Hängendes Oberlid (Ptosis)
Bei einem hängenden Oberlid (Ptosis) steht der Rand des Oberlids tiefer als normal, weil der Lidheber oder seine Sehne zu schwach ist. Meist steckt bei Erwachsenen eine altersbedingte Lockerung dahinter; bei Kindern ist die Ptosis oft angeboren und kann zu Schwachsichtigkeit führen. Tritt sie plötzlich auf, ist sie ein Notfall.
1 Kurzübersicht
In diesem Kapitel (6)
Was ist ein hängendes Oberlid?
Ein hängendes Oberlid (Ptosis, auch Blepharoptosis) bedeutet, dass der Rand des Oberlids beim Blick geradeaus tiefer steht als normal. Normalerweise bedeckt das Oberlid nur etwa 1 bis 2 Millimeter des oberen Hornhautrands. Bei einer Ptosis kann das Lid leicht hängen oder die Pupille teilweise bis ganz verdecken. Ein Auge oder beide Augen können betroffen sein.
Ist eine Ptosis eine eigene Krankheit?
Nein, die Ptosis ist zunächst ein Zeichen, hinter dem sehr unterschiedliche Ursachen stecken können. Am häufigsten ist bei Erwachsenen eine altersbedingte Lockerung der Sehne des Lidhebermuskels. Seltener stecken Muskel- oder Nervenerkrankungen dahinter, etwa eine Myasthenie oder eine Lähmung des dritten Hirnnervs. Deshalb gehört jede neue Ptosis zur Augenärztin oder zum Augenarzt.
Welche Hauptformen gibt es?
Man unterscheidet die angeborene Ptosis, die ab Geburt oder in den ersten Lebensmonaten auffällt, und die erworbene Ptosis, die im Lauf des Lebens entsteht.
- Angeboren: meist eine Fehlentwicklung des Lidhebermuskels; Hauptgefahr ist die Schwachsichtigkeit des Kindes.
- Erworben, aponeurotisch: die Sehne des Lidhebers ist gedehnt oder gelöst, meist durch das Alter, langes Tragen harter Kontaktlinsen oder Augenoperationen.
- Erworben, myogen: der Muskel selbst ist schwach, etwa bei Myasthenie oder erblichen Muskelerkrankungen.
- Erworben, neurogen: der versorgende Nerv ist gestört, etwa bei Okulomotoriusparese oder Horner-Syndrom.
- Mechanisch: ein Tumor, eine Schwellung oder Narben ziehen oder drücken das Lid nach unten.
Was ist der Unterschied zum Schlupflid?
Beim Schlupflid steht der Lidrand normal hoch, aber überschüssige Haut hängt darüber; bei der Ptosis sinkt der Lidrand selbst. Das Schlupflid (Dermatochalasis) kann eine Ptosis vortäuschen und kommt im Alter oft zusammen mit ihr vor. Die Unterscheidung ist wichtig, weil die Operationen verschieden sind. Die Augenärztin oder der Augenarzt prüft beides getrennt.
Wann ist ein hängendes Lid gefährlich?
Gefährlich ist vor allem ein plötzlich hängendes Lid, besonders zusammen mit Doppelbildern, einer erweiterten Pupille oder starken Kopfschmerzen. Dahinter kann ein Aneurysma (Gefäßaussackung) im Kopf, ein Schlaganfall oder ein Einriss der Halsschlagader stecken. Bei Kindern ist jede Ptosis, die die Pupille ganz oder teilweise verdeckt, dringend, weil sich das Sehen dieses Auges sonst nicht richtig entwickelt. Die langsam entstandene Altersptosis ist dagegen meist harmlos, kann aber das Sehen nach oben einschränken.
Wie wird eine Ptosis behandelt?
Ist eine Behandlung nötig, wird die Ptosis selbst meist operiert; liegt eine Grunderkrankung vor, wird diese zuerst behandelt. Bei der Altersptosis wird die gelöste Sehne meist wieder an der Lidplatte befestigt. Bei schwacher Muskelkraft wird der Lidheber verkürzt oder das Lid am Stirnmuskel aufgehängt. In Deutschland und Österreich übernimmt die Krankenkasse die Kosten meist, wenn die Operation medizinisch notwendig ist, etwa weil das Lid das Sehen einschränkt oder bei Kindern Schwachsichtigkeit droht.
2 Symptome
In diesem Kapitel (21)
- Woran erkennt man ein hängendes Oberlid?
- Wie stark kann das Lid hängen?
- Wie wirkt sich eine Ptosis auf das Sehen aus?
- Warum ziehen Betroffene ständig die Augenbrauen hoch?
- Warum legen manche den Kopf in den Nacken?
- Welche Beschwerden gibt es im Alltag noch?
- Wie fühlt sich eine Ptosis seelisch an?
- Was bemerken Angehörige?
- Welche Zeichen zeigt die Altersptosis?
- Woran erkennt man eine angeborene Ptosis?
- Wie zeigt sich eine Ptosis bei Babys und Kleinkindern?
- Welche Augenprobleme begleiten eine kindliche Ptosis?
- Was ist das Marcus-Gunn-Phänomen?
- Welche Zeichen weisen auf eine Myasthenie hin?
- Welche Zeichen weisen auf ein Horner-Syndrom hin?
- Welche Zeichen weisen auf eine Lähmung des dritten Hirnnervs hin?
- Welche Zeichen passen zu erblichen Muskelerkrankungen?
- Wie unterscheiden sich die Zeichen je nach Ursache?
- Was ist eine Scheinptosis?
- Welche Besonderheiten gibt es bei älteren Menschen?
- Welche Symptome sind Warnzeichen?
Woran erkennt man ein hängendes Oberlid?
Das Hauptzeichen ist ein Oberlid, das tiefer steht als üblich, sodass das Auge kleiner, müde oder halb geschlossen wirkt. Bei einseitiger Ptosis fällt der Unterschied zum anderen Auge meist sofort auf. Bei beidseitiger Ptosis ist die Veränderung früh schwer zu bemerken, weil der Vergleich fehlt. Oft fällt sie zuerst anderen Menschen oder auf Fotos auf.
Wie stark kann das Lid hängen?
Die Spanne reicht von einem kaum sichtbaren Absinken bis zu einem Lid, das die Pupille vollständig bedeckt und sich nicht mehr öffnen lässt. Augenärzte messen dafür den Abstand zwischen Lidrand und dem Lichtreflex auf der Hornhaut beim Blick geradeaus (MRD-1, englisch „margin reflex distance“). Normal sind etwa 4 bis 5 Millimeter. Eine gängige Einteilung lautet:
| Schweregrad | Lid tiefer als normal | Typische Folge |
|---|---|---|
| leicht | etwa 2 mm | vor allem kosmetisch, Auge wirkt müde |
| mittel | etwa 3 bis 4 mm | oberes Gesichtsfeld eingeschränkt, Brauen werden hochgezogen |
| schwer | mehr als 4 mm | Lid kann die Pupille verdecken, Sehen deutlich behindert |
Wie wirkt sich eine Ptosis auf das Sehen aus?
Zuerst leidet das Sehen nach oben: Das Lid schneidet den oberen Teil des Gesichtsfelds ab wie ein heruntergelassener Rollladen. Betroffene stoßen sich zum Beispiel an Schranktüren oder übersehen Verkehrsschilder und Ampeln. Hängt das Lid weiter, verdeckt es Teile der Pupille, und auch das Lesen wird mühsam. Manche bemerken, dass das räumliche Sehen leidet, etwa beim Autofahren oder Treppensteigen.
Warum ziehen Betroffene ständig die Augenbrauen hoch?
Das Hochziehen der Brauen ist ein unbewusster Ausgleich: Der Stirnmuskel hebt die Brauen und damit auch das Lid ein Stück mit an. Typisch sind deshalb tiefe, waagerechte Stirnfalten, oft auf der stärker betroffenen Seite ausgeprägter. Auf Dauer überanstrengt das den Stirnmuskel. Viele berichten dann über Spannungskopfschmerz in der Stirn.
Warum legen manche den Kopf in den Nacken?
Wer unter einem hängenden Lid hindurchsehen will, hebt das Kinn und legt den Kopf leicht nach hinten. Bei Erwachsenen entstehen dadurch Nacken- und Schulterverspannungen. Bei Kindern nennt man diese Zwangshaltung okulären Schiefhals. Sie ist ein wichtiges Warnzeichen, weil sie anzeigt, dass das Kind ohne diese Haltung nicht gut sieht.
Welche Beschwerden gibt es im Alltag noch?
Neben dem eingeschränkten Sehen klagen viele über ein Schwere- oder Druckgefühl am Auge und über schnelle Ermüdung beim Lesen oder am Bildschirm. Manche heben das Lid beim Lesen mit dem Finger an oder kleben die Braue mit Pflaster hoch. Häufig sind auch Mühe, die Augen offen zu halten, sowie tränende oder trockene Augen.
- Auge wirkt kleiner, müde, traurig oder gelangweilt
- ungleiche oder verstrichene Lidfalten
- Stirnfalten und Kopfschmerzen durch Brauenheben
- Nackenschmerz durch Kopfhaltung
- Augenermüdung bei längerem Lesen
- Schweregefühl, Druck auf dem Auge
- seelische Belastung durch das veränderte Aussehen
Wie fühlt sich eine Ptosis seelisch an?
Viele Betroffene leiden unter dem Eindruck, ständig müde, desinteressiert oder traurig zu wirken. Andere sprechen sie darauf an, ob sie erschöpft seien. Bei Kindern und Jugendlichen kann das Aussehen zu Hänseleien führen und Schule und Selbstwertgefühl belasten. Diese Belastung ist ernst zu nehmen, auch wenn medizinisch kein Sehproblem besteht.
Was bemerken Angehörige?
Angehörige fallen meist zuerst die Stirnfalten, das schräg gehobene Kinn oder ein Auge auf, das kleiner wirkt als das andere. Ein guter Test ist der Vergleich mit Fotos von vor 10 oder 20 Jahren: So zeigt sich eine langsam zunehmende Ptosis deutlich. Wichtig ist auch, ob das Lid im Tagesverlauf wechselt. Ein Lid, das morgens fast normal steht und abends deutlich hängt, deutet auf eine Myasthenie hin.
Welche Zeichen zeigt die Altersptosis?
Die altersbedingte (aponeurotische) Ptosis entwickelt sich langsam über Monate bis Jahre und ist oft beidseitig, aber ungleich stark. Die Lidfalte liegt typischerweise höher als früher, das Lid darüber wirkt dünn. Beim Blick nach unten sinkt das betroffene Lid noch stärker ab als das gesunde. Die Kraft des Lidhebers selbst ist dabei normal.
Woran erkennt man eine angeborene Ptosis?
Eine angeborene Ptosis fällt meist kurz nach der Geburt auf, spätestens im ersten Lebensjahr. Die Lidfalte ist schwach oder fehlt ganz. Ein besonderes Zeichen: Beim Blick nach unten bleibt das betroffene Lid höher stehen als das gesunde, weil der veränderte Muskel sich auch schlecht entspannt. Bei der erworbenen Ptosis ist es umgekehrt.
Wie zeigt sich eine Ptosis bei Babys und Kleinkindern?
Bei Babys sieht man ein kleineres Auge, eine fehlende Lidfalte und oft eine Kopfhaltung mit gehobenem Kinn. Ältere Kinder ziehen die Brauen hoch, klagen über Sehprobleme oder stoßen an Gegenstände, die über Kopfhöhe liegen. Bei schwerer Ptosis kann die ständige Kopfhaltung das Gleichgewicht stören und das Krabbeln oder Laufenlernen verzögern. Eltern sollten der Kinderärztin oder Augenärztin jede solche Kopfhaltung mitteilen.
Welche Augenprobleme begleiten eine kindliche Ptosis?
Kinder mit Ptosis haben häufiger zusätzlich Fehlsichtigkeit, Schielen und eine Schwachsichtigkeit des betroffenen Auges. Das hängende Lid kann durch Druck auf die Hornhaut eine Hornhautverkrümmung (Astigmatismus) begünstigen. Verdeckt es die Pupille, bekommt das Auge zu wenig Seheindrücke, und es entsteht eine Schwachsichtigkeit (Amblyopie). Nach Angaben der spanischen Augenärztegesellschaft betrifft sie etwa jedes fünfte Kind mit einfacher angeborener Ptosis. Das Kind selbst bemerkt das meist nicht, weil das andere Auge die Arbeit übernimmt.
Was ist das Marcus-Gunn-Phänomen?
Beim Marcus-Gunn-Phänomen hebt sich ein angeboren hängendes Lid ruckartig, sobald das Kind kaut, saugt oder den Kiefer bewegt. Es sieht aus, als würde das Kind beim Essen zwinkern. Ursache ist eine angeborene Fehlverschaltung zwischen dem Nerv für die Kaumuskeln und dem Nerv für den Lidheber. Es ist meist einseitig und oft schon beim Trinken an der Brust oder Flasche zu sehen.
Welche Zeichen weisen auf eine Myasthenie hin?
Typisch für eine Myasthenie ist eine Ptosis, die schwankt: morgens oder nach Ruhe besser, im Tagesverlauf, bei Müdigkeit oder langem Hochschauen schlechter. Sie beginnt oft einseitig, kann die Seite wechseln und wird später oft beidseitig. Häufig kommen Doppelbilder dazu, vor allem beim Lesen oder Fernsehen. Die Pupillen sind bei der Myasthenie nie verändert.
Ein weiteres Zeichen ist das sogenannte Cogan-Lidzucken: Schaut man nach unten und dann rasch wieder geradeaus, schießt das Lid kurz nach oben und sinkt dann wieder ab. Breitet sich die Erkrankung auf den Körper aus, kommen Kau-, Schluck- und Sprechstörungen, eine veränderte Mimik, Gehschwäche oder Atemnot hinzu. Atemnot und Schluckstörung sind Warnzeichen einer myasthenen Krise.
Welche Zeichen weisen auf ein Horner-Syndrom hin?
Beim Horner-Syndrom hängt das Lid meist nur leicht, und die Pupille derselben Seite ist enger als auf der anderen Seite. Der Unterschied fällt in dämmrigem Licht am stärksten auf. Dazu kann die Gesichtshälfte weniger schwitzen, und das Auge wirkt eingesunken, weil das Unterlid etwas höher steht. Bei einem angeborenen Horner-Syndrom kann die Regenbogenhaut des betroffenen Auges heller sein.
Tritt ein Horner-Syndrom neu und mit Schmerzen an Hals, Gesicht oder Kopf auf, ist das ein Notfall. Es kann auf einen Einriss in der Wand der Halsschlagader hinweisen, der zu einem Schlaganfall führen kann.
Welche Zeichen weisen auf eine Lähmung des dritten Hirnnervs hin?
Bei einer Lähmung des Nervus oculomotorius (dritter Hirnnerv) hängt das Lid oft stark, häufig bis zum vollständigen Verschluss. Wird das Lid angehoben, steht das Auge nach außen und unten, und Betroffene sehen doppelt. Blick nach innen, oben und unten ist gestört. Die Pupille kann weit und lichtstarr sein.
Eine weite Pupille zusammen mit plötzlicher Ptosis und Kopfschmerz ist ein Alarmzeichen für ein Aneurysma, das auf den Nerv drückt. Bei Durchblutungsstörungen des Nervs, etwa bei Diabetes, bleibt die Pupille dagegen oft normal. Mehr dazu im Artikel zur Augenmuskellähmung.
Welche Zeichen passen zu erblichen Muskelerkrankungen?
Bei seltenen erblichen Muskelerkrankungen hängen meist beide Lider, und die Ptosis nimmt über Jahre langsam zu. Bei der chronisch progressiven externen Ophthalmoplegie (CPEO), einer Erkrankung der Zellkraftwerke, werden zusätzlich die Augenbewegungen nach und nach schwächer, meist mit Beginn nach dem 30. Lebensjahr. Bei der okulopharyngealen Muskeldystrophie kommen Schluckstörungen hinzu, bei der myotonen Dystrophie Muskelsteife und weitere Organbeteiligungen. Doppelbilder sind dabei oft geringer, als man erwarten würde, weil beide Augen gleichmäßig betroffen sind.
Wie unterscheiden sich die Zeichen je nach Ursache?
Die Begleitzeichen geben oft den entscheidenden Hinweis auf die Ursache. Die folgende Übersicht fasst sie zusammen:
| Ursache | Beginn | Pupille | Typische Begleitzeichen |
|---|---|---|---|
| Altersptosis | langsam, Jahre | normal | hohe Lidfalte, oft beidseitig |
| angeborene Ptosis | ab Geburt | normal | fehlende Lidfalte, Lid bleibt beim Blick nach unten hoch |
| Myasthenie | schwankend | normal | abends schlechter, Doppelbilder |
| Horner-Syndrom | unterschiedlich, oft unbemerkt | eng | leichte Ptosis, weniger Schwitzen |
| Okulomotoriusparese | meist plötzlich | oft weit | Doppelbilder, Auge steht außen, evtl. Kopfschmerz |
| Schlupflid | langsam | normal | Lidrand normal, Hautfalte hängt darüber |
Was ist eine Scheinptosis?
Von einer Scheinptosis (Pseudoptosis) spricht man, wenn das Lid nur hängend wirkt, obwohl der Lidheber normal arbeitet. Das ist zum Beispiel beim Schlupflid der Fall, bei einem eingesunkenen oder zu kleinen Augapfel oder wenn ein Auge tiefer steht (Höhenschielen). Auch ein zu hoch stehendes Lid am anderen Auge, etwa bei der endokrinen Orbitopathie, lässt das normale Lid tief erscheinen. Ein krampfhaftes Zukneifen beim Lidkrampf kann ebenfalls wie eine Ptosis aussehen.
Welche Besonderheiten gibt es bei älteren Menschen?
Bei älteren Menschen kommen Altersptosis und Schlupflid oft zusammen vor, und die Brauen sinken zusätzlich ab. Viele halten das Absinken für normales Altern und merken erst spät, dass sie nach oben weniger sehen. Nach einer Operation am Grauen Star kann das Lid etwas stärker hängen. Wer Blutverdünner nimmt oder an Diabetes leidet, sollte ein plötzlich hängendes Lid besonders ernst nehmen.
Welche Symptome sind Warnzeichen?
Warnzeichen sind ein plötzlich hängendes Lid und jede Ptosis mit neurologischen Begleiterscheinungen. Dazu zählen:
- Doppelbilder
- eine weite oder ungleich große Pupille
- starke Kopf-, Nacken-, Gesichts- oder Augenschmerzen
- hängender Mundwinkel oder Gesichtslähmung
- Schwindel, Sprech- oder Schluckstörungen, Schwäche in Armen oder Beinen
- Atemnot
- ein vollständig geschlossenes Lid, das plötzlich aufgetreten ist
Harmlose Ursachen wie Alter, Kontaktlinsen oder Augenoperationen führen laut der nordamerikanischen Neuroophthalmologen-Gesellschaft (NANOS) praktisch nie zu einer vollständigen Ptosis. Ein komplett geschlossenes Lid spricht deshalb eher für eine Nervenstörung.
3 Ursachen und Risikofaktoren
In diesem Kapitel (13)
- Wie wird das Oberlid normalerweise gehoben?
- Was ist die häufigste Ursache bei Erwachsenen?
- Können Kontaktlinsen ein hängendes Lid verursachen?
- Kann eine Augenoperation das Lid hängen lassen?
- Welche weiteren Auslöser dehnen die Lidsehne?
- Warum entsteht eine angeborene Ptosis?
- Welche Syndrome gehen mit angeborener Ptosis einher?
- Wie verursacht die Myasthenie eine Ptosis?
- Was löst ein Horner-Syndrom aus?
- Was löst eine Lähmung des dritten Hirnnervs aus?
- Welche mechanischen Ursachen gibt es?
- Können Vergiftungen eine Ptosis auslösen?
- Welche Risikofaktoren gibt es?
Wie wird das Oberlid normalerweise gehoben?
Das Oberlid wird vor allem vom Lidhebermuskel (Musculus levator palpebrae superioris) gehoben, unterstützt von einem kleinen zweiten Muskel. Der Lidheber verläuft in der Augenhöhle über dem Augapfel nach vorn und geht in eine flache Sehnenplatte über, die Aponeurose. Diese setzt an der Lidplatte (Tarsus) an, einer festen Bindegewebsplatte im Lid. Versorgt wird der Lidheber vom dritten Hirnnerv (Nervus oculomotorius).
Der zweite Muskel, der Müller-Muskel, ist ein glatter Muskel von etwa 12 Millimetern Länge. Er wird vom Sympathikus gesteuert, dem Teil des Nervensystems, der bei Anspannung aktiv ist, und hebt das Lid um etwa 2 Millimeter. Eine Ptosis entsteht, wenn einer der beiden Muskeln, ihre Sehne oder ihre Nerven nicht richtig arbeiten.
Was ist die häufigste Ursache bei Erwachsenen?
Die häufigste Ursache bei Erwachsenen ist die altersbedingte Dehnung, Ausdünnung oder Ablösung der Lidhebersehne (aponeurotische oder involutive Ptosis). Der Muskel selbst ist gesund, seine Kraft kommt aber nicht mehr voll am Lid an. Man kann sich das wie einen ausgeleierten Gummizug vorstellen. Diese Form entwickelt sich langsam und ist oft beidseitig.
Können Kontaktlinsen ein hängendes Lid verursachen?
Ja, langjähriges Tragen von Kontaktlinsen gilt als Risikofaktor für eine Ptosis, vor allem bei harten (formstabilen) Linsen. Die spanische Augenärztegesellschaft nennt Kontaktlinsen ausdrücklich als Ursache der aponeurotischen Ptosis. Vermutet wird, dass das häufige Ziehen am Lid beim Einsetzen und Herausnehmen sowie die Reibung der Linse am Ansatz der Sehne diese dehnen. Wie stark der Zusammenhang ist, lässt sich aus den verfügbaren Quellen nicht genau beziffern.
Kann eine Augenoperation das Lid hängen lassen?
Ja, nach Operationen am Auge, etwa am Grauen Star, kann das Oberlid danach tiefer stehen. Ursache ist vor allem der Lidsperrer, der das Auge während des Eingriffs offen hält und die Sehne dehnt. Auch Schwellung, Betäubungsspritzen und dauerhaft angewendete kortisonhaltige Augentropfen werden als Auslöser genannt. Oft bessert sich ein leichtes Absinken in den ersten Monaten von selbst; bleibt es, lässt es sich operativ gut korrigieren.
Welche weiteren Auslöser dehnen die Lidsehne?
Auch chronisches Augenreiben, wiederkehrende starke Lidschwellungen und Entzündungen können die Aponeurose schwächen. Dazu gehören zum Beispiel Allergien mit häufigem Reiben, das seltene Blepharochalasis-Syndrom mit wiederholten Lidschwellungen und Verletzungen des Lids. Eine Injektion von Botulinumtoxin in der Stirn- oder Augenregion kann vorübergehend ein hängendes Lid auslösen. Dieses bildet sich meist innerhalb von Wochen zurück.
Warum entsteht eine angeborene Ptosis?
Bei der häufigsten angeborenen Form, der einfachen kongenitalen Ptosis, hat sich der Lidhebermuskel nicht richtig entwickelt. Feingewebliche Untersuchungen zeigen, dass ein Teil der Muskelfasern durch Binde- und Fettgewebe ersetzt ist. Der Muskel kann sich deshalb weder kräftig zusammenziehen noch gut entspannen. Ob eine fehlerhafte Nervenversorgung in der Entwicklung dahintersteckt, ist nicht gesichert.
Meist tritt die angeborene Ptosis isoliert auf, also ohne andere Erkrankung. Nach spanischen Fachangaben ist sie in etwa drei von vier Fällen einseitig. Sie schreitet in der Regel nicht fort.
Welche Syndrome gehen mit angeborener Ptosis einher?
Seltener ist die angeborene Ptosis Teil eines Syndroms oder einer anderen angeborenen Störung. Dazu gehören:
- Blepharophimose-Syndrom (BPES): beidseitig schwere Ptosis, verkürzte Lidspalten, eine Hautfalte am inneren Lidwinkel und ein vergrößerter Abstand zwischen den inneren Lidwinkeln; wird autosomal-dominant vererbt, also oft von einem Elternteil weitergegeben.
- Marcus-Gunn-Phänomen: Fehlverschaltung mit dem Kaumuskelnerv; in fast der Hälfte der Fälle ist zusätzlich ein Augenmuskel geschwächt.
- Angeborene Okulomotoriusparese und angeborenes Horner-Syndrom, teils durch Geburtsverletzungen.
- Angeborene Fibrose der Augenmuskeln und Duane-Syndrom.
- Angeborene myasthene Syndrome, genetisch bedingte Störungen der Nerv-Muskel-Übertragung.
- Kearns-Sayre-Syndrom und myotone Dystrophie mit beidseitiger Ptosis.
Eine vorübergehende Ptosis kann bei Neugeborenen myasthener Mütter auftreten, weil Antikörper der Mutter auf das Kind übergehen. Sie verschwindet meist innerhalb von Wochen.
Wie verursacht die Myasthenie eine Ptosis?
Die Myasthenia gravis ist eine Autoimmunerkrankung, bei der Antikörper die Übertragung vom Nerv auf den Muskel blockieren. Meist richten sie sich gegen die Andockstellen für den Botenstoff Acetylcholin. Die Muskeln ermüden dadurch bei Belastung rasch und erholen sich in Ruhe. Die Lid- und Augenmuskeln sind oft zuerst betroffen; man spricht dann von okulärer Myasthenie.
Verschlechtern können die Erkrankung Infekte, Fieber, Stress, Operationen, Hitze, Schilddrüsenstörungen und bestimmte Medikamente. Genannt werden unter anderem einige Antibiotika (Aminoglykoside, Chinolone, Makrolide), Betablocker, Kalziumkanalblocker, Magnesium, Lithium, Statine, Chloroquin und Botulinumtoxin. Wer an Myasthenie erkrankt ist, sollte neue Medikamente immer mit der Ärztin oder dem Arzt abstimmen.
Was löst ein Horner-Syndrom aus?
Ein Horner-Syndrom entsteht, wenn die sympathische Nervenbahn zum Auge unterbrochen ist; dann fällt der Müller-Muskel aus, und das Lid sinkt leicht. Diese Bahn verläuft vom Gehirn über das Rückenmark, die Lungenspitze und entlang der Halsschlagader bis ins Auge. Entsprechend vielfältig sind die Ursachen:
- im Gehirn: Schlaganfall, Multiple Sklerose, Tumoren
- am Brustkorb und Hals: Tumor der Lungenspitze, Verletzungen, Operationen an Hals oder Brustkorb
- an der Halsschlagader: Einriss der Gefäßwand (Dissektion), Veränderungen im Sinus cavernosus (einem Venengeflecht an der Schädelbasis), Clusterkopfschmerz
- bei Kindern: Geburts- oder Halsverletzungen, selten ein Neuroblastom (ein kindlicher Nerventumor)
In etwa 35 bis 40 Prozent bleibt die Ursache trotz Abklärung unklar.
Was löst eine Lähmung des dritten Hirnnervs aus?
Der dritte Hirnnerv kann durch Druck von außen oder durch eine Durchblutungsstörung ausfallen. Die gefährlichste Ursache für Druck ist ein Aneurysma der hinteren Verbindungsarterie (Arteria communicans posterior) im Gehirn. Weitere Ursachen sind Schädel-Hirn-Verletzungen, Blutungen, Tumoren an der Schädelbasis, Hirnhautentzündung, Entzündungen an der Schädelbasis (etwa bei Sarkoidose) und Hirnstamminfarkte. Bei Diabetes, Bluthochdruck und Gefäßverkalkung kommt es öfter zu einer Durchblutungsstörung des Nervs selbst; dabei bleibt die Pupille meist ausgespart, und der Nerv erholt sich oft in Wochen bis Monaten.
Nach deutschen Fachangaben erkranken etwa 4 von 100.000 Menschen pro Jahr an einer Okulomotoriusparese, am häufigsten Menschen über 60 Jahre. Ein seltener Mittelhirninfarkt kann sich sogar allein als plötzliche, beidseitige Ptosis zeigen, wie spanische Neurologen beschrieben haben. Bei älteren Menschen muss auch eine Riesenzellarteriitis bedacht werden.
Welche mechanischen Ursachen gibt es?
Mechanisch hängt das Lid, wenn es zu schwer ist oder durch Narben festgehalten wird. Ursachen sind zum Beispiel Tumoren am Augenlid oder in der Augenhöhle, große Knoten wie ein Hagelkorn, Entzündungen der Tränendrüse oder der Augenhöhle und starke Schwellungen bei Allergien oder Infekten. Auch Verwachsungen der Bindehaut, ausgeprägter Hautüberschuss und späte Folgen von Hyaluronsäure-Unterspritzungen werden genannt. Bei Kindern können Blutschwämmchen (Hämangiome) oder Neurofibrome das Lid beschweren.
Können Vergiftungen eine Ptosis auslösen?
Ja, selten lösen Gifte eine beidseitige Ptosis aus, oft zusammen mit Doppelbildern und Schluckstörungen. Bekanntestes Beispiel ist der Botulismus, eine Vergiftung durch das Gift des Bakteriums Clostridium botulinum, etwa aus verdorbenen Konserven. Auch Schlangengifte und bestimmte Chemikalien können die Nerv-Muskel-Übertragung stören. Diese Fälle sind Notfälle.
Welche Risikofaktoren gibt es?
Die wichtigsten Risikofaktoren für die erworbene Ptosis sind höheres Alter, langjähriges Kontaktlinsentragen und frühere Augenoperationen. Weitere Faktoren sind chronisches Augenreiben, wiederholte Lidschwellungen und Verletzungen. Für die nervlich bedingten Formen spielen Gefäßrisiken wie Diabetes, Bluthochdruck, erhöhte Blutfette und Rauchen eine Rolle. Für die angeborene Form ist eine familiäre Häufung bekannt.
4 Diagnose
In diesem Kapitel (11)
- Wer stellt die Diagnose?
- Welche Fragen stellt die Ärztin im Gespräch?
- Was wird am Lid gemessen?
- Warum wird das andere Lid mit untersucht?
- Wie wird die Pupille beurteilt?
- Wie wird eine Myasthenie getestet?
- Wann ist eine Bildgebung nötig?
- Welche Untersuchungen braucht ein Kind mit Ptosis?
- Welche Tests gehören zur OP-Planung?
- Wie wird die Ptosis vom Schlupflid unterschieden?
- Welche Erkrankungen müssen abgegrenzt werden?
Wer stellt die Diagnose?
Erste Anlaufstelle ist die Augenärztin oder der Augenarzt; je nach Verdacht kommen Neurologie, Kinderheilkunde oder Lidchirurgie hinzu. Bei Kindern arbeitet die Augenärztin oft mit Orthoptistinnen zusammen, die auf Schielen und Sehschwäche spezialisiert sind. Besteht der Verdacht auf eine Nervenstörung, ist eine neuroophthalmologische Abklärung sinnvoll. Für die Operation sind Augenärzte mit Schwerpunkt Lidchirurgie (Okuloplastik) oder plastische Chirurgen zuständig.
Welche Fragen stellt die Ärztin im Gespräch?
Das Gespräch klärt, seit wann das Lid hängt, ob es plötzlich oder langsam kam und ob es im Tagesverlauf schwankt. Wichtig sind außerdem:
- Doppelbilder, Kopf- oder Augenschmerzen, Schluck- oder Sprechstörungen
- frühere Augenoperationen, Verletzungen, Kontaktlinsen
- kürzliche Botulinumtoxin-Behandlungen
- Diabetes, Bluthochdruck, Schilddrüsenerkrankungen, Tumorerkrankungen
- Medikamente, besonders Blutverdünner
- ähnliche Lidstellungen in der Familie
Alte Fotos sind hilfreich, um den Beginn einzuordnen.
Was wird am Lid gemessen?
Die Augenärztin misst die Lidspaltenhöhe, den Abstand zwischen Lidrand und Hornhautreflex (MRD-1) und die Kraft des Lidhebers. Für die Lidheberfunktion hält sie die Augenbraue fest, damit der Stirnmuskel nicht mithilft, und misst, wie weit sich das Lid vom Blick nach unten bis zum Blick nach oben bewegt. Normal sind etwa 15 bis 18 Millimeter. Zusätzlich beurteilt sie Lidfalte, Brauenstellung und Hautüberschuss.
| Lidheberfunktion | Bewertung | Bedeutung für die OP |
|---|---|---|
| über 10 mm | gut | Sehne befestigen oder Müller-Muskel kürzen |
| 5 bis 10 mm | mäßig | Lidheber verkürzen |
| unter 4 bis 5 mm | schlecht | meist Stirnaufhängung |
Warum wird das andere Lid mit untersucht?
Beide Lider werden gemeinsam gesteuert, deshalb kann eine einseitige Ptosis eine leichte Ptosis am anderen Auge verdecken. Dieses Hering-Phänomen prüft die Ärztin, indem sie das hängende Lid anhebt. Sinkt dann das andere Lid ab, war es ebenfalls betroffen. Das ist für die Planung wichtig, weil sonst nach einer einseitigen Operation das andere Lid tiefer stehen kann.
Wie wird die Pupille beurteilt?
Die Pupillen werden in hellem und dunklem Licht verglichen, weil ihre Größe einen entscheidenden Hinweis auf die Ursache gibt. Eine engere Pupille auf der Ptosis-Seite spricht für ein Horner-Syndrom. Eine weitere, träge oder lichtstarre Pupille spricht für eine Lähmung des dritten Hirnnervs und erfordert sofortige Bildgebung. Bei Myasthenie und Altersptosis sind die Pupillen normal.
Wie wird eine Myasthenie getestet?
Bei Verdacht auf Myasthenie prüft die Ärztin, ob das Lid bei Belastung ermüdet und sich in Ruhe oder Kälte erholt. Gebräuchliche Tests sind:
- Simpson-Test: etwa eine Minute lang nach oben schauen; sinkt das Lid dabei ab, spricht das für Muskelermüdung.
- Eistest: ein Kühlpack 2 bis 5 Minuten auf das geschlossene Lid; bessert sich die Ptosis um mehr als 2 Millimeter, ist der Test positiv.
- Ruhetest und Prüfung auf Cogan-Lidzucken.
- Blutuntersuchung auf Antikörper gegen Acetylcholinrezeptoren, bei negativem Ergebnis auch auf weitere Antikörper (MuSK, LRP4).
- Elektrische Nerv-Muskel-Messung, besonders das Einzelfaser-EMG.
- Bildgebung des Brustkorbs, um eine Veränderung der Thymusdrüse zu erkennen.
Die Antikörper finden sich bei etwa 85 bis 90 Prozent der Menschen mit allgemeiner Myasthenie, aber nur bei etwa der Hälfte der rein okulären Form. Ein negativer Bluttest schließt eine Myasthenie deshalb nicht aus. Bestätigt sich der Verdacht, wird nicht operiert, sondern neurologisch behandelt.
Wann ist eine Bildgebung nötig?
Eine Bildgebung mit MRT oder CT ist nötig, wenn die Ptosis plötzlich auftritt oder mit Doppelbildern, Pupillenveränderungen oder anderen neurologischen Zeichen einhergeht. Bei Verdacht auf eine Lähmung des dritten Hirnnervs mit weiter Pupille sucht man mit Gefäßdarstellung (MR- oder CT-Angiografie) gezielt nach einem Aneurysma, und zwar sofort. Bei einem neuen Horner-Syndrom werden Kopf, Hals und Brustkorb untersucht, bei Schmerzen am Hals besonders die Halsschlagader. Auch bei Verdacht auf einen Tumor in Lid oder Augenhöhle ist eine Bildgebung angezeigt.
Welche Untersuchungen braucht ein Kind mit Ptosis?
Bei Kindern geht es neben dem Lid vor allem um die Frage, ob das Sehen des Auges gefährdet ist. Untersucht werden deshalb Sehschärfe, Brillenwerte nach Pupillenerweiterung mit Tropfen (Zykloplegie), Augenstellung, Augenbeweglichkeit und Augenhintergrund. Die Ärztin prüft außerdem, ob das Kind die Augen vollständig schließen kann, ob die Augen beim Lidschluss nach oben wandern (Bell-Phänomen) und wie empfindlich die Hornhaut ist. Diese Punkte entscheiden mit, welche Operation sicher ist.
Welche Tests gehören zur OP-Planung?
Vor einer Operation werden Gesichtsfeld, Tränenfilm und Lidschluss geprüft und Fotos zur Dokumentation angefertigt. Die Gesichtsfeldmessung zeigt, wie stark das Lid das Sehen nach oben einschränkt; sie wird oft mit hängendem und angehobenem Lid durchgeführt. Ein Test mit Phenylephrin-Augentropfen (einem Mittel, das den Müller-Muskel kurz anregt) zeigt, ob eine Verkürzung dieses Muskels von innen ausreicht. Bei trockenen Augen muss vorsichtiger korrigiert werden, weil ein höher gestelltes Lid die Hornhaut stärker der Luft aussetzt.
Wie wird die Ptosis vom Schlupflid unterschieden?
Die Ärztin hebt die überschüssige Haut an und schaut, wo der eigentliche Lidrand steht. Liegt der Lidrand normal und verdeckt nur die Hautfalte das Auge, handelt es sich um ein Schlupflid. Steht der Lidrand selbst zu tief, liegt eine Ptosis vor. Häufig ist beides vorhanden; dann können beide Probleme in einer Operation behoben werden.
Welche Erkrankungen müssen abgegrenzt werden?
Abgegrenzt werden müssen vor allem Zustände, die nur wie eine Ptosis aussehen, und gefährliche Ursachen, die eine andere Behandlung brauchen. Dazu gehören Schlupflid und abgesunkene Brauen, Höhenschielen, ein eingesunkener oder zu kleiner Augapfel, ein zu hoch stehendes Gegenlid bei Schilddrüsenerkrankung, Lidkrampf und alte Gesichtslähmungen. Bei Kindern kommen angeborene myasthene Syndrome und Botulismus hinzu. Bei plötzlicher Ptosis im Alter denkt man außerdem an Schlaganfall, Aneurysma, Riesenzellarteriitis und Tumoren.
5 Behandlung
In diesem Kapitel (17)
- Muss jede Ptosis behandelt werden?
- Was kommt zuerst: Ursache oder Lid?
- Wie wird eine Ptosis bei Myasthenie behandelt?
- Gibt es Augentropfen gegen hängende Lider?
- Hilft eine Ptosisbrille?
- Was hilft gegen Schwachsichtigkeit bei Kindern?
- Wie wird eine Ptosis operiert?
- Wie läuft die Operation der Altersptosis ab?
- Was ist eine Müller-Muskel-Resektion?
- Wie funktioniert die Lidheberverkürzung?
- Was ist eine Stirnaufhängung?
- Wann wird ein Kind mit angeborener Ptosis operiert?
- Wie wird bei Horner-Syndrom und Nervenlähmung operiert?
- Wie geht es nach der Operation weiter?
- Welche Risiken hat die Operation?
- Zahlt die Krankenkasse die Ptosis-Operation?
- Helfen Akupunktur oder Übungen?
Muss jede Ptosis behandelt werden?
Nein, eine leichte Ptosis, die weder das Sehen stört noch bei Kindern das Sehen gefährdet, muss nicht behandelt werden. Bei Kindern ohne Schwachsichtigkeit, Schielen oder Kopfzwangshaltung reicht es oft, regelmäßig zu kontrollieren. Erwachsene entscheiden selbst, ob sie eine leichte Ptosis aus ästhetischen Gründen korrigieren lassen. Wichtig ist vor jeder Behandlung, die Ursache zu klären.
Was kommt zuerst: Ursache oder Lid?
Liegt eine Grunderkrankung vor, wird zuerst diese behandelt, erst danach das Lid. Eine Myasthenie wird mit Medikamenten behandelt, ein Aneurysma neurochirurgisch oder über einen Katheter, ein Tumor je nach Art. Nach einer Lähmung des dritten Hirnnervs oder einem Schlaganfall kann sich das Lid teilweise oder ganz erholen. Deshalb wartet man bei erworbener Lähmungsptosis meist etwa sechs Monate, bevor operiert wird.
Wie wird eine Ptosis bei Myasthenie behandelt?
Bei Myasthenie wird die Ptosis in der Regel nicht operiert, sondern mit Medikamenten behandelt. Erstes Mittel ist meist Pyridostigmin, das den Abbau des Botenstoffs Acetylcholin bremst. Reicht das nicht, kommen Kortison und andere Mittel zur Dämpfung des Immunsystems hinzu, etwa Azathioprin, Mycophenolat oder Biologika wie Rituximab. Bei einer Krise werden Blutwäsche (Plasmapherese) oder Immunglobuline eingesetzt.
Pyridostigmin kann Durchfall, Bauchschmerzen, Schwitzen und vermehrten Speichel verursachen. Nur wenn die Ptosis trotz guter Behandlung über lange Zeit stabil bleibt und stört, kann in Einzelfällen eine vorsichtige Operation erwogen werden. Dabei ist das Risiko für trockene Hornhaut erhöht, weil die Augen oft schlecht schließen.
Gibt es Augentropfen gegen hängende Lider?
Es gibt Tropfen, die den Müller-Muskel anregen und das Lid für einige Stunden leicht anheben. In den USA ist dafür seit 2020 ein Präparat mit Oxymetazolin 0,1 Prozent für Erwachsene mit erworbener Ptosis zugelassen; die Wirkung hält etwa 6 bis 10 Stunden, die Tropfen müssen täglich genommen werden. Bei Ptosis durch Verletzung oder Nervenlähmung helfen sie nicht. In Deutschland und Österreich sind solche Tropfen keine Standardbehandlung; ob ein Versuch sinnvoll ist, klärt die Augenärztin.
Hilft eine Ptosisbrille?
Eine Ptosisbrille, auch Stegbrille oder Ptosis-Krücke genannt, hält das Lid mit einem kleinen Bügel am Brillengestell offen. Sie eignet sich zur Überbrückung, etwa solange man abwartet, ob sich eine Lähmung erholt, oder wenn eine Operation nicht möglich ist. Viele empfinden sie auf Dauer als unbequem, und sie kann die Hornhaut austrocknen, weil der Lidschlag behindert wird. Dann sind Tränenersatzmittel wichtig.
Was hilft gegen Schwachsichtigkeit bei Kindern?
Droht oder besteht bei einem Kind eine Schwachsichtigkeit, wird sie zusätzlich zur Lidbehandlung gezielt trainiert. Das gesunde Auge wird stundenweise mit einem Pflaster abgeklebt, damit das schwächere Auge arbeiten muss. Eine nötige Brille wird konsequent getragen, zum Beispiel bei Hornhautverkrümmung. Manchmal werden statt des Pflasters Tropfen eingesetzt, die das gesunde Auge kurz unscharf machen.
Wie wird eine Ptosis operiert?
Die Ptosis wird operiert, indem entweder die Sehne neu befestigt, der Lidheber oder Müller-Muskel verkürzt oder das Lid an den Stirnmuskel gehängt wird. Welche Methode passt, hängt vor allem von der Kraft des Lidhebers ab. Die französische Augenärztegesellschaft (SFO) unterscheidet drei Grundtypen von Eingriffen. Die folgende Tabelle gibt einen Überblick:
| Verfahren | Wann? | Zugang |
|---|---|---|
| Sehne neu befestigen (Aponeurosen-Refixation) | Altersptosis, gute Lidheberfunktion | Schnitt in der Lidfalte |
| Müller-Muskel-Bindehaut-Resektion | leichte Ptosis, positiver Phenylephrin-Test | von der Lidinnenseite, keine sichtbare Narbe |
| Lidheberverkürzung (Levatorresektion) | mäßige Lidheberfunktion, oft angeborene Ptosis | Schnitt in der Lidfalte |
| Stirnaufhängung (Frontalissuspension) | schlechte oder fehlende Lidheberfunktion | Lidfalte und kleine Schnitte über der Braue |
Wie läuft die Operation der Altersptosis ab?
Bei der Altersptosis wird die gelöste Sehne über einen Schnitt in der Lidfalte freigelegt und wieder an der Lidplatte festgenäht. Die Narbe liegt später in der natürlichen Lidfalte und ist meist kaum zu sehen. Der Eingriff erfolgt in der Regel ambulant und in örtlicher Betäubung. Das hat einen Vorteil: Sie können während der Operation die Augen öffnen, sodass Höhe und Form des Lids genau eingestellt werden.
Bei überschüssiger Haut kann im selben Eingriff ein Hautstreifen entfernt werden. Sind beide Lider betroffen, werden sie meist in einer Sitzung operiert, um eine gute Symmetrie zu erreichen.
Was ist eine Müller-Muskel-Resektion?
Bei der Müller-Muskel-Bindehaut-Resektion wird von der Innenseite des Lids ein Streifen aus Bindehaut und Müller-Muskel entfernt und vernäht. Sie eignet sich für eine leichte bis mittlere Ptosis mit guter Lidheberfunktion, wenn das Lid sich nach Phenylephrin-Tropfen ausreichend hebt. Außen bleibt keine Narbe. Bei angeborener Ptosis wirkt dieses Verfahren schlechter.
Wie funktioniert die Lidheberverkürzung?
Bei der Lidheberverkürzung wird der Lidhebermuskel über einen Schnitt in der Lidfalte gekürzt oder gefaltet, damit er das Lid wieder stärker anhebt. Je schwächer der Muskel, desto mehr muss gekürzt werden. Bei angeborener Ptosis werden je nach Lidheberfunktion etwa 10 bis über 22 Millimeter gekürzt. Der Eingriff gilt als anspruchsvoll, weil das Ergebnis vom Zustand des Muskels abhängt.
Was ist eine Stirnaufhängung?
Bei der Stirnaufhängung wird das Lid mit einem Band unter der Haut mit dem Stirnmuskel verbunden, sodass das Lid beim Hochziehen der Brauen mitgeht. Sie kommt infrage, wenn der Lidheber fast keine Kraft hat, etwa bei schwerer angeborener Ptosis oder bei Muskelerkrankungen. Kinder lernen meist rasch, das Lid über die Stirn zu heben. Ein vollständiger Lidschluss im Schlaf kann danach Monate dauern oder unvollständig bleiben.
Welche Materialien werden verwendet?
- Körpereigene Faszie (Bindegewebe vom Oberschenkel, Fascia lata): beste Langzeitergebnisse und geringste Rückfallrate; braucht eine zweite Schnittstelle und ist bei sehr kleinen Kindern oft nicht in ausreichender Menge zu gewinnen.
- Silikon: elastisch, wieder lösbar; geeignet bei kleinen Kindern und bei schlechtem Lidschluss; kann sich lockern, herauswachsen oder entzünden.
- Kunststofffäden und Gore-Tex: verfügbar ohne zweiten Schnitt; je nach Material höhere Rückfall- oder Infektionsraten.
- Spenderfaszie: höhere Rückfallrate.
Wann wird ein Kind mit angeborener Ptosis operiert?
Verdeckt das Lid die Pupille oder besteht bereits eine Schwachsichtigkeit oder eine deutliche Kopfzwangshaltung, wird früh operiert, auch im ersten Lebensjahr. Ohne diese Gründe warten viele Zentren bis zum Alter von etwa 3 bis 5 Jahren. Die französische Fachgesellschaft nennt etwa vier Jahre als üblichen Zeitpunkt. Dann lässt sich die Lidheberfunktion genauer messen, das Gewebe ist größer, und eine Schwachsichtigkeit kann vorher behandelt werden.
Kinder werden in Vollnarkose operiert. Braucht das Kind auch eine Schieloperation, wird diese meist zuerst gemacht, weil sie die Lidstellung verändern kann. Bei einseitiger Ptosis wird in der Regel nur das betroffene Lid operiert.
Wie wird bei Horner-Syndrom und Nervenlähmung operiert?
Beim Horner-Syndrom wird erst operiert, wenn die Ursache geklärt und behandelt ist. Weil der Lidheber dabei kräftig ist, genügt meist eine Verkürzung des Müller-Muskels oder eine Sehnenfestigung. Nach einer Lähmung des dritten Hirnnervs wartet man ab, ob sich der Nerv erholt. Bei bleibender Lähmung muss die Operation vorsichtig geplant werden, weil das Auge sich nicht richtig nach oben dreht und die Hornhaut bei offenem Lid austrocknen kann.
Wie geht es nach der Operation weiter?
Nach der Operation sind Schwellung und Blutergüsse normal und bilden sich in ein bis zwei Wochen zurück. Empfohlen wird Kühlen in den ersten 48 bis 72 Stunden, zum Beispiel 20 Minuten alle ein bis zwei Stunden. Für einige Tage gibt es meist antibiotische Salbe, oft mit Kortison. Da das Lid anfangs nicht ganz schließt, sind Tränenersatzmittel tagsüber und Salbe zur Nacht wichtig.
Die erste Kontrolle findet meist nach ein bis zwei Wochen statt. Etwa zehn Tage nach dem Eingriff können die meisten wieder unter Menschen, Kinder in Kindergarten oder Schule. Das endgültige Ergebnis lässt sich erst nach etwa sechs Monaten beurteilen.
Welche Risiken hat die Operation?
Die häufigsten Probleme sind eine Unter- oder Überkorrektur und eine Asymmetrie der Lider. Ein absolut symmetrisches Ergebnis ist schwer zu erreichen, besonders nach einseitiger Operation und beim Blick nach unten. Nach Angaben der französischen Fachgesellschaft ist in etwa 10 bis 15 Prozent eine Nachoperation nötig. Weitere mögliche Komplikationen:
- unvollständiger Lidschluss mit trockenem Auge, bis zur Schädigung der Hornhaut
- veränderte Lidkontur, nach innen oder außen gedrehter Lidrand
- Blutung, Infektion, Wundheilungsstörung, kleine Gewebeknötchen
- Fremdkörpergefühl
- Absinken des anderen Lids nach einseitiger Operation
- Probleme mit dem Material bei Stirnaufhängung
- selten Wimpernverlust, Doppelbilder oder veränderte Brillenwerte
Bei frühzeitigem Erkennen lassen sich die meisten Probleme gut beheben. Eine erfahrene Lidchirurgin oder ein erfahrener Lidchirurg senkt das Risiko.
Zahlt die Krankenkasse die Ptosis-Operation?
In Deutschland zahlt die gesetzliche Krankenkasse die Operation in der Regel, wenn sie medizinisch notwendig ist, also wenn das Lid das Sehen einschränkt oder bei Kindern eine Schwachsichtigkeit droht. Als Nachweis dient bei Erwachsenen häufig eine Gesichtsfeldmessung, die zeigt, dass das Lid das obere Gesichtsfeld abschneidet. Dazu kommen Fotos und der augenärztliche Befund. Dient der Eingriff nur dem Aussehen, müssen Sie die Kosten selbst tragen.
In Österreich gilt ein ähnlicher Grundsatz: Die Krankenkasse übernimmt medizinisch begründete Eingriffe, rein ästhetische nicht. Klären Sie in beiden Ländern vor dem Termin, ob ein Antrag oder eine Bewilligung nötig ist, und lassen Sie sich die Kostenzusage schriftlich geben. Bei angeborener Ptosis mit Gefahr für das Sehen ist die Kostenübernahme meist unproblematisch.
Helfen Akupunktur oder Übungen?
Für Akupunktur, Lidgymnastik oder Cremes gibt es keinen belastbaren Wirksamkeitsnachweis gegen eine Ptosis. Die gedehnte Sehne lässt sich durch Training nicht wieder straffen. Solche Verfahren werden von den Krankenkassen nicht bezahlt. Sie sollten eine notwendige Abklärung oder Behandlung nicht verzögern.
6 Verlauf und Prognose
In diesem Kapitel (8)
- Geht ein hängendes Lid von selbst weg?
- Wird eine Altersptosis schlimmer?
- Wie sind die Aussichten nach der Operation?
- Wie entwickelt sich eine angeborene Ptosis?
- Wie gut lässt sich die Schwachsichtigkeit behandeln?
- Wie verläuft eine okuläre Myasthenie?
- Was ist nach einer Lähmung des dritten Hirnnervs zu erwarten?
- Welche Folgen kann eine unbehandelte Ptosis haben?
Geht ein hängendes Lid von selbst weg?
Eine Altersptosis oder angeborene Ptosis bildet sich nicht von selbst zurück, weil die Veränderung an Sehne oder Muskel dauerhaft ist. Anders ist es bei manchen erworbenen Formen: Eine Ptosis nach Botulinumtoxin, nach einer Schwellung oder kurz nach einer Augenoperation bessert sich oft. Auch nach Durchblutungsstörungen des dritten Hirnnervs oder einem Schlaganfall kann sich das Lid über Wochen bis Monate erholen. Bei Myasthenie schwankt die Ptosis und bessert sich unter Behandlung.
Wird eine Altersptosis schlimmer?
Die Altersptosis nimmt meist langsam über Jahre zu. Ohne Operation kann sie so weit fortschreiten, dass sie das Gesichtsfeld deutlich einschränkt und Kopfschmerzen durch ständiges Brauenheben verursacht. Gefährlich für das Auge ist sie nicht. Wann operiert wird, entscheidet sich nach dem Leidensdruck und der Einschränkung im Alltag.
Wie sind die Aussichten nach der Operation?
Die Ergebnisse der Ptosis-Operation sind meist gut, und die Mehrheit der Patientinnen und Patienten ist zufrieden. Das Gesichtsfeld wird freier, Kopfschmerzen durch Brauenheben bessern sich oft. Allerdings ist das Ergebnis nicht völlig vorhersagbar, und kleine Seitenunterschiede bleiben häufig. Mit den Jahren kann das Lid wieder absinken, sodass manche Menschen im Lauf des Lebens mehr als eine Operation brauchen.
Wie entwickelt sich eine angeborene Ptosis?
Die einfache angeborene Ptosis bleibt in der Regel stabil und nimmt nicht zu. Mit dem Wachstum kann sich die Lidstellung aber relativ zum Gesicht verändern, deshalb wird auch eine leichte Ptosis jährlich kontrolliert. Nach einer Operation im Kindesalter ist eine erneute Operation häufig. Laut EyeWiki brauchen 50 Prozent oder mehr der operierten Kinder 8 bis 10 Jahre später einen weiteren Eingriff.
Wie gut lässt sich die Schwachsichtigkeit behandeln?
Eine Schwachsichtigkeit lässt sich gut behandeln, wenn sie früh erkannt wird, solange sich das Sehen noch entwickelt. Diese empfindliche Phase reicht etwa bis zum Alter von 7 bis 10 Jahren. Eine Schwachsichtigkeit durch ein Lid, das die Pupille verdeckt, gilt als besonders schwere Form. Die meisten Kinder verbessern sich mit Behandlung deutlich, ein Restdefizit bleibt aber oft, und auch nach Therapieende kann das Sehen wieder nachlassen.
Unbehandelt kann ein dauerhaft verdecktes Auge so schlecht sehen, dass es praktisch funktionslos bleibt. Deshalb ist die frühe Vorstellung so wichtig.
Wie verläuft eine okuläre Myasthenie?
Eine Myasthenie, die an den Augen beginnt, kann auf den übrigen Körper übergreifen, meist in den ersten zwei bis drei Jahren. Wie häufig das geschieht, wird unterschiedlich angegeben; bei Kindern nennen spanische Kinderärzte 50 bis 80 Prozent. Bei Kindern mit Beginn vor der Pubertät ist der Verlauf oft günstiger, und bis zu einem Viertel erholt sich von selbst. Mit modernen Medikamenten lässt sich die Erkrankung meist gut kontrollieren.
Was ist nach einer Lähmung des dritten Hirnnervs zu erwarten?
Die Aussichten hängen von der Ursache ab: Durchblutungsbedingte Lähmungen bilden sich häufig in Wochen bis Monaten zurück, Lähmungen durch Druck oder Verletzung seltener vollständig. Wird ein Aneurysma rechtzeitig behandelt, kann sich auch der Nerv deutlich erholen. Nach einer Nervenschädigung können ab etwa acht bis zehn Wochen fehlgeleitete Nervenfasern nachwachsen. Dann hebt sich das Lid zum Beispiel unwillkürlich bei bestimmten Augenbewegungen.
Welche Folgen kann eine unbehandelte Ptosis haben?
Bei Erwachsenen bleiben vor allem ein eingeschränktes Gesichtsfeld, Kopf- und Nackenschmerzen und eine seelische Belastung. Bei Kindern drohen bleibende Schwachsichtigkeit, Hornhautverkrümmung, Schielen und eine dauerhafte Fehlhaltung des Kopfes. Steckt eine gefährliche Grunderkrankung dahinter, etwa ein Aneurysma, ein Tumor oder eine Halsschlagader-Dissektion, kann eine verzögerte Behandlung lebensbedrohlich sein. Bei einem Aneurysma kann Stunden bis Tage nach den ersten Zeichen eine Hirnblutung folgen.
7 Vorbeugung
In diesem Kapitel (8)
- Kann man einem hängenden Lid vorbeugen?
- Was können Kontaktlinsenträger tun?
- Was schützt die Lidsehne im Alltag?
- Wie senkt man das Risiko für gefährliche Ursachen?
- Was sollten Eltern eines Kindes mit Ptosis beachten?
- Was hilft im Alltag mit einer Ptosis?
- Was sollten Menschen mit Myasthenie beachten?
- Was ist vor einer Lidoperation zu bedenken?
Kann man einem hängenden Lid vorbeugen?
Der angeborenen und der altersbedingten Ptosis kann man nicht sicher vorbeugen. Einige Risikofaktoren für die Dehnung der Lidsehne lassen sich aber verringern. Die folgenden Ratschläge leiten sich aus den bekannten Ursachen ab; Studien, die ihren Nutzen belegen, gibt es dazu nicht. Für die nervlich bedingten Formen hilft vor allem ein gutes Management von Gefäßrisiken.
Was können Kontaktlinsenträger tun?
Setzen Sie Kontaktlinsen schonend ein und nehmen Sie sie vorsichtig heraus, ohne kräftig am Oberlid zu ziehen. Lassen Sie den Sitz der Linsen regelmäßig kontrollieren. Merken Sie, dass ein Lid über Monate tiefer steht, sprechen Sie das bei der nächsten Kontrolle an. Manchmal ist ein Wechsel des Linsentyps sinnvoll.
Was schützt die Lidsehne im Alltag?
Vermeiden Sie häufiges und kräftiges Augenreiben, zum Beispiel bei Allergien oder trockenen Augen. Behandeln Sie stattdessen die Ursache des Juckreizes, etwa mit geeigneten Tropfen nach Rücksprache mit der Augenärztin. Wer dauerhaft kortisonhaltige Augentropfen braucht, sollte sich augenärztlich begleiten lassen. Beim Abschminken genügt sanftes Tupfen statt Reiben.
Wie senkt man das Risiko für gefährliche Ursachen?
Gut eingestellter Blutdruck, Blutzucker und Blutfette und der Verzicht auf Rauchen senken das Risiko für Gefäßschäden, die Hirnnerven und Gehirn betreffen. Das schützt auch vor Durchblutungsstörungen des dritten Hirnnervs und vor Schlaganfällen. Beim Horner-Syndrom hängt die Vorbeugung von der Ursache ab, etwa Schutz vor Halsverletzungen. Konserven mit gewölbtem Deckel sollten Sie wegen der Botulismusgefahr nicht essen.
Was sollten Eltern eines Kindes mit Ptosis beachten?
Lassen Sie jedes Kind mit Ptosis mindestens einmal im Jahr augenärztlich untersuchen, auch bei leichter Form. Achten Sie auf Kopfhaltung, Brauenheben, Stolpern oder Klagen über schlechtes Sehen und melden Sie Veränderungen früh. Halten Sie die Pflasterbehandlung und das Brillentragen konsequent ein, auch wenn das Kind protestiert. Die regelmäßigen Vorsorgeuntersuchungen bei Kinderärztin und Augenärztin helfen, Probleme rechtzeitig zu erkennen.
Was hilft im Alltag mit einer Ptosis?
Bis zur Behandlung helfen eine gute Beleuchtung, Pausen beim Lesen und am Bildschirm sowie eine passende Brille. Eine Ptosisbrille kann das Lid vorübergehend anheben. Bei trockenen Augen, etwa nach einer Operation oder mit Ptosisbrille, sind Augentropfen gegen trockene Augen hilfreich. Wer Auto fährt und merkt, dass er Ampeln oder Schilder übersieht, sollte das Gesichtsfeld messen lassen.
Was sollten Menschen mit Myasthenie beachten?
Menschen mit Myasthenie sollten Auslöser kennen, die die Erkrankung verschlechtern können. Dazu zählen Infekte, Stress, Hitze, Alkohol, starke UV-Strahlung und bestimmte Medikamente. Tragen Sie einen Notfallausweis bei sich und informieren Sie vor jeder neuen Behandlung Ärztin und Apotheke über die Erkrankung. Auch vor einer Lidoperation muss das Operationsteam davon wissen.
Was ist vor einer Lidoperation zu bedenken?
Nennen Sie vor der Operation alle Medikamente, besonders Blutverdünner, Aspirin und Nahrungsergänzungsmittel, die die Blutungsneigung erhöhen. Fragen Sie, wie viel Erfahrung das Team mit Ptosis-Operationen hat und wie das Vorgehen bei einer Nachkorrektur aussieht. Planen Sie etwa zehn Tage ohne wichtige soziale Termine ein. Klären Sie die Kostenübernahme vorab mit der Krankenkasse.
8 Wann sofort zum Arzt?
In diesem Kapitel (3)
Wann ist ein hängendes Lid ein Notfall?
Ein plötzlich hängendes Oberlid ist ein Notfall, besonders wenn gleichzeitig Doppelbilder, eine erweiterte Pupille oder starke Kopfschmerzen auftreten. Diese Kombination kann auf ein Aneurysma hinweisen, das auf den dritten Hirnnerv drückt und jederzeit platzen kann. Rufen Sie dann sofort den Notruf 112 (in Österreich 144) oder fahren Sie ohne Umweg in eine Notaufnahme mit Neurologie. Fahren Sie nicht selbst.
Ebenfalls sofort abklären lassen sollten Sie:
- plötzliche Ptosis mit Schwindel, Sprech- oder Schluckstörung, hängendem Mundwinkel oder Lähmungen (Verdacht auf Schlaganfall)
- neue Ptosis mit enger Pupille und Schmerzen an Hals, Gesicht oder Kopf (Verdacht auf Einriss der Halsschlagader)
- Ptosis mit Atemnot oder Schluckstörung bei bekannter oder vermuteter Myasthenie (myasthene Krise)
- beidseitige Ptosis mit Doppelbildern und Schluckstörung nach dem Essen von Konserven (Verdacht auf Botulismus)
- plötzliche Ptosis nach einer Kopfverletzung
- plötzliche Ptosis bei Menschen über 50 mit Schläfenkopfschmerz, Kauschmerz oder Sehstörung
Weitere Warnzeichen am Auge finden Sie unter Notfall am Auge.
Wann sollte man innerhalb weniger Tage zur Augenärztin?
Innerhalb weniger Tage sollten Sie eine Ptosis abklären lassen, die über Tage bis Wochen neu entstanden ist, im Tagesverlauf schwankt oder von leichten Doppelbildern begleitet wird. Auch eine neu bemerkte ungleiche Pupillengröße gehört in diese Gruppe. Eltern sollten zeitnah einen Termin vereinbaren, wenn bei ihrem Baby ein Lid die Pupille teilweise oder ganz verdeckt oder das Kind den Kopf auffällig in den Nacken legt. Bei Neugeborenen mit stark hängendem Lid sollte die Vorstellung in den ersten Lebenswochen erfolgen.
Wann reicht ein regulärer Termin?
Ein regulärer Termin in den nächsten Wochen genügt bei einer langsam über Monate oder Jahre zunehmenden Ptosis ohne weitere Beschwerden. Das gilt auch für ein Schlupflid, das das Sehen nach oben einschränkt. Kinder mit bekannter leichter Ptosis gehen mindestens einmal jährlich zur Kontrolle. Bei jeder neuen Veränderung sollten Sie den Termin vorziehen.
9 Häufige Fragen
Ist ein hängendes Augenlid gefährlich?
Meist nicht: Bei Erwachsenen steckt am häufigsten eine harmlose altersbedingte Lockerung der Lidsehne dahinter. Gefährlich ist ein plötzlich hängendes Lid, vor allem mit Doppelbildern, erweiterter Pupille, starken Kopfschmerzen oder Lähmungszeichen. Dann bitte sofort den Notruf wählen. Bei Kindern ist eine Ptosis gefährlich für das Sehen, wenn sie die Pupille verdeckt.
Was ist der Unterschied zwischen Ptosis und Schlupflid?
Bei der Ptosis steht der Lidrand selbst zu tief, beim Schlupflid hängt nur überschüssige Haut über einen normal stehenden Lidrand. Beides kommt im Alter oft zusammen vor. Die Behandlung unterscheidet sich: Beim Schlupflid wird Haut entfernt, bei der Ptosis die Sehne oder der Muskel korrigiert. Die Augenärztin prüft beides getrennt.
Warum hängt mein Augenlid plötzlich?
Ein plötzlich hängendes Lid kann auf eine Nervenlähmung, einen Schlaganfall, ein Aneurysma oder einen Einriss der Halsschlagader hinweisen und muss sofort abgeklärt werden. Harmlosere Gründe sind eine Schwellung, eine Botulinumtoxin-Behandlung oder eine kürzliche Augenoperation. Unterscheiden kann das nur eine ärztliche Untersuchung. Warten Sie bei plötzlichem Beginn nicht ab.
Geht ein hängendes Augenlid von alleine weg?
Eine altersbedingte oder angeborene Ptosis geht nicht von allein weg. Eine Ptosis nach Botulinumtoxin, nach Schwellung oder kurz nach einer Augenoperation bessert sich dagegen oft. Auch nach einer durchblutungsbedingten Nervenlähmung kann sich das Lid über Monate erholen. Bei Myasthenie hilft die medikamentöse Behandlung.
Mein Lid hängt abends mehr als morgens – was bedeutet das?
Ein Lid, das im Tagesverlauf und bei Müdigkeit stärker hängt, ist typisch für eine Myasthenie, eine Störung der Nerv-Muskel-Übertragung. Kommen Doppelbilder dazu, verstärkt sich der Verdacht. Lassen Sie das in den nächsten Tagen augenärztlich oder neurologisch abklären. Bei Atemnot oder Schluckstörung ist es ein Notfall.
Ab wann muss ein Kind mit hängendem Lid operiert werden?
Verdeckt das Lid die Pupille oder besteht schon eine Schwachsichtigkeit oder Kopfzwangshaltung, wird früh operiert, auch im ersten Lebensjahr. Sonst warten viele Zentren bis zum Alter von etwa 3 bis 5 Jahren. Bis dahin sind regelmäßige Kontrollen wichtig. Eine Schwachsichtigkeit wird zusätzlich mit Pflaster oder Brille behandelt.
Zahlt die Krankenkasse eine Ptosis-OP?
In Deutschland und Österreich zahlt die Krankenkasse in der Regel, wenn die Operation medizinisch nötig ist. Bei Erwachsenen wird das meist mit einer Gesichtsfeldmessung belegt, die zeigt, dass das Lid das Sehen nach oben einschränkt. Bei Kindern genügt meist die Gefahr einer Schwachsichtigkeit. Rein ästhetische Eingriffe müssen Sie selbst bezahlen; klären Sie die Kostenübernahme vorab.
Können Kontaktlinsen ein hängendes Lid verursachen?
Ja, langes Tragen von Kontaktlinsen, vor allem harter Linsen, gilt als Risikofaktor für eine Dehnung der Lidsehne. Vermutet wird, dass das Ziehen am Lid beim Einsetzen und Herausnehmen sowie die Reibung der Linse dazu beitragen. Wie groß das Risiko genau ist, ist nicht sicher bekannt. Gehen Sie schonend mit dem Lid um.
Wie lange dauert die Heilung nach einer Lidoperation?
Schwellung und Blutergüsse gehen meist in ein bis zwei Wochen zurück; nach etwa zehn Tagen sind die meisten wieder gesellschaftsfähig. Das endgültige Ergebnis zeigt sich nach etwa sechs Monaten. In den ersten Tagen schließt das Lid oft nicht ganz, deshalb sind Tränenersatz und Salbe wichtig. Nach einer Stirnaufhängung kann der vollständige Lidschluss im Schlaf Monate dauern.
Gibt es Tropfen gegen ein hängendes Lid?
Ja, in den USA sind Tropfen mit Oxymetazolin zugelassen, die das Lid bei manchen Erwachsenen für einige Stunden leicht anheben. Sie müssen täglich genommen werden und helfen nicht bei Nervenlähmung oder Verletzung. In Deutschland und Österreich sind sie keine Standardbehandlung. Eine dauerhafte Korrektur gelingt nur mit einer Operation.
Kann das Lid nach einer Ptosis-OP wieder absinken?
Ja, das Lid kann mit den Jahren erneut absinken, und manche Menschen brauchen mehr als eine Operation. Nach Angaben der französischen Augenärztegesellschaft wird in etwa 10 bis 15 Prozent nachoperiert. Bei angeborener Ptosis ist eine zweite Operation nach Jahren besonders häufig. Kleine Seitenunterschiede bleiben oft bestehen.
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Quellen
Dieser Artikel wurde aus Fachquellen in 5 Sprachen recherchiert (Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch, pt) und auf Deutsch zusammengefasst.
Alle 24 Quellen anzeigen
- Ptosis am Oberlid – augenklinik.de (DE)
- Ptosis (Glossar) – gesund.bund.de, Bundesministerium für Gesundheit (DE)
- Ptosis (hängendes Augenlid) – apotheken.de (DE)
- Ptosis – DocCheck Flexikon (DE)
- Okulomotoriusparese – DocCheck Flexikon (DE)
- Störungen des III. Hirnnerven (N. oculomotorius) – MSD Manual, Ausgabe für medizinische Fachkreise (DE)
- Schmerzhafte Nervus-oculomotorius-Parese – Deutsches Ärzteblatt 2018 (DE)
- Ptosis – Dr. Gumpert (DE)
- Behandlung der Ptosis – Dr. Gumpert (DE)
- Blepharoptosis – EyeWiki, American Academy of Ophthalmology (EN)
- What Is Ptosis? – American Academy of Ophthalmology (EN)
- Congenital Blepharoptosis (Ptosis) – EyeWiki, American Academy of Ophthalmology (EN)
- Myasthenia Gravis – EyeWiki, American Academy of Ophthalmology (EN)
- Horner Syndrome – EyeWiki, American Academy of Ophthalmology (EN)
- Dermatochalasis – EyeWiki, American Academy of Ophthalmology (EN)
- Amblyopia – EyeWiki, American Academy of Ophthalmology (EN)
- Fiche d’information n°31 : Chirurgie du ptosis – Société Française d’Ophtalmologie (SFO) und SNOF (FR)
- Malposición palpebral: ptosis. Clasificación y patogenia (Libro para la formación de los residentes, Párpados) – Sociedad Española de Oftalmología (SEO) (ES)
- Miastenia gravis ocular: causa poco común de ptosis palpebral – Acta Pediátrica Española 2019 (ES)
- Párpado caído (ptosis), Patientenbroschüre – North American Neuro-Ophthalmology Society (NANOS) (ES)
- Ptosis palpebral bilateral: ¿Cuándo sospechar causa vascular? – Neurología 2022, Sociedad Española de Neurología (ES)
- Ptosis palpebral (caída del párpado) – KidsHealth, Children's Hospital of Wisconsin (ES)
- Corrección quirúrgica de ptosis palpebral en el Instituto Nacional de Neurología y Neurocirugía – Universidad Nacional Autónoma de México (UNAM), 2015 (ES)
- Ptose Congénita: da Clínica ao Tratamento – Sociedade Portuguesa de Oftalmologia, Oftalmologia 2014 (PT)
Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche Beratung. Wenn Sie Beschwerden haben, lassen Sie sich von einer Augenärztin oder einem Augenarzt untersuchen. Mehr zum Haftungsausschluss