nach außen und meist leicht nach unten ab, weil nur noch der äußere gerade und der obere schräge Muskel arbeiten. Nach innen, oben und unten lässt es sich kaum oder gar nicht bewegen. Die Doppelbilder stehen deshalb nebeneinander und gleichzeitig höhenversetzt und ändern sich beim Blick nach oben oder unten.
Pupille und Nahsehen
Ist die Pupille beteiligt, ist sie weiter als auf der Gegenseite und zieht sich bei Licht nur träge oder gar nicht zusammen. Betroffene bemerken das selbst oft nicht; Angehörige sehen es eher. Zusätzlich kann die Naheinstellung (Akkommodation) ausfallen: Das Auge sieht in der Nähe unscharf, in der Ferne dagegen normal. Eine beteiligte Pupille ist ein Alarmzeichen, weil sie auf Druck von außen auf den Nerv hindeutet.
Schmerzen
Schmerzen um das Auge oder über der Stirn auf der betroffenen Seite sind bei der Lähmung des III. Hirnnervs häufiger als bei den anderen beiden. Sie treten sowohl bei Durchblutungsstörungen als auch bei einem Aneurysma auf und eignen sich daher nicht zur Unterscheidung. Plötzlicher, heftigster Kopfschmerz ist dagegen immer ein Notfall.
Welche Symptome hat eine Lähmung des IV. Hirnnervs?
Bei einer Lähmung des IV. Hirnnervs (Trochlearisparese) stehen die Doppelbilder übereinander, sind oft leicht seitlich versetzt und gegeneinander verkippt. Der obere schräge Augenmuskel senkt das Auge, wenn es zur Nase blickt, und dreht es zugleich etwas nach innen. Fällt er aus, steht das betroffene Auge etwas höher, und das Bild erscheint gekippt.
- Die Doppelbilder sind beim Blick nach unten und zur Gegenseite am stärksten.
- Besonders schwierig sind Treppabgehen, Lesen und alle Tätigkeiten mit gesenktem Blick.
- Neigt man den Kopf zur Seite des gesunden Auges, werden die Doppelbilder kleiner oder verschwinden.
- Leichte oder lange bestehende Lähmungen äußern sich oft nur als Unschärfe, Schwierigkeiten beim Scharfstellen oder Schwindel.
Auffällig ist, dass die Beschwerden oft deutlich sind, die Fehlstellung bei der Untersuchung aber nur gering wirkt. Nach Kopfverletzungen können die IV. Hirnnerven beider Seiten betroffen sein. Dann stehen verkippte Bilder im Vordergrund, und eine Seite kann die andere verdecken.
Angeborene Trochlearisparese im Erwachsenenalter
Angeborene Lähmungen des IV. Hirnnervs werden oft erst im Erwachsenenalter bemerkt, weil das Gehirn die Abweichung jahrzehntelang ausgleicht. Bei Krankheit, Stress, Übermüdung, Alkohol oder einer neuen Augenerkrankung kann dieser Ausgleich zusammenbrechen. Dann treten scheinbar plötzlich Doppelbilder auf. Ein Hinweis auf eine angeborene Form ist eine schiefe Kopfhaltung, die schon auf alten Kinderfotos zu sehen ist.
Welche Symptome hat eine Lähmung des VI. Hirnnervs?
Bei einer Lähmung des VI. Hirnnervs (Abduzensparese) stehen die Doppelbilder nebeneinander und nehmen zu, wenn Sie zur Seite des betroffenen Auges blicken. Der äußere gerade Augenmuskel zieht das Auge von der Nase weg nach außen. Fällt er aus, steht das Auge in Ruhe leicht nach innen (Einwärtsschielen), und der Blick nach außen ist verlangsamt oder unmöglich.
- Die Doppelbilder sind in der Ferne meist stärker als in der Nähe, etwa beim Autofahren, beim Fernsehen oder im Theater.
- Beim Blick zur gesunden Seite und beim Lesen können leichte Lähmungen beschwerdefrei sein.
- Bei vollständiger Lähmung erreicht das Auge beim Seitblick nicht einmal die Mitte.
- Betroffene drehen den Kopf zur gelähmten Seite.
Eine Abduzensparese kann ein- oder beidseitig auftreten. Eine beidseitige Lähmung ist selten und deutet eher auf erhöhten Hirndruck oder eine Hirnvenenthrombose hin.
Wie unterscheiden sich die Symptome je nach Nerv?
Die Lähmungen der drei Nerven unterscheiden sich vor allem in der Richtung der Doppelbilder, der Stellung des Auges und der Kopfhaltung. Die Tabelle fasst die typischen Merkmale zusammen.
| Merkmal | III. Hirnnerv | IV. Hirnnerv | VI. Hirnnerv |
|---|---|---|---|
| Doppelbilder | Schräg, nebeneinander und übereinander | Übereinander, verkippt | Nebeneinander |
| Am stärksten | Blick nach innen, oben, unten | Blick nach unten und zur Nase | Blick zur kranken Seite, in die Ferne |
| Augenstellung | Nach unten außen | Etwas höher | Nach innen |
| Lid | Oft hängend | Normal | Normal |
| Pupille | Weit oder normal | Normal | Normal |
| Kopfhaltung | Unterschiedlich | Neigung zur gesunden Seite | Drehung zur kranken Seite |
Welche Beschwerden treten im Alltag auf?
Doppelbilder machen vielen Betroffenen mehr zu schaffen, als Außenstehende vermuten. Häufig sind Schwindel, Unsicherheit beim Gehen und Kopfschmerzen durch die Anstrengung. Man greift neben Gegenstände, stößt sich an Türrahmen oder verschätzt sich bei Stufen.
- Lesen strengt an, Zeilen springen oder überlagern sich.
- Treppen, Bordsteinkanten und unebener Boden werden zur Stolperfalle.
- Einschenken, Einfädeln oder Treffen eines Schlüssellochs misslingen.
- Viele kneifen ein Auge zu oder halten es mit der Hand ab.
- Die Beschwerden nehmen bei Müdigkeit und am Abend oft zu.
Die plötzliche Veränderung macht vielen Angst. Gedrückte Stimmung und Sorge um die Ursache sind häufig; sie bessern sich meist deutlich, wenn die Ursache geklärt ist und die Doppelbilder nachlassen.
Was bemerken Angehörige?
Angehörige sehen oft ein schielendes Auge, ein hängendes Lid oder eine ungewohnte Kopfhaltung, bevor der Betroffene die Ursache seiner Beschwerden einordnen kann. Auch ungleich große Pupillen fallen eher von außen auf. Weitere Hinweise sind:
- Zukneifen oder Abdecken eines Auges, besonders beim Fernsehen oder Lesen
- Danebengreifen, Unsicherheit auf Treppen, häufiges Anstoßen
- Ein Auge folgt einem bewegten Gegenstand nicht in alle Richtungen
- Bei Kindern: schiefe Kopfhaltung auf Fotos, Ungeschicklichkeit, Abwehr beim Abkleben eines Auges
Wenn Angehörige zusätzlich eine verwaschene Sprache, einen hängenden Mundwinkel, eine Schwäche von Arm oder Bein oder Verwirrtheit bemerken, ist sofort der Notruf zu wählen.
Welche Zusatzzeichen deuten auf eine ernste Ursache?
Ernst wird es, wenn zu den Doppelbildern weitere Beschwerden kommen, die nicht zu einer einfachen Nervenlähmung passen. Sie weisen auf die Ursache hin und bestimmen, wie schnell gehandelt werden muss.
| Zusatzzeichen | Möglicher Hintergrund |
|---|---|
| Weite Pupille bei hängendem Lid, Kopfschmerz | Aneurysma, das auf den III. Hirnnerv drückt |
| Plötzlicher, heftigster Kopfschmerz, Nackensteife | Hirnblutung (Subarachnoidalblutung) |
| Lähmung eines Arms oder Beins, Sprach- oder Gefühlsstörung, Gangunsicherheit | Schlaganfall im Hirnstamm |
| Kopfschmerz, Übelkeit, Erbrechen, pulssynchrones Ohrgeräusch, Sehverschlechterung | Erhöhter Hirndruck, Stauungspapille |
| Fieber, Nackensteife, Benommenheit | Hirnhautentzündung |
| Rotes, vorgewölbtes Auge, geschwollene Bindehaut, Taubheit an Stirn oder Wange | Erkrankung im Sinus cavernosus oder in der Augenhöhle |
| Schläfenkopfschmerz, Kauschmerz, Sehstörung ab etwa 50 Jahren | Riesenzellarteriitis |
| Schwankendes Lidhängen, Schluck-, Sprech- oder Atembeschwerden | Myasthenia gravis |
| Ohrenentzündung, Gesichtsschmerz, Hörminderung | Entzündung an der Felsenbeinspitze (Gradenigo-Syndrom) |
Welche Besonderheiten gibt es bei Kindern?
Kinder unter etwa fünf Jahren klagen selten über Doppelbilder, weil ihr Gehirn das Bild des abweichenden Auges einfach ausblendet. Das schützt vor Doppelbildern, birgt aber die Gefahr einer Schwachsichtigkeit (Amblyopie) des betroffenen Auges. Auffällig werden Kinder eher durch Schielen, eine schiefe Kopfhaltung oder Ungeschicklichkeit.
Bei Kindern kommen angeborene Lähmungen vor, vor allem des IV. Hirnnervs. Eine Abduzensparese kann nach einem Atemwegsinfekt oder einer Impfung vorübergehend auftreten und manchmal wiederkehren. Etwa ein Drittel der kindlichen Lähmungen hängt jedoch mit neurologischen Erkrankungen oder Verletzungen zusammen. Jedes neu schielende Kind gehört deshalb rasch zur Augenärztin oder zum Augenarzt.
Welche Besonderheiten gibt es bei älteren Menschen?
Bei Menschen über 50 ist eine plötzliche Lähmung des VI., III. oder IV. Hirnnervs am häufigsten durch eine Durchblutungsstörung bedingt. Typisch ist ein plötzlicher Beginn ohne weitere Ausfälle, oft mit leichtem Schmerz um das Auge. Ab etwa 50 Jahren muss aber auch an eine Riesenzellarteriitis gedacht werden, bei der Doppelbilder einem drohenden Sehverlust vorausgehen können. Doppelbilder bei Älteren erhöhen außerdem das Sturzrisiko.
Wann sind die Doppelbilder eher keine Augenmuskellähmung?
Mehrere andere Erkrankungen erzeugen ähnliche Doppelbilder, ohne dass ein Nerv gelähmt ist. Die Unterscheidung trifft die Augenärztin oder der Augenarzt, oft gemeinsam mit einer Orthoptistin.
- Myasthenia gravis: Die Übertragung vom Nerv auf den Muskel ist gestört. Lidhängen und Doppelbilder schwanken im Tagesverlauf, werden bei Belastung und abends schlimmer. Die Pupille bleibt normal.
- Endokrine Orbitopathie: Bei einer Schilddrüsenerkrankung schwellen und verhärten die Augenmuskeln. Oft hervortretende Augen, zurückgezogene Lider, meist beidseitig, Pupille normal.
- Dekompensiertes latentes Schielen: Eine angeborene, bisher ausgeglichene Schielneigung kann bei Müdigkeit, Stress oder Alkohol zu Doppelbildern führen.
- Altersbedingtes Schielen: Mit dem Alter erschlaffen die Bindegewebsführungen der Augenmuskeln. Es entstehen langsam zunehmende Doppelbilder in der Ferne.
- Mechanische Einschränkungen: Nach Brüchen der Augenhöhle, Operationen oder bei Narben kann ein Muskel eingeklemmt oder verkürzt sein.
3 Ursachen und Risikofaktoren
In diesem Kapitel (11)
- Warum fällt ein Augenmuskelnerv aus?
- Was ist eine mikrovaskuläre Augenmuskellähmung?
- Welche Rolle spielt ein Aneurysma?
- Wie führen Verletzungen zu einer Augenmuskellähmung?
- Kann ein Schlaganfall eine Augenmuskellähmung auslösen?
- Welche Rolle spielen Hirndruck und Tumoren?
- Welche Entzündungen und Infektionen kommen in Frage?
- Sind Myasthenie und Schilddrüse auch Ursachen?
- Welche Ursachen gibt es bei Kindern?
- Wie oft bleibt die Ursache unklar?
- Welche Risikofaktoren gibt es?
Warum fällt ein Augenmuskelnerv aus?
Ein Augenmuskelnerv fällt aus, wenn er auf seinem Weg vom Hirnstamm bis zum Muskel nicht mehr ausreichend durchblutet, gedrückt, verletzt oder entzündet wird. Der Ort der Schädigung bestimmt, welche Begleitzeichen auftreten. Ärztinnen und Ärzte unterscheiden Schäden im Hirnstamm, im Verlauf an der Schädelbasis, im Sinus cavernosus und in der Augenhöhle.
Häufigste Ursachen sind Durchblutungsstörungen, Verletzungen und Tumoren. Welche Ursache wahrscheinlich ist, hängt stark vom Alter und vom betroffenen Nerv ab.
Was ist eine mikrovaskuläre Augenmuskellähmung?
Bei einer mikrovaskulären Lähmung verstopfen die winzigen Blutgefäße, die den Nerv selbst versorgen, sodass der Nerv vorübergehend nicht mehr leitet. Sie ist die häufigste Ursache bei Menschen über 50 Jahren. Hauptrisikofaktoren sind Diabetes mellitus, Bluthochdruck, erhöhte Blutfette, Arterienverkalkung und Rauchen. Eine britische Patienteninformation nennt sie eine der häufigsten Ursachen plötzlicher Doppelbilder ab 40.
Man kann sie als kleinen Infarkt im Nerv verstehen. Sie ist aber kein Schlaganfall im Gehirn, und die Aussicht auf Erholung ist viel besser. Die Pupille bleibt bei einer mikrovaskulären Lähmung des III. Hirnnervs meist normal, weil die Pupillenfasern außen am Nerv liegen und über eigene kleine Gefäße versorgt werden.
In einer US-Studie zur erworbenen Lähmung des III. Hirnnervs war die mikrovaskuläre Ursache mit 42 Prozent die häufigste; das mittlere Alter dieser Betroffenen lag bei 68 Jahren. Bei langjährigem Diabetes ist am häufigsten der VI. Hirnnerv betroffen.
| Ursache (erworbene Lähmung des III. Hirnnervs, US-Studie) | Anteil |
|---|---|
| Durchblutungsstörung des Nervs (mikrovaskulär) | 42 % |
| Verletzung | 12 % |
| Tumor, der auf den Nerv drückt | 11 % |
| Folge einer Hirnoperation | 10 % |
| Aneurysma | 6 % |
Welche Rolle spielt ein Aneurysma?
Ein Aneurysma ist eine Aussackung einer Hirnarterie, die auf einen Nerv drücken und reißen kann. Typisch ist ein Aneurysma der hinteren Verbindungsarterie (Arteria communicans posterior), die direkt neben dem III. Hirnnerv verläuft. Weil die Pupillenfasern außen am Nerv liegen, werden sie durch Druck zuerst geschädigt: Die Pupille wird weit. Bei Druck von außen ist die Pupille in etwa 95 Prozent der Fälle beteiligt.
Eine Lähmung des III. Hirnnervs mit weiter Pupille gilt daher als Aneurysma, bis das Gegenteil bewiesen ist. Umgekehrt schließt eine normale Pupille ein Aneurysma nicht sicher aus. Reißt das Aneurysma, kommt es zu einer lebensgefährlichen Hirnblutung. Aneurysmen betreffen auch jüngere Menschen und machen häufig Schmerzen.
Wie führen Verletzungen zu einer Augenmuskellähmung?
Ein Schädel-Hirn-Trauma ist die häufigste erkennbare Ursache einer Lähmung des IV. Hirnnervs und bei jungen Erwachsenen eine wichtige Ursache der Lähmung des III. Hirnnervs. Der IV. Hirnnerv ist der dünnste Hirnnerv und hat den längsten Weg im Schädel; er läuft um den Hirnstamm herum. Schon ein vergleichsweise leichter Aufprall kann ihn schädigen, oft auf beiden Seiten.
Auch Brüche der Augenhöhle, Verletzungen der Schädelbasis oder Blutungen können Augenmuskelnerven treffen. Nach einer Prellung des Auges mit Doppelbildern ist dagegen häufiger ein eingeklemmter Muskel bei einem Bruch des Augenhöhlenbodens die Ursache.
Kann ein Schlaganfall eine Augenmuskellähmung auslösen?
Ja, ein Schlaganfall oder eine Blutung im Hirnstamm kann die Kerne oder Fasern der Augenmuskelnerven schädigen. Meist kommen dann weitere Ausfälle hinzu, etwa eine Halbseitenlähmung, eine Gesichtslähmung, Gang- oder Sprachstörungen. Selten ist eine Augenmuskellähmung das einzige Zeichen. In einem spanischen Fallbericht zeigte die Bildgebung bei einer Diabetikerin mit Abduzensparese zusätzlich einen bis dahin unbemerkten Hirninfarkt.
Welche Rolle spielen Hirndruck und Tumoren?
Erhöhter Hirndruck drückt besonders auf den VI. Hirnnerv, der einen langen Weg über die Felsenbeinspitze nimmt. Ursachen sind Tumoren, Blutungen, Abszesse, Hirnvenenthrombosen oder ein erhöhter Hirndruck ohne erkennbaren Grund (idiopathische intrakranielle Hypertension), der vor allem jüngere, übergewichtige Frauen betrifft. Eine Abduzensparese bei Hirndruck verrät deshalb nicht, wo die Ursache sitzt. Selten führt auch zu niedriger Hirndruck, etwa nach einer Lumbalpunktion, zu einer Abduzensparese.
Tumoren können die Nerven an der Schädelbasis, im Sinus cavernosus oder in der Augenhöhle bedrängen, etwa Meningeome, Tumoren des Nasenrachens oder Metastasen. Bei Kindern stehen Tumoren der hinteren Schädelgrube und des Hirnstamms im Vordergrund.
Welche Entzündungen und Infektionen kommen in Frage?
Entzündungen können Augenmuskelnerven direkt oder über ihre Blutgefäße schädigen. Wichtige Beispiele:
- Multiple Sklerose: Bei jungen Erwachsenen mit erworbener Abduzensparese ist sie eine der ersten Ursachen, an die gedacht wird. In etwa 10 Prozent der Fälle zeigt sich MS zuerst durch eine Augenbewegungsstörung.
- Riesenzellarteriitis: Eine Entzündung großer Arterien bei Menschen ab etwa 50 Jahren. Doppelbilder können das erste Zeichen sein und einem Sehverlust vorausgehen.
- Hirnhautentzündung durch Bakterien, Viren, Tuberkulose oder Borrelien, außerdem Gürtelrose (Varizella-Zoster), Syphilis und Sarkoidose.
- Miller-Fisher-Syndrom und Guillain-Barré-Syndrom: Autoimmunerkrankungen der Nerven, oft nach Infekten.
- Tolosa-Hunt-Syndrom: Eine schmerzhafte Entzündung im Sinus cavernosus.
- Ophthalmoplegische Migräne: Selten wiederkehrende, vorübergehende Lähmungen des III. Hirnnervs mit Kopfschmerzen.
Sind Myasthenie und Schilddrüse auch Ursachen?
Myasthenia gravis und endokrine Orbitopathie sind keine Nervenlähmungen, ahmen sie aber täuschend nach. Bei der Myasthenie ist die Übertragung vom Nerv auf den Muskel gestört; bei etwa drei Viertel der Betroffenen sind die Augen beteiligt, bei 20 bis 30 Prozent bleibt es bei den Augen. Bei der Schilddrüsen-Augenerkrankung verdicken und verhärten die Muskeln selbst. Seltene weitere Nachahmer sind mitochondriale Muskelerkrankungen, Botulismus und die Wernicke-Enzephalopathie bei Vitamin-B1-Mangel, etwa durch Alkoholmissbrauch.
Welche Ursachen gibt es bei Kindern?
Bei Kindern sind ein großer Teil der Lähmungen angeboren, die übrigen entstehen vor allem durch Verletzungen, Infektionen, Tumoren oder Veränderungen des Hirndrucks. Angeborene Lähmungen betreffen am häufigsten den IV. Hirnnerv. Eine angeborene Abduzensparese kann durch Geburtsverletzungen, Fehlbildungen oder einen Wasserkopf (Hydrozephalus) entstehen. Vom Lähmungsschielen abzugrenzen sind angeborene Fehlinnervationen wie das Duane-Syndrom, bei dem der Blick nach außen von Geburt an eingeschränkt ist.
Wie oft bleibt die Ursache unklar?
Bei einer isolierten Augenmuskellähmung bleibt die Ursache trotz gründlicher Abklärung häufig ungeklärt. In einer Münchner Serie zur isolierten Abduzensparese betraf das etwa drei von zehn Patienten. Eine ungeklärte (idiopathische) Lähmung hat meist eine gute Prognose, besonders bei jungen Erwachsenen. Bessert sie sich nicht wie erwartet, wird erneut nach einer Ursache gesucht.
Welche Risikofaktoren gibt es?
Die wichtigsten Risikofaktoren sind höheres Alter und alles, was kleine Blutgefäße schädigt. Dazu zählen:
- Diabetes mellitus, besonders bei langer Dauer und schlechter Einstellung
- Bluthochdruck
- Erhöhte Blutfette
- Rauchen
- Übergewicht und Herzerkrankungen
- Eine frühere Augenmuskellähmung
- Kopfverletzungen, etwa bei Unfällen oder Sport ohne Helm
Einige Medikamente wie Carbamazepin, Lithium oder Betablocker können Doppelbilder auslösen, ohne eine echte Nervenlähmung zu verursachen. Nehmen Sie Ihren Medikamentenplan zur Untersuchung mit.
4 Diagnose
In diesem Kapitel (9)
- Wer untersucht eine Augenmuskellähmung?
- Welche Fragen werden gestellt?
- Wie werden die Augenbewegungen untersucht?
- Warum ist die Pupille so wichtig?
- Wann braucht es MRT, CT oder Angiographie?
- Welche Blutuntersuchungen sind sinnvoll?
- Wie wird eine Myasthenie ausgeschlossen?
- Wann ist eine Lumbalpunktion nötig?
- Wie unterscheiden sich die Empfehlungen zwischen den Ländern?
Wer untersucht eine Augenmuskellähmung?
Erste Anlaufstelle ist die Augenärztin oder der Augenarzt, bei Warnzeichen die Notaufnahme. Die genaue Messung der Augenstellung übernehmen Orthoptistinnen und Orthoptisten, die auf Schielen und Doppelbilder spezialisiert sind. In Deutschland und Österreich arbeiten sie in Augenarztpraxen und in den Sehschulen der Augenkliniken.
Je nach Befund kommen Neurologie, Innere Medizin, Radiologie und Neurochirurgie hinzu. Größere Kliniken haben eine Neuroophthalmologie, die sich auf Sehstörungen durch Nervenerkrankungen spezialisiert hat. Die Lähmung selbst ist meist leicht zu erkennen; die eigentliche Arbeit ist die Suche nach der Ursache.
Welche Fragen werden gestellt?
Das Gespräch klärt, wann und wie die Doppelbilder begonnen haben und was dazukommt. Wichtig sind:
- Plötzlicher oder schleichender Beginn, Schwankungen im Tagesverlauf
- Richtung der Doppelbilder, Blickrichtung, in der sie am stärksten sind
- Kopfschmerzen, Schmerzen um das Auge, Fieber, Nackensteife
- Weitere Ausfälle wie Schwäche, Taubheit, Schluck- oder Sprechstörungen
- Vorerkrankungen wie Diabetes, Bluthochdruck, Schilddrüsenerkrankung, Krebs, Multiple Sklerose
- Unfälle, Operationen, kürzliche Infekte, Medikamente
- Bei Älteren: Kauschmerz, Schläfenkopfschmerz, Gewichtsverlust
Alte Fotos helfen, eine angeborene Kopfschiefhaltung zu erkennen.
Wie werden die Augenbewegungen untersucht?
Die Augenbeweglichkeit wird in allen neun Blickrichtungen geprüft, jedes Auge einzeln und beide zusammen. Sie folgen dabei mit den Augen einem Licht oder Stift, ohne den Kopf zu bewegen. So zeigt sich, in welche Richtung ein Auge zurückbleibt.
- Abdecktest: Ein Auge wird abgedeckt, die Einstellbewegung des anderen verrät Richtung und Größe des Schielens.
- Prismenmessung: Prismen vor dem Auge messen den Schielwinkel in Ferne und Nähe und in verschiedenen Blickrichtungen.
- Rotglastest: Ein rotes Glas vor einem Auge macht sichtbar, wo die beiden Bilder stehen.
- Hess-Schirm (Hess-Lancaster-Test): Eine Kartierung der Augenstellung in neun Richtungen. Das Feld des gelähmten Auges ist kleiner; der Test dient auch der Verlaufskontrolle.
- Kopfneigetest nach Bielschowsky: Bei Verdacht auf Lähmung des IV. Hirnnervs zeigt ein dreistufiges Vorgehen, welcher Muskel betroffen ist. Er hilft auch, eine Fehlstellung durch eine Hirnstammstörung (Skew Deviation) abzugrenzen.
- Zugkrafttest: Nach örtlicher Betäubung wird das Auge mit einer Pinzette bewegt. Lässt es sich frei bewegen, ist der Muskel gelähmt; spürt man Widerstand, liegt eine mechanische Einschränkung vor.
Außerdem werden Sehschärfe, Brillenwerte, räumliches Sehen, Lidstellung und die Geschwindigkeit schneller Blicksprünge geprüft.
Warum ist die Pupille so wichtig?
Die Pupille entscheidet bei einer Lähmung des III. Hirnnervs mit darüber, wie dringend eine Bildgebung ist. Eine weite, schlecht reagierende Pupille spricht für Druck auf den Nerv, etwa durch ein Aneurysma. Deshalb werden beide Pupillen im Hellen und Dunklen verglichen und ihre Lichtreaktion geprüft.
Ist die Pupille bei einer sonst vollständigen Lähmung normal, empfiehlt die American Academy of Ophthalmology eine erneute Kontrolle nach 24 bis 48 Stunden, weil die Pupillenbeteiligung verzögert auftreten kann. Die Augenspiegelung zeigt zusätzlich, ob der Sehnervenkopf als Zeichen von Hirndruck geschwollen ist.
Wann braucht es MRT, CT oder Angiographie?
Eine Lähmung des III. Hirnnervs mit beteiligter Pupille, Schmerzen oder weiteren neurologischen Zeichen braucht sofort eine Gefäßdarstellung des Gehirns. Üblich ist eine CT-Angiographie oder eine MR-Angiographie; beide erkennen auch kleine Aneurysmen zuverlässig. In der Notaufnahme wird oft zuerst ein CT ohne Kontrastmittel gemacht, um eine Blutung auszuschließen. Die Kathetergefäßdarstellung (Angiographie) gilt als genaueste Methode, wird wegen eines geringen Schlaganfallrisikos aber gezielt eingesetzt.
Bei pupillensparender Lähmung des III. Hirnnervs wurde früher oft abgewartet. Inzwischen raten viele Fachleute, alle Lähmungen des III. Hirnnervs bildgebend abzuklären, weil auch ohne Pupillenbeteiligung bis zu 16 Prozent eine Kompression haben.
Lähmung des VI. oder IV. Hirnnervs
Bei einer isolierten Lähmung des VI. oder IV. Hirnnervs wird eine MRT von Gehirn und Augenhöhle empfohlen, wenn mindestens eines der folgenden Merkmale vorliegt:
- Alter unter etwa 50 Jahren oder fehlende Gefäßrisikofaktoren
- Weitere Hirnnerven betroffen oder andere neurologische Auffälligkeiten
- Beidseitige Lähmung oder geschwollener Sehnervenkopf
- Schmerzen oder eine Krebserkrankung in der Vorgeschichte
- Keine deutliche Besserung nach etwa drei Monaten
Bei älteren Menschen mit Diabetes oder Bluthochdruck und einer isolierten Lähmung ohne Warnzeichen wird manchmal zunächst beobachtet. Diese Praxis ist umstritten: In Studien fanden sich auch in dieser Gruppe bei etwa 5 bis 17 Prozent andere Ursachen als eine Durchblutungsstörung. In einer Madrider Doppelbilder-Sprechstunde zeigte die Bildgebung bei knapp 18 Prozent eine strukturelle Veränderung, mehr als erwartet. Wird abgewartet, sind regelmäßige Kontrollen Pflicht.
Welche Blutuntersuchungen sind sinnvoll?
Blutuntersuchungen suchen nach Risikofaktoren und behandelbaren Ursachen. Üblich sind Blutzucker und Langzeitzucker (HbA1c), Blutbild und Blutdruckmessung. Ab etwa 50 Jahren werden Entzündungswerte (BSG, CRP) sofort bestimmt, um eine Riesenzellarteriitis nicht zu übersehen. Je nach Verdacht kommen Schilddrüsenwerte, Antikörper gegen den Acetylcholinrezeptor (Myasthenie), Rheuma- und Autoimmunwerte sowie Tests auf Borreliose und Syphilis hinzu.
Wie wird eine Myasthenie ausgeschlossen?
Bei schwankenden Beschwerden oder hängendem Lid ohne Pupillenbeteiligung wird gezielt nach einer Myasthenie gesucht. Ein einfacher Test ist der Eistest: Ein Kühlpack wird etwa zwei Minuten auf das geschlossene Lid gelegt. Hebt sich das Lid danach deutlich, spricht das für eine Myasthenie; bei einer Nervenlähmung ändert sich nichts.
Der Eistest ist recht zuverlässig, ein negatives Ergebnis schließt eine Myasthenie aber nicht aus. Bei Doppelbildern ohne Lidhängen ist er weniger aussagekräftig. Antikörper fehlen bei etwa der Hälfte der Menschen mit rein okulärer Myasthenie; ergänzend werden Nervenmessungen (Elektromyographie) eingesetzt.
Wann ist eine Lumbalpunktion nötig?
Eine Lumbalpunktion (Entnahme von Nervenwasser aus dem unteren Rücken) folgt, wenn die Bildgebung unauffällig ist, aber eine Hirnhautentzündung, eine kleine Blutung oder ein erhöhter Hirndruck vermutet wird. Dabei wird auch der Druck des Nervenwassers gemessen. Bei typischer mikrovaskulärer Lähmung ist sie nicht nötig.
Wie unterscheiden sich die Empfehlungen zwischen den Ländern?
Die Grundsätze sind international ähnlich, im Detail gibt es aber Unterschiede. In den USA und Großbritannien wird bei Älteren mit isolierter Abduzensparese und Gefäßrisiken eher abgewartet; das Lehrbuch der Spanischen Ophthalmologischen Gesellschaft verzichtet ab 65 Jahren bei typischem Bild auf die Bildgebung. Eine ältere gemeinsame Empfehlung der deutschen Augenärzteverbände (BVA und DOG) sieht bei äußerer Augenmuskellähmung mit weiter, schlecht reagierender Pupille die sofortige Bildgebung und stationäre Abklärung vor. Österreichische Kliniken betonen die gemeinsame Abklärung von Augenheilkunde, Neurologie und Radiologie.
5 Behandlung
In diesem Kapitel (11)
- Was ist das wichtigste Ziel der Behandlung?
- Gibt es Tabletten, Vitamine oder Übungen, die den Nerv schneller heilen?
- Hilft es, ein Auge abzudecken?
- Wie helfen Prismen gegen Doppelbilder?
- Was bewirkt Botulinumtoxin bei einer Augenmuskellähmung?
- Wann wird operiert?
- Wie läuft eine Schieloperation bei Lähmungsschielen ab?
- Wie erfolgreich ist die Operation?
- Wann wird ein hängendes Lid operiert?
- Wie wird ein Aneurysma behandelt?
- Wer bezahlt Prismen, Botulinumtoxin und Operation?
Was ist das wichtigste Ziel der Behandlung?
Das wichtigste Ziel ist, die Ursache zu finden und zu behandeln. Bei einer mikrovaskulären Lähmung heißt das: Blutzucker, Blutdruck und Blutfette gut einstellen und nicht rauchen. Entzündungen werden mit Kortison oder anderen Mitteln, Infektionen mit Antibiotika oder Virusmitteln behandelt. Aneurysmen, Tumoren und Blutungen gehören in neurochirurgische oder neuroradiologische Hände.
Gegen die Lähmung selbst gibt es kein Medikament, das die Erholung des Nervs beschleunigt. Das zweite Ziel ist deshalb, die Zeit bis zur Erholung erträglich zu machen und bleibende Folgen zu vermeiden.
Gibt es Tabletten, Vitamine oder Übungen, die den Nerv schneller heilen?
Nein, für keine Tablette, kein Vitamin und keine Augenübung ist belegt, dass sie die Erholung eines gelähmten Augenmuskelnervs beschleunigt. Die nordamerikanische neuroophthalmologische Fachgesellschaft NANOS stellt das in ihrer Patienteninformation ausdrücklich fest. Einzelne Ratgeber empfehlen Augenmuskeltraining; die Studienlage dafür ist dünn. Orthoptische Übungen können im Einzelfall helfen, mit einer verbliebenen Restabweichung besser zurechtzukommen.
Ob ein niedrig dosiertes ASS zum Gefäßschutz sinnvoll ist, entscheidet die behandelnde Ärztin oder der behandelnde Arzt nach Ihren übrigen Risiken.
Hilft es, ein Auge abzudecken?
Ja, das Abdecken eines Auges beseitigt die Doppelbilder sofort und ist in den ersten Tagen und Wochen die einfachste Hilfe. Möglich sind ein Augenpflaster, eine Augenklappe, eine milchige Folie auf einem Brillenglas oder ein Klebestreifen auf dem Glas. Bei hängendem Lid darf das Lid zur Vermeidung der Doppelbilder geschlossen bleiben.
Bei Erwachsenen schadet das Abdecken dem Auge nicht, bremst die Erholung nicht und ermüdet das andere Auge nicht. Grundsätzlich ist es gleich, welches Auge abgedeckt wird. Ein praktischer Hinweis: Wird das gesunde Auge abgedeckt, greifen viele anfangs daneben, weil das Gehirn Gegenstände in Richtung der Lähmung verschoben wahrnimmt. Bei riskanten Tätigkeiten ist es deshalb oft besser, das gelähmte Auge abzudecken.
Abdecken bei Kindern
Bei Kindern muss das Abdecken genau überwacht werden, weil es das beidäugige Sehen stören und eine Schwachsichtigkeit fördern kann. Eine Kopfzwangshaltung, mit der ein Kind beidäugig sieht, wird möglichst beibehalten. Die Augenärztin oder der Augenarzt legt fest, welches Auge wie lange abgedeckt wird.
Wie helfen Prismen gegen Doppelbilder?
Prismen lenken das Licht so ab, dass das Bild des schielenden Auges wieder an die richtige Stelle der Netzhaut fällt und beide Bilder verschmelzen. Während der Erholungsphase werden meist dünne, aufklebbare Prismenfolien (Fresnel-Folien) auf das Brillenglas gesetzt. Sie lassen sich leicht wechseln, wenn sich der Schielwinkel verändert. Bei stabilem, kleinem Winkel können Prismen fest in die Brillengläser eingeschliffen werden.
Nach Angaben der Sehschule des Kepler Universitätsklinikums Linz lassen sich so in etwa 80 Prozent der Fälle die Doppelbilder zumindest beim Blick geradeaus beseitigen. Weil der Schielwinkel bei einer Lähmung je nach Blickrichtung wechselt, bleiben Doppelbilder beim Seitblick oft bestehen. Prismenfolien machen das Bild etwas unschärfer und kontrastärmer. Bei einer Lähmung des IV. Hirnnervs eignen sich Prismen oft gut, bei einer vollständigen Lähmung des III. Hirnnervs dagegen kaum.
Was bewirkt Botulinumtoxin bei einer Augenmuskellähmung?
Botulinumtoxin schwächt vorübergehend den Gegenspieler des gelähmten Muskels, damit das Auge besser in der Mitte steht. Bei einer Abduzensparese wird es in den inneren geraden Augenmuskel gespritzt, meist unter örtlicher Betäubung. Die Wirkung hält einige Monate an. Zusätzlich soll es verhindern, dass sich der Gegenspieler dauerhaft verkürzt (Kontraktur) und das Auge auch nach Erholung des Nervs nach innen zieht.
Die Studienlage ist begrenzt und die Fachgesellschaften bewerten Botulinumtoxin unterschiedlich. Das Lehrbuch der Spanischen Ophthalmologischen Gesellschaft nennt es zwischen dem ersten und vierten Monat Mittel der Wahl. Eine Cochrane-Übersicht fand dagegen nur eine kleine Studie mit 47 Patienten mit akuter Abduzensparese: Nach vier Monaten erholten sich mit Botulinumtoxin nicht eindeutig mehr Menschen als ohne. Eine mexikanische Leitlinie empfiehlt es nicht routinemäßig.
- Häufigste Nebenwirkungen: vorübergehend hängendes Lid (in der genannten Studie 9 Prozent) und vorübergehender Höhenversatz der Augen (18 Prozent).
- Diese Nebenwirkungen bildeten sich bei allen Betroffenen zurück.
- Bei chronischen Lähmungen wirkt Botulinumtoxin allein deutlich schlechter als bei frischen.
- Vor einer Operation kann es als Probe dienen, um abzuschätzen, ob nach dem Eingriff störende Doppelbilder drohen.
Wann wird operiert?
Operiert wird erst, wenn sich die Augenstellung über mehrere Monate nicht mehr verändert und keine weitere Erholung zu erwarten ist, in der Regel nach sechs bis zwölf Monaten. Viele Fachleute halten zwölf Monate Wartezeit für bewährt, weil sich besonders Lähmungen nach Verletzungen auch spät noch bessern können. Eine Operation kommt in Frage, wenn Doppelbilder oder eine störende Kopfhaltung bleiben und Prismen nicht ausreichen oder nicht vertragen werden.
Eine frühere Operation ist die Ausnahme. Sie kommt etwa bei Kindern in Betracht, um das beidäugige Sehen zu retten, und dann nur mit Techniken, die sich bei späterer Erholung nicht nachteilig auswirken.
Wie läuft eine Schieloperation bei Lähmungsschielen ab?
Bei der Operation wird die Kraft der Augenmuskeln neu verteilt, indem Muskeln am Augapfel versetzt, verkürzt oder geschwächt werden. Der Eingriff erfolgt durch einen kleinen Schnitt in der Bindehaut, ohne das Auge zu eröffnen, meist in Vollnarkose. Die Wahl der Technik hängt davon ab, wie viel Restfunktion der gelähmte Muskel hat.
| Lähmung | Übliche Operation |
|---|---|
| VI. Hirnnerv, Muskel arbeitet noch teilweise | Gegenspieler zurückverlagern und gelähmten Muskel verkürzen, oder Eingriff am Partnermuskel des anderen Auges |
| VI. Hirnnerv, Muskel ohne Funktion | Verlagerung der oberen und unteren geraden Muskeln nach außen (Transposition), oft mit Botulinumtoxin |
| IV. Hirnnerv | Schwächung oder Verstärkung schräger und gerader Muskeln je nach Befund; bei starker Verkippung spezielle Technik (Harada-Ito) |
| III. Hirnnerv | Starke Rückverlagerung und Verkürzung, teils Befestigung des Auges an der Knochenhaut; anspruchsvoll, weil mehrere Muskeln ausgefallen sind |
Bei einer schweren Lähmung ist das realistische Ziel ein Bereich ohne Doppelbilder beim Blick geradeaus und beim Lesen. In den Randblickrichtungen bleiben Doppelbilder oft bestehen. Auch das Aussehen bessert sich durch die geradere Augenstellung.
Wie erfolgreich ist die Operation?
Bei chronischer Abduzensparese werden in der Literatur Erfolgsraten zwischen etwa 46 und 90 Prozent genannt, in einer Studie mit 55 Patienten 67 Prozent. Nicht selten braucht es mehr als einen Eingriff und zusätzlich Prismen. Die besten Ergebnisse werden bei Lähmungen des IV. und VI. Hirnnervs erreicht, die schwierigsten bei vollständiger Lähmung des III. Hirnnervs.
Mögliche Risiken sind eine Über- oder Unterkorrektur, neue oder bleibende Doppelbilder, Rötung und selten Infektionen. Restdoppelbilder lassen sich oft mit Prismen ausgleichen.
Wann wird ein hängendes Lid operiert?
Ein bleibend hängendes Oberlid wird erst nach der Augenmuskeloperation angehoben. Dabei wird abgewogen: Verdeckt das Lid die Pupille, schützt es vor Doppelbildern. Wird es angehoben, ohne dass die Augenstellung stimmt, können störende Doppelbilder entstehen.
Wie wird ein Aneurysma behandelt?
Ein Aneurysma, das eine Augenmuskellähmung verursacht, wird dringend verschlossen, um eine Blutung zu verhindern. Möglich ist ein Verschluss mit einem kleinen Clip über eine Schädeleröffnung oder mit Platinspiralen über einen Katheter (Coiling). Nach dem Eingriff bessert sich die Lähmung bei einem Teil der Betroffenen deutlich oder verschwindet; die Erholung dauert aber länger und ist seltener vollständig als bei einer Durchblutungsstörung.
Wer bezahlt Prismen, Botulinumtoxin und Operation?
Diagnostik, Bildgebung und medizinisch notwendige Operationen sind in Deutschland und Österreich in der Regel Leistungen der gesetzlichen Krankenkassen. Ob und in welchem Umfang Prismenfolien, Prismenbrillen oder eine Behandlung mit Botulinumtoxin übernommen werden, ist unterschiedlich geregelt. Klären Sie das vorab mit Ihrer Krankenkasse und der behandelnden Praxis.
6 Verlauf und Prognose
In diesem Kapitel (8)
- Geht eine Augenmuskellähmung wieder weg?
- Wie lange dauert die Erholung?
- Verläuft die Erholung gleichmäßig?
- Was passiert, wenn sich die Lähmung nicht zurückbildet?
- Was ist eine Fehlregeneration?
- Kann eine Augenmuskellähmung wiederkommen?
- Welche Folgen drohen bei Kindern?
- Wie oft sind Kontrollen nötig?
Geht eine Augenmuskellähmung wieder weg?
In den meisten Fällen ja: Lähmungen durch Durchblutungsstörungen, Entzündungen oder ungeklärter Ursache bilden sich häufig ganz oder weitgehend zurück. Französische Fachautoren geben an, dass sich etwa 90 Prozent der Augenmuskellähmungen spontan erholen; das spanische Lehrbuch nennt 75 Prozent der akuten Lähmungen innerhalb von vier bis sechs Monaten. Wie gut die Aussichten sind, hängt vor allem von der Ursache ab.
Bei Aneurysma, Tumor, schwerer Verletzung oder Hirnstamminfarkt ist eine vollständige Erholung seltener. Hier bestimmt die Grunderkrankung den Verlauf.
Wie lange dauert die Erholung?
Eine mikrovaskuläre Lähmung bessert sich meist innerhalb von 6 bis 12 Wochen deutlich und ist nach drei bis sechs Monaten oft ausgeheilt. Der Schmerz vergeht meist viel schneller als die Doppelbilder. Nach Verletzungen kann die Erholung bis zu einem Jahr und länger dauern.
| Nerv und Ursache | Typischer Verlauf |
|---|---|
| III. Hirnnerv, mikrovaskulär | Besserung beginnt meist innerhalb von 4 Wochen; etwa 80 Prozent bessern sich in 3 bis 6 Monaten, die meisten vollständig |
| IV. Hirnnerv, mikrovaskulär | Spontanerholung oft innerhalb von 4 bis 6 Monaten; nach 6 Monaten nur noch selten |
| VI. Hirnnerv, mikrovaskulär oder ungeklärt | Meist innerhalb von 2 bis 3 Monaten; größte Besserung in den ersten 6 Monaten, möglich bis 18 Monate |
| Nach Verletzung | Bis zu einem Jahr, beim VI. Hirnnerv auch länger |
| Nach Aneurysma | Langsamer, häufiger unvollständig |
| Angeboren | Keine spontane Rückbildung |
In einer großen Serie von 419 Abduzensparesen jeder Ursache erholte sich rund die Hälfte; bei Menschen mit Diabetes, Bluthochdruck oder Arterienverkalkung waren es 71 Prozent.
Verläuft die Erholung gleichmäßig?
Nein, die Erholung verläuft oft sprunghaft. Der Schielwinkel kann monatelang gleich bleiben und dann innerhalb weniger Tage verschwinden. Die ersten Wochen sagen deshalb wenig über den Langzeitverlauf aus. Je weiter die Schädigung vom Muskel entfernt liegt, desto länger braucht der Nerv zum Nachwachsen.
Was passiert, wenn sich die Lähmung nicht zurückbildet?
Dann bleiben Doppelbilder in bestimmten Blickrichtungen, eine Schielstellung oder eine Kopfzwangshaltung bestehen. Bei einer Lähmung des VI. Hirnnervs kann sich der innere gerade Augenmuskel dauerhaft verkürzen und das Einwärtsschielen festhalten. Bessert sich eine vermeintlich mikrovaskuläre Lähmung nach etwa drei Monaten nicht, wird erneut nach einer Ursache gesucht, meist mit einer MRT. Danach kommen Prismen oder eine Operation in Frage.
Was ist eine Fehlregeneration?
Bei einer Fehlregeneration wachsen nachwachsende Nervenfasern zum falschen Muskel. Typisch ist sie nach Lähmungen des III. Hirnnervs durch Verletzung, Aneurysma oder Tumor, nicht nach Durchblutungsstörungen. Dann hebt sich zum Beispiel das Oberlid beim Blick nach unten oder innen, oder die Pupille verengt sich bei Augenbewegungen. Diese Mitbewegungen (Synkinesien) sind harmlos, können aber auffallen.
Kann eine Augenmuskellähmung wiederkommen?
Ja, besonders bei mikrovaskulärer Ursache. Viele Betroffene haben Jahre später eine weitere Episode, an einem anderen Nerv oder am anderen Auge. Auch diese erholt sich meist wieder. Bei Kindern kann eine Abduzensparese nach Infekten erneut auftreten. Wiederkehrende Lähmungen werden gründlich abgeklärt, denn sie können auch auf Myasthenie, Multiple Sklerose oder einen langsam wachsenden Tumor hinweisen.
Welche Folgen drohen bei Kindern?
Bei Kindern drohen der Verlust des beidäugigen und räumlichen Sehens sowie eine Schwachsichtigkeit des abweichenden Auges. Je jünger das Kind, desto größer die Gefahr. Deshalb sind engmaschige Kontrollen bei der Augenärztin oder dem Augenarzt und in der Sehschule nötig, auch wenn sich die Lähmung selbst zurückbildet.
Wie oft sind Kontrollen nötig?
In der Erholungsphase wird der Schielwinkel meist alle zwei bis drei Monate gemessen, bei Bedarf öfter. So werden Prismenfolien angepasst und Abweichungen vom erwarteten Verlauf früh erkannt. Nach vollständiger Erholung genügen normale augenärztliche Kontrollen. Neue Beschwerden oder eine Verschlechterung sollten Sie nicht bis zum nächsten Termin aufschieben.
7 Vorbeugung
In diesem Kapitel (5)
Kann man einer Augenmuskellähmung vorbeugen?
Der häufigsten Form, der mikrovaskulären Lähmung, lässt sich am besten vorbeugen, indem man die kleinen Blutgefäße schützt. Dazu gehören ein gut eingestellter Blutzucker, ein normaler Blutdruck, gesunde Blutfettwerte und der Verzicht auf Rauchen. Nach einer überstandenen Lähmung senkt das auch das Risiko einer erneuten Episode. Regelmäßige Untersuchungen bei der Hausärztin oder dem Hausarzt helfen, unerkannten Diabetes und Bluthochdruck früh zu finden.
Kopfverletzungen lassen sich durch Helm beim Radfahren und Skifahren und den Sicherheitsgurt im Auto vermeiden. Gegen angeborene Formen, Tumoren oder Aneurysmen gibt es keine gezielte Vorbeugung. Menschen mit Diabetes profitieren zudem von regelmäßigen Augenkontrollen, die auch eine diabetische Retinopathie früh erkennen.
Wie kommen Sie im Alltag mit Doppelbildern zurecht?
Am meisten hilft es, ein Auge abzudecken oder eine Prismenfolie zu tragen und sich mehr Zeit für alltägliche Wege zu lassen. Weitere praktische Tipps:
- Gehen Sie Treppen langsam und halten Sie sich am Geländer fest, besonders abwärts bei einer Lähmung des IV. Hirnnervs.
- Sorgen Sie für gute Beleuchtung und entfernen Sie Stolperfallen in der Wohnung.
- Machen Sie beim Lesen und am Bildschirm regelmäßig Pausen.
- Stellen Sie den Bildschirm so, dass Sie in die Richtung schauen, in der Sie einfach sehen.
- Nutzen Sie die Kopfhaltung, die die Doppelbilder mindert, aber lockern Sie zwischendurch Nacken und Schultern.
- Steigen Sie nicht auf Leitern und bedienen Sie keine gefährlichen Maschinen, solange Sie doppelt sehen.
Dürfen Sie mit einer Augenmuskellähmung Auto fahren?
Nein, solange Sie Doppelbilder haben, dürfen Sie nicht Auto fahren, auch nicht Rad oder Motorrad. Die Sehschule des Kepler Universitätsklinikums Linz weist ausdrücklich darauf hin, dass mit Doppelbildern die Verkehrstauglichkeit nicht gegeben ist. In Deutschland und Österreich regeln die Vorschriften zur Fahrerlaubnis die Anforderungen an das Sehen; für Berufskraftfahrer gelten strengere Regeln. Ob und wann Sie mit abgedecktem Auge, mit Prismen oder nach der Erholung wieder fahren dürfen, klären Sie mit Ihrer Augenärztin oder Ihrem Augenarzt.
Auch mit einem abgedeckten Auge fehlt das räumliche Sehen, und das Gesichtsfeld ist auf einer Seite eingeschränkt. Das Gehirn braucht Zeit, sich daran zu gewöhnen.
Was gilt für Arbeit und Beruf?
Ob Sie arbeiten können, hängt davon ab, wie stark die Doppelbilder sind und welche Tätigkeit Sie ausüben. Bildschirmarbeit ist mit Abdeckung oder Prisma oft möglich, wenn auch anstrengender. Tätigkeiten mit Absturzgefahr, an Maschinen oder im Straßenverkehr sind bis zur Erholung meist ausgeschlossen. Sprechen Sie mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt über eine Krankschreibung, wenn die Arbeit nicht sicher möglich ist.
Was hilft gegen die seelische Belastung?
Hilfreich ist vor allem zu wissen, woher die Lähmung kommt und dass sie sich in vielen Fällen zurückbildet. Fragen Sie nach, wenn Sie Befunde nicht verstehen. Bei lang anhaltenden Doppelbildern können Selbsthilfegruppen für Menschen mit Schielen oder Sehbehinderung, psychologische Unterstützung und eine gute Betreuung in der Sehschule entlasten. Nach erfolgreicher Behandlung bessert sich das seelische Befinden meist deutlich.
8 Wann sofort zum Arzt?
In diesem Kapitel (5)
Wann müssen Sie sofort den Notruf wählen?
Rufen Sie sofort den Notruf 112 oder lassen Sie sich in die nächste Notaufnahme bringen, wenn Doppelbilder zusammen mit einem der folgenden Zeichen auftreten. Diese Zeichen können auf ein Aneurysma, einen Schlaganfall, eine Hirnblutung oder eine Hirnhautentzündung hinweisen.
- Hängendes Oberlid oder nach außen abweichendes Auge zusammen mit einer weiten Pupille auf derselben Seite
- Plötzlicher, heftigster Kopfschmerz, Nackensteife oder Erbrechen
- Schwäche oder Taubheit von Gesicht, Arm oder Bein, hängender Mundwinkel
- Sprach-, Schluck- oder Gangstörung, Schwindel mit Gangunsicherheit
- Benommenheit, Verwirrtheit oder zunehmende Schläfrigkeit
- Fieber mit Kopfschmerz und Nackensteife
- Atemnot oder Schluckbeschwerden bei schwankendem Lidhängen
- Rotes, vorgewölbtes Auge mit Fieber, Schwellung und Schmerzen, wie bei einer Entzündung der Augenhöhle
Warten Sie in diesen Fällen nicht auf einen Termin in der Augenarztpraxis. Weitere Warnzeichen am Auge finden Sie auf der Seite Notfall am Auge.
Wann sollten Sie noch am selben Tag ärztliche Hilfe suchen?
Jede neu aufgetretene Doppelsicht, die beim Zuhalten eines Auges verschwindet, sollte noch am selben Tag ärztlich untersucht werden, auch ohne weitere Beschwerden. Das gilt ebenso für ein plötzlich hängendes Lid oder eine neu aufgefallene ungleiche Pupillengröße. Zuständig ist die Augenarztpraxis, außerhalb der Sprechzeiten der augenärztliche Notdienst oder die Notaufnahme einer Augenklinik.
Ab etwa 50 Jahren gilt das besonders dann, wenn Schläfenkopfschmerz, Schmerzen beim Kauen, Abgeschlagenheit oder kurze Sehaussetzer hinzukommen. Bei einer Riesenzellarteriitis darf die Kortisonbehandlung nicht auf weitere Untersuchungen warten, weil sonst ein dauerhafter Sehverlust droht.
Ist eine Lähmung bei bekanntem Diabetes weniger dringend?
Eine isolierte Lähmung bei bekanntem Diabetes oder Bluthochdruck mit normaler Pupille ist meist harmloser, muss aber trotzdem noch am selben Tag untersucht werden. Nur die Untersuchung kann klären, ob die Pupille wirklich unbeteiligt ist und keine weiteren Ausfälle bestehen. Ein plötzlich hängendes Lid mit Doppelbildern, also ein möglicher Ausfall des III. Hirnnervs, gilt nach der American Academy of Ophthalmology auch bei normaler Pupille als Notfall und gehört sofort in die Notaufnahme. Eine Telefon- oder Videosprechstunde ersetzt diese Erstuntersuchung nicht.
Wann sollten Sie sich während der Erholung melden?
Melden Sie sich vor dem nächsten geplanten Termin, wenn sich die Beschwerden ändern. Dazu gehören:
- Die Doppelbilder nehmen zu oder treten in neuen Richtungen auf.
- Ein weiterer Nerv oder das andere Auge ist betroffen.
- Neue Kopfschmerzen, ein hängendes Lid oder eine weite Pupille kommen hinzu.
- Nach etwa drei Monaten ist keine Besserung eingetreten.
- Die Beschwerden schwanken stark im Tagesverlauf.
Wann ist eine routinemäßige Kontrolle ausreichend?
Lange bestehende, unveränderte Doppelbilder, etwa bei einer bekannten angeborenen Lähmung oder nach abgeschlossener Behandlung, können im Rahmen eines regulären Termins besprochen werden. Eine langsam über Jahre zunehmende Doppelsicht in der Ferne bei älteren Menschen ist meist kein Notfall, sollte aber innerhalb weniger Wochen abgeklärt werden.
9 Häufige Fragen
Ich sehe plötzlich doppelt – ist das ein Schlaganfall?
Es kann ein Schlaganfall sein, häufiger ist es aber eine Durchblutungsstörung eines einzelnen Augenmuskelnervs. Kommen Lähmungen, Taubheit, Sprach- oder Gangstörungen, starke Kopfschmerzen oder ein hängendes Lid mit weiter Pupille hinzu, wählen Sie sofort 112. Auch ohne diese Zeichen gehören neue Doppelbilder noch am selben Tag in ärztliche Hände.
Woran erkenne ich, ob die Doppelbilder vom Auge oder vom Nerv kommen?
Halten Sie ein Auge zu. Verschwindet das Doppelbild, liegt es an der Ausrichtung der Augen, etwa an einer Augenmuskellähmung. Bleibt es mit einem Auge bestehen, liegt die Ursache meist im Auge selbst, zum Beispiel an Hornhaut oder Linse.
Wie lange dauert es, bis eine Augenmuskellähmung weggeht?
Eine Lähmung durch Durchblutungsstörung bessert sich meist innerhalb von 6 bis 12 Wochen deutlich und ist nach drei bis sechs Monaten oft verschwunden. Nach Verletzungen kann es ein Jahr oder länger dauern. Bessert sich nach drei Monaten nichts, wird die Ursache erneut gesucht.
Kann Diabetes eine Augenmuskellähmung verursachen?
Ja. Diabetes und Bluthochdruck schädigen die winzigen Gefäße, die die Augenmuskelnerven versorgen. Das ist bei Menschen über 50 die häufigste Ursache, besonders für Lähmungen des VI. Hirnnervs. Eine gute Einstellung von Blutzucker und Blutdruck senkt das Risiko für weitere Episoden.
Warum ist eine weite Pupille bei einer Augenmuskellähmung ein Notfall?
Die Fasern für die Pupille liegen außen am III. Hirnnerv und werden durch Druck zuerst geschädigt. Eine weite Pupille mit hängendem Lid kann deshalb auf ein Aneurysma hinweisen, das reißen und eine Hirnblutung auslösen kann. Es muss sofort mit einer Gefäßdarstellung des Gehirns ausgeschlossen werden.
Brauche ich bei einer Augenmuskellähmung ein MRT?
Häufig ja: bei jeder Lähmung des III. Hirnnervs, bei Menschen unter etwa 50 Jahren, bei weiteren Ausfällen, Schmerzen, beidseitiger Lähmung oder ausbleibender Besserung nach drei Monaten. Bei älteren Menschen mit Diabetes oder Bluthochdruck und einer isolierten Lähmung des VI. oder IV. Hirnnervs wird manchmal zunächst unter engen Kontrollen abgewartet.
Welches Auge soll ich abkleben, wenn ich doppelt sehe?
Bei Erwachsenen ist das grundsätzlich gleich, das Abdecken schadet keinem Auge und verzögert die Erholung nicht. Viele decken das gelähmte Auge ab, weil sie mit dem gesunden Auge sicherer greifen und gehen. Bei Kindern legt die Augenärztin oder der Augenarzt fest, welches Auge abgedeckt wird, weil sonst eine Schwachsichtigkeit droht.
Helfen Prismenbrillen bei Doppelbildern durch Augenmuskellähmung?
Oft ja. Aufklebbare Prismenfolien beseitigen die Doppelbilder bei vielen Betroffenen zumindest beim Blick geradeaus. Beim Blick zur Seite bleiben sie meist bestehen, weil sich der Schielwinkel je nach Blickrichtung ändert. Die Folien werden in der Erholungsphase regelmäßig angepasst.
Hilft eine Spritze mit Botulinumtoxin bei einer Augenmuskellähmung?
In ausgewählten Fällen. Botulinumtoxin schwächt vorübergehend den Gegenspieler des gelähmten Muskels und kann so die Augenstellung bessern und eine Verkürzung des Gegenspielers verhindern. Ob es die Erholung insgesamt verbessert, ist nicht sicher belegt. Häufigste Nebenwirkungen sind ein vorübergehend hängendes Lid oder ein Höhenversatz der Augen.
Wann wird eine Augenmuskellähmung operiert?
Meist erst, wenn die Augenstellung seit mehreren Monaten stabil ist und Doppelbilder oder eine störende Kopfhaltung bleiben, in der Regel nach sechs bis zwölf Monaten. Ziel ist Einfachsehen beim Blick geradeaus und beim Lesen. Oft sind mehrere Eingriffe oder zusätzlich Prismen nötig.
Darf ich mit Doppelbildern Auto fahren?
Nein. Solange Sie doppelt sehen, sind Sie nicht fahrtauglich. Ob Sie mit abgedecktem Auge, Prismen oder nach der Erholung wieder fahren dürfen, entscheidet die augenärztliche Untersuchung nach den Vorschriften in Deutschland oder Österreich.
Gibt es Übungen, die eine Augenmuskellähmung schneller heilen?
Nein. Es ist keine Übung bekannt, die die Erholung des Nervs beschleunigt. Die Erholung braucht Zeit; in der Zwischenzeit helfen Abdecken, Prismen und die Behandlung der Risikofaktoren.
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Quellen
Dieser Artikel wurde aus Fachquellen in 4 Sprachen recherchiert (Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch) und auf Deutsch zusammengefasst.
Alle 26 Quellen anzeigen
- Patienteninformation Doppelbilder (Orthoptik) – Kepler Universitätsklinikum Linz (DE)
- Lähmung des VI. Hirnnerven (N. abducens) – MSD Manual, Profi-Ausgabe (DE)
- Lähmung des sechsten Hirnnervs (Nervus abducens) – MSD Manual, Ausgabe für Patienten (DE)
- Parese des vierten Hirnnervs (Trochlearisparese) – MSD Manual, Profi-Ausgabe (DE)
- Okulomotoriusparese – DocCheck Flexikon (DE)
- Doppelbilder und Gesichtsfeldausfälle rasch abklären – Klinikum Wels-Grieskirchen (DE)
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- Diagnostic Considerations in an Acquired, Isolated Third Nerve Palsy – American Academy of Ophthalmology, EyeNet (EN)
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- Sixth Cranial Nerve (Abducens) Palsy – Merck Manual Professional (EN)
- Sixth (VI) nerve palsy – patient information – University Hospitals Sussex NHS Foundation Trust, Orthoptic Department (EN)
- Prospective multicenter study of isolated ocular motor nerve palsies – PubMed (NCBI) (EN)
- Troubles du 3e nerf crânien (oculomoteur) – MSD Manuals, version professionnelle (FR)
- Diplopie : orientation diagnostique – La Revue du Praticien (FR)
- Strabismes paralytiques – Elsevier Connect (FR)
- Paralysies oculomotrices – EMC (EM-consulte) (FR)
- Paralysies oculomotrices du diabétique – EM-consulte (FR)
- Parálisis oculomotoras (Motilidad ocular – Estrabismo) – Sociedad Española de Oftalmología (SEO) (ES)
- Parálisis del sexto nervio craneano (abducens) – Manual MSD, versión para profesionales (ES)
- Estrabismo paralítico – Clínica Universidad de Navarra (ES)
- Diplopía – Clínica Universidad de Navarra (ES)
- Intervenciones para los trastornos de los movimientos oculares debidos a una lesión cerebral adquirida – Cochrane (ES)
- Parálisis microvascular del nervio craneal – North American Neuro-Ophthalmology Society (NANOS) (ES)
- Binocular diplopia in a tertiary hospital – Archivos de la Sociedad Española de Oftalmología (ES)
Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche Beratung. Wenn Sie Beschwerden haben, lassen Sie sich von einer Augenärztin oder einem Augenarzt untersuchen. Mehr zum Haftungsausschluss