Diabetische Retinopathie (Retinopathia diabetica)
Die diabetische Retinopathie ist eine Schädigung der feinen Blutgefäße der Netzhaut durch Diabetes, oft zusammen mit einer Schwellung der Stelle des schärfsten Sehens (diabetisches Makulaödem). Sie verläuft lange ohne Beschwerden, gehört zu den häufigsten Ursachen für Sehverlust im Erwerbsalter Durch regelmäßige Augenkontrollen und rechtzeitige Behandlung lässt sich ihr Fortschreiten oft bremsen und ein schwerer Sehverlust meist verhindern.
1 Kurzübersicht
Die diabetische Retinopathie ist eine Erkrankung der kleinsten Blutgefäße der Netzhaut, ausgelöst durch einen über Jahre erhöhten Blutzucker. Die Netzhaut (Retina) ist die lichtempfindliche Schicht an der Innenseite des Augapfels. Sie wandelt Licht in Nervensignale um und braucht dafür besonders viel Sauerstoff. Werden ihre feinen Gefäße undicht oder verschließen sie sich, leidet das Sehen.
Fachleute unterscheiden zwei Gruppen von Schäden. Die eigentliche Retinopathie betrifft das Gefäßnetz der ganzen Netzhaut; sie verläuft in Stufen von der nicht-proliferativen zur proliferativen Form, bei der krankhafte neue Gefäße wachsen. Die diabetische Makulopathie, meist als diabetisches Makulaödem, betrifft die Makula, die kleine Stelle des schärfsten Sehens. Sie kann in jedem Stadium auftreten und ist die häufigste Ursache für Sehverlust bei Diabetes.
Das Tückische: Die Erkrankung schmerzt nicht und bleibt oft jahrelang unbemerkt. Selbst eine fortgeschrittene Schädigung kann ohne Sehstörung bestehen. Deshalb sehen die Leitlinien in Deutschland und Österreich regelmäßige Augenuntersuchungen auch ohne Beschwerden vor.
Heilbar ist die diabetische Retinopathie nicht. Gut behandelbar ist sie aber: Eine gute Einstellung von Blutzucker und Blutdruck bremst den Verlauf, Spritzen ins Auge, Laser und Operationen können das Sehen erhalten und teils verbessern. Je früher sie erkannt wird, desto besser sind die Aussichten.
2 Symptome
In diesem Kapitel (12)
- Merkt man eine diabetische Retinopathie am Anfang?
- Welche Beschwerden treten bei einem Makulaödem auf?
- Was bedeuten plötzliche schwarze Punkte oder „Rußregen“?
- Woran erkennt man eine Netzhautablösung bei Diabetes?
- Warum kann ein Auge bei Diabetes schmerzen und rot werden?
- Warum schwankt das Sehen bei Diabetes?
- Welche Beschwerden gibt es noch?
- Sind beide Augen betroffen?
- Wie unterscheiden sich die Beschwerden nach Stadium?
- Was bemerken Angehörige?
- Gibt es Besonderheiten bei Kindern, Jugendlichen und älteren Menschen?
- Bedeuten diese Beschwerden immer eine diabetische Retinopathie?
Merkt man eine diabetische Retinopathie am Anfang?
Nein, in den frühen Stadien bemerken die meisten Betroffenen gar nichts. Es gibt keine Schmerzen, keine Rötung, und die Sehschärfe ist oft völlig normal. Das liegt daran, dass die ersten Veränderungen meist außerhalb der Makula liegen, also nicht an der Stelle, mit der wir lesen und Gesichter erkennen.
Diese stumme Phase kann viele Jahre dauern. Die Quellen aus allen Ländern betonen: Auch eine weit fortgeschrittene Retinopathie, sogar die proliferative Form kurz vor einer Blutung, kann ohne jede Sehstörung bestehen. Beschwerden und Schweregrad hängen nur locker zusammen.
Ein einfacher Sehtest beim Optiker oder in der Hausarztpraxis kann eine diabetische Retinopathie deshalb weder finden noch ausschließen. Nur der Blick auf die Netzhaut bei erweiterter Pupille oder ein Netzhautfoto zeigt, ob Schäden vorhanden sind.
Welche Beschwerden treten bei einem Makulaödem auf?
Bei einem diabetischen Makulaödem wird vor allem das zentrale Sehen unscharf, oft langsam über Wochen bis Monate. Flüssigkeit aus undichten Gefäßen lässt die Makula anschwellen, ähnlich wie ein nasser Fleck auf Papier, der sich wellt. Das Randsehen bleibt dabei erhalten.
- Verschwommenes Sehen in der Mitte: Buchstaben, Zahlen auf dem Handy oder Gesichter werden unscharf, obwohl man den Raum ringsum gut erkennt.
- Verzerrtes Sehen (Metamorphopsie): Gerade Linien wie Türrahmen, Fliesenfugen oder Zeilen wirken gewellt oder geknickt. Buchstaben scheinen in der Zeile zu tanzen.
- Leseschwierigkeiten: Kleine Schrift lässt sich schlechter lesen, man braucht mehr Licht oder hält Texte näher an die Augen. Im Verlauf kann die Lesefähigkeit verloren gehen.
- Grauer oder dunkler Fleck in der Mitte (zentrales Skotom): Ein Teil dessen, was man direkt ansieht, fehlt oder ist verschleiert.
- Blassere Farben und weniger Kontrast: Farben wirken ausgewaschen, feine Abstufungen werden schwerer erkennbar.
Typisch ist, dass eine neue Brille hier nicht hilft. Eine Sehverschlechterung, die sich mit Gläsern nicht ausgleichen lässt, sollte bei Diabetes immer augenärztlich abgeklärt werden.
Was bedeuten plötzliche schwarze Punkte oder „Rußregen“?
Plötzlich auftretende schwarze Punkte, Schlieren oder ein „Rußregen“ deuten bei Diabetes auf eine Blutung in den Glaskörper hin. Der Glaskörper ist die klare, gelartige Masse, die das Augeninnere ausfüllt. Bei der proliferativen Retinopathie wachsen brüchige neue Gefäße in ihn hinein und können reißen.
Wie sich eine Glaskörperblutung anfühlt, hängt von der Blutmenge ab:
- Kleine Blutung: einzelne dunkle Flocken, Fäden oder „Spinnweben“, die bei Augenbewegungen mitwandern (oft als „Mouches volantes“ oder „fliegende Mücken“ beschrieben).
- Mittlere Blutung: viele dunkle Punkte wie ein Schwarm, ein schlieriger Schleier oder ein rötlicher Schimmer vor dem Auge.
- Dichte Blutung: plötzlich nur noch Hell und Dunkel, im Extremfall ein Sehen wie bei praktischer Erblindung auf diesem Auge.
Eine solche Blutung ist schmerzlos. Manche Betroffene bemerken sie erst morgens beim Aufwachen. Ein Teil des Blutes kann sich über Wochen bis Monate auflösen; die Ursache, also die krankhaften Gefäße, bleibt aber bestehen und muss behandelt werden.
Woran erkennt man eine Netzhautablösung bei Diabetes?
Ein Schatten oder „dunkler Vorhang“, der sich von einer Seite ins Gesichtsfeld schiebt, ist das wichtigste Zeichen einer Netzhautablösung. Bei der proliferativen Retinopathie entsteht Narbengewebe, das sich zusammenzieht und an der Netzhaut zieht wie ein Zugseil. Fachleute sprechen von einer traktiven Netzhautablösung.
Diese Form entwickelt sich oft langsamer als eine Ablösung durch ein Netzhautloch. Begleitend können Lichtblitze auftreten, also kurze helle Funken oder Bögen ohne äußere Lichtquelle. Liegt die Ablösung in der Mitte, sinkt die Sehschärfe stark; liegt sie am Rand, fällt zuerst ein Teil des seitlichen Gesichtsfelds aus. Mehr dazu lesen Sie im Artikel zur Netzhautablösung.
Warum kann ein Auge bei Diabetes schmerzen und rot werden?
Ein schmerzhaftes, gerötetes Auge mit schlechterem Sehen kann bei fortgeschrittener Retinopathie auf ein neovaskuläres Glaukom hinweisen. Dabei wachsen neue Gefäße auch auf der Regenbogenhaut (Rubeosis iridis) und im Kammerwinkel. Sie verlegen den Abfluss des Kammerwassers, der Augendruck steigt stark an.
Typisch sind dumpfe bis heftige Augenschmerzen, oft mit Kopfschmerzen, ein rotes Auge, verschwommenes Sehen und manchmal Lichtempfindlichkeit. Diese Form des Grünen Stars ist schwer zu behandeln und gehört sofort in augenärztliche Hände. Allgemeine Informationen zum erhöhten Augendruck finden Sie unter Grüner Star.
Warum schwankt das Sehen bei Diabetes?
Ein Sehen, das von Tag zu Tag oder sogar innerhalb eines Tages zwischen scharf und unscharf wechselt, hat bei Diabetes oft mit dem Blutzucker zu tun und nicht mit der Netzhaut. Stark schwankende Zuckerwerte verändern den Wassergehalt der Augenlinse und damit ihre Brechkraft. Die Brille passt dann mal besser, mal schlechter.
Besonders häufig ist das bei schlecht eingestelltem Diabetes und in den ersten Wochen nach Beginn einer Insulintherapie. Eine neue Brille sollte deshalb erst angepasst werden, wenn der Blutzucker mindestens etwa eine Woche stabil ist, und möglichst in Kenntnis des Netzhautbefunds. Wechselndes Sehen kann allerdings auch durch ein beginnendes Makulaödem entstehen; die Unterscheidung gelingt nur bei der Untersuchung.
Welche Beschwerden gibt es noch?
Weitere mögliche Zeichen sind schlechteres Sehen in der Dämmerung, blinde Flecken, ein fleckiges Bild, ein eingeengtes Gesichtsfeld und Störungen des Farbensehens. Im Einzelnen:
- Schlechteres Sehen in der Dämmerung und nachts: Augen brauchen länger, um sich an Dunkelheit zu gewöhnen. Das kann durch die Erkrankung selbst entstehen, häufiger ist es aber eine Folge einer großflächigen Laserbehandlung.
- Blinde Flecken (Skotome): kleine Ausfälle, die oft erst bei der Untersuchung auffallen, weil das Gehirn Lücken auffüllt und das andere Auge sie überdeckt.
- „Flickenteppich-Sehen“: Moorfields Eye Hospital beschreibt ein fleckiges Bild, bei dem einzelne Bereiche unscharf oder dunkel sind.
- Eingeengtes Gesichtsfeld: Man stößt öfter an Türrahmen oder übersieht Dinge am Rand, vor allem nach Laserbehandlung oder bei Netzhautablösung.
- Zeitweise Probleme beim Lesen oder Fernsehen, die kommen und gehen. Auch vorübergehende Beschwerden sollten bei Diabetes angesprochen werden.
- Störungen des Farbensehens, etwa bei Blau- und Gelbtönen.
Sind beide Augen betroffen?
Meist ja, denn der Diabetes wirkt auf beide Augen gleichzeitig, die Schäden sind aber oft unterschiedlich stark. Ein Auge kann bereits eine Blutung haben, während das andere nur leichte Veränderungen zeigt. Deshalb werden bei jeder Kontrolle immer beide Augen untersucht.
Diese Ungleichheit ist ein Grund, warum Beschwerden lange unbemerkt bleiben: Das bessere Auge gleicht das schlechtere im Alltag aus. Ein einfacher Selbsttest hilft, dies aufzudecken: Halten Sie abwechselnd ein Auge zu und betrachten Sie eine Zeile Text oder eine gerade Kante. Fällt ein Unterschied auf, sollten Sie das bei der nächsten Kontrolle erwähnen oder früher einen Termin vereinbaren.
Wie unterscheiden sich die Beschwerden nach Stadium?
Die Beschwerden hängen weniger vom Stadium als davon ab, ob die Makula oder der Glaskörper betroffen ist. Die folgende Übersicht zeigt typische Zusammenhänge:
| Veränderung | Typische Beschwerden |
|---|---|
| Leichte bis mäßige nicht-proliferative Retinopathie | meist keine |
| Schwere nicht-proliferative Retinopathie | oft keine; manchmal leicht schwankendes Sehen |
| Diabetisches Makulaödem | unscharfes und verzerrtes Sehen in der Mitte, Leseprobleme, blasse Farben |
| Ischämische Makulopathie (Durchblutungsmangel der Makula) | dauerhaft schlechtere Sehschärfe, dunkle Bereiche in der Mitte |
| Proliferative Retinopathie ohne Blutung | oft keine |
| Glaskörperblutung | plötzliche Punkte, Schlieren, Rußregen bis starker Sehverlust, schmerzlos |
| Traktive Netzhautablösung | Schatten oder Vorhang, Lichtblitze, Gesichtsfeldausfall |
| Neovaskuläres Glaukom | Schmerzen, rotes Auge, verschwommenes Sehen |
Was bemerken Angehörige?
Angehörige fallen oft Veränderungen im Alltag auf, bevor Betroffene selbst von einer Sehstörung sprechen. Die Fachquellen beschreiben vor allem Leseprobleme und Schwierigkeiten bei Dämmerung; daraus ergeben sich Beobachtungen wie diese:
- Zeitung, Bücher oder Beipackzettel werden beiseitegelegt, Briefe sollen vorgelesen werden.
- Das Handy wird näher ans Gesicht gehalten oder die Schrift stark vergrößert.
- Die Person greift daneben, stolpert in der Dämmerung oder auf Treppen, meidet Autofahrten bei Nacht.
- Beim Fernsehen wird näher an den Bildschirm gerückt.
- Blutzuckerwerte auf dem Messgerät oder Insulineinheiten am Pen werden schlechter abgelesen. Das ist besonders wichtig, weil Fehler bei der Dosierung gefährlich sein können.
Wenn Ihnen so etwas bei einem Menschen mit Diabetes auffällt, sprechen Sie es behutsam an und ermutigen Sie zu einer augenärztlichen Kontrolle.
Gibt es Besonderheiten bei Kindern, Jugendlichen und älteren Menschen?
Bei Kindern vor der Pubertät ist eine diabetische Retinopathie sehr selten, deshalb beginnen die Kontrollen bei Typ-1-Diabetes in Deutschland erst ab dem 11. Lebensjahr oder fünf Jahre nach Diabetesbeginn. In der Pubertät steigt das Risiko jedoch deutlich, weil die hormonelle Umstellung die Blutzuckereinstellung erschwert. Französische und spanische Fachquellen weisen darauf hin, dass sich die Retinopathie bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit Typ 1 rasch entwickeln kann.
Kinder und Jugendliche klagen selten von sich aus über Sehprobleme. Eine Retinopathie macht in diesem Alter fast nie Beschwerden, deshalb sind die regelmäßigen Kontrollen so wichtig. Schlechtere Schulleistungen, Kopfschmerzen beim Lesen oder Zusammenkneifen der Augen an der Tafel sprechen eher für eine Fehlsichtigkeit; augenärztlich abklären lassen sollte man sie trotzdem.
Bei älteren Menschen mit Typ-2-Diabetes überlagern sich die Beschwerden oft mit anderen Augenerkrankungen: Diabetes macht einen Grauen Star zwei- bis fünfmal wahrscheinlicher und tritt häufiger zusammen mit einem Glaukom auf. Ein nachlassendes Sehen wird dann leicht der Linsentrübung oder dem Alter zugeschrieben, obwohl ein Makulaödem dahinterstecken kann. Auch eine altersabhängige Makuladegeneration kann ähnliche Beschwerden machen. Nur die Untersuchung klärt, was die Ursache ist.
Bedeuten diese Beschwerden immer eine diabetische Retinopathie?
Nein, viele der genannten Beschwerden haben auch andere Ursachen, sollten bei Diabetes aber immer abgeklärt werden. Einzelne „Mouches volantes“ sind zum Beispiel häufig harmlose Glaskörpertrübungen. Verzerrtes Sehen kann von einer Makuladegeneration oder einer epiretinalen Gliose stammen, plötzlicher Sehverlust auch von einem Gefäßverschluss. Wichtig ist: Neue oder sich verändernde Beschwerden sind bei Diabetes nie ein Grund zum Abwarten bis zur nächsten Routinekontrolle.
3 Ursachen und Risikofaktoren
In diesem Kapitel (9)
- Wie schädigt Diabetes die Netzhaut?
- Warum wachsen bei Diabetes neue Gefäße im Auge?
- Welche Stadien gibt es?
- Wie häufig ist die diabetische Retinopathie?
- Welche Risikofaktoren lassen sich beeinflussen?
- Welche Risikofaktoren lassen sich nicht beeinflussen?
- Kann eine schnelle Senkung des Blutzuckers schaden?
- Welche Rolle spielen Schwangerschaft und Kataraktoperation?
- Ist die diabetische Retinopathie ein Warnzeichen für den ganzen Körper?
Wie schädigt Diabetes die Netzhaut?
Ein über Jahre erhöhter oder stark schwankender Blutzucker schädigt die Wände der feinsten Netzhautgefäße, der Kapillaren. Zucker verbindet sich mit Eiweißen in der Gefäßwand, es entstehen Entzündung und oxidativer Stress. Die Basalmembran der Kapillaren verdickt sich, und die Perizyten, Stützzellen, die die Kapillaren stabilisieren, gehen zugrunde.
Daraus entstehen zwei Wege der Schädigung:
- Undichte Gefäße: Die geschwächten Wände lassen erst Flüssigkeit, später Blutbestandteile durch. Es bilden sich kleine Aussackungen (Mikroaneurysmen), Punktblutungen und gelbliche Fett- und Eiweißablagerungen (harte Exsudate). Sammelt sich Flüssigkeit in der Makula, entsteht das Makulaödem.
- Verschlossene Gefäße: Kapillaren verstopfen, Teile der Netzhaut werden nicht mehr versorgt. Diesen Sauerstoffmangel nennt man Ischämie.
Warum wachsen bei Diabetes neue Gefäße im Auge?
Die Netzhaut reagiert auf Sauerstoffmangel mit einem Notsignal: Sie schüttet den Botenstoff VEGF (vaskulärer endothelialer Wachstumsfaktor) aus. VEGF soll neue Gefäße wachsen lassen, die den Mangel ausgleichen. Diese Gefäße sind aber unreif und brüchig. Sie wachsen nicht in, sondern auf der Netzhaut und in den Glaskörper hinein, bluten leicht und werden von Bindegewebe begleitet.
Das Bindegewebe schrumpft mit der Zeit narbig und zieht an der Netzhaut. So entstehen die schweren Folgen der proliferativen Retinopathie: Glaskörperblutung, Netzhautablösung und, wenn neue Gefäße die Regenbogenhaut erreichen, das neovaskuläre Glaukom. VEGF macht zugleich die Gefäße durchlässiger und verstärkt das Makulaödem. Genau hier setzen die Anti-VEGF-Spritzen an.
Welche Stadien gibt es?
Die diabetische Retinopathie wird in eine nicht-proliferative und eine proliferative Form eingeteilt, das Makulaödem wird getrennt beurteilt. Deutschland nutzt wie Spanien und die USA im Kern die internationale Einteilung:
| Stadium | Was man an der Netzhaut sieht |
|---|---|
| Keine Retinopathie | keine Veränderungen |
| Milde nicht-proliferative Retinopathie | nur Mikroaneurysmen |
| Mäßige nicht-proliferative Retinopathie | zusätzlich einzelne Blutungen, harte Exsudate, Cotton-wool-Herde (kleine weißliche Flecken durch Gefäßverschluss), perlschnurartige Venen |
| Schwere nicht-proliferative Retinopathie | „4-2-1-Regel“: mehr als 20 Blutungen in jedem der 4 Quadranten oder perlschnurartige Venen in 2 Quadranten oder krankhafte Kapillarveränderungen (IRMA) in 1 Quadranten |
| Proliferative Retinopathie | neue Gefäße an der Papille (Sehnervenkopf) oder anderswo auf der Netzhaut, eventuell Glaskörperblutung |
In älteren Einteilungen und in Großbritannien spricht man auch von „Hintergrundretinopathie“ und „präproliferativer Retinopathie“. Beim Makulaödem unterscheidet man, ob das Zentrum der Makula beteiligt ist oder nicht. Eine Sonderform ist die ischämische Makulopathie, bei der das Kapillarnetz rund um die Stelle des schärfsten Sehens verschlossen ist.
Wie häufig ist die diabetische Retinopathie?
In Deutschland haben laut Deutscher Diabetes Gesellschaft etwa 24–27 % der Menschen mit Typ-1-Diabetes eine Retinopathie, ein klinisch bedeutsames Makulaödem bis zu 10 %. Bei Typ-2-Diabetes liegen die Zahlen bei 9–16 %; schon bei der Diagnose des Diabetes haben 2–16 % Netzhautveränderungen, weil der Typ-2-Diabetes oft jahrelang unbemerkt bleibt.
Die österreichische Patientenbroschüre des Sozialministeriums (2018) nennt höhere Werte: Jeder dritte Mensch mit Diabetes entwickle Netzhautveränderungen, nach längerer Krankheitsdauer neun von zehn mit Typ 1 und mehr als die Hälfte mit Typ 2. Die Zahlen widersprechen sich nicht grundsätzlich: Sie beziehen sich auf unterschiedliche Zeiträume. Die US-amerikanische Wisconsin-Studie fand nach 20 Jahren Diabetes bei fast allen Menschen mit Typ 1 und bei etwa 60 % mit Typ 2 irgendeine Form der Retinopathie.
Weltweit hat nach einer großen Auswertung von 2021 etwa jeder fünfte Mensch mit Diabetes eine Retinopathie (22 %), rund 6 % eine sehbedrohende Form. In Österreich erblinden nach Angaben des Ministeriums jedes Jahr rund 200 Menschen an den Folgen. In Industrieländern ist die diabetische Retinopathie eine der häufigsten Ursachen für Erblindung im erwerbsfähigen Alter.
Welche Risikofaktoren lassen sich beeinflussen?
Die wichtigsten beeinflussbaren Risikofaktoren sind ein hoher Blutzucker und ein hoher Blutdruck. Dazu kommen:
- stark schwankende Blutzuckerwerte
- erhöhte Blutfette (Cholesterin, Triglyzeride)
- Rauchen, besonders bei Typ-1-Diabetes
- Übergewicht und Bewegungsmangel
- eine diabetische Nierenerkrankung (Eiweiß im Urin), die oft mit der Retinopathie einhergeht
In Deutschland gelten bei der Risikoeinschätzung ein HbA1c über 7,5 %, ein Blutdruck über 140/85 mmHg und Gefäßschäden besonders an den Nieren als Hinweise auf ein erhöhtes Risiko. Spanische Fachquellen nennen zusätzlich Blutarmut und Schilddrüsenunterfunktion.
Welche Risikofaktoren lassen sich nicht beeinflussen?
Der stärkste nicht beeinflussbare Faktor ist die Diabetesdauer: Je länger der Diabetes besteht, desto wahrscheinlicher wird eine Retinopathie. Weitere Faktoren sind das Alter, die Pubertät, bei Typ 1 etwas häufiger das männliche Geschlecht und eine Schwangerschaft bei bestehendem Diabetes. Laut DDG-Praxisempfehlung ist eine bereits vorhandene milde Retinopathie der mit Abstand stärkste Hinweis auf ein weiteres Fortschreiten, stärker als HbA1c, Blutdruck oder Cholesterin.
Wichtig zu wissen: Auch bei gut eingestelltem Diabetes kann eine Retinopathie entstehen. Sie ist also kein Beweis dafür, dass jemand „etwas falsch gemacht“ hat.
Kann eine schnelle Senkung des Blutzuckers schaden?
Ja, selten verschlechtert sich eine bestehende Retinopathie vorübergehend, wenn der Blutzucker sehr rasch und deutlich sinkt. Fachleute nennen das Frühverschlechterung („early worsening“). Sie kann auftreten nach Beginn einer intensiveren Insulintherapie oder Insulinpumpe, unter GLP-1-Rezeptoragonisten (moderne Diabetes- und Abnehmmedikamente) oder nach einer Magenoperation zur Gewichtsabnahme.
Laut DDG betrifft das weniger als 5 %, meist in den ersten 12 Monaten, häufiger bei Diabetesdauer über 10 Jahre und HbA1c über 10 %. Der wichtigste Faktor ist eine schon vorhandene Retinopathie. Langfristig überwiegt der Nutzen der besseren Einstellung klar. Deshalb gilt: nicht auf die Verbesserung verzichten, sondern die Augen vor der Umstellung und kurz danach kontrollieren lassen. Französische Empfehlungen sehen in dieser Lage Kontrollen alle drei Monate über ein Jahr vor.
Welche Rolle spielen Schwangerschaft und Kataraktoperation?
Eine Schwangerschaft ist ein eigener Risikofaktor dafür, dass eine Retinopathie entsteht oder fortschreitet, vor allem im ersten und zweiten Schwangerschaftsdrittel. Hoher Blutdruck, eine zu rasche Blutzuckersenkung und ein schon fortgeschrittenes Stadium verstärken das Risiko. Auch nach einer Operation des Grauen Stars empfehlen französische Leitlinien im Folgejahr eine engere Kontrolle, weil sich ein Makulaödem verschlechtern kann.
Ist die diabetische Retinopathie ein Warnzeichen für den ganzen Körper?
Ja, an der Netzhaut lassen sich kleinste Blutgefäße ohne Eingriff direkt betrachten. Was dort zu sehen ist, spiegelt den Zustand der Gefäße im ganzen Körper wider. Die DDG wertet die Retinopathie bei Typ-2-Diabetes als Hinweis auf ein sehr hohes Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall und empfiehlt bei einem Makulaödem, auch die Nieren zu untersuchen.
4 Diagnose
In diesem Kapitel (9)
- Wer stellt die Diagnose?
- Wie läuft die Augenuntersuchung ab?
- Darf ich nach der Pupillenerweiterung Auto fahren?
- Was ist eine OCT und wann ist sie nötig?
- Bezahlt die Krankenkasse die OCT?
- Wozu dient eine Fluoreszenzangiografie?
- Welche weiteren Untersuchungen gibt es?
- Wie funktionieren Screening-Programme in anderen Ländern?
- Was kann man mit der diabetischen Retinopathie verwechseln?
Wer stellt die Diagnose?
Die Diagnose stellt die Augenärztin oder der Augenarzt durch einen Blick auf die Netzhaut bei erweiterter Pupille. In Deutschland arbeiten Hausarzt- oder Diabetespraxis und Augenarztpraxis dabei eng zusammen: Es gibt eigene Dokumentationsbögen, auf denen Diabetesdauer, HbA1c, Blutdruck und Nierenwerte an die Augenpraxis gehen und der Netzhautbefund zurück. Bringen Sie aktuelle Laborwerte und Ihre Medikamentenliste mit und nehmen Sie eine Kopie des Befunds mit nach Hause.
Wie läuft die Augenuntersuchung ab?
Die Untersuchung dauert mit Wartezeit meist 30 bis 60 Minuten und ist schmerzlos. Typische Schritte sind:
- Gespräch: Fragen zu Diabetestyp und -dauer, Blutzucker, Blutdruck, Nieren, Medikamenten, Schwangerschaft und Sehbeschwerden.
- Sehschärfe: Lesen von Zeichen auf einer Sehtafel, jedes Auge einzeln.
- Spaltlampe: Ein Mikroskop mit Lichtspalt zeigt Hornhaut, Regenbogenhaut und Linse. Bei fortgeschrittener Erkrankung wird gezielt nach neuen Gefäßen auf der Iris gesucht.
- Augendruckmessung: vor allem bei fortgeschrittener Retinopathie, weil neue Gefäße im Kammerwinkel den Druck erhöhen können.
- Pupillenerweiterung: Augentropfen weiten die Pupillen in 15 bis 30 Minuten. Sie können kurz brennen.
- Untersuchung des Augenhintergrunds: Mit einer Lupe an der Spaltlampe oder einem Augenspiegel wird die gesamte Netzhaut einschließlich Makula, Papille und Gefäßen beurteilt, immer an beiden Augen.
Darf ich nach der Pupillenerweiterung Auto fahren?
Nein, nach der Pupillenerweiterung dürfen Sie für etwa zwei bis vier Stunden nicht selbst fahren. Sie sehen in dieser Zeit verschwommen, besonders in der Nähe, und sind stark blendempfindlich. Die österreichische Patientenbroschüre weist ausdrücklich darauf hin, dass das Lenken eines Fahrzeugs mit erweiterter Pupille nicht erlaubt ist. Kommen Sie mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder in Begleitung und nehmen Sie eine Sonnenbrille mit.
Was ist eine OCT und wann ist sie nötig?
Die optische Kohärenztomografie (OCT) ist eine berührungsfreie Schichtaufnahme der Netzhaut mit Licht, ähnlich einem Ultraschall, aber viel feiner. Sie dauert wenige Minuten und zeigt, ob die Makula verdickt ist, wo Flüssigkeit liegt und wie stark das Ödem ist. Sie kann ein Makulaödem sogar erkennen, bevor es Beschwerden macht.
Die OCT ist heute unverzichtbar, um ein Makulaödem zu sichern, die Behandlung zu planen und den Erfolg von Spritzen zu kontrollieren. Die DDG-Praxisempfehlung nennt sie bei behandlungsbedürftiger Makulopathie verpflichtend, sonst optional. Sie hilft auch zu klären, ob ein Makulaschaden überhaupt vom Diabetes kommt. Bestimmte Merkmale in der OCT, etwa zerstörte innere Netzhautschichten oder viele kleine helle Punkte, geben Hinweise auf die Prognose.
Bezahlt die Krankenkasse die OCT?
Das hängt vom Land und vom Anlass ab und sollte vorab geklärt werden. Die deutsche Patientenleitlinie von 2016 und die Broschüre der Augenärzteverbände beschrieben die OCT damals als Selbstzahlerleistung (IGeL). Das hat sich geändert: Seit einem Beschluss des Gemeinsamen Bundesausschusses vom Dezember 2018 zahlt die gesetzliche Krankenversicherung die OCT, wenn ein diabetisches Makulaödem festgestellt ist und die Augenärztin oder der Augenarzt damit die Spritzenbehandlung plant und steuert. Für andere Anlässe, etwa eine OCT zur reinen Vorsorge ohne Makulaödem, kann sie weiterhin eine Selbstzahlerleistung sein; fragen Sie im Zweifel vorher in Ihrer Praxis nach. In Österreich übernimmt die gesetzliche Krankenversicherung notwendige und zweckmäßige Untersuchungen, teils mit Selbstbehalt.
Wozu dient eine Fluoreszenzangiografie?
Die Fluoreszenzangiografie macht die Durchblutung der Netzhaut sichtbar. Ein gelber Farbstoff wird in eine Armvene gespritzt; in den folgenden Minuten fotografiert eine Spezialkamera, wie er durch die Netzhautgefäße fließt. So erkennt man undichte Stellen, nicht durchblutete Bereiche und neue Gefäße, die man bei der normalen Untersuchung übersehen könnte.
Die Untersuchung ist nicht bei allen nötig. Sie wird gezielt eingesetzt, etwa vor einer Laserbehandlung, bei Verdacht auf eine ischämische Makulopathie oder bei unerklärtem Sehverlust. Haut und Urin können danach für einige Stunden gelblich gefärbt sein. Selten treten Übelkeit oder allergische Reaktionen auf; bekannte Allergien sollten Sie vorher angeben.
Welche weiteren Untersuchungen gibt es?
Ergänzend kommen Netzhautfotos, die OCT-Angiografie und bei dichter Blutung ein Ultraschall des Auges infrage.
- Netzhautfotos (Fundusfotografie): dokumentieren den Befund und erleichtern den Vergleich über die Jahre. Weitwinkelkameras erfassen bis zu 200 Grad der Netzhaut auf einem Bild.
- OCT-Angiografie: zeigt die feinen Gefäße ohne Farbstoff, erkennt aber keine Undichtigkeiten und erfasst vor allem das Zentrum.
- Ultraschall des Auges: wenn eine dichte Glaskörperblutung den Blick auf die Netzhaut verhindert. Er zeigt, ob die Netzhaut anliegt oder abgelöst ist.
Wie funktionieren Screening-Programme in anderen Ländern?
Viele Länder setzen auf Netzhautfotos, die von geschultem Personal aufgenommen und später ausgewertet werden. In Großbritannien werden alle Menschen mit Diabetes ab 12 Jahren zu einem Fotoscreening eingeladen; das Ergebnis kommt meist innerhalb von drei Wochen per Brief. In Frankreich dürfen Orthoptistinnen und Pflegekräfte Netzhautfotos machen, die Augenärzte aus der Ferne befunden. Auch in Spanien gibt es regionale Programme mit Telemedizin, teils mit Auswertung durch Hausärzte.
Erste Programme nutzen künstliche Intelligenz zur Auswertung; in einer Studie mit über 100.000 Untersuchungen erkannte ein solches System beginnende Veränderungen in etwa 91 % der Fälle und lag bei gesunden Augen ebenso oft richtig. Ein Netzhautfoto ersetzt aber nicht die vollständige augenärztliche Untersuchung. In Deutschland und Österreich erfolgt die Kontrolle in der Regel direkt in der Augenarztpraxis.
Was kann man mit der diabetischen Retinopathie verwechseln?
Ähnliche Netzhautveränderungen gibt es auch bei anderen Erkrankungen, etwa bei Bluthochdruck oder einem Venenverschluss der Netzhaut. Eine Glaskörperblutung kann außerdem durch eine Verletzung oder einen Netzhautriss entstehen. Ein Makulaödem kommt auch bei Entzündungen im Auge oder nach Operationen vor; die OCT hilft, die Ursache einzugrenzen, was für die Wahl des Medikaments wichtig ist.
5 Behandlung
In diesem Kapitel (13)
- Welche Behandlung kommt in welchem Stadium infrage?
- Warum ist die Einstellung von Blutzucker und Blutdruck so wichtig?
- Was sind Anti-VEGF-Spritzen und wie wirken sie?
- Wie läuft eine Spritze ins Auge ab?
- Wie oft braucht man Spritzen?
- Wie gut helfen die Spritzen und welche Risiken haben sie?
- Wann wird Kortison ins Auge gegeben?
- Wann wird gelasert und wie läuft das ab?
- Welche Nebenwirkungen hat der Laser?
- Laser oder Spritzen bei proliferativer Retinopathie?
- Wann ist eine Glaskörperoperation (Vitrektomie) nötig?
- Was hilft, wenn das Sehen dauerhaft schlechter bleibt?
- Wer bezahlt die Behandlung?
Welche Behandlung kommt in welchem Stadium infrage?
Die Behandlung richtet sich nach Stadium und danach, ob die Makula beteiligt ist. Die Übersicht folgt der deutschen Nationalen VersorgungsLeitlinie und der DDG-Praxisempfehlung; die Empfehlungen aus Österreich, Frankreich und Spanien gehen in dieselbe Richtung.
| Befund | Übliche Behandlung |
|---|---|
| Milde bis mäßige nicht-proliferative Retinopathie ohne Makulaödem | keine Augenbehandlung; Blutzucker, Blutdruck und Blutfette einstellen, regelmäßig kontrollieren |
| Schwere nicht-proliferative Retinopathie | engmaschige Kontrolle; bei Risiko Laser, in ausgewählten Fällen Spritzen |
| Proliferative Retinopathie | panretinale Laserkoagulation; alternativ oder zusätzlich Anti-VEGF-Spritzen |
| Makulaödem mit Beteiligung des Zentrums | Anti-VEGF-Spritzen als erste Wahl; bei unzureichender Wirkung Kortison-Implantat |
| Makulaödem ohne Beteiligung des Zentrums | engmaschige Kontrolle oder gezielter Laser |
| Anhaltende Glaskörperblutung, Netzhautablösung durch Narbenzug | Glaskörperoperation (Vitrektomie) |
Warum ist die Einstellung von Blutzucker und Blutdruck so wichtig?
Eine gute Einstellung von Blutzucker, Blutdruck und Blutfetten ist die Grundlage jeder Behandlung, weil sie die Ursache angeht. Große Studien haben gezeigt: Bei Typ-1-Diabetes senkte eine intensive Blutzuckerkontrolle das Neuauftreten einer Retinopathie um 76 % und ihr Fortschreiten um 54 % (DCCT-Studie). Bei Typ-2-Diabetes mit Bluthochdruck verringerte eine strengere Blutdruckkontrolle das Fortschreiten um rund ein Drittel (UKPDS). Ob eine noch weitergehende Senkung des Blutdrucks die Augen zusätzlich schützt, ist dagegen nicht belegt; die deutsche Patientenleitlinie sieht dafür keinen zusätzlichen Nutzen.
Die Zielwerte werden individuell mit der Hausärztin, dem Diabetologen oder der Diabetologin vereinbart. Häufig genannt werden ein HbA1c um 6,5 bis 7 % und ein Blutdruck um 130/80 mmHg; bei älteren Menschen und bei Neigung zu Unterzuckerungen sind höhere Werte sinnvoll. Die deutsche Patientenleitlinie weist darauf hin, dass eine sehr strenge Senkung mehr gefährliche Unterzuckerungen verursacht. Ist die Retinopathie schon da, wirkt eine bessere Einstellung schwächer auf das Auge, bleibt für Herz, Nieren und Nerven aber genauso wichtig.
Bei erhöhten Blutfetten wird manchmal Fenofibrat eingesetzt: In der ACCORD-Studie verlangsamte es zusätzlich zu einem Statin das Fortschreiten über vier Jahre um etwa 40 %, verglichen mit dem Statin allein. Ob es für Sie infrage kommt, entscheidet das Diabetesteam.
Was sind Anti-VEGF-Spritzen und wie wirken sie?
Anti-VEGF-Medikamente blockieren den Botenstoff VEGF, der Gefäße undicht macht und neue Gefäße wachsen lässt. Sie werden direkt in den Glaskörper gespritzt, die Fachbezeichnung ist intravitreale operative Medikamenteneingabe (IVOM). Beim Makulaödem mit Beteiligung des Zentrums sind sie heute in Deutschland, Österreich, Frankreich und Spanien die erste Wahl.
Zugelassen sind unter anderem die Wirkstoffe Ranibizumab, Aflibercept (auch in höherer Dosis), Brolucizumab und Faricimab; Faricimab hemmt zusätzlich den Botenstoff Angiopoietin-2. Bevacizumab ist für das Auge nicht zugelassen und wird „off label“ eingesetzt; laut deutscher Patientenleitlinie (Stand 2016) kann die Krankenkasse die Kosten bei begründeter Aussicht auf Erfolg übernehmen. In einer US-Vergleichsstudie wirkten die Mittel bei mäßigem Sehverlust ähnlich gut; bei deutlich schlechterem Ausgangssehen schnitt Aflibercept besser ab.
Wie läuft eine Spritze ins Auge ab?
Die Spritze ist ein kurzer ambulanter Eingriff unter sterilen Bedingungen, der meist nur wenige Minuten dauert. Das Auge wird mit Tropfen betäubt und mit einer jodhaltigen Lösung desinfiziert, ein Lidsperrer hält die Lider offen. Mit einer sehr feinen Nadel wird das Medikament seitlich durch die Lederhaut gespritzt. Die meisten Betroffenen spüren nur einen kurzen Druck.
Danach kann das Auge einige Tage kratzen oder etwas gerötet sein; ein kleiner roter Fleck auf dem Augenweiß ist harmlos. Manchmal sieht man kurz Bläschen oder Schlieren im Bild. Autofahren ist am Behandlungstag nicht möglich. Nehmen in den Tagen danach Schmerzen, Rötung oder Sehverschlechterung zu, melden Sie sich sofort in der Praxis oder Augenklinik: Das kann auf eine Infektion im Auge hinweisen.
Wie oft braucht man Spritzen?
Zu Beginn werden meist monatlich Spritzen gegeben, häufig drei bis sechs hintereinander, danach richten sich die Abstände nach dem Befund. Beim „Treat and Extend“-Schema werden die Abstände schrittweise verlängert, solange die Makula trocken bleibt. Beim Bedarfsschema wird nur bei erneuter Flüssigkeit gespritzt. Neuere Wirkstoffe erlauben bei manchen Betroffenen längere Abstände.
Die Behandlung dauert oft mehrere Jahre, kann aber bei stabiler Lage auch beendet werden. Regelmäßige Kontrollen mit OCT sind Voraussetzung. Wer Termine auslässt oder die Behandlung ohne Rücksprache abbricht, riskiert einen Rückfall und bleibenden Sehverlust. Zeigt sich nach mehreren Spritzen keine Besserung, wird die Behandlung umgestellt oder beendet.
Wie gut helfen die Spritzen und welche Risiken haben sie?
Anti-VEGF-Spritzen verbessern beim Makulaödem das Sehen deutlich häufiger als der frühere Standard, der Laser. Die deutsche Patientenleitlinie rechnet vor: Von 1.000 Behandelten sahen mit Spritzen 276 besser, mit Laser 77. Schlechter sahen 13 gegenüber 115. In Studien gewann über die Hälfte der monatlich Behandelten Sehschärfe hinzu; etwa 40 % sprechen allerdings nur mäßig an. Die DEGAM, die Fachgesellschaft der Hausärzte, empfiehlt die Spritzen in einem Sondervotum vor allem bei bereits spürbarem Sehverlust.
Schwere Nebenwirkungen sind selten. Am gefürchtetsten ist eine Infektion im Augeninneren, die Endophthalmitis; sie tritt in großen Serien etwa einmal pro 2.000 Spritzen auf. Eine Netzhautablösung kommt bei etwa 1 bis 3 von 1.000 Behandelten vor. Herzinfarkte und Schlaganfälle traten in den Studien nicht häufiger auf. Bei sehr gutem Sehen trotz Ödem muss nicht immer sofort gespritzt werden: Laut einer Studie (Protocol V) kann man dann zunächst engmaschig beobachten.
Wann wird Kortison ins Auge gegeben?
Kortison kommt infrage, wenn Anti-VEGF-Spritzen nicht ausreichend wirken, das Ödem lange besteht oder stark entzündlich geprägt ist. Meist wird ein winziges Implantat mit Dexamethason in den Glaskörper eingesetzt, das den Wirkstoff über drei bis vier Monate abgibt; seltener ein länger wirkendes Fluocinolon-Implantat. Für Menschen, die nicht monatlich in die Praxis kommen können, kann das ein Vorteil sein.
Die Nachteile sind bekannt: Laut deutscher Patientenleitlinie entwickelt etwa jeder Dritte einen Grauen Star, und bei etwa vier von zehn steigt der Augendruck so stark, dass drucksenkende Tropfen nötig werden. Der Augendruck wird daher nach jeder Kortisongabe kontrolliert. Bei bereits mit Kunstlinse operierten Augen fällt das Kataraktrisiko weg.
Wann wird gelasert und wie läuft das ab?
Die panretinale Laserkoagulation ist seit Jahrzehnten der Standard bei proliferativer Retinopathie. Der Laser setzt im Außenbereich der Netzhaut, je nach Befund oft über 1.000 kleine Herde, die Makula wird ausgespart. Die verödete Netzhaut braucht weniger Sauerstoff, es wird weniger VEGF gebildet, und die neuen Gefäße bilden sich zurück. Laut großen Studien kann der Laser bei Risikoformen schweren Sehverlust in mehr als der Hälfte der Fälle verhindern.
Die Behandlung erfolgt ambulant an einer Spaltlampe mit Kontaktglas und Tropfenbetäubung. Eine Sitzung dauert einige Minuten; meist sind zwei bis sechs Sitzungen nötig. Viele empfinden nur Blendung, manche ein Ziehen oder leichte Schmerzen. Danach sieht man oft ein bis zwei Tage verschwommen und ist lichtempfindlich: Kommen Sie mit Begleitung und Sonnenbrille.
Bei milder bis mäßiger Retinopathie soll nicht gelasert werden: Die deutsche Leitlinie schätzt, dass der Laser hier nur bei etwa 5 von 1.000 Menschen einen schweren Sehverlust verhindert, die Nebenwirkungen aber alle treffen.
Welche Nebenwirkungen hat der Laser?
Der Laser verbessert das Sehen selten, er soll eine weitere Verschlechterung verhindern. Weil Netzhaut am Rand gezielt zerstört wird, kommt es häufig zu schlechterem Sehen in Dämmerung und Dunkelheit und zu einem eingeengten Gesichtsfeld. Ein Makulaödem kann neu entstehen oder sich verschlechtern. Vorteil: Die Wirkung ist dauerhaft und schützt die Netzhaut auch dann, wenn später einmal Kontrollen ausfallen.
Beim Makulaödem ohne Beteiligung des Zentrums wird manchmal ein gezielter (fokaler) Laser oder ein schonender Mikropuls-Laser eingesetzt. Früher war der Gitterlaser die erste Wahl beim Ödem; heute ist er vor allem eine Ergänzung.
Laser oder Spritzen bei proliferativer Retinopathie?
Beides ist möglich, und die Wahl hängt stark davon ab, wie zuverlässig Kontrollen möglich sind. In der Studie Protocol S hielten Ranibizumab-Spritzen das Sehen über zwei Jahre mindestens so gut wie der Laser, mit weniger Gesichtsfeldverlust; nach fünf Jahren war kein deutlicher Unterschied mehr messbar. Spritzen wirken aber nur, solange sie gegeben werden: Werden Termine versäumt, können die neuen Gefäße rasch wieder wachsen.
Deshalb bleibt der Laser in Frankreich, Spanien und den USA der Bezugsstandard, besonders wenn regelmäßige Kontrollen unsicher sind. Häufig werden beide Verfahren kombiniert, etwa Spritzen vor dem Laser bei dichter Blutung oder vor einer Operation.
Wann ist eine Glaskörperoperation (Vitrektomie) nötig?
Eine Vitrektomie ist nötig, wenn eine Glaskörperblutung sich nicht von selbst auflöst, Narbenzug die Netzhaut ablöst oder die Makula verzieht. Bei dieser Operation entfernt die Chirurgin oder der Chirurg über drei winzige Zugänge den eingebluteten Glaskörper, schneidet Narbenmembranen ab und lasert die Netzhaut oft gleich mit. Das Auge wird mit Flüssigkeit, Gas oder Silikonöl aufgefüllt.
Der Eingriff erfolgt in örtlicher Betäubung oder Vollnarkose und sollte in spezialisierten Zentren stattfinden. Sind beide Augen betroffen, wird im Abstand von einigen Wochen operiert. Nach einer Glaskörperblutung bessert sich das Sehen häufig deutlich; sind Makula oder Sehnerv schon geschädigt, bleibt der Gewinn begrenzt.
Mögliche Komplikationen sind eine erneute Blutung, eine Netzhautablösung, eine Infektion und ein erhöhter Augendruck. Fast regelmäßig folgt ein Grauer Star: laut deutscher Patientenleitlinie bei acht von zehn Operierten innerhalb von fünf Jahren. Er lässt sich mit einer Kunstlinse gut behandeln.
Was hilft, wenn das Sehen dauerhaft schlechter bleibt?
Bei bleibender Sehminderung helfen vergrößernde Sehhilfen wie Lupen, Lupenbrillen, Bildschirmlesegeräte und Vorlesefunktionen auf Smartphones. Sie werden am besten angepasst, wenn Blutzucker und Sehen stabil sind. Ob und wie viel die Krankenkasse übernimmt, ist unterschiedlich geregelt; fragen Sie vorab nach. Begleitende Augenerkrankungen wie Grauer Star oder Glaukom werden mitbehandelt.
Wer bezahlt die Behandlung?
Laser, Spritzen und Operationen bei diabetischer Retinopathie sind in Deutschland und Österreich grundsätzlich Leistungen der gesetzlichen Krankenversicherung, wenn sie medizinisch notwendig sind. In Österreich können Selbstbehalte oder Kostenbeiträge anfallen. Einzelne Untersuchungen wie die OCT werden je nach Anlass unterschiedlich abgerechnet. Lassen Sie sich vor Beginn einer Behandlung erklären, was übernommen wird.
6 Verlauf und Prognose
In diesem Kapitel (5)
Wie verläuft die diabetische Retinopathie ohne Behandlung?
Ohne Behandlung schreitet die diabetische Retinopathie meist über Jahre fort und kann zu schwerem Sehverlust bis zur Erblindung führen. Wie schnell, hängt vor allem vom Stadium ab. Nach Daten der großen US-Studie ETDRS entwickeln Menschen mit schwerer nicht-proliferativer Retinopathie etwa die Hälfte innerhalb eines Jahres eine proliferative Form; nach fünf Jahren sind es drei Viertel oder mehr. Deshalb werden die Kontrollabstände mit zunehmendem Schweregrad kürzer.
Kann man trotz diabetischer Retinopathie gut sehen?
Ja, die meisten Menschen mit diabetischer Retinopathie behalten eine gute Sehkraft, wenn die Erkrankung rechtzeitig erkannt und behandelt wird. Völlige Erblindung ist selten: Die deutsche Patientenleitlinie nennt etwa 2 bis 3 von 1.000 Betroffenen im Krankheitsverlauf. Ein spanischer Fachartikel schätzt, dass sich Erblindung bei guter Kontrolle und Behandlung in mehr als 80 % der Fälle vermeiden ließe.
Lassen sich Schäden rückgängig machen?
Bereits entstandene Schäden lassen sich meist nicht rückgängig machen, ein Fortschreiten aber oft aufhalten. Ein Makulaödem kann sich unter Spritzen zurückbilden, und die Sehschärfe kann sich bessern. Hat das Ödem jedoch lange bestanden, gehen Sinneszellen der Makula zugrunde; dann bleibt ein Sehverlust, auch wenn die Flüssigkeit verschwunden ist. Auch Narben nach Laser und eine verschlossene Durchblutung der Makula (ischämische Makulopathie) sind dauerhaft.
Die Behandlung heilt den Diabetes am Auge nicht. Neue Ödeme oder Gefäße können auch nach Jahren auftreten. Lebenslange Kontrollen gehören deshalb dazu.
Welche Komplikationen können auftreten?
Die wichtigsten Komplikationen sind Glaskörperblutung, Netzhautablösung, neovaskuläres Glaukom und bleibende Schäden der Makula.
- Glaskörperblutung: plötzlicher, schmerzloser Sehverlust; oft gute Erholung nach Auflösung oder Operation.
- Traktive Netzhautablösung: Zug von Narbengewebe; braucht meist eine Operation.
- Neovaskuläres Glaukom: schmerzhafter Druckanstieg; schwer behandelbar, Risiko für bleibende Schäden am Sehnerv.
- Ischämische Makulopathie: Durchblutungsmangel der Makula; dafür gibt es bisher keine wirksame Behandlung.
- Makulaatrophie: Schwund von Netzhautgewebe nach lang bestehendem Ödem.
Daneben kommen bei Diabetes häufiger und früher ein Grauer Star, ein Offenwinkelglaukom, ein trockenes Auge und Lidrandentzündungen vor.
Wovon hängt die Prognose ab?
Die Aussichten sind umso besser, je früher die Erkrankung entdeckt und behandelt wird. Entscheidend sind das Stadium bei der Entdeckung, ob das Zentrum der Makula beteiligt ist, wie lange ein Ödem schon besteht und wie gut Blutzucker und Blutdruck eingestellt sind. Ebenso wichtig ist, dass Kontroll- und Spritzentermine zuverlässig eingehalten werden. Französische Fachautoren betonen, dass eine frühere Behandlung bessere Ergebnisse bringt, aber auch mehr Termine bedeutet.
Die deutsche Patientenleitlinie schätzt grob: Bei 3 bis 5 von 10 Betroffenen verhindert eine frühe Behandlung ein spürbares Fortschreiten; bei 5 bis 6 von 10 bringt die frühe Behandlung weder Vor- noch Nachteil; bei einem kleinen Teil verschlechtert die Behandlung das Sehen. Diese Zahlen helfen, Nutzen und Belastung gemeinsam abzuwägen.
7 Vorbeugung
In diesem Kapitel (7)
- Kann man einer diabetischen Retinopathie vorbeugen?
- Was kann ich im Alltag selbst tun?
- Wie oft sollte man in Deutschland zur Augenkontrolle?
- Wie oft sollte man in Österreich zur Augenkontrolle?
- Was gilt in der Schwangerschaft?
- Was muss ich beim Autofahren beachten?
- Wann brauche ich eine neue Brille?
Kann man einer diabetischen Retinopathie vorbeugen?
Ganz verhindern lässt sie sich nicht sicher, aber das Risiko und das Tempo lassen sich deutlich senken. Am wirksamsten sind eine möglichst gute, gleichmäßige Einstellung von Blutzucker und Blutdruck, gesunde Blutfette und regelmäßige Augenkontrollen. Der zweite Teil ist genauso wichtig wie der erste: Kontrollen verhindern die Erkrankung nicht, sorgen aber dafür, dass sie früh genug behandelt wird.
Was kann ich im Alltag selbst tun?
Am meisten tun Sie für Ihre Augen, wenn Sie Blutzucker, Blutdruck und Blutfette gut einstellen, nicht rauchen und alle Kontrolltermine wahrnehmen.
- Blutzucker stabil halten: HbA1c-Ziel mit dem Diabetesteam festlegen, starke Schwankungen vermeiden. Eine Diabetesschulung hilft dabei.
- Blutdruck messen und behandeln: häufig wird ein Wert um 130/80 mmHg angestrebt. Bestimmte Blutdruckmittel (Hemmer des Renin-Angiotensin-Systems) haben in Studien zusätzlich günstig auf die Netzhaut gewirkt.
- Blutfette kontrollieren: Cholesterin und Triglyzeride regelmäßig bestimmen lassen.
- Nicht rauchen: Rauchen schädigt die Gefäße zusätzlich.
- Bewegung und Gewicht: Mehr Bewegung ist mit einer geringeren Schwere der Retinopathie verbunden. Viel Gemüse, Ballaststoffe und pflanzliche Fette, wenig Zucker.
- Nieren im Blick: Eiweiß im Urin regelmäßig prüfen lassen.
- Befunde austauschen: Sorgen Sie dafür, dass Augenpraxis und Hausarzt- bzw. Diabetespraxis die Ergebnisse der jeweils anderen kennen.
Wie oft sollte man in Deutschland zur Augenkontrolle?
In Deutschland richtet sich der Abstand nach dem persönlichen Risiko. Grundlage sind die Nationale VersorgungsLeitlinie und die Praxisempfehlung der Deutschen Diabetes Gesellschaft:
- Typ-2-Diabetes: erste Untersuchung sofort nach der Diagnose.
- Typ-1-Diabetes: erste Untersuchung ab dem 11. Lebensjahr oder spätestens fünf Jahre nach Diabetesbeginn.
- Keine Retinopathie und geringes Risiko: alle zwei Jahre.
- Keine Retinopathie, aber erhöhtes oder unbekanntes Risiko: jährlich.
- Retinopathie vorhanden: jährlich oder öfter, nach Festlegung durch die Augenärztin oder den Augenarzt.
- Neue Sehbeschwerden: möglichst sofort, unabhängig vom Plan.
Das geringe Risiko legt die Hausarzt- oder Diabetespraxis fest, nicht die Augenpraxis allein. Die Patientenbroschüre der Augenärzteverbände BVA und DOG empfiehlt einfacher mindestens jährliche Kontrollen für alle Menschen mit Diabetes.
Wie oft sollte man in Österreich zur Augenkontrolle?
In Österreich wird für alle Menschen mit Diabetes eine jährliche Augenkontrolle empfohlen, bei Veränderungen öfter. Die erste Untersuchung soll bei der Diagnose des Diabetes erfolgen. So steht es in der Patientenbroschüre des Sozialministeriums und auf dem öffentlichen Gesundheitsportal gesundheit.gv.at. Unterstützung bieten das Disease-Management-Programm „Therapie Aktiv“, die Österreichische Diabetes Gesellschaft und die Gesundheitsnummer 1450.
| Situation | Deutschland | Österreich |
|---|---|---|
| Erste Untersuchung Typ 2 | bei Diagnose | bei Diagnose |
| Erste Untersuchung Typ 1 | ab 11 Jahren oder 5 Jahre nach Beginn | bei Diagnose bzw. nach Rücksprache |
| Keine Retinopathie, geringes Risiko | alle 2 Jahre | jährlich |
| Keine Retinopathie, erhöhtes Risiko | jährlich | jährlich |
| Retinopathie vorhanden | jährlich oder öfter | öfter, nach augenärztlicher Festlegung |
| Schwangerschaft | sofort, dann alle 3 Monate | bei Feststellung der Schwangerschaft, dann alle 3 Monate |
Zum Vergleich: In Frankreich gilt jährlich, bei niedrigem Risiko ohne Insulin alle zwei Jahre; Großbritannien lädt alle ein bis zwei Jahre ab 12 Jahren ein; Spanien nennt jährlich bis alle zwei bis drei Jahre je nach Risiko.
Was gilt in der Schwangerschaft?
Frauen mit bestehendem Typ-1- oder Typ-2-Diabetes sollten ihre Augen möglichst schon vor einer geplanten Schwangerschaft untersuchen lassen. In der Schwangerschaft kann sich eine Retinopathie verschlechtern, am stärksten im ersten und zweiten Drittel. Eine Auswertung fand neue Netzhautveränderungen bei rund 15 % der Schwangeren mit Diabetes; ein Übergang in die proliferative Form kam bei etwa 6 % vor. Hoher Blutdruck und ein sehr rascher Abfall des HbA1c erhöhen das Risiko.
Die deutsche Empfehlung lautet: Untersuchung sofort bei Feststellung der Schwangerschaft, danach alle drei Monate. Französische Fachquellen raten bei schon vorhandener Retinopathie zu monatlichen Kontrollen. Nach der Geburt folgt eine weitere Kontrolle, oft etwa sechs Monate später; das Risiko für ein Fortschreiten sinkt meist ab etwa einem Jahr nach der Geburt.
Bei der Behandlung gilt Vorsicht: Eine Laserbehandlung ist in der Schwangerschaft möglich, wenn sich die Retinopathie deutlich verschlechtert. Anti-VEGF-Spritzen werden in der Schwangerschaft nicht gegeben, ein Makulaödem wird meist bis nach der Geburt beobachtet. Ein reiner Schwangerschaftsdiabetes erfordert keine routinemäßige Augenkontrolle, weil er die Netzhaut in der Regel nicht schädigt; manchmal verbirgt sich dahinter aber ein bisher unerkannter Typ-2-Diabetes.
Was muss ich beim Autofahren beachten?
Nach einer Pupillenerweiterung, einer Laserbehandlung oder einer Spritze dürfen Sie am selben Tag nicht selbst fahren. Wenn Ihr Sehen wegen schwankender Blutzuckerwerte stark wechselt, sollten Sie bis zur Stabilisierung auf das Autofahren verzichten. Bei bleibender Sehminderung oder Gesichtsfeldausfällen, etwa nach großflächigem Laser, klärt die Augenärztin oder der Augenarzt, ob die gesetzlichen Mindestanforderungen für den Führerschein noch erfüllt sind.
Wann brauche ich eine neue Brille?
Eine neue Brille sollte erst angepasst werden, wenn der Blutzucker über mindestens etwa eine Woche stabil ist. Sonst ist die Brille schon nach kurzer Zeit wieder falsch. Wenn Sie trotz neuer Brille nicht besser sehen, ist das ein Grund für eine augenärztliche Untersuchung.
8 Wann sofort zum Arzt?
In diesem Kapitel (4)
Wann muss ich sofort zur Augenärztin oder zum Augenarzt?
Gehen Sie noch am selben Tag in eine Augenarztpraxis, eine Augenklinik oder den augenärztlichen Notdienst, wenn bei Diabetes eines davon auftritt:
- plötzliche, deutliche Sehverschlechterung oder plötzlicher Sehverlust an einem Auge, auch ohne Schmerzen
- plötzlich viele schwarze Punkte, Fäden, Schlieren oder ein „Rußregen“
- Lichtblitze zusammen mit einem Schatten oder Vorhang im Gesichtsfeld
- Augenschmerzen mit rotem Auge und schlechterem Sehen, eventuell mit Kopfschmerzen oder Übelkeit
- nach einer Spritze, einem Laser oder einer Operation: zunehmende Schmerzen, Rötung oder Sehverschlechterung in den Tagen danach
Außerhalb der Sprechzeiten helfen in Deutschland der ärztliche Bereitschaftsdienst unter 116117 und Augenkliniken, in Österreich die Gesundheitsnummer 1450. Weitere Warnzeichen am Auge finden Sie unter Notfall am Auge.
Wann sollte ich innerhalb weniger Tage einen Termin bekommen?
Innerhalb weniger Tage sollten Sie untersucht werden bei neu verschwommenem oder verzerrtem Sehen, bei zunehmenden Leseproblemen, bei blasser gewordenen Farben oder bei einzelnen neuen Punkten im Sichtfeld. Das gilt auch, wenn die Beschwerden kommen und gehen. Sagen Sie bei der Terminvereinbarung, dass Sie Diabetes haben.
Wann reicht die Routinekontrolle?
Ohne Beschwerden genügt die Kontrolle im festgelegten Abstand. Zusätzliche Termine sind sinnvoll vor und kurz nach einer deutlichen Umstellung der Diabetestherapie, etwa auf Insulinpumpe, GLP-1-Rezeptoragonisten oder vor einer Magenoperation, sowie zu Beginn einer Schwangerschaft. Ein auffälliger Befund beim Screening sollte innerhalb weniger Wochen augenärztlich abgeklärt werden.
Welche Warnzeichen deuten auf etwas anderes hin?
Ein plötzlicher, schmerzloser Sehverlust kann auch auf einen Arterienverschluss der Netzhaut hinweisen, der wie ein Schlaganfall des Auges behandelt werden muss. Kommen Lähmungen, Sprachstörungen oder ein hängender Mundwinkel hinzu, rufen Sie sofort den Notruf 112 (in Österreich 144). Ein sehr schmerzhaftes, steinhartes rotes Auge mit Übelkeit kann ein akuter Glaukomanfall sein. Auch eine schwere Unterzuckerung kann vorübergehend Sehstörungen auslösen: Messen Sie den Blutzucker und handeln Sie danach.
9 Häufige Fragen
Kann man von diabetischer Retinopathie blind werden?
Ja, das ist möglich, aber selten geworden. Die deutsche Patientenleitlinie nennt eine völlige Erblindung bei etwa 2 bis 3 von 1.000 Betroffenen; in Österreich erblinden jährlich rund 200 Menschen an den Folgen des Diabetes. Weit häufiger ist ein teilweiser Sehverlust, vor allem durch ein Makulaödem. Mit regelmäßigen Kontrollen und rechtzeitiger Behandlung lässt sich Erblindung in den allermeisten Fällen verhindern.
Ist diabetische Retinopathie heilbar?
Nein, heilbar im Sinne von „für immer weg“ ist sie nicht. Spritzen, Laser und Operationen können das Fortschreiten aber aufhalten und das Sehen erhalten, beim Makulaödem oft auch verbessern. Bereits abgestorbene Netzhautzellen erholen sich nicht. Weil neue Veränderungen auch nach Jahren entstehen können, bleiben regelmäßige Kontrollen lebenslang wichtig.
Wie oft muss ich mit Diabetes zum Augenarzt?
In Deutschland bei Typ 2 sofort nach der Diagnose, bei Typ 1 ab dem 11. Lebensjahr oder fünf Jahre nach Beginn. Danach ohne Retinopathie und bei geringem Risiko alle zwei Jahre, sonst jährlich; mit Retinopathie jährlich oder öfter. In Österreich wird für alle eine jährliche Kontrolle empfohlen. Bei neuen Sehbeschwerden gehen Sie sofort, unabhängig vom Plan.
Warum merke ich nichts, obwohl meine Netzhaut geschädigt ist?
Die ersten Veränderungen liegen meist außerhalb der Makula, der Stelle des schärfsten Sehens, und tun nicht weh. Außerdem gleicht das bessere Auge das schlechtere aus. Selbst eine fortgeschrittene proliferative Retinopathie kann ohne Sehstörung bestehen. Darum ist die Kontrolle ohne Beschwerden so wichtig.
Tut die Spritze ins Auge weh?
Die meisten spüren nur einen kurzen Druck. Das Auge wird vorher mit Tropfen betäubt und desinfiziert, der Eingriff dauert wenige Minuten. Danach kann das Auge einige Tage kratzen oder etwas gerötet sein. Nehmen Sie zunehmende Schmerzen, starke Rötung oder schlechteres Sehen in den Tagen danach ernst und melden Sie sich sofort, weil das auf eine Entzündung hinweisen kann.
Wie viele Spritzen brauche ich bei einem diabetischen Makulaödem?
Das ist sehr unterschiedlich. Meist beginnt die Behandlung mit drei bis sechs monatlichen Spritzen; danach werden die Abstände je nach OCT-Befund verlängert oder es wird nur bei Bedarf gespritzt. Manche können die Behandlung nach einigen Jahren beenden, andere brauchen sie länger.
Verbessert eine Laserbehandlung mein Sehen?
Meist nicht. Der Laser soll verhindern, dass sich das Sehen weiter verschlechtert, etwa durch Blutungen oder Netzhautablösung. Bei proliferativer Retinopathie senkt er das Risiko für schweren Sehverlust um mehr als die Hälfte. Der Preis sind häufig schlechteres Sehen in der Dämmerung und ein etwas eingeengtes Gesichtsfeld.
Kann sich die Retinopathie verschlechtern, wenn mein Blutzucker schnell besser wird?
Ja, selten und meist vorübergehend. Wenn der Blutzucker sehr rasch deutlich sinkt, etwa nach Umstellung auf Insulinpumpe, unter GLP-1-Rezeptoragonisten oder nach einer Magenoperation, kann sich eine schon bestehende Retinopathie im ersten Jahr verschlechtern. Das betrifft weniger als 5 %. Der langfristige Nutzen der besseren Einstellung überwiegt. Lassen Sie die Augen vor der Umstellung und kurz danach kontrollieren.
Ist eine Schwangerschaft mit diabetischer Retinopathie gefährlich für die Augen?
Eine Schwangerschaft kann eine Retinopathie verschlechtern, ist aber mit guter Planung meist gut möglich. Lassen Sie die Augen möglichst vor der Empfängnis untersuchen, dann sofort bei Feststellung der Schwangerschaft und anschließend etwa alle drei Monate, bei vorhandener Retinopathie oft öfter. Ein Laser ist in der Schwangerschaft möglich, Anti-VEGF-Spritzen werden in dieser Zeit nicht gegeben.
Darf ich nach der Augenuntersuchung Auto fahren?
Nein. Nach den pupillenerweiternden Tropfen sehen Sie für etwa zwei bis vier Stunden verschwommen und sind blendempfindlich. In dieser Zeit dürfen Sie nicht selbst fahren; in Österreich ist das ausdrücklich nicht erlaubt. Planen Sie öffentliche Verkehrsmittel oder eine Begleitperson ein und nehmen Sie eine Sonnenbrille mit.
Warum sehe ich mit Diabetes mal scharf und mal unscharf?
Häufig liegt das am schwankenden Blutzucker. Er verändert den Wassergehalt der Augenlinse und damit ihre Brechkraft. Das kommt besonders bei schlechter Einstellung und zu Beginn einer Insulintherapie vor und bessert sich, wenn der Zucker stabil ist. Eine neue Brille sollte erst danach angepasst werden. Weil auch ein Makulaödem wechselndes Sehen verursachen kann, gehört die Ursache trotzdem abgeklärt.
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Quellen
Dieser Artikel wurde aus Fachquellen in 4 Sprachen recherchiert (Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch) und auf Deutsch zusammengefasst.
Alle 30 Quellen anzeigen
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- Rétinopathie diabétique : quoi de neuf ? – La Revue du Praticien (FR)
- Traitement de la rétinopathie diabétique : enjeux et défis – La Revue du Praticien (FR)
- Œil et grossesse – La Revue du Praticien (FR)
- Regards sur l'œil du diabétique (recommandations SFD/SFO 2016) – Le Quotidien du Pharmacien (FR)
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Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche Beratung. Wenn Sie Beschwerden haben, lassen Sie sich von einer Augenärztin oder einem Augenarzt untersuchen. Mehr zum Haftungsausschluss