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augenarzt.vipAugenkrankheiten verständlich erklärt

Augenhöhle

Endokrine Orbitopathie (Basedow-Orbitopathie)

Die endokrine Orbitopathie ist eine Autoimmunentzündung der Augenhöhle, die meist zusammen mit einem Morbus Basedow auftritt. Sie macht hervortretende Augen, hochgezogene Lider, trockene Augen und Doppelbilder und betrifft vor allem Frauen im mittleren Alter.

Stand: November 2026 · Lesezeit ca. 38 Minuten · 27 Quellen in 4 Sprachen

1 Kurzübersicht

Die endokrine Orbitopathie (EO) ist eine Autoimmunerkrankung der Augenhöhle (Orbita). Das Immunsystem greift das Gewebe hinter und um die Augen an: die äußeren Augenmuskeln, das Fettgewebe und das Bindegewebe. Diese Gewebe entzünden sich, schwellen an und schieben die Augen nach vorn. Andere Namen sind Basedow-Orbitopathie, thyreoidale Orbitopathie oder im Englischen Thyroid Eye Disease (TED).

In rund 85–90 % der Fälle steckt ein Morbus Basedow dahinter, also eine Überfunktion der Schilddrüse durch Autoimmunreaktion. Seltener tritt die EO bei einer Hashimoto-Thyreoiditis oder bei normalen Schilddrüsenwerten auf. Sie ist die häufigste Erkrankung der Augenhöhle bei Erwachsenen und die häufigste Ursache für hervortretende Augen.

Typisch sind ein starrer Blick durch hochgezogene Oberlider, hervortretende Augen, geschwollene und gerötete Lider, trockene, brennende Augen und Doppelbilder. Selten drücken die geschwollenen Muskeln auf den Sehnerv. Das ist ein Notfall, weil das Sehen dann dauerhaft verloren gehen kann.

Die Krankheit verläuft in zwei Phasen. In der aktiven Phase (meist ein bis zwei Jahre) ist das Gewebe entzündet; hier wirken entzündungshemmende Medikamente. In der inaktiven Phase ist die Entzündung erloschen, aber Narben und Fehlstellungen können bleiben. Sie lassen sich dann mit Operationen verbessern.

Die wichtigsten Schritte für alle Betroffenen: mit dem Rauchen aufhören, die Schilddrüse stabil einstellen lassen und die Augenoberfläche schützen. Bei einer leichten aktiven Form kann Selen helfen. Bei aktiver mäßig bis schwerer Form sind Kortison-Infusionen der europäische Standard. Seit Juni 2025 ist mit Teprotumumab zudem ein Antikörper in der EU zugelassen. Die meisten Verläufe sind mild. Wichtig ist eine gemeinsame Betreuung durch Augenheilkunde und Endokrinologie.

2 Symptome

In diesem Kapitel (16)

Welche Beschwerden sind typisch?

Die typischsten Zeichen sind ein starrer Blick durch zu hoch stehende Oberlider, hervortretende Augen, geschwollene Lider, trockene, brennende Augen und Doppelbilder. Meist sind beide Augen betroffen, oft unterschiedlich stark. Die Beschwerden beginnen häufig schleichend und nehmen über Wochen bis Monate zu. Viele Menschen haben nur einen Teil davon.

Eine Freiburger Übersicht nennt diese Häufigkeiten bei Menschen mit EO:

ZeichenUngefähre Häufigkeit
Oberlidretraktion (Oberlid steht zu hoch)90–98 %
Entzündliche Schwellung und Rötung von Lidern und Bindehautetwa 80 %
Hervortreten der Augen (Exophthalmus)50–60 %
Benetzungsstörung der Hornhaut (trockenes Auge)etwa 50 %
Eingeschränkte Augenbewegung, Doppelbilderetwa 40 %
Druck auf den Sehnerv3–5 %

Andere Quellen geben ähnliche Werte an. Die Zahlen stammen aus spezialisierten Zentren. In der Allgemeinbevölkerung sind leichte Formen noch häufiger.

Wie beginnt eine endokrine Orbitopathie?

Am Anfang stehen oft unscheinbare Beschwerden, die wie eine Bindehautentzündung oder Allergie wirken. Die Augen brennen, tränen und fühlen sich an, als läge Sand unter den Lidern. Sie sind lichtempfindlich und morgens geschwollen. Viele bekommen zunächst Tropfen gegen trockene Augen oder gegen eine Allergie.

Hinweise auf eine EO sind ein Blick, der „größer“ oder „erschrocken“ wirkt, und Lider, die geschwollen bleiben, obwohl die Tropfen wirken sollten. Manchmal ist eine kurze Phase mit Doppelbildern das erste Zeichen. In einer Fallschilderung aus Tübingen fiel zuerst nur das Gefühl auf, die Augen stünden vor; die Doppelbilder kamen Monate später. Wer eine bekannte Schilddrüsenerkrankung hat und solche Beschwerden bemerkt, sollte die Augen gezielt untersuchen lassen. Eine gewöhnliche Bindehautentzündung klingt meist in ein bis zwei Wochen ab, eine EO nicht.

Wann treten die Augenbeschwerden im Verhältnis zur Schilddrüse auf?

Meistens treten die Augenbeschwerden innerhalb von etwa eineinhalb Jahren vor oder nach Beginn der Schilddrüsenüberfunktion auf. Bei etwa 40 % beginnen beide gleichzeitig. Rund 85 % entwickeln die Orbitopathie innerhalb von 18 Monaten nach Beginn der Überfunktion.

Bei einem Teil der Menschen kommen die Augenzeichen zuerst, manchmal Monate oder Jahre vor der Schilddrüsenerkrankung. Bei Menschen mit EO ohne bekannte Schilddrüsenerkrankung finden sich meist trotzdem Schilddrüsen-Antikörper. Etwa die Hälfte von ihnen bekommt später eine Schilddrüsenerkrankung. Sehr spät nach der Schilddrüsenbehandlung tritt eine EO selten erstmals auf, meist dann im Zusammenhang mit einem Rückfall der Überfunktion.

Warum wirkt der Blick starr?

Der starre, „erstaunte“ Blick entsteht, weil das Oberlid zu hoch steht. Fachleute nennen das Lidretraktion. Sie ist das häufigste und oft das erste Zeichen. Zwischen Oberlid und Hornhaut ist dann ein Streifen vom Weiß des Auges zu sehen, was normalerweise nicht der Fall ist.

Typisch für die EO ist, dass die Lidretraktion seitlich betont ist. Der höchste Punkt der Lidkante liegt etwas nach außen verschoben. Fachleute sprechen von „lateral flare“. Auch das Unterlid kann zurückgezogen sein, sodass unter der Hornhaut Weiß sichtbar wird.

Weitere Lidzeichen

  • Lid lag (Graefe-Zeichen): Beim Blick nach unten bleibt das Oberlid zurück, statt dem Auge zu folgen. Das spricht für eine Vernarbung des Lidhebers.
  • Seltener Lidschlag (Stellwag-Zeichen): Die Augen blinzeln weniger, was die Trockenheit verstärkt.
  • Kocher-Zeichen: Die Retraktion nimmt zu, wenn man etwas fest fixiert.
  • Fettvorfall: Fettgewebe wölbt sich unter der Lidhaut vor. Es kann wie eine Schwellung aussehen, ist aber keine Entzündung.

Woran erkennt man hervortretende Augen?

Hervortretende Augen (Exophthalmus oder Proptose) sieht man daran, dass die Augen weiter vorn stehen als früher und weit geöffnet wirken. Das Auge wird meist gerade nach vorn geschoben. Es tritt bei etwa der Hälfte bis zwei Dritteln der Betroffenen auf und ist nach der Lidretraktion das zweithäufigste Zeichen.

Die Ursache ist mehr Volumen in der knöchernen Augenhöhle. Die Augenmuskeln sind verdickt, das Fettgewebe ist vermehrt. Da die Knochenwände nicht nachgeben, weicht das Auge nach vorn aus. Fast immer sind beide Seiten betroffen, oft aber ungleich. Ein rein einseitiges Hervortreten kommt vor; es braucht aber eine besonders sorgfältige Abklärung, weil auch andere Ursachen in Frage kommen.

Viele Betroffene bemerken die Veränderung selbst nicht. Alte Fotos helfen beim Vergleich. Wichtig: Wie stark die Augen hervortreten, sagt nichts darüber, ob der Sehnerv in Gefahr ist. Gerade bei einer straffen Augenhöhle kann der Druck hoch sein, obwohl das Auge kaum vorsteht.

Welche Entzündungszeichen gibt es?

In der aktiven Phase sind Lider und Bindehaut gerötet und geschwollen, und es kann hinter dem Auge drücken oder schmerzen. Diese Zeichen zeigen, dass die Entzündung gerade arbeitet. Sie sind wichtig für die Wahl der Behandlung.

  • gerötete und geschwollene Ober- und Unterlider, besonders morgens
  • gerötete Bindehaut, oft betont über den Ansätzen der Augenmuskeln
  • Schwellung der Bindehaut (Chemosis): Die Bindehaut wirkt glasig aufgequollen
  • Rötung und Schwellung der Karunkel, also des kleinen rosa Hügels im inneren Augenwinkel
  • spontaner, dumpfer Druck oder Schmerz hinter dem Auge
  • Schmerz bei Augenbewegungen, besonders beim Blick nach oben, unten oder zur Seite

Aus diesen Zeichen, die zusammen sieben Einzelpunkte ergeben, bildet die Augenärztin oder der Augenarzt den Clinical Activity Score (CAS). Mehr dazu im Abschnitt Diagnose.

Warum sehe ich doppelt?

Doppelbilder entstehen, weil die verdickten und später vernarbten Augenmuskeln steif werden und die Augen nicht mehr parallel bewegen. Die Bilder beider Augen passen dann nicht mehr übereinander. Etwa 40 % der Betroffenen haben eine eingeschränkte Augenbeweglichkeit.

Am häufigsten ist der untere gerade Augenmuskel betroffen. Er zieht das Auge nach unten und lässt sich nicht mehr dehnen. Dann fällt der Blick nach oben schwer, und die Doppelbilder stehen meist übereinander oder schräg. An zweiter Stelle folgt der innere gerade Muskel; dann fällt der Blick zur Seite schwer, und es kommt zu einem Einwärtsschielen mit nebeneinander stehenden Bildern.

Wie sich Doppelbilder im Alltag zeigen

  • Anfangs oft nur zeitweise: morgens, bei Müdigkeit oder beim Blick in eine bestimmte Richtung, etwa nach oben zu einem Regal.
  • Später auch im Geradeausblick oder beim Lesen, also beim Blick nach unten. Das schränkt Lesen, Treppensteigen und Autofahren deutlich ein.
  • Viele heben unbewusst das Kinn oder drehen den Kopf, um die Doppelbilder zu vermeiden. Das nennt man Kopfzwangshaltung.
  • Das Schließen eines Auges lässt die Doppelbilder verschwinden. Das ist ein Hinweis darauf, dass die Ursache in der Augenstellung liegt.

Bei Erwachsenen ist die EO eine der häufigsten Ursachen für Doppelbilder. Mehr über die Fehlstellung der Augen steht im Artikel über Schielen.

Warum sind die Augen trocken und gereizt?

Die Augen werden trocken, weil die hochgezogenen Lider und das Hervortreten eine größere Fläche der Hornhaut freilegen und weniger geblinzelt wird. Gleichzeitig ist der Tränenfilm oft verändert. Rund die Hälfte der Betroffenen hat eine solche Benetzungsstörung.

Die Beschwerden gleichen dem gewöhnlichen trockenen Auge: Brennen, Sandkorngefühl, Rötung, Lichtempfindlichkeit und paradoxerweise tränende Augen. Wind, Heizungsluft und Bildschirmarbeit verstärken das. Auch schwankendes, verschwommenes Sehen kann allein durch die Trockenheit kommen und bessert sich dann nach einem Lidschlag oder nach Tropfen.

Wenn sich die Lider nicht mehr schließen

Bei starkem Hervortreten schließen sich die Lider nicht mehr ganz, oft nur im Schlaf. Das nennt man Lagophthalmus. Partner bemerken manchmal, dass man „mit offenen Augen schläft“. Morgens sind die Augen dann besonders gereizt. Die freiliegende Hornhaut, meist im unteren Bereich, kann sich entzünden und ein Geschwür bilden. Anzeichen sind zunehmende Schmerzen, starke Rötung, Lichtscheu und schlechteres Sehen. Das ist ein Notfall.

Kann der Augendruck steigen?

Ja, bei einem Teil der Betroffenen ist der Augeninnendruck erhöht, vor allem beim Blick nach oben. Die steifen Muskeln drücken auf den Augapfel, und der Abfluss des Kammerwassers ist erschwert. Man spürt das in der Regel nicht.

Der Augendruck wird deshalb bei jeder Kontrolle gemessen. Ein dauerhaft erhöhter Druck kann wie beim Grünen Star den Sehnerv schädigen und muss dann gesenkt werden. Auch eine Kortisonbehandlung kann den Augendruck erhöhen.

Woran erkennt man Druck auf den Sehnerv?

Druck auf den Sehnerv zeigt sich durch schlechteres Sehen, blassere oder unterschiedlich wirkende Farben und Ausfälle im Gesichtsfeld. Fachleute sprechen von einer dysthyreoten Optikusneuropathie. Sie ist selten, je nach Quelle bei etwa 3–8 % der Betroffenen, in neueren Serien eher unter 5 %. Sie ist aber die gefährlichste Komplikation.

Die vergrößerten Muskeln drücken an der Spitze der Augenhöhle, wo es am engsten ist, auf den Sehnerv. Der Sehnerv gehört zum Gehirn und kann sich nicht erneuern. Ohne rasche Behandlung kann das Sehen dauerhaft schlechter werden, im schlimmsten Fall bis zur Erblindung.

Warnzeichen für den Sehnerv

  • Das Sehen wird über Tage bis Wochen schlechter und bessert sich weder durch Blinzeln noch durch Tropfen.
  • Farben wirken blasser, „ausgewaschen“ oder auf beiden Augen unterschiedlich. Oft ist das das erste und manchmal das einzige Zeichen.
  • Teile des Bildes fehlen oder sind verschwommen, oft in der Mitte.
  • Kontraste werden schwächer, Lesen fällt schwer.

Ein einfacher Selbsttest: Ein Auge abdecken und einen farbigen Gegenstand, etwa eine rote Flaschenkappe, ansehen; dann das andere Auge. Wirkt die Farbe auf einem Auge deutlich blasser, sollte das noch am selben Tag augenärztlich geprüft werden. Der Test ersetzt keine Untersuchung. Betroffen sind eher ältere Menschen, Männer, Raucher und Menschen mit Diabetes, oft mit dem „muskulären Typ“ mit wenig Hervortreten.

Gibt es unterschiedliche Erscheinungsformen?

Ja, grob lassen sich ein fettbetonter und ein muskelbetonter Typ unterscheiden. Beide kommen auch gemischt vor. Die Einteilung hilft, das Risiko für den Sehnerv abzuschätzen.

  • Fettbetonter Typ: eher jüngere Menschen. Das Fettgewebe ist stark vermehrt, die Augen treten deutlich hervor, oft ungleich. Die Beweglichkeit ist wenig gestört.
  • Muskelbetonter Typ: eher ältere Menschen. Die Muskeln sind dick, die Beweglichkeit ist stark eingeschränkt, Doppelbilder stehen im Vordergrund. Die Augen treten wenig hervor. Bei engen Augenhöhlen ist der Sehnerv bei diesem Typ stärker gefährdet.

Welche Beschwerden kommen von der Schilddrüse?

Viele Betroffene haben gleichzeitig Zeichen einer Schilddrüsenüberfunktion, die mit den Augen selbst nichts zu tun haben. Sie helfen aber bei der Einordnung. Typisch sind:

  • innere Unruhe, Reizbarkeit, Schlafstörungen
  • Herzrasen, schneller Puls
  • Gewichtsabnahme trotz gutem Appetit
  • Schwitzen, warme, feuchte Haut, Hitzeempfindlichkeit
  • Zittern der Hände
  • häufiger Stuhlgang, Haarausfall, Müdigkeit
  • manchmal ein vergrößerter Hals (Kropf)

Wie stark die Augen betroffen sind, hängt nicht davon ab, wie stark die Überfunktion ist. Eine schwere EO kann bei milder Überfunktion vorkommen und umgekehrt. Auch eine zu starke Behandlung mit nachfolgender Unterfunktion kann die Augen verschlechtern.

Was bemerken Angehörige?

Angehörige bemerken oft zuerst einen veränderten Gesichtsausdruck: einen starren, erstaunten oder ärgerlich wirkenden Blick. Viele Betroffene hören, sie sähen „anders“ oder „müde“ aus, bevor sie selbst etwas bemerken.

  • hervortretende oder ungleich weit offene Augen
  • geschwollene Lider und „Tränensäcke“, die älter wirken lassen
  • gerötete Augen und seltener Lidschlag
  • ein Auge steht anders als das andere (Schielen)
  • schiefe Kopfhaltung oder angehobenes Kinn
  • Augen, die im Schlaf nicht ganz geschlossen sind
  • Stimmungsschwankungen, Reizbarkeit, Rückzug

Wie belastet die Krankheit seelisch?

Die EO belastet viele Betroffene seelisch stark, oft mehr, als Ärztinnen und Ärzte annehmen. Das veränderte Aussehen wird häufig als entstellend erlebt. Hinzu kommen Doppelbilder, die Lesen, Autofahren und Arbeit erschweren.

Häufig sind Angst, gedrückte Stimmung bis zur Depression, geringeres Selbstwertgefühl und sozialer Rückzug. Längere Krankschreibungen sind nicht selten, zumal viele im Erwerbsalter sind. Schwankende Schilddrüsenwerte verstärken Reizbarkeit und Stimmungsschwankungen. Eine Freiburger Arbeit hält bei etwa der Hälfte der Betroffenen eine psychosomatische Mitbetreuung für sinnvoll. Es ist berechtigt, diese Belastung offen anzusprechen.

Gibt es Unterschiede bei Kindern, Männern und Älteren?

Ja. Bei Kindern ist eine EO selten und meist mild, bei älteren Menschen und Männern verläuft sie häufiger schwer. Frauen erkranken insgesamt etwa fünfmal so oft wie Männer.

  • Kinder und Jugendliche: Etwa ein Drittel der Kinder mit Morbus Basedow hat irgendeine Augenbeteiligung, meist nur eine leichte Lidretraktion. Schwere Formen sind die Ausnahme. Tritt bei einem Kind plötzlich ein Auge hervor, steckt eher etwas anderes dahinter, etwa eine Entzündung der Augenhöhle oder ein Tumor. Das ist ein Notfall.
  • Männer: erkranken seltener, aber häufiger schwer, oft später und eher einseitig betont.
  • Menschen über 50: haben häufiger mäßig bis schwere Formen, öfter den muskelbetonten Typ mit Doppelbildern und ein höheres Risiko für den Sehnerv.
  • Menschen mit normaler Schilddrüsenfunktion oder Unterfunktion: haben meist mildere, häufiger einseitige Formen. Hier ist die Abgrenzung von anderen Erkrankungen besonders wichtig.

Was gilt als leicht, was als schwer?

Leicht ist eine EO, die den Alltag kaum beeinträchtigt; mäßig bis schwer ist sie, wenn sie den Alltag deutlich stört, und sehbedrohend, wenn Sehnerv oder Hornhaut gefährdet sind. Diese drei Schweregrade stammen von der europäischen Expertengruppe EUGOGO. Die Einteilung bestimmt, welche Behandlung sinnvoll ist. Etwa drei Viertel der Betroffenen haben eine leichte Form.

SchweregradTypische Befunde
Leichtgeringe Lidretraktion (unter 2 mm), Hervortreten weniger als 3 mm über der Norm, keine Doppelbilder oder nur bei Müdigkeit oder nach dem Aufwachen, Trockenheit, die auf Tropfen anspricht; Alltag kaum beeinträchtigt
Mäßig bis schwerLidretraktion ab 2 mm, deutliche Schwellung, Hervortreten ab 3 mm über der Norm, Doppelbilder beim Blick zur Seite oder dauerhaft; Alltag deutlich beeinträchtigt, Sehen nicht bedroht
SehbedrohendDruck auf den Sehnerv und/oder Hornhautgeschwür durch fehlenden Lidschluss

3 Ursachen und Risikofaktoren

In diesem Kapitel (6)

Was passiert in der Augenhöhle?

Bei der EO greift das Immunsystem bestimmte Bindegewebszellen der Augenhöhle an, die Fibroblasten. Diese Zellen tragen denselben Rezeptor wie die Schilddrüse, den TSH-Rezeptor. Die Antikörper, die beim Morbus Basedow die Schilddrüse anregen, treffen deshalb auch die Augenhöhle.

Die gereizten Fibroblasten setzen Botenstoffe frei, die weitere Immunzellen anlocken. Sie bilden Zuckerverbindungen (Glykosaminoglykane wie Hyaluronsäure), die wie ein Schwamm Wasser binden. Ein Teil der Zellen wandelt sich in Fettzellen um. Die Muskeln quellen auf, das Fett nimmt zu. Weil die knöcherne Augenhöhle nicht nachgibt, steigt der Druck, der Blutabfluss wird behindert, und das Auge wird nach vorn geschoben.

Später geht die Entzündung in Vernarbung (Fibrose) über. Die Muskeln werden dann steif und kürzer. Das erklärt, warum Doppelbilder und Fehlstellungen auch nach dem Ende der Entzündung bleiben können.

Welche Rolle spielt der IGF-1-Rezeptor?

Neben dem TSH-Rezeptor ist ein zweiter Rezeptor beteiligt: der Rezeptor für den insulinähnlichen Wachstumsfaktor 1 (IGF-1R). Er ist im Gewebe der Augenhöhle bei EO stark vermehrt und arbeitet eng mit dem TSH-Rezeptor zusammen. An diesem Rezeptor setzt das Medikament Teprotumumab an. Die genaue Wirkweise ist laut Europäischer Arzneimittel-Agentur noch nicht vollständig geklärt.

Warum bekommen nicht alle Basedow-Kranken eine EO?

Warum nur ein Teil der Basedow-Kranken eine EO entwickelt, ist nicht vollständig geklärt. Klar ist, dass mehrere Faktoren zusammenkommen müssen: eine Veranlagung, hohe Antikörperwerte und Auslöser wie Rauchen. Die Höhe der TSH-Rezeptor-Antikörper (TRAK) hängt mit Aktivität und Schwere zusammen, erlaubt aber keine sichere Vorhersage im Einzelfall.

Wie häufig die Augen beteiligt sind, hängt stark davon ab, wie genau man hinsieht. In Bildgebungen finden sich bei vielen Basedow-Kranken Veränderungen. Klinisch erkennbar ist eine EO bei etwa 25–40 %, eine mäßig bis schwere Form bei rund 5–6 %. Schwere Verläufe sind in den letzten Jahrzehnten seltener geworden. Man erklärt das mit früherer Diagnose, weniger Rauchen und besserer Schilddrüsenbehandlung.

Welche Risikofaktoren gibt es?

Der wichtigste Risikofaktor, den man selbst beeinflussen kann, ist das Rauchen. Daneben spielen die Schilddrüsenwerte, die Art der Schilddrüsenbehandlung, Alter, Geschlecht und Veranlagung eine Rolle.

RisikofaktorWas bekannt ist
RauchenErhöht das Risiko etwa 7- bis 8-fach, mit der Zahl der Zigaretten steigend; macht den Verlauf länger und schwerer und schwächt die Wirkung von Kortison. Aufhören senkt das Risiko.
Schlecht eingestellte SchilddrüseSowohl Überfunktion als auch eine durch Behandlung ausgelöste Unterfunktion können die Augen verschlechtern.
RadiojodtherapieKann eine EO auslösen oder eine aktive EO verschlechtern, besonders bei Rauchern und hohen Antikörperwerten.
Hohe TRAK-WerteHängen mit häufigeren und schwereren Verläufen zusammen.
Alter und GeschlechtFrauen erkranken häufiger, Männer und Menschen über 50 schwerer.
DiabetesIn einzelnen Studien deutlich häufiger Schäden am Sehnerv.
WeitereFamiliäre Veranlagung, hohes Cholesterin, Stress; ein niedriger Selen- und Vitamin-D-Spiegel werden diskutiert.

Wie stark verschlechtert eine Radiojodtherapie die Augen?

Eine Radiojodtherapie verschlechtert die Augen häufiger als Tabletten gegen die Überfunktion oder eine Operation. In einer Studie mit 168 Patienten trat eine EO nach Radiojod bei 33 % neu auf oder wurde schlechter, unter Tabletten bei 10 % und nach Operation bei 16 %. Dauerhaft und behandlungsbedürftig ist eine solche Verschlechterung nach Radiojod insgesamt bei etwa 5 %.

Eine kurze Kortisonbehandlung als Schutz senkt dieses Risiko deutlich. Die Uniklinik Köln nennt bei bestehender EO eine Senkung von etwa 15 % auf 5 %, bei Menschen ohne EO das Risiko einer Neuentstehung von etwa 5 % auf 2 %. Bei aktiver mäßig bis schwerer EO wird Radiojod meist nicht empfohlen.

Ist die EO erblich oder ansteckend?

Die EO ist nicht ansteckend und wird nicht direkt vererbt. Es gibt aber eine Veranlagung: Autoimmunerkrankungen der Schilddrüse häufen sich in Familien. Verschiedene Gene wurden mit der Krankheit in Verbindung gebracht, die Ergebnisse sind aber uneinheitlich. Wer eine Autoimmunerkrankung der Schilddrüse hat, hat zudem etwas häufiger weitere Autoimmunerkrankungen.

4 Diagnose

In diesem Kapitel (7)

Wer stellt die Diagnose?

Die Diagnose stellt in der Regel eine Augenärztin oder ein Augenarzt, oft zusammen mit Endokrinologie oder Innerer Medizin. Die Verdachtsdiagnose ergibt sich häufig schon aus dem typischen Bild bei bekanntem Morbus Basedow. Die Einordnung von Aktivität und Schweregrad gehört in die Hand von Menschen mit Erfahrung in dieser Erkrankung.

Bei mäßig bis schweren Formen empfiehlt die europäische Leitlinie die frühe Überweisung an ein spezialisiertes Zentrum. In Deutschland gibt es solche interdisziplinären Orbita- oder EO-Sprechstunden an mehreren Universitätskliniken, etwa in Freiburg, Mainz oder Tübingen. Auch in Österreich sollen schwere Formen in spezialisierten Zentren behandelt werden.

Was wird beim Augenarzt untersucht?

Beim Augenarzt werden Lider, Augenstellung, Beweglichkeit, Augenoberfläche und vor allem die Funktion des Sehnervs geprüft. Am Anfang steht ein Gespräch über den Beginn der Beschwerden, die Schilddrüsenbehandlung, das Rauchen und die Belastung im Alltag.

  • Sehschärfe in Ferne und Nähe
  • Farbsehen und Kontrastsehen, weil sie bei Druck auf den Sehnerv früh nachlassen
  • Pupillenreaktion: Ein relativer afferenter Pupillendefekt, eine schwächere Reaktion auf einer Seite, ist ein wichtiger Hinweis auf einen Sehnervschaden
  • Spaltlampe: Hornhaut mit Farbstoff (Fluoreszein), Bindehaut, Karunkel, Lidschluss
  • Augendruck, auch beim Blick nach oben
  • Augenhintergrund mit Sehnervkopf; der Sehnerv kann trotz Kompression anfangs normal aussehen
  • Lidstellung in Millimetern, Lidspaltenweite, Lid lag
  • Exophthalmometrie: Mit dem Hertel-Exophthalmometer wird gemessen, wie weit die Augen vorstehen. Werte über etwa 20 mm oder mehr als 2 mm Seitenunterschied gelten als auffällig.
  • Gesichtsfeld bei Verdacht auf Sehnervbeteiligung; ergänzend eine OCT-Messung der Nervenfasern
  • Fotodokumentation, um Veränderungen im Verlauf zu erkennen

Was macht die Orthoptik?

Die Orthoptistin oder der Orthoptist misst die Augenbeweglichkeit und die Doppelbilder genau. Das ist die Grundlage für Prismenbrillen und für eine spätere Schieloperation.

Geprüft werden die Beweglichkeit in neun Blickrichtungen, der Schielwinkel, das Feld, in dem Einfachsehen möglich ist, und die Kopfhaltung. Spezielle Tests wie der Lancaster- oder Hess-Test machen Veränderungen im Verlauf sichtbar. Eine Zunahme der Bewegungseinschränkung zeigt eine fortschreitende Entzündung an.

Wie wird die Aktivität gemessen?

Die Aktivität wird mit dem Clinical Activity Score (CAS) bestimmt. Für jedes vorhandene Entzündungszeichen gibt es einen Punkt. Bei 3 oder mehr von 7 Punkten gilt die EO als aktiv.

  1. spontaner Schmerz hinter dem Auge
  2. Schmerz bei Augenbewegung
  3. Rötung der Lider
  4. Schwellung der Lider
  5. Rötung der Bindehaut
  6. Schwellung der Bindehaut (Chemosis)
  7. Rötung oder Schwellung der Karunkel

Bei Kontrollen kommen drei Punkte für ein Fortschreiten hinzu: Zunahme des Hervortretens um mehr als 2 mm, Abnahme der Beweglichkeit und Abnahme der Sehschärfe. Dann gilt die EO ab 4 von 10 Punkten als aktiv. Aktivität und Schweregrad werden getrennt beurteilt, weil sie unterschiedliche Folgen für die Behandlung haben.

Welche Blutwerte sind wichtig?

Wichtig sind die Schilddrüsenwerte und die Schilddrüsen-Antikörper. Sie stützen die Diagnose, beweisen sie aber nicht allein.

  • TSH, freies T4 und freies T3: zeigen, ob eine Über- oder Unterfunktion besteht
  • TSH-Rezeptor-Antikörper (TRAK): bei den meisten Menschen mit EO erhöht; ihre Höhe hängt mit Aktivität und Schwere zusammen
  • TPO- und Thyreoglobulin-Antikörper: sprechen für eine Hashimoto-Thyreoiditis

Ergänzend untersucht die Endokrinologie die Schilddrüse mit Ultraschall, selten mit Szintigrafie.

Wann braucht man ein MRT oder CT?

Bei typischem Bild ist eine Bildgebung für die Diagnose nicht immer nötig. Sie ist aber wichtig bei einseitigem Befund, bei normaler Schilddrüsenfunktion, bei untypischem Verlauf, bei Verdacht auf Sehnervkompression und vor jeder Operation.

  • CT der Augenhöhle (ohne Kontrastmittel): zeigt verdickte Muskeln, bei denen typischerweise der Sehnenansatz ausgespart ist, das vermehrte Fett und eine Enge an der Spitze der Augenhöhle. Die Knochendarstellung ist für die Planung einer Dekompression wichtig.
  • MRT: zeigt, ob in den Muskeln noch Entzündung (Wassereinlagerung) oder schon Vernarbung vorliegt. Das hilft bei der Frage, ob entzündungshemmende Medikamente noch wirken können. Keine Strahlenbelastung.
  • Ultraschall der Augenhöhle: preiswert und ohne Strahlung, aber stärker von der Erfahrung des Untersuchers abhängig.

Was kann noch dahinterstecken?

Hervortretende Augen und Doppelbilder haben auch andere Ursachen, die ausgeschlossen werden müssen. Das gilt besonders bei einseitigem Befund, ohne Schilddrüsenerkrankung, bei Kindern und bei raschem Verlauf.

  • bakterielle Entzündung der Augenhöhle (Orbitaphlegmone), meist mit Fieber, oft von den Nasennebenhöhlen ausgehend
  • nicht infektiöse Entzündungen der Augenhöhle, etwa eine Myositis oder eine IgG4-assoziierte Erkrankung
  • Gefäßkurzschluss zwischen Halsschlagader und einer Vene hinter dem Auge (Karotis-Sinus-cavernosus-Fistel), oft mit pulsierendem Hervortreten und Ohrgeräusch
  • Tumoren der Augenhöhle oder der Tränendrüse, Lymphome, Metastasen
  • Granulomatose mit Polyangiitis und andere Gefäßentzündungen
  • Myasthenie: kann ebenfalls Doppelbilder und hängende Lider machen und kommt bei Schilddrüsen-Autoimmunerkrankungen gehäuft vor

5 Behandlung

In diesem Kapitel (16)

Nach welchen Grundsätzen wird behandelt?

Die Behandlung richtet sich nach zwei Fragen: Ist die EO noch aktiv? Und wie schwer ist sie? Entzündungshemmende Medikamente wirken nur in der aktiven Phase. In der inaktiven Phase helfen bei bleibenden Veränderungen nur noch Operationen.

Eine eigene deutsche Leitlinie zur EO gibt es derzeit nicht; auch der Gemeinsame Bundesausschuss stützte sich 2026 nach einer systematischen Leitliniensuche auf die europäische Leitlinie. Maßgeblich ist in Deutschland und Österreich die Leitlinie der Europäischen Gruppe für Basedow-Orbitopathie (EUGOGO) von 2021. Die Behandlung ist fachübergreifend: Augenheilkunde, Endokrinologie, Nuklearmedizin, Strahlentherapie, Orthoptik sowie Augen-, HNO- oder Neurochirurgie arbeiten zusammen. Heilen lässt sich die EO nicht, aber fast jede Beschwerde lässt sich lindern und die Prognose verbessern.

SituationBehandlung (vereinfacht nach EUGOGO 2021)
Alle BetroffenenRauchstopp, stabile Schilddrüsenwerte, Augenpflege
Leicht und aktivBeobachten, Augenpflege, ggf. Selen für 6 Monate
Mäßig bis schwer und aktivKortison-Infusionen, meist kombiniert mit Mycophenolat
Ungenügendes Ansprechenzweiter Kortison-Zyklus, Bestrahlung, Ciclosporin, Teprotumumab, Rituximab, Tocilizumab
Sehbedrohendsofort hochdosiertes Kortison i. v., ohne rasche Besserung Dekompression
Inaktiv mit RestbefundenOperationen in fester Reihenfolge

Warum ist der Rauchstopp so wichtig?

Der Rauchstopp ist die wirksamste Maßnahme, die Betroffene selbst ergreifen können. Rauchen macht die EO häufiger, schwerer und länger und schwächt die Wirkung der Medikamente.

Es lohnt sich auch noch nach Beginn der Erkrankung aufzuhören. Hilfe bieten ärztliche Beratung, Entwöhnungsprogramme und Rauchfrei-Telefone in Deutschland und Österreich. Rauchfreie Umgebung ist ebenfalls sinnvoll, auch wenn die Wirkung von Passivrauchen auf die EO weniger gut untersucht ist.

Wie wird die Schilddrüse behandelt?

Die Schilddrüse wird so behandelt, dass die Werte möglichst stabil im Normbereich liegen. Sowohl eine Überfunktion als auch eine Unterfunktion nach der Behandlung können die Augen verschlechtern.

Bei aktiver EO bevorzugt man Tabletten gegen die Überfunktion (Thyreostatika wie Thiamazol oder Carbimazol). Sie wirken auf die Augen am günstigsten. Bei Rückfall der Überfunktion kommen eine Operation der Schilddrüse oder eine Radiojodtherapie in Frage. Radiojod wird bei aktiver mäßig bis schwerer EO meist gemieden. Bei leichter EO oder Risikofaktoren wird es mit einem Kortisonschutz über einige Wochen kombiniert. Wichtig: Die Schilddrüsenbehandlung allein heilt die Augen nicht. Bei optimaler Einstellung bleibt die EO aber in etwa 90 % stabil oder bessert sich.

Was hilft gegen trockene und gereizte Augen?

Gegen Trockenheit helfen Tränenersatzmittel tagsüber und Gel oder Salbe in der Nacht. Das ist bei fast allen Betroffenen sinnvoll und bei leichten Formen oft die wichtigste Behandlung.

  • konservierungsmittelfreie Tränenersatzmittel mehrmals täglich, bei Bedarf stündlich
  • nachts ein Gel oder eine Salbe; schließen die Lider nicht, das Auge mit einem Uhrglasverband oder einer Feuchtkammerbrille schützen
  • Sonnenbrille oder getönte Gläser gegen Licht, Wind und Staub
  • Kopfende des Bettes etwas erhöhen; das mindert die morgendliche Schwellung
  • kühle Kompressen, wenig Salz, trockene Raumluft meiden
  • bei Beschwerden Brille statt Kontaktlinsen

Welche Präparate in Frage kommen, steht unter Augentropfen gegen trockene Augen. Gegen Schmerzen helfen einfache Schmerzmittel wie Ibuprofen, sofern keine Gegenanzeigen bestehen.

Hilft Selen?

Bei einer leichten, aktiven EO kann Selen für sechs Monate den Verlauf etwas bessern. In einer europäischen Studie mit 159 Patienten verbesserten sich Lebensqualität und Augenbefund, und ein Fortschreiten war seltener als unter Placebo.

Die Studie lief in Gebieten mit eher knapper Selenversorgung. Bei ausreichender Versorgung, bei lange bestehender, inaktiver EO und bei mäßig bis schweren Formen ist ein Nutzen nicht belegt. Die Leitlinie empfiehlt Selen deshalb vor allem bei Selenmangel. Übliche Angaben liegen bei 2 × 100 Mikrogramm Natriumselenit pro Tag; einzelne Quellen nennen 100 Mikrogramm. Selen sollte nur nach ärztlicher Rücksprache genommen werden, weil zu viel Selen schädlich ist.

Wie helfen Prismen und Botulinumtoxin?

Prismengläser lenken das Licht so um, dass die Bilder beider Augen wieder übereinanderliegen. Bei kleinen bis mittleren Schielwinkeln verschwinden die Doppelbilder dadurch oft im Geradeausblick. In der aktiven Phase werden dünne Folienprismen (Fresnel-Prismen) auf die Brille geklebt, weil sich der Winkel noch ändert. Bei großen Winkeln kann man ein Brillenglas abkleben.

Gegen eine störende Oberlidretraktion kann eine Spritze mit Botulinumtoxin in den Lidheber helfen. Die Wirkung hält einige Monate. Nebenwirkungen können vorübergehende Doppelbilder oder ein zu tief hängendes Lid sein. So lässt sich die Zeit bis zu einer Lidoperation überbrücken. Auch Kortisonspritzen neben das Auge oder in das Oberlid werden in manchen Zentren eingesetzt, etwa bei frischen Doppelbildern oder früher Lidretraktion.

Wie laufen Kortison-Infusionen ab?

Bei aktiver mäßig bis schwerer EO ist hochdosiertes Methylprednisolon als Infusion in die Vene die europäische Standardbehandlung. Infusionen wirken besser und haben weniger Nebenwirkungen als Kortisontabletten. In einer Vergleichsstudie sprachen 77 % auf Infusionen an, aber nur 51 % auf Tabletten; Nebenwirkungen traten bei 17 % gegenüber 51 % auf.

Das Standardschema der EUGOGO-Leitlinie 2021 sieht einmal wöchentlich eine Infusion über 12 Wochen vor: sechs Wochen je 500 mg, dann sechs Wochen je 250 mg, zusammen 4,5 g. Dazu kommt meist Mycophenolat als Tablette über 24 Wochen; diese Kombination war in der MINGO-Studie wirksamer als Kortison allein. Bei sehr schweren Formen mit ausgeprägten Doppelbildern kann eine höhere Dosis bis 7,5 g gewählt werden. Mehr als 8 g insgesamt sollen wegen der Gefahr eines Leberversagens nicht gegeben werden.

Was man über die Nebenwirkungen wissen sollte

  • höherer Blutzucker, Blutdruck und Augendruck
  • Schlafstörungen, Unruhe, Stimmungsschwankungen, selten Depression
  • Magenbeschwerden, Gewichtszunahme, Wassereinlagerung
  • Infektanfälligkeit
  • Knochenschwund bei längerer Gabe; deshalb oft Vitamin D und Kalzium
  • selten Leberschäden, daher Kontrolle der Leberwerte vor und während der Behandlung

Eine Besserung zeigt sich meist nach etwa vier Wochen. Fehlt sie nach sechs Wochen, wird über andere Möglichkeiten gesprochen. Nicht alle sprechen an, und nach dem Ende der Behandlung kann die Entzündung wieder aufflammen. Kortison wirkt gut auf Schwellung und Schmerzen, auf das Hervortreten aber nur begrenzt.

Was tun, wenn Kortison nicht reicht?

Reicht Kortison nicht oder kommt die Entzündung zurück, gibt es mehrere zweite Wege. Welcher passt, hängt vom Befund, von Begleiterkrankungen und von der Verfügbarkeit ab.

  • ein zweiter, höher dosierter Kortison-Zyklus
  • Kortison zusammen mit Ciclosporin oder Azathioprin
  • Bestrahlung der Augenhöhle, meist zusammen mit Kortison
  • Teprotumumab (siehe unten)
  • Rituximab, ein Antikörper gegen B-Zellen; die Studienergebnisse sind widersprüchlich
  • Tocilizumab, ein Antikörper gegen den Botenstoff Interleukin-6; eine spanische Studie zeigte Wirkung bei kortisonresistenter EO

Wichtig für Deutschland: Zugelassen sind für die EO nur Kortison und Teprotumumab. Mycophenolat, Ciclosporin, Azathioprin, Rituximab und Tocilizumab werden außerhalb ihrer Zulassung eingesetzt (Off-Label). Das ist üblich, setzt aber Aufklärung voraus und kann Fragen zur Kostenübernahme aufwerfen. Im Ländervergleich fällt Frankreich auf: In ihrer Bewertung von 2025 schreibt die dortige Gesundheitsbehörde HAS, dass hochdosiertes Kortison bei aktiver EO mit Hervortreten oder Doppelbildern nur begrenzt wirkt und dort nicht mehr als Standard gilt. In Frankreich wird in diesen Fällen oft Tocilizumab außerhalb der Zulassung bevorzugt, obwohl die Studienlage dafür schwach ist. Das ist eine französische Besonderheit, nicht die europäische Leitlinie.

Wann hilft eine Bestrahlung?

Eine niedrig dosierte Bestrahlung der Augenhöhle hilft vor allem bei aktiver EO mit zunehmenden Doppelbildern. Sie verbessert die Beweglichkeit der Augen, besonders beim Blick nach oben. Auf das Hervortreten wirkt sie kaum.

Üblich sind etwa 20 Gray je Augenhöhle, verteilt auf zehn Sitzungen über zwei Wochen. Sie wird meist mit Kortison kombiniert. Bei Diabetes mit Netzhautschäden (diabetische Retinopathie) oder schwerem Bluthochdruck wird nicht bestrahlt, weil die Netzhaut geschädigt werden könnte. Bei jüngeren Menschen wird zurückhaltend bestrahlt.

Was ist Teprotumumab und wo ist es zugelassen?

Teprotumumab ist ein Antikörper gegen den IGF-1-Rezeptor. Er ist seit dem 19. Juni 2025 in der gesamten EU für Erwachsene mit mäßig bis schwerer endokriner Orbitopathie zugelassen. Der Zulassung ging am 25. April 2025 eine positive Empfehlung des Arzneimittelausschusses (CHMP) der Europäischen Arzneimittel-Agentur voraus. In den USA ist das Mittel schon länger zugelassen.

Anwendung

Es wird als Infusion in die Vene gegeben, alle drei Wochen, insgesamt achtmal über 24 Wochen. Die erste Dosis beträgt 10 mg pro Kilogramm Körpergewicht, die weiteren je 20 mg. Verschreiben dürfen es nur Ärztinnen und Ärzte mit Erfahrung in der EO. Die Gabe erfolgt unter Aufsicht, weil Infusionsreaktionen möglich sind. Vor jeder Infusion wird der Blutzucker geprüft, dazu kommen Hörtests vor, während und nach der Behandlung.

Wirkung

In den Zulassungsstudien nahm das Hervortreten bei 83 % bzw. 89 % der Behandelten um mindestens 2 mm ab, unter Placebo bei 10 % bzw. 11 %. Im Mittel ging es um gut 2 mm zurück. Auch Doppelbilder besserten sich häufiger. Bei chronischer, lange bestehender EO war die Wirkung kleiner (im Mittel 2,4 mm gegenüber 0,9 mm unter Placebo). Bei einem Teil der Behandelten kommt die Krankheit nach dem Ende der Behandlung zurück; in einer Beobachtungsstudie bei etwa einem Viertel.

Nebenwirkungen

Sehr häufig sind Muskelkrämpfe, Durchfall, Haarausfall, erhöhter Blutzucker, Müdigkeit, Übelkeit und Kopfschmerzen. Schwerwiegend können Hörstörungen bis zum Hörverlust sein, der auch bleiben kann. In Studien und Beobachtungen nach der Zulassung traten Hörstörungen deutlich häufiger auf, als die ersten Angaben vermuten ließen. Weitere ernste Risiken sind eine Entgleisung eines Diabetes (Ketoazidose), Infusionsreaktionen und das Auslösen oder Verschlechtern einer chronisch-entzündlichen Darmerkrankung. In der Schwangerschaft darf es nicht angewendet werden; Frauen im gebärfähigen Alter müssen sicher verhüten.

Bewertung und Kostenübernahme

  • Deutschland: Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) hat am 20. August 2026 entschieden, dass ein Zusatznutzen gegenüber der Standardbehandlung (Methylprednisolon, ggf. mit Mycophenolat; bei chronischer EO beobachtendes Abwarten) nicht belegt ist. Das ist eine Nutzenbewertung, kein Verbot. Das Mittel bleibt verordnungsfähig. Wie die Kostenübernahme im Einzelfall geregelt wird, sollte man mit dem behandelnden Zentrum und der Krankenkasse klären.
  • Österreich: Das Mittel ist seit März 2026 erhältlich. Ein voller Zyklus kostete bei 75 kg Körpergewicht zum damaligen Listenpreis rund 170.000 Euro; im Juni 2026 hat der Hersteller eine Senkung des Listenpreises angeboten, die Behandlung bleibt aber deutlich teurer als die Standardtherapie. Die Zielsteuerung-Gesundheit hat es im April 2026 zunächst nicht empfohlen, am 24. Juni 2026 dann unter Bedingungen empfohlen: aktive mäßig bis schwere EO, Versagen, Unverträglichkeit oder Gegenanzeige anderer Behandlungen einschließlich hochdosiertem Kortison, eingestellte Schilddrüse, Verordnung durch ein spezialisiertes Zentrum mit Augenheilkunde, Endokrinologie und HNO, Prüfung des Ansprechens nach vier Gaben, Register und mindestens zwölf Monate Nachbeobachtung.
  • Frankreich: Die Gesundheitsbehörde HAS hat im November 2025 einen frühen Zugang (accès précoce) für aktive mäßig bis schwere Formen mit Hervortreten oder Doppelbildern genehmigt, zunächst für zwölf Monate mit der Möglichkeit der Verlängerung. Den aktuellen Stand kennt das behandelnde Zentrum.

Die EUGOGO-Leitlinie von 2021 führt Teprotumumab als Möglichkeit der zweiten Linie. In den USA wird es dagegen oft schon zuerst eingesetzt. Ob das Mittel im Einzelfall passt, entscheidet am besten ein Zentrum mit EO-Erfahrung.

Was passiert bei Druck auf den Sehnerv?

Bei Druck auf den Sehnerv wird sofort gehandelt. Zuerst gibt man an mehreren Tagen hintereinander sehr hohe Kortisondosen als Infusion, zum Beispiel 1 g Methylprednisolon täglich über drei Tage, bei Bedarf in der Folgewoche wiederholt.

Bessert sich das Sehen nicht rasch, meist innerhalb von ein bis zwei Wochen, folgt eine dringliche Orbitadekompression. Auch eine freiliegende Hornhaut mit drohendem Durchbruch wird sofort behandelt, zum Beispiel mit einer Lidverlängerung oder einem vorübergehenden teilweisen Vernähen der Lider (Tarsorrhaphie).

Wann wird operiert?

Geplante Operationen erfolgen in der inaktiven Phase, wenn die EO etwa sechs Monate stabil ist und die Schilddrüse sicher eingestellt ist. Wird zu früh operiert, kann die Entzündung aufflammen, und das Ergebnis wird ungenau. Ausnahmen sind der Druck auf den Sehnerv und eine bedrohte Hornhaut.

Sind mehrere Eingriffe nötig, gilt eine feste Reihenfolge, weil jeder Schritt den nächsten beeinflusst:

  1. Orbitadekompression gegen das Hervortreten
  2. Augenmuskeloperation gegen Schielen und Doppelbilder
  3. Lidoperation gegen Lidretraktion
  4. zuletzt bei Bedarf eine Lidstraffung mit Fettentfernung

Manche Zentren fassen Schritte zusammen. Insgesamt sind oft mehrere Eingriffe über ein bis zwei Jahre nötig, und die Erholung kann Zeit brauchen.

Wie funktioniert eine Orbitadekompression?

Bei der Orbitadekompression schafft die Chirurgin oder der Chirurg Platz in der Augenhöhle. Dazu werden Teile der knöchernen Wände entfernt, meist an der Innenwand, am Boden oder an der Außenwand, und/oder überschüssiges Fett. Das Auge sinkt zurück, und der Druck auf den Sehnerv lässt nach.

Je mehr Wände entlastet werden, desto stärker geht das Hervortreten zurück, typischerweise um etwa 4–5 mm. Die Zugänge liegen meist versteckt, zum Beispiel über die Bindehaut, durch die Nase, im Lidrand oder hinter dem Haaransatz. Mögliche Folgen sind neue oder stärkere Doppelbilder (in einer Serie bei etwa 29 %), Taubheit an Wange oder Oberlippe, Nebenhöhlenentzündungen, ein Absinken des Auges und sehr selten eine Verletzung des Sehnervs. In den ersten Wochen darf man sich nicht schnäuzen.

Wie wird bei Doppelbildern operiert?

Bei bleibenden Doppelbildern werden die verkürzten Augenmuskeln operativ zurückversetzt. Bei der EO verlagert man nur die verspannten Muskeln nach hinten und verstärkt nicht den Gegenspieler. Am häufigsten betrifft das den unteren und den inneren geraden Muskel.

Ziel ist Einfachsehen im Geradeausblick und beim Lesen. Ein Rest von Doppelbildern in äußersten Blickrichtungen kann bleiben. Das Ergebnis verändert sich noch über Monate, deshalb wartet man vor einem zweiten Eingriff meist etwa ein halbes Jahr. Eine Operation am unteren Muskel kann das Unterlid etwas zurückziehen.

Was bringt eine Lidoperation?

Eine Lidoperation senkt ein zu hoch stehendes Oberlid oder hebt ein zurückgezogenes Unterlid. Dadurch schließen die Lider besser, die Hornhaut wird besser benetzt, und der starre Blick verschwindet.

Am Oberlid wird der Lidheber verlängert oder geschwächt, meist von der Bindehautseite. Am Unterlid wird ein Platzhalter eingesetzt, etwa aus Gaumenschleimhaut oder Knorpel. Zum Schluss kann eine Lidstraffung mit Entfernung von vorgefallenem Fett das Aussehen verbessern.

Wer trägt die Kosten?

Wer die Kosten trägt, hängt von Land, Krankenkasse und Behandlung ab. Eine allgemein gültige Regel gibt es nicht. Am besten klärt man das vor Beginn mit dem behandelnden Zentrum und der Krankenkasse. Das gilt besonders für Medikamente, die außerhalb ihrer Zulassung eingesetzt werden, und für Eingriffe, die vor allem das Aussehen verbessern sollen. Für Teprotumumab gelten die oben beschriebenen Länderregeln.

6 Verlauf und Prognose

In diesem Kapitel (7)

Wie verläuft die Krankheit?

Die EO verläuft in zwei Phasen: Auf eine aktive, entzündliche Phase folgt eine inaktive Phase, in der die Entzündung erloschen ist. Fachleute beschreiben das mit der sogenannten Rundle-Kurve. Die Beschwerden nehmen zu, erreichen einen Höhepunkt und bessern sich dann langsam, ohne ganz zum Ausgangszustand zurückzukehren.

Die aktive Phase dauert meist ein bis zwei Jahre, in Einzelfällen bis zu drei Jahre. Die Angaben der Quellen reichen von etwa sechs Monaten bis drei Jahre. Danach bleibt die Krankheit in der Regel ruhig. Eine späte Wiederkehr ist selten und kommt am ehesten bei einem Rückfall der Schilddrüsenüberfunktion vor.

Geht eine endokrine Orbitopathie von selbst wieder weg?

Die Entzündung klingt von selbst ab, aber die Veränderungen gehen oft nicht vollständig zurück. Leichte Formen bessern sich häufig ohne besondere Behandlung. Bei mäßig bis schweren Formen bleiben oft ein gewisses Hervortreten, eine Lidretraktion oder Doppelbilder.

Beobachtungen ohne entzündungshemmende Behandlung zeigen ein gemischtes Bild:

  • Bei leichten Formen besserten sich etwa 45–50 %, etwa ein Drittel bis die Hälfte blieb stabil, und etwa 10–15 % wurden schlechter.
  • In einer britischen Gruppe besserten sich nach einem Jahr 64 % deutlich oder etwas, 22 % blieben stabil, 14 % verschlechterten sich.
  • Dass eine leichte Form in eine mäßig bis schwere übergeht, ist selten.

Wovon hängt die Prognose ab?

Die Prognose ist besser, wenn früh erkannt und rechtzeitig behandelt wird, nicht geraucht wird und die Schilddrüse stabil eingestellt ist. Je stärker die Entzündung in der aktiven Phase war, desto größer sind die bleibenden Schäden. Eine wirksame Entzündungshemmung zum richtigen Zeitpunkt verringert daher die späteren Folgen.

Ungünstig sind Rauchen, höheres Alter, männliches Geschlecht, Diabetes, sehr hohe TRAK-Werte und ein rasches Fortschreiten. Nach erfolgreicher Behandlung einer aktiven mäßig bis schweren Form bessern sich viele Betroffene über die folgenden Jahre weiter.

Welche Folgen können bleiben?

Nach der aktiven Phase können ein Hervortreten der Augen, hochgezogene Lider, geschwollene Lider durch Fettvorfall, Doppelbilder und ein trockenes Auge bleiben. Diese Restbefunde sind keine Zeichen einer weiter aktiven Krankheit. Sie lassen sich in der inaktiven Phase mit Operationen gut verbessern.

Welche Komplikationen gibt es?

Die gefährlichsten Komplikationen sind der Druck auf den Sehnerv und ein Hornhautgeschwür durch fehlenden Lidschluss. Beide können ohne rasche Behandlung zu bleibendem Sehverlust führen.

  • Sehnervkompression: bei etwa 3–8 %; mit rascher Behandlung lässt sich das Sehen oft erhalten, eine vollständige Erholung ist aber nicht immer möglich
  • Hornhautgeschwür bis zum Durchbruch der Hornhaut, siehe auch Hornhautentzündung
  • dauerhaft erhöhter Augendruck
  • bleibende Doppelbilder
  • seelische Folgen wie Angst, Depression und sozialer Rückzug
  • Nebenwirkungen der Behandlung, etwa durch Kortison oder Teprotumumab

Kann die Krankheit wiederkommen?

Ja, Rückfälle sind möglich, vor allem kurz nach dem Absetzen von Kortison oder nach einer Behandlung mit Teprotumumab. Später, wenn die Krankheit über lange Zeit inaktiv war, ist ein neues Aufflammen selten. Auslöser können ein Rückfall der Überfunktion, eine Radiojodtherapie oder wieder aufgenommenes Rauchen sein. Regelmäßige Kontrollen helfen, einen Rückfall früh zu erkennen.

Wie oft sind Kontrollen nötig?

In der aktiven Phase sind Kontrollen etwa alle ein bis drei Monate üblich, unter Behandlung oft häufiger. In der inaktiven Phase reichen meist größere Abstände. Wichtig ist, bei neuen Beschwerden nicht bis zum nächsten Termin zu warten.

7 Vorbeugung

In diesem Kapitel (6)

Kann man einer endokrinen Orbitopathie vorbeugen?

Ganz verhindern lässt sich die EO nicht, weil sie auf einer Autoimmunreaktion beruht. Man kann das Risiko aber senken und den Verlauf mildern. Die drei wichtigsten Punkte sind: nicht rauchen, die Schilddrüse gut einstellen lassen und bei einer Radiojodtherapie an den Schutz der Augen denken.

Was bringt es, mit dem Rauchen aufzuhören?

Der Rauchstopp senkt das Risiko für eine EO und macht den Verlauf milder und kürzer. Wer mit Morbus Basedow raucht, hat ein vielfach höheres Risiko. Auch die Wirkung von Kortison ist bei Rauchern schlechter. Unterstützung durch Entwöhnungsprogramme erhöht die Chance, rauchfrei zu bleiben.

Worauf sollte man bei der Schilddrüse achten?

Die Schilddrüsenwerte sollten regelmäßig kontrolliert und stabil im Normbereich gehalten werden. Sowohl eine Überfunktion als auch eine Unterfunktion nach Behandlung können die Augen belasten.

  • Kontrolltermine bei Hausarzt oder Endokrinologie einhalten.
  • Bei jedem Menschen mit Morbus Basedow sollten die Augen gezielt angesehen werden, auch ohne Beschwerden.
  • Vor einer Radiojodtherapie die Augen untersuchen lassen und über einen Kortisonschutz sprechen.
  • Bei Rauchern und hohen Antikörperwerten besonders sorgfältig abwägen, welche Schilddrüsenbehandlung passt.

Was kann ich im Alltag für meine Augen tun?

Im Alltag helfen eine konsequente Pflege der Augenoberfläche, Schutz vor Licht und Wind und ein erhöhtes Kopfende in der Nacht. Diese Maßnahmen lindern Beschwerden in jeder Phase.

  • Tränenersatzmittel regelmäßig, nicht erst bei Beschwerden
  • nachts Gel oder Salbe, bei unvollständigem Lidschluss Schutz mit Uhrglasverband
  • Sonnenbrille, auch bei Wind
  • Bildschirmpausen und bewusstes Blinzeln
  • Kopfende des Bettes erhöhen, salzarm essen
  • bei Doppelbildern Prismenfolien oder Abdecken eines Brillenglases nach Anleitung
  • Stress wo möglich verringern, ausreichend bewegen

Darf ich mit Doppelbildern Auto fahren?

Mit Doppelbildern im Geradeausblick sollte man nicht Auto fahren. Ob und unter welchen Bedingungen Fahren möglich ist, etwa mit Prismen oder einseitigem Abdecken nach einer Eingewöhnungszeit, klärt die Augenärztin oder der Augenarzt im Einzelfall. Das gilt auch, wenn sich die Doppelbilder im Tagesverlauf ändern.

Wo finde ich Unterstützung?

Unterstützung gibt es bei spezialisierten Zentren, Selbsthilfegruppen und psychologischen Beratungsstellen. Es hilft vielen, mit anderen Betroffenen zu sprechen und zu hören, dass die aktive Phase vorbeigeht. Auch eine psychotherapeutische Begleitung kann sinnvoll sein, wenn das veränderte Aussehen sehr belastet. Frühere Fotos sollte man aufbewahren; sie helfen bei Untersuchungen und bei der Planung von Operationen.

8 Wann sofort zum Arzt?

In diesem Kapitel (3)

Eine endokrine Orbitopathie ist meist kein Notfall. Zwei Komplikationen sind es aber: Druck auf den Sehnerv und eine freiliegende, geschädigte Hornhaut. Beide können das Sehen dauerhaft kosten, wenn nicht schnell gehandelt wird. Allgemeine Warnzeichen am Auge stehen unter Notfall am Auge.

Wann muss ich sofort zum Augenarzt?

Sofort, also am selben Tag, in eine Augenklinik oder augenärztliche Notfallpraxis bei diesen Zeichen:

  • Das Sehen wird schlechter und bessert sich nicht durch Blinzeln oder Tropfen.
  • Farben wirken auf einem Auge blasser oder anders als auf dem anderen.
  • Teile des Gesichtsfelds fehlen oder sind verschwommen.
  • Die Lider schließen sich nicht mehr, und das Auge wird schmerzhaft, stark rot oder lichtscheu.
  • Auf der Hornhaut ist ein weißlicher Fleck zu sehen.
  • Ein Auge tritt plötzlich und rasch hervor, oder der Augapfel springt vor die Lider.
  • Starke Schmerzen im oder hinter dem Auge, vor allem mit Fieber oder Kopfschmerzen.
  • Bei einem Kind tritt ein Auge neu hervor.

Bei schwerer Überfunktion mit Verwirrtheit, hohem Fieber, sehr schnellem oder unregelmäßigem Herzschlag oder Atemnot den Notruf 112 (in Österreich 144) wählen.

Wann sollte ich innerhalb weniger Tage gehen?

Innerhalb weniger Tage, etwa binnen einer Woche, sollte eine augenärztliche Untersuchung bei diesen Zeichen erfolgen:

  • neu aufgetretene Doppelbilder, besonders im Geradeausblick oder beim Lesen
  • rasch zunehmendes Hervortreten der Augen
  • zunehmende Rötung, Schwellung oder Schmerzen hinter dem Auge
  • Trockenheit mit deutlichen Schmerzen trotz Tropfen
  • unter Teprotumumab: Hörverschlechterung, Ohrgeräusche, starker Durst oder viel Wasserlassen

Was ist eher eine Routinefrage?

Eine leichte Lidretraktion, ein leichtes Sandkorngefühl oder geschwollene Lider am Morgen ohne Sehverschlechterung gehören in einen regulären Termin innerhalb einiger Wochen. Wer einen Morbus Basedow hat, sollte die Augen auch ohne Beschwerden einmal untersuchen lassen. Nicht jede Sehverschlechterung ist ein Sehnervschaden; auch Trockenheit kann das Sehen trüben. Die Abklärung gehört aber immer in augenärztliche Hand.

9 Häufige Fragen

Gehen Basedow-Augen wieder weg?

Die Entzündung klingt meist nach ein bis zwei Jahren von selbst ab. Leichte Veränderungen bessern sich oft deutlich. Hervortretende Augen, hochgezogene Lider oder Doppelbilder können aber bleiben. Sie lassen sich in der ruhigen Phase operativ verbessern.

Kann man von einer endokrinen Orbitopathie blind werden?

Das ist selten, aber möglich. Bei etwa 3–8 % drücken die geschwollenen Muskeln auf den Sehnerv. Werden blassere Farben oder schlechteres Sehen rasch behandelt, lässt sich das Sehen meist erhalten. Diese Zeichen sind deshalb immer ein Grund, am selben Tag zum Augenarzt zu gehen.

Muss ich wegen meiner Augen mit dem Rauchen aufhören?

Ja. Rauchen erhöht das Risiko für eine EO etwa 7- bis 8-fach, macht den Verlauf schwerer und länger und schwächt die Wirkung von Kortison. Aufhören lohnt sich in jeder Phase der Krankheit.

Wie lange dauert die aktive Phase der endokrinen Orbitopathie?

Meist ein bis zwei Jahre, in Einzelfällen bis zu drei Jahre. Danach ist die Krankheit in der Regel inaktiv. Erst dann werden geplante Operationen gemacht, meist nach etwa sechs stabilen Monaten.

Hilft Selen bei endokriner Orbitopathie?

Bei einer leichten, aktiven Form kann Selen über sechs Monate den Verlauf etwas bessern, vor allem bei Selenmangel. Bei mäßig bis schweren oder lange bestehenden Formen ist ein Nutzen nicht belegt. Selen sollte nur nach ärztlicher Rücksprache eingenommen werden.

Ist eine Radiojodtherapie gefährlich für die Augen?

Sie kann eine EO auslösen oder verschlechtern, besonders bei Rauchern. Bei aktiver mäßig bis schwerer EO wird sie daher meist gemieden. Sonst senkt ein Kortisonschutz über einige Wochen das Risiko deutlich. Vor der Therapie sollten die Augen untersucht werden.

Was ist Teprotumumab und bekomme ich es in Deutschland oder Österreich?

Teprotumumab ist ein Antikörper gegen den IGF-1-Rezeptor, der seit 19. Juni 2025 in der EU für mäßig bis schwere EO zugelassen ist. Es wird achtmal im Abstand von drei Wochen als Infusion gegeben. Hörstörungen und hoher Blutzucker sind wichtige Nebenwirkungen. In Deutschland sah der G-BA 2026 keinen belegten Zusatznutzen; in Österreich wird es seit Juni 2026 unter strengen Bedingungen in spezialisierten Zentren empfohlen.

Warum sehe ich bei Schilddrüsenproblemen doppelt?

Die Augenmuskeln sind entzündet und später vernarbt. Sie werden steif, und die Augen bewegen sich nicht mehr parallel. Prismen auf der Brille helfen oft. Bleiben die Doppelbilder, ist in der ruhigen Phase eine Schieloperation möglich.

Heilt die Behandlung der Schilddrüse auch die Augen?

Nicht automatisch. Stabile Schilddrüsenwerte sind wichtig und verbessern den Verlauf. Die Augen verlaufen aber teilweise unabhängig und brauchen oft eine eigene Behandlung durch Augenheilkunde und Endokrinologie.

Wann ist eine Operation bei endokriner Orbitopathie nötig?

Sofort nur bei Druck auf den Sehnerv, der auf Kortison nicht anspricht, oder bei bedrohter Hornhaut. Sonst wird in der inaktiven Phase operiert, wenn hervortretende Augen, Doppelbilder oder Lidstellung stören. Die Reihenfolge ist Dekompression, Schieloperation, Lidoperation.

Kann man eine endokrine Orbitopathie ohne Schilddrüsenüberfunktion haben?

Ja, in etwa 10–15 % der Fälle. Dann liegt oft eine Hashimoto-Thyreoiditis oder eine normale Schilddrüsenfunktion mit Schilddrüsen-Antikörpern vor. Etwa die Hälfte entwickelt später eine Schilddrüsenerkrankung. Andere Ursachen der Augenhöhle müssen dann besonders sorgfältig ausgeschlossen werden.

Sind Kortison-Infusionen bei Basedow-Augen gefährlich?

Sie sind wirksam und besser verträglich als Kortisontabletten, aber nicht harmlos. Blutzucker, Blutdruck, Augendruck und Leberwerte werden überwacht, und die Gesamtdosis wird begrenzt. Die Behandlung gehört in erfahrene Hände, meist mit Endokrinologie oder Innerer Medizin.

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Quellen

Dieser Artikel wurde aus Fachquellen in 4 Sprachen recherchiert (Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch) und auf Deutsch zusammengefasst.

Alle 27 Quellen anzeigen
  1. Tepezza: Übersicht über das Arzneimittel und warum es in der EU zugelassen ist (EMA/167236/2025) – Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) (DE)
  2. Tragende Gründe zum Beschluss über die Nutzenbewertung von Teprotumumab (Endokrine Orbitopathie), 20.08.2026 – Gemeinsamer Bundesausschuss (G-BA) (DE)
  3. Beschluss zu Teprotumumab (Tepezza) – Evaluierung, 15.04.2026 – Zielsteuerung-Gesundheit, Österreich (DE)
  4. Beschluss zu Teprotumumab (Tepezza) – Prüfung Wirtschaftlichkeit, 24.06.2026 – Zielsteuerung-Gesundheit, Österreich (DE)
  5. Endokrine Orbitopathie aus internistischer Sicht (Der Ophthalmologe 2011) – Orbitazentrum, Universitätsklinikum Freiburg (DE)
  6. Klinische und neuroradiologische Diagnostik bei endokriner Orbitopathie (Der Ophthalmologe 2011) – Orbitazentrum, Universitätsklinikum Freiburg (DE)
  7. Medikamentöse Therapie und Strahlentherapie bei endokriner Orbitopathie (Der Ophthalmologe 2011) – Orbitazentrum, Universitätsklinikum Freiburg (DE)
  8. Operative Therapie bei endokriner Orbitopathie (Der Ophthalmologe 2011) – Orbitazentrum, Universitätsklinikum Freiburg (DE)
  9. Strabologie und Endokrine Orbitopathie (Newsletter 06/2021) – Universitäts-Augenklinik Tübingen (DE)
  10. Endokrine Orbitopathie bei Basedow’scher Krankheit (Patienteninformation) – Klinik für Nuklearmedizin, Uniklinik Köln (DE)
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  21. Orbitopathie dysthyroïdienne : mieux comprendre pour mieux traiter – Société Française d’Endocrinologie (SFE) (FR)
  22. Orbitopathie basedowienne (Orgiazzi, Séminaire DES Endocrinologie 2013) – Société Française d’Endocrinologie (SFE) (FR)
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