Hervortretende Augen (Exophthalmus)
Hervortretende Augen (Exophthalmus) sind keine eigene Krankheit, sondern ein Zeichen dafür, dass in der Augenhöhle zu viel Gewebe Platz beansprucht. Bei Erwachsenen steckt meist eine Autoimmunerkrankung im Zusammenhang mit der Schilddrüse dahinter, bei Kindern eher eine Infektion; ein plötzlich hervortretendes Auge mit Schmerzen oder schlechterem Sehen ist ein Notfall.
1 Kurzübersicht
In diesem Kapitel (6)
Was bedeutet „hervortretende Augen“?
Von hervortretenden Augen spricht man, wenn ein Augapfel oder beide Augäpfel weiter als normal aus der Augenhöhle nach vorn ragen. Der Fachbegriff lautet Exophthalmus, gleichbedeutend werden Protrusio bulbi und Proptosis verwendet. Manche Fachleute reservieren das Wort Exophthalmus für die Vorwölbung bei Schilddrüsenerkrankungen und sprechen sonst von Proptosis. Das Gegenteil, ein in die Augenhöhle zurückgesunkenes Auge, heißt Enophthalmus.
Ist ein Exophthalmus eine eigene Krankheit?
Nein, ein Exophthalmus ist ein Krankheitszeichen und keine Diagnose. Er zeigt an, dass sich in der knöchernen Augenhöhle (Orbita) etwas verändert hat: Gewebe ist geschwollen, entzündet, vermehrt oder verdrängt. Die eigentliche Aufgabe der Ärztin oder des Arztes ist deshalb, die Ursache zu finden. Davon hängen Dringlichkeit und Behandlung ab.
Welche Ursachen sind am häufigsten?
Bei Erwachsenen ist die endokrine Orbitopathie mit Abstand die häufigste Ursache, also eine Autoimmunentzündung der Augenhöhle, die meist zusammen mit einem Morbus Basedow auftritt. Bei Kindern steht dagegen eine bakterielle Infektion der Augenhöhle (Orbitaphlegmone) an erster Stelle. Seltener sind Entzündungen ohne Infektion, gutartige und bösartige Tumoren, Gefäßfehlbildungen, Blutungen und Verletzungen.
- Endokrine Orbitopathie: meist beide Augen, langsam über Wochen bis Monate, oft mit hochgezogenem Oberlid.
- Infektion der Augenhöhle: meist ein Auge, innerhalb von Stunden bis Tagen, mit Fieber, Rötung und Schmerz.
- Tumor: meist ein Auge, schleichend über Monate.
- Blutung oder Gefäßveränderung: meist ein Auge, oft plötzlich, manchmal pulsierend.
Wie gefährlich sind hervortretende Augen?
Meist bedrohen hervortretende Augen das Sehen nicht, sie müssen aber immer abgeklärt werden. Gefahr droht auf zwei Wegen: Die Hornhaut kann austrocknen, wenn sich die Lider nicht mehr ganz schließen, und der Sehnerv kann in der engen Augenhöhle zusammengedrückt werden. Bei der endokrinen Orbitopathie betrifft ein Sehnervschaden nach spanischen und britischen Fachquellen weniger als 5 von 100 Betroffenen. Ein plötzlich entstandenes oder schmerzhaftes Hervortreten ist dagegen immer ein Notfall.
Wie wird ein Exophthalmus festgestellt?
Die Augenärztin oder der Augenarzt misst das Hervortreten mit einem kleinen Messgerät, dem Exophthalmometer, und untersucht Hornhaut, Augenbeweglichkeit und Sehnerv. Blutwerte der Schilddrüse und eine Bildgebung der Augenhöhle mit Computertomografie (CT) oder Magnetresonanztomografie (MRT) klären die Ursache. Ein einseitiges Hervortreten braucht fast immer ein Schnittbild.
Wie wird behandelt?
Behandelt wird die Ursache, dazu kommt immer der Schutz der Augenoberfläche mit Tränenersatz und Gel. Bei der endokrinen Orbitopathie stehen Rauchstopp, eine stabile Schilddrüsenfunktion und in aktiven, stärkeren Fällen Kortison-Infusionen im Vordergrund. Bleibt das Auge nach dem Abklingen der Entzündung deutlich vorn, kann eine Operation der Augenhöhle (Orbitadekompression) es zurückverlagern.
2 Symptome
In diesem Kapitel (17)
- Wie sieht ein hervortretendes Auge aus?
- Welche Beschwerden verursachen hervortretende Augen?
- Was ist eine Oberlidretraktion?
- Warum entstehen Doppelbilder?
- Woran merkt man, dass der Sehnerv bedrängt wird?
- Was passiert, wenn das Auge nicht mehr richtig schließt?
- Einseitig oder beidseitig: Was verrät die Seite?
- Was verrät das Tempo, in dem es entsteht?
- Welche Begleitzeichen deuten auf welche Ursache?
- Welche Zeichen einer Schilddrüsenüberfunktion gehören dazu?
- Wie verändern sich die Beschwerden über Monate?
- Was bemerken Angehörige?
- Wie zeigt sich ein Exophthalmus bei Kindern?
- Gibt es Besonderheiten bei Männern und älteren Menschen?
- Wie belastend ist das veränderte Aussehen?
- Was sind scheinbar hervortretende Augen?
- Welche Warnzeichen gibt es?
Wie sieht ein hervortretendes Auge aus?
Ein hervortretendes Auge wirkt größer, vorgewölbt und „aufgerissen“, der Blick erscheint starr oder erstaunt. Oft sieht man oberhalb oder unterhalb der farbigen Regenbogenhaut einen Streifen der weißen Lederhaut, der normalerweise vom Lid bedeckt ist. Von der Seite betrachtet ragt die Hornhaut deutlich über die Ebene von Stirn und Wangenknochen hinaus. Ist nur ein Auge betroffen, fällt der Unterschied im Seitenvergleich auf, zum Beispiel auf Fotos.
Viele Betroffene bemerken die Veränderung selbst nicht, weil sie schleichend entsteht. Ein Vergleich mit älteren Fotos zeigt sie oft deutlich. Die Freiburger Universitäts-Augenklinik empfiehlt deshalb, alte Fotos zur Untersuchung mitzubringen.
Welche Beschwerden verursachen hervortretende Augen?
Die häufigsten Beschwerden entstehen an der Augenoberfläche: Trockenheit, Brennen, Fremdkörpergefühl, Tränen und Lichtempfindlichkeit. Dazu kommen je nach Ursache Druck hinter dem Auge, Schmerzen, Doppelbilder und im schlimmsten Fall ein schlechteres Sehen. Welche Beschwerden auftreten, hängt weniger davon ab, wie weit das Auge vorsteht, als davon, was in der Augenhöhle vor sich geht.
Trockenheit, Brennen und Sandkorngefühl
Ein vorstehendes Auge bietet der Luft mehr Fläche, und die Lider verteilen den Tränenfilm schlechter. Das fühlt sich an wie Sand oder ein Wimpernhaar im Auge, die Augen brennen und ermüden schnell. Typisch ist, dass die Beschwerden bei Bildschirmarbeit, Heizungsluft, Wind und Klimaanlage zunehmen. Kontaktlinsen werden häufig schlechter vertragen.
Tränende Augen und Lichtempfindlichkeit
Paradoxerweise tränen gereizte, trockene Augen oft vermehrt, weil die Oberfläche mit Reflextränen reagiert. Viele Betroffene sind zudem blendempfindlich und tragen draußen gern eine Sonnenbrille. Gerade zu Beginn einer endokrinen Orbitopathie klagen Patientinnen und Patienten häufig über diese Kombination aus Tränen, Fremdkörpergefühl und Lichtscheu.
Druck und Schmerzen hinter dem Auge
Ein Druckgefühl hinter den Augen ist bei entzündlichen Ursachen häufig. Spontane Schmerzen hinter dem Auge oder Schmerzen beim Blick nach oben, unten oder zur Seite gelten bei der endokrinen Orbitopathie als Zeichen einer aktiven Entzündung. Starke, tiefe Schmerzen mit Fieber sprechen dagegen für eine Infektion der Augenhöhle, plötzliche starke Schmerzen nach einer Verletzung oder Operation für eine Blutung.
Rötung und Schwellung
Gerötete, geschwollene Lider und eine gerötete Bindehaut sind bei der endokrinen Orbitopathie die häufigsten sichtbaren Beschwerden. Die Bindehaut kann glasig aufquellen (Chemosis), das kleine rötliche Gewebe im inneren Lidwinkel (Karunkel) kann geschwollen sein. Oft wölbt sich Fettgewebe als Polster ins Ober- oder Unterlid vor, im Alltag „Tränensäcke“ genannt. Die Schwellung ist morgens nach dem Liegen meist am stärksten und bessert sich im Lauf des Tages.
Was ist eine Oberlidretraktion?
Bei einer Oberlidretraktion steht das Oberlid zu hoch, sodass über der Regenbogenhaut ein weißer Streifen sichtbar wird und der Blick starr wirkt. Sie ist das typischste Zeichen der endokrinen Orbitopathie und kommt nach der Freiburger Fachliteratur bei über 70 Prozent der Betroffenen vor. Kennzeichnend ist, dass der höchste Punkt des Lids nach außen verschoben ist. Bei anderen Ursachen eines Exophthalmus ist eine solche Lidretraktion seltener und schwächer.
Ein verwandtes Zeichen ist das Zurückbleiben des Oberlids beim Blick nach unten, nach dem Augenarzt von Graefe benannt. Auch das seltenere Blinzeln trägt zum „starrenden“ Eindruck bei. Wichtig: Eine Lidretraktion lässt Augen auch ohne echtes Hervortreten größer wirken, schon eine Schilddrüsenüberfunktion allein kann sie über das vegetative Nervensystem auslösen.
Warum entstehen Doppelbilder?
Doppelbilder entstehen, wenn die Augenmuskeln entzündet, verdickt oder später vernarbt sind und die beiden Augen nicht mehr gleichmäßig bewegen. Bei der endokrinen Orbitopathie ist am häufigsten der untere gerade Augenmuskel betroffen, sodass der Blick nach oben eingeschränkt ist, danach der innere gerade Muskel. Die Doppelbilder beginnen meist schleichend, zuerst nur in bestimmten Blickrichtungen und bei Müdigkeit. In der entzündlichen Phase schwanken sie und schmerzen oft, in der späteren Narbenphase sind sie gleichbleibend und schmerzlos.
Manche Betroffene halten unbewusst den Kopf schief oder legen ihn in den Nacken, um einfach zu sehen. Britische Fachgesellschaften werten Doppelbilder beim Geradeausblick oder beim Blick nach unten, zum Beispiel beim Lesen oder Treppensteigen, als Warnzeichen. Bei einem Tumor oder einer Blutung können Doppelbilder auch entstehen, weil der Augapfel zur Seite oder nach unten verdrängt wird.
Woran merkt man, dass der Sehnerv bedrängt wird?
Ein bedrängter Sehnerv zeigt sich durch schlechteres Sehen, blassere Farben und Lücken im Gesichtsfeld. Typisch ist, dass Rot auf einem Auge matter oder dunkler wirkt als auf dem anderen. Das verschwommene Sehen bessert sich nicht durch Blinzeln, und es bleibt, wenn man abwechselnd ein Auge zuhält. Diese Beschwerden sind ein Notfall, weil ein Sehnervschaden bleibend sein kann.
Eine wichtige Besonderheit: Gerade bei einer Sehnervbeteiligung durch endokrine Orbitopathie steht das Auge oft nur wenig vor. Straffe Lider und ein straffes Bindegewebe in der Augenhöhle lassen das Auge dann nicht nach vorn ausweichen, und der Druck richtet sich nach hinten auf den Sehnerv. Nach einer französischen Fallserie hatten etwa 38 Prozent der Betroffenen mit Sehnervschaden nur geringe äußere Entzündungszeichen. Ein unauffälliges Aussehen schließt die Gefahr also nicht aus.
Was passiert, wenn das Auge nicht mehr richtig schließt?
Schließen die Lider nicht mehr vollständig (Lagophthalmus), trocknet die Hornhaut vor allem nachts aus und kann Schaden nehmen. Die Folgen reichen von feinen, punktförmigen Oberflächendefekten über eine Hornhautentzündung bis zum Hornhautgeschwür und in Extremfällen zum Durchbruch. Betroffene wachen oft mit besonders trockenen, schmerzenden Augen auf. Ein weißer oder trüber Fleck auf der Hornhaut, zunehmender Schmerz oder Lichtscheu sind Warnzeichen.
Einseitig oder beidseitig: Was verrät die Seite?
Ein beidseitiger Exophthalmus spricht eher für eine endokrine Orbitopathie, ein einseitiger verlangt eine gründlichere Suche nach Infektion, Tumor, Blutung oder Gefäßveränderung. Die endokrine Orbitopathie ist allerdings oft ungleich stark ausgeprägt und kann ein Auge deutlich mehr betreffen. Sie ist sogar die häufigste Ursache eines einseitigen Exophthalmus bei Erwachsenen. Trotzdem gilt nach dem MSD Manual: Einseitiges Hervortreten ist besorgniserregender als beidseitiges und wird fast immer mit CT oder MRT abgeklärt.
Was verrät das Tempo, in dem es entsteht?
Wie schnell ein Auge hervortritt, gibt einen der wichtigsten Hinweise auf die Ursache. Die folgende Übersicht fasst die Einteilung aus den MSD-Handbüchern in vier Sprachen zusammen.
| Entstehung | Seite | Häufige Ursachen |
|---|---|---|
| Minuten bis Stunden | meist einseitig | Blutung in der Augenhöhle nach Verletzung, Operation oder Spritze hinter das Auge; seltener Gefäßereignis |
| Stunden bis wenige Tage | meist einseitig | Infektion der Augenhöhle, oft ausgehend von den Nasennebenhöhlen; Thrombose im Sinus cavernosus |
| zwei bis drei Wochen | ein- oder beidseitig | Entzündung der Augenhöhle ohne Infektion (Pseudotumor), chronische Entzündungen |
| Wochen bis Monate | meist beidseitig, oft ungleich | endokrine Orbitopathie |
| Monate bis Jahre | meist einseitig | Tumoren, Gefäßfehlbildungen |
Welche Begleitzeichen deuten auf welche Ursache?
Die Begleitbeschwerden grenzen die Ursache weiter ein. Sie ersetzen aber nicht die Untersuchung und oft auch nicht die Bildgebung.
| Ursache | Typische Begleitzeichen |
|---|---|
| Endokrine Orbitopathie | hochgezogenes Oberlid, starrer Blick, Lidschwellung, rote Bindehaut, Trockenheit, Doppelbilder; oft Zeichen einer Schilddrüsenüberfunktion |
| Infektion der Augenhöhle | rotes, geschwollenes Lid, Fieber, tiefer Schmerz, Schmerz bei Augenbewegungen, eingeschränkte Beweglichkeit, schlechteres Sehen; oft nach Schnupfen oder Nebenhöhlenentzündung |
| Entzündung ohne Infektion | Schmerz, Rötung, Schwellung, Doppelbilder, kein Fieber |
| Tumor | schleichende Verdrängung, manchmal Doppelbilder, Kopfschmerz oder schlechteres Sehen; Auge kann zur Seite oder nach unten verschoben sein |
| Fistel zwischen Halsschlagader und Venengeflecht (Karotis-Kavernosus-Fistel) | pulsierendes Auge, hörbares Rauschen am Auge, stark gestaute rote Bindehautgefäße |
| Blutung in der Augenhöhle | plötzlicher Schmerz, pralles Auge, Sehverlust, Doppelbilder, Bewegungseinschränkung |
| Thrombose im Sinus cavernosus | Augenmuskellähmung, hängendes Oberlid, Kopfschmerz, Fieber, Sehverschlechterung |
| Meningeom am Keilbein | Schmerz, Kopfschmerz, Gesichtsfeldausfälle, Augenmuskellähmung |
Welche Zeichen einer Schilddrüsenüberfunktion gehören dazu?
Bei der häufigsten Ursache, dem Morbus Basedow, treten oft gleichzeitig Zeichen einer Schilddrüsenüberfunktion auf. Dazu gehören Herzklopfen oder Herzrasen, innere Unruhe, Nervosität, Zittern, Schwitzen und Hitzeunverträglichkeit. Viele Betroffene nehmen trotz gutem Appetit ab, schlafen schlecht, haben häufiger Stuhlgang oder Durchfall und fühlen sich muskelschwach. Manchmal ist die Schilddrüse als Kropf tastbar, selten verdickt sich die Haut an den Schienbeinen (prätibiales Myxödem).
Die Augenbeschwerden müssen nicht gleichzeitig mit der Überfunktion beginnen. Nach französischen und tunesischen Daten treten sie meist in den ersten zwei Jahren der Schilddrüsenerkrankung auf, können ihr aber auch um Monate bis Jahre vorausgehen oder nachfolgen. Etwa jede zehnte Person mit endokriner Orbitopathie entwickelt nie eine Überfunktion; manche haben eine Hashimoto-Unterfunktion oder normale Schilddrüsenwerte.
Wie verändern sich die Beschwerden über Monate?
Bei der endokrinen Orbitopathie verlaufen die Beschwerden in zwei Phasen: Erst nehmen sie in einer entzündlichen Phase zu, dann beruhigen sie sich und hinterlassen oft bleibende Veränderungen. In der aktiven Phase wechseln Rötung, Schwellung, Schmerz und Doppelbilder, manchmal von Woche zu Woche. In der ruhigen Narbenphase sind die Beschwerden stabil: Das Auge steht weiter vor, das Lid bleibt hochgezogen, Doppelbilder ändern sich nicht mehr. Ist die Erkrankung etwa ein halbes Jahr ruhig, kehrt die Entzündung seltener zurück.
Was bemerken Angehörige?
Angehörige fallen oft als Erste auf einen veränderten, „starrenden“ oder „bösen“ Blick. Sie bemerken, dass die Person seltener blinzelt, die Lider geschwollen oder gerötet sind oder ein Auge weiter vorn steht als das andere. Auf Familienfotos wirken die Augen größer als früher. Eine schiefe Kopfhaltung beim Fernsehen oder Lesen kann ein Hinweis auf Doppelbilder sein.
Wie zeigt sich ein Exophthalmus bei Kindern?
Bei Kindern ist ein hervortretendes Auge immer ein Warnzeichen und gehört rasch in ärztliche Hände. Häufigste Ursache ist eine Infektion der Augenhöhle, meist nach einer Nebenhöhlenentzündung, mit rotem, dickem Lid, Fieber und Schmerzen. Seltener stecken Tumoren dahinter: gutartig etwa Blutschwämmchen (Hämangiome) und Dermoidzysten, bösartig vor allem das Rhabdomyosarkom, ein Tumor der Muskulatur, sowie Absiedlungen eines Neuroblastoms oder eine Leukämie. Ein beidseitiges Hervortreten bei einem Kind kann auf eine Leukämie oder ein Neuroblastom hinweisen.
Eine endokrine Orbitopathie ist bei Kindern und Jugendlichen selten. Bei Säuglingen kann ein angeborener Grüner Star ein Auge vergrößern und so ein Hervortreten vortäuschen; dazu gehören Tränen, Lichtscheu und eine trübe, große Hornhaut. Mehr dazu unter Angeborener Grüner Star. Ein vorstehendes Auge bei einem Neugeborenen ist nach den MSD-Handbüchern immer ein Warnzeichen.
Gibt es Besonderheiten bei Männern und älteren Menschen?
Männer erkranken seltener an einer endokrinen Orbitopathie, dafür häufiger schwer. Besonders ältere Männer, die rauchen, gelten nach französischen Fachquellen als Risikogruppe für schwere Verläufe. In der Mainzer Spezialsprechstunde kamen Männer seltener, waren aber oft stärker betroffen. Bei älteren Menschen muss ein einseitiges, schleichendes Hervortreten außerdem an Lymphome und Tochtergeschwülste anderer Krebserkrankungen denken lassen.
Wie belastend ist das veränderte Aussehen?
Das veränderte Aussehen belastet viele Betroffene stark, oft mehr als die körperlichen Beschwerden. Häufig werden Rückzug, Scham, Angst, Reizbarkeit, gedrückte Stimmung und ein geringeres Selbstwertgefühl beschrieben. Da die endokrine Orbitopathie vor allem Menschen im Erwerbsalter trifft, kommen lange Krankschreibungen und berufliche Probleme hinzu. In der Mainzer Sprechstunde gab etwa die Hälfte der Betroffenen eine relevante Einschränkung der Sehfunktion oder der Selbstwahrnehmung an.
Was sind scheinbar hervortretende Augen?
Manchmal wirken Augen hervortretend, ohne dass der Augapfel tatsächlich nach vorn verlagert ist; man spricht von Pseudoexophthalmus. Häufige Gründe sind:
- starke Kurzsichtigkeit: Der Augapfel ist länger und größer.
- angeborener Grüner Star: Das Auge des Säuglings ist vergrößert.
- Lidretraktion durch eine Schilddrüsenüberfunktion ohne Beteiligung der Augenhöhle.
- unterschiedlich weite Lidspalten oder ein hängendes Lid auf der anderen Seite.
- ein eingesunkenes Partnerauge, etwa nach einem Bruch der Augenhöhle.
- Gesichtsform, Cushing-Syndrom oder starkes Übergewicht, die den Eindruck von „Glotzaugen“ verstärken.
Eine Messung mit dem Exophthalmometer unterscheidet echte und scheinbare Vorwölbung meist schnell.
Welche Warnzeichen gibt es?
Warnzeichen sind alle Beschwerden, die auf eine Infektion, eine Blutung oder eine Gefahr für Sehnerv und Hornhaut hindeuten. Dazu gehören:
- Hervortreten innerhalb von Stunden oder wenigen Tagen;
- Augenschmerzen, vor allem bei Augenbewegungen, oder starke Rötung;
- Fieber, Kopfschmerz, Krankheitsgefühl;
- neue Doppelbilder;
- schlechteres Sehen, blassere Farben, Gesichtsfeldlücken;
- pulsierendes Auge oder Rauschen am Auge;
- hervortretendes Auge bei einem Neugeborenen oder Kind;
- trüber Fleck auf der Hornhaut oder zunehmende Lichtscheu.
3 Ursachen und Risikofaktoren
In diesem Kapitel (9)
- Warum wird das Auge nach vorn gedrückt?
- Endokrine Orbitopathie: die häufigste Ursache
- Wer bekommt eine endokrine Orbitopathie?
- Was erhöht das Risiko für eine endokrine Orbitopathie?
- Infektionen der Augenhöhle
- Entzündungen ohne Infektion
- Welche Tumoren können das Auge verdrängen?
- Gefäßveränderungen und Blutungen
- Welche weiteren Ursachen gibt es?
Warum wird das Auge nach vorn gedrückt?
Das Auge wird nach vorn gedrückt, weil die Augenhöhle ein knöcherner Trichter ist, der nur nach vorn offen ist. Nimmt der Inhalt an Volumen zu, durch Schwellung, Fett, Narbengewebe, Eiter, Blut oder einen Tumor, kann er nur in eine Richtung ausweichen: nach vorn. Gleichzeitig steigt der Druck in der Augenhöhle und kann den Sehnerv und die Blutgefäße einengen. Wie stark das Auge vortritt, hängt auch von Gesichtsform, Lidspannung und Bindegewebe ab.
Endokrine Orbitopathie: die häufigste Ursache
Die endokrine Orbitopathie ist bei Erwachsenen die häufigste Ursache hervortretender Augen und die häufigste Erkrankung der Augenhöhle überhaupt. Sie ist eine Autoimmunerkrankung: Das Immunsystem bildet Antikörper gegen den TSH-Rezeptor, eine Andockstelle auf Zellen der Schilddrüse, die sich aber auch auf Bindegewebszellen der Augenhöhle findet. Diese Bindegewebszellen (Fibroblasten) bilden daraufhin große Mengen wasserbindender Zuckerverbindungen (Glykosaminoglykane, vor allem Hyaluronsäure), verwandeln sich teils in Fettzellen und vermehren sich. Augenmuskeln und Fettgewebe schwellen an, später vernarben die Muskeln.
Nach einer Studie aus Mainz mit 431 Patientinnen und Patienten tritt die endokrine Orbitopathie in über 90 Prozent der Fälle zusammen mit einem Morbus Basedow auf. Seltener steckt eine Hashimoto-Thyreoiditis dahinter, oder es lassen sich nur Antikörper ohne Schilddrüsenerkrankung finden. An der Krankheitsentstehung ist nach heutigem Wissen auch der IGF-1-Rezeptor beteiligt, ein Wachstumssignal, gegen das sich eines der neueren Medikamente richtet. Ausführlich beschreibt das der Artikel Endokrine Orbitopathie.
Wer bekommt eine endokrine Orbitopathie?
Am häufigsten erkranken Frauen zwischen 20 und 50 Jahren. Die spanische Fachgesellschaft nennt nach US-Zahlen etwa 16 Neuerkrankungen bei Frauen und 2,9 bei Männern je 100.000 Menschen im Jahr. Bis zur Hälfte der Menschen mit Morbus Basedow hat irgendeine Augenbeteiligung, die meisten nur leicht. Mäßige bis schwere Verläufe betreffen einen kleinen Teil, sehbedrohende Verläufe weniger als 5 Prozent.
Was erhöht das Risiko für eine endokrine Orbitopathie?
Der wichtigste beeinflussbare Risikofaktor ist das Rauchen. Es erhöht das Risiko zu erkranken, verschlechtert den Verlauf, fördert Rückfälle und schwächt die Wirkung der Behandlung, und zwar umso stärker, je mehr geraucht wird. In einer kubanischen Untersuchung war starkes Rauchen der wichtigste Faktor für ein schlechtes Behandlungsergebnis. Weitere Risikofaktoren sind:
- schwankende oder schlecht eingestellte Schilddrüsenwerte, auch ein Abrutschen in die Unterfunktion;
- eine Radiojodtherapie, die eine Orbitopathie auslösen oder verschlimmern kann;
- hohe Spiegel der TSH-Rezeptor-Antikörper (TRAK);
- männliches Geschlecht und höheres Alter für schwere Verläufe;
- erhöhte Blutfette (Cholesterin), wie die europäische Leitlinie von 2021 nennt;
- eine familiäre Veranlagung für Schilddrüsen-Autoimmunerkrankungen.
Stress wird als Auslöser diskutiert, ist aber nicht bewiesen. Ein Gentest wird nicht empfohlen.
Infektionen der Augenhöhle
Eine bakterielle Infektion der Augenhöhle, die Orbitaphlegmone, ist bei Kindern die häufigste Ursache eines hervortretenden Auges. Sie geht meist von den Nasennebenhöhlen aus, vor allem von den Siebbeinzellen, die nur durch eine papierdünne Knochenwand von der Augenhöhle getrennt sind. Seltener gelangen Erreger über eine Verletzung, einen Fremdkörper, eine Zahninfektion oder über das Blut dorthin. Bei Menschen mit schlecht eingestelltem Diabetes oder Abwehrschwäche können auch Pilze eine gefährliche Infektion auslösen (Mukormykose).
Abzugrenzen ist die viel häufigere Entzündung nur des Lids vor der Bindegewebsscheidewand (präseptale Zellulitis), etwa nach einem Gerstenkorn oder Insektenstich. Sie macht normalerweise kein hervortretendes Auge. Mehr dazu unter Entzündung der Augenhöhle.
Entzündungen ohne Infektion
Auch ohne Erreger kann sich das Gewebe der Augenhöhle entzünden und das Auge nach vorn drücken. Am bekanntesten ist die idiopathische Orbitaentzündung, früher Pseudotumor orbitae genannt, die oft innerhalb von zwei bis drei Wochen mit Schmerz und Schwellung entsteht. Andere Auslöser sind Sarkoidose, Gefäßentzündungen wie die Granulomatose mit Polyangiitis und die IgG4-assoziierte Erkrankung. Siehe auch Entzündung der Augenhöhle ohne Infektion.
Welche Tumoren können das Auge verdrängen?
Tumoren der Augenhöhle verdrängen das Auge meist langsam und einseitig. Welche Tumoren in Frage kommen, hängt stark vom Alter ab.
| Alter | Gutartig | Bösartig |
|---|---|---|
| Kinder | Hämangiome (Blutschwämmchen), Lymphangiome, Dermoidzysten, Sehnervgliom | Rhabdomyosarkom, Absiedlungen eines Neuroblastoms, Leukämie, Lymphom |
| Erwachsene | kavernöses Hämangiom (häufigster gutartiger Tumor), Meningeom, Schwannom, gutartiger Tränendrüsentumor (pleomorphes Adenom) | Lymphome (häufigster in der Augenhöhle selbst entstandener bösartiger Tumor), bösartige Tränendrüsentumoren, Tochtergeschwülste anderer Krebserkrankungen |
Nach der Clínica Universidad de Navarra sind Tochtergeschwülste in der Augenhöhle häufiger als dort entstandene bösartige Tumoren; am häufigsten stammen sie von Brustkrebs. Ein Tumor der Tränendrüse verschiebt das Auge typischerweise nach unten und innen. Lymphome der Augenhöhle behandelt der Artikel Lymphom am Auge.
Gefäßveränderungen und Blutungen
Gefäßveränderungen können ein Auge plötzlich oder schubweise hervortreten lassen. Bei einer Karotis-Kavernosus-Fistel fließt Blut aus der Halsschlagader direkt in das Venengeflecht hinter dem Auge, oft nach einem Unfall; das Auge pulsiert, die Bindehautgefäße sind stark gestaut, und manchmal hört man ein Rauschen im Kopf. Weitere Ursachen sind krampfaderähnliche Erweiterungen der Augenhöhlenvenen (Varizen), venöse Fehlbildungen und eine Thrombose der oberen Augenvene.
Eine Blutung in der Augenhöhle (retrobulbäres Hämatom) entsteht nach Verletzungen, nach Operationen an Auge, Lid oder Nebenhöhlen, nach einer Betäubungsspritze hinter das Auge oder bei Blutungsneigung. Sie kann innerhalb von Minuten einen gefährlichen Druckanstieg auslösen (orbitales Kompartmentsyndrom). Eine Thrombose im Sinus cavernosus, einem Venengeflecht an der Schädelbasis, ist meist Folge einer Infektion im Gesicht und lebensbedrohlich.
Welche weiteren Ursachen gibt es?
Seltener stecken Veränderungen der Knochen oder der Nachbarorgane dahinter. Dazu zählen:
- schleimgefüllte Zysten der Nasennebenhöhlen (Mukozelen), die in die Augenhöhle drücken;
- Knochenerkrankungen der Augenhöhlenwand wie die fibröse Dysplasie;
- Fehlbildungen, etwa eine Unterentwicklung des Keilbeinflügels;
- die Langerhans-Zell-Histiozytose, eine seltene Erkrankung vor allem im Kindesalter;
- vermehrtes Fett in der Augenhöhle bei Cushing-Syndrom oder starkem Übergewicht;
- Verletzungen von Schädel und Augenhöhle.
Sehr selten können Menschen ihre Augen willentlich hervortreten lassen; das ist harmlos.
4 Diagnose
In diesem Kapitel (9)
- Was fragt die Augenärztin oder der Augenarzt?
- Wie wird das Hervortreten gemessen?
- Welche Werte sind normal?
- Welche weiteren Untersuchungen am Auge gehören dazu?
- Wie wird die Entzündungsaktivität bestimmt?
- Wie wird der Schweregrad eingeteilt?
- Welche Blutuntersuchungen sind nötig?
- Wann sind CT oder MRT nötig?
- Welche Fachrichtungen arbeiten zusammen?
Was fragt die Augenärztin oder der Augenarzt?
Zuerst geht es darum, seit wann das Auge vorsteht, ob ein oder beide Augen betroffen sind und ob es schlimmer wird. Wichtig sind außerdem Begleitbeschwerden wie Trockenheit, Schmerz, Doppelbilder, Sehverschlechterung, Fieber oder Kopfschmerz. Gefragt wird nach Schilddrüsenerkrankungen, Zeichen einer Überfunktion, Radiojodtherapie, Rauchen, Verletzungen, Operationen, Krebserkrankungen und Nebenhöhlenentzündungen. Bringen Sie, wenn möglich, ältere Fotos und Ihre Schilddrüsenbefunde mit.
Wie wird das Hervortreten gemessen?
Gemessen wird mit dem Exophthalmometer nach Hertel, einem kleinen Gerät, das schmerzlos am äußeren Rand der knöchernen Augenhöhle angelegt wird. Über Spiegel liest die Untersucherin ab, wie viele Millimeter die Hornhautspitze vor diesem Knochenrand liegt. Die Messung dauert wenige Sekunden und wird bei jeder Kontrolle wiederholt. Entscheidend ist oft weniger der einzelne Wert als die Veränderung über die Zeit und der Seitenvergleich.
Die Messung hat Grenzen: Sie hängt von der Erfahrung der Untersucherin oder des Untersuchers ab, und Schielen oder ein Höhenversatz des Auges erschweren sie. Nach einem Bruch der Augenhöhle oder einer Operation am äußeren Augenhöhlenrand fehlt der verlässliche Bezugspunkt. Eine Studie mit 113 Betroffenen fand eine gute Übereinstimmung mit Messungen im CT, die Hertel-Werte lagen im Mittel aber etwas niedriger.
Welche Werte sind normal?
Bei Menschen europäischer Herkunft liegen normale Werte etwa zwischen 12 und 21 Millimetern, ein Seitenunterschied bis 2 Millimeter ist normal. Bei Menschen afrikanischer Herkunft reichen Normalwerte bis etwa 23 bis 24 Millimeter, bei Menschen ostasiatischer Herkunft liegen sie eher niedriger. Viele Fachquellen werten Werte über 20 bis 21 Millimeter oder einen Seitenunterschied von mehr als 2 Millimetern als verdächtig. Schwere Fälle erreichen Werte um 30 Millimeter.
Welche weiteren Untersuchungen am Auge gehören dazu?
Zu einer vollständigen Untersuchung gehören neben der Messung mehrere Bausteine, die nach Freiburger und Tübinger Fachbeiträgen den Zustand von Hornhaut, Augenmuskeln und Sehnerv erfassen:
- Sehschärfe und Farbsehen, um einen Sehnervschaden früh zu erkennen;
- Pupillenprüfung: Ein einseitiger Sehnervschaden lässt die Pupille im Wechselbelichtungstest träger reagieren (relativer afferenter Pupillendefekt);
- Spaltlampe mit Farbstoff (Fluoreszein), der Hornhautschäden sichtbar macht;
- Lidstellung und Lidschluss, gemessen in Millimetern;
- Augeninnendruck, auch beim Blick nach oben, weil verdickte Augenmuskeln ihn dann ansteigen lassen;
- Augenhintergrund mit Blick auf Sehnervkopf und Aderhautfalten, ergänzt durch eine optische Kohärenztomografie (OCT);
- orthoptische Untersuchung der Augenbeweglichkeit, des Schielwinkels und des Bereichs, in dem einfach gesehen wird;
- Gesichtsfeldmessung bei Verdacht auf Sehnervschaden;
- Fotos zur Verlaufsdokumentation.
Wie wird die Entzündungsaktivität bestimmt?
Bei der endokrinen Orbitopathie wird die Aktivität mit dem Clinical Activity Score (CAS) bestimmt, einer Punkteliste der europäischen Arbeitsgruppe EUGOGO. Beim ersten Besuch gibt es für jedes der folgenden sieben Zeichen einen Punkt:
- spontaner Schmerz hinter dem Auge;
- Schmerz bei Augenbewegungen;
- Rötung der Lider;
- Schwellung der Lider;
- Rötung der Bindehaut;
- Schwellung der Bindehaut (Chemosis);
- Schwellung der Karunkel oder der Bindehautfalte im inneren Lidwinkel.
Ab 3 von 7 Punkten gilt die Erkrankung als aktiv. Bei Kontrollen nach ein bis drei Monaten kommen drei Punkte hinzu: Zunahme des Hervortretens um mehr als 2 Millimeter, Abnahme der Beweglichkeit um mehr als 8 Grad und Verlust von mindestens einer Zeile Sehschärfe; dann gilt eine Erkrankung ab 4 von 10 Punkten als aktiv. Daneben gibt es das VISA-System einer internationalen Fachgesellschaft.
Wie wird der Schweregrad eingeteilt?
Der Schweregrad wird unabhängig von der Aktivität beurteilt, weil Narbenfolgen auch nach dem Ende der Entzündung bleiben. Die europäische Einteilung unterscheidet drei Stufen:
| Stufe | Kennzeichen |
|---|---|
| leicht | geringe Lidretraktion, leichtes Hervortreten, keine oder nur zeitweise Doppelbilder, Hornhaut mit Tropfen gut zu schützen |
| mäßig bis schwer | deutliche Beeinträchtigung im Alltag, etwa Hervortreten von 3 Millimetern oder mehr über den Normalwert, deutliche Lidretraktion, Doppelbilder |
| sehbedrohend | Sehnervschaden (dysthyreote Optikusneuropathie) oder Hornhautgeschwür bis Durchbruch |
Die Lebensqualität wird zusätzlich mit einem eigenen Fragebogen (GO-QOL) erfasst. Ältere Einteilungen wie NOSPECS spielen kaum noch eine Rolle.
Welche Blutuntersuchungen sind nötig?
Bei Verdacht auf eine Schilddrüsenursache werden TSH, die freien Schilddrüsenhormone und die TSH-Rezeptor-Antikörper (TRAK) bestimmt. Hohe oder steigende TRAK-Werte sprechen eher für eine aktive Erkrankung. Je nach Situation kommen Antikörper gegen Schilddrüsenperoxidase (TPO-AK) hinzu. Bei Verdacht auf Infektion, Gefäßentzündung oder Lymphom folgen weitere Blutuntersuchungen.
Wann sind CT oder MRT nötig?
Ein CT oder MRT der Augenhöhlen ist nötig, wenn nur ein Auge vortritt, die Ursache unklar ist, ein Sehnervschaden droht oder eine Operation geplant wird. Bei plötzlichem Beginn, Schmerz oder Fieber erfolgt die Bildgebung sofort, um Infektion, Abszess oder Blutung zu erkennen. Bei einer typischen, beidseitigen endokrinen Orbitopathie ist sie nicht immer zwingend.
- CT: schnell verfügbar, zeigt verdickte Augenmuskeln, Knochen und Nebenhöhlen; wichtig vor einer knöchernen Dekompression.
- MRT: zeigt Weichteile besser, ohne Röntgenstrahlen, und unterscheidet aktive Entzündung von Narbengewebe; nicht möglich bei manchen Herzschrittmachern und schwierig bei starker Platzangst.
- MR-Angiografie: bei Verdacht auf eine Fistel oder Gefäßfehlbildung.
- Ultraschall der Augenhöhle: in erfahrener Hand ergänzend, etwa bei Kindern.
Bei der endokrinen Orbitopathie sind typischerweise die Muskelbäuche spindelförmig verdickt, die Sehnenansätze aber nicht; manchmal ist vor allem das Fettgewebe vermehrt. Eine Gewebeprobe ist bei unklaren Tumoren oder Entzündungen nötig.
Welche Fachrichtungen arbeiten zusammen?
Die Abklärung hervortretender Augen ist oft Teamarbeit zwischen Augenheilkunde, Endokrinologie, Radiologie und je nach Ursache Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Neurochirurgie oder Onkologie. Die europäische Leitlinie empfiehlt, Menschen mit mehr als leichter endokriner Orbitopathie früh an ein spezialisiertes Zentrum zu überweisen. In Deutschland gibt es solche interdisziplinären Sprechstunden an mehreren Universitätskliniken, etwa in Mainz, Freiburg und Tübingen; in Österreich ebenfalls an spezialisierten Zentren.
5 Behandlung
In diesem Kapitel (15)
- Wonach richtet sich die Behandlung?
- Wie wird die Hornhaut geschützt?
- Was bringt die Behandlung der Schilddrüse?
- Warum ist der Rauchstopp so wichtig?
- Wie wird eine leichte endokrine Orbitopathie behandelt?
- Wie wirken Kortison-Infusionen?
- Welche weiteren Medikamente gibt es?
- Was ist Teprotumumab?
- Wann hilft eine Bestrahlung der Augenhöhle?
- Was geschieht, wenn der Sehnerv bedroht ist?
- Welche Operationen gibt es in der Ruhephase?
- Was bringt eine Orbitadekompression und welche Risiken hat sie?
- Was hilft gegen Doppelbilder?
- Was hilft gegen das hochgezogene Oberlid?
- Wie werden die anderen Ursachen behandelt?
Wonach richtet sich die Behandlung?
Die Behandlung richtet sich nach der Ursache, bei der endokrinen Orbitopathie zusätzlich nach Aktivität und Schweregrad. Eine Infektion braucht Antibiotika, eine Blutung unter Umständen eine sofortige Druckentlastung, ein Tumor eine gezielte Krebsbehandlung. Die endokrine Orbitopathie lässt sich nicht heilen, aber für fast jede Beschwerde gibt es eine wirksame Behandlung. Für alle Ursachen gilt: Die Augenoberfläche muss geschützt werden.
Wie wird die Hornhaut geschützt?
Die Hornhaut wird mit Tränenersatzmitteln tagsüber und Gel oder Salbe in der Nacht geschützt. Tränenersatz darf so oft getropft werden wie nötig; bei häufiger Anwendung sind konservierungsmittelfreie Präparate schonender, mehr dazu unter Tränenersatzmittel. Schließen die Lider nachts nicht, hilft ein Uhrglasverband oder ein sanftes Zukleben der Lider. Reicht das nicht, kann ein vorübergehendes teilweises Vernähen der Lider (Tarsorrhaphie) oder eine Operation zur besseren Bedeckung des Auges nötig werden.
Hilfreich sind außerdem eine Sonnenbrille gegen Blendung und Wind, ein um etwa 10 bis 15 Zentimeter erhöhtes Kopfteil des Bettes gegen die morgendliche Schwellung und das Meiden trockener, verrauchter oder staubiger Räume. Kühle Kompressen lindern Schwellungen. Allgemeine Tipps finden Sie unter Trockenes Auge.
Was bringt die Behandlung der Schilddrüse?
Eine stabile, normale Schilddrüsenfunktion ist die Grundlage jeder Behandlung, sie bildet das Hervortreten aber nicht direkt zurück. Bei einer Überfunktion werden zunächst Schilddrüsenblocker wie Thiamazol oder Carbimazol eingesetzt, meist über 12 bis 18 Monate. Sowohl eine Überfunktion als auch ein Abrutschen in die Unterfunktion können die Augen verschlechtern. Eine Radiojodtherapie kann eine aktive Orbitopathie verschlimmern und wird dann nur mit begleitendem Kortison oder gar nicht eingesetzt; als Alternative kommt eine Schilddrüsenoperation in Betracht.
Warum ist der Rauchstopp so wichtig?
Der Rauchstopp ist die wirksamste Maßnahme, die Betroffene selbst ergreifen können. Rauchen verschlechtert den Verlauf, erhöht die Rückfallgefahr und schwächt die Wirkung aller Behandlungen, auch der neueren Antikörper. Hilfe bieten ärztlich begleitete Entwöhnungsprogramme, in Deutschland etwa über das Portal rauchfrei-info.de. Da beim Rauchstopp Stimmungsschwankungen auftreten können, lohnt sich eine Begleitung durch die Hausarztpraxis.
Wie wird eine leichte endokrine Orbitopathie behandelt?
Eine leichte endokrine Orbitopathie wird meist mit Tränenersatz, Schutzmaßnahmen und Abwarten behandelt, weil sie sich oft von selbst bessert. Entzündungshemmende Medikamente haben hier häufig mehr Nebenwirkungen als Nutzen. In der aktiven leichten Form kann nach europäischer Leitlinie Selen für sechs Monate gegeben werden; eine Studie zeigte eine bessere Lebensqualität und ein langsameres Fortschreiten. In Gebieten mit guter Selenversorgung ist der Nutzen unsicher, und Dosen über 400 Mikrogramm am Tag können schaden, daher nur nach ärztlicher Absprache.
Wie wirken Kortison-Infusionen?
Bei aktiver, mäßig bis schwerer endokriner Orbitopathie sind Kortison-Infusionen (Methylprednisolon) in die Vene die Standardbehandlung. Ein übliches Schema sind 500 Milligramm pro Woche über sechs Wochen, danach 250 Milligramm pro Woche über sechs Wochen, also insgesamt zwölf ambulante Infusionen von etwa einer Stunde. Die europäische Leitlinie von 2021 empfiehlt zusätzlich das Immunsuppressivum Mycophenolat. Nach spanischen Daten sprechen 70 bis 80 Prozent gut an; Infusionen wirken besser und sind verträglicher als Tabletten.
Kortison lindert vor allem Schmerz, Schwellung, Rötung und Doppelbilder. Ein bereits bestehendes Hervortreten und eine Lidretraktion bildet es nach Erfahrung des Londoner Moorfields Eye Hospital dagegen kaum zurück. Mögliche Nebenwirkungen sind Schlafstörungen, Stimmungsschwankungen, Magenbeschwerden, Gesichtsrötung, erhöhter Blutzucker und Blutdruck, Gewichtszunahme, Infektanfälligkeit und Knochenschwund; sehr hohe Gesamtdosen belasten die Leber. Deshalb gelten Höchstgrenzen für die Gesamtdosis, und Blutzucker, Blutdruck und Leberwerte werden kontrolliert.
Welche weiteren Medikamente gibt es?
Reicht Kortison nicht oder kehrt die Entzündung zurück, gibt es weitere Möglichkeiten, die meist an spezialisierten Zentren eingesetzt werden. Dazu gehören eine zweite Runde Kortison, Ciclosporin, der Antikörper Tocilizumab und der Antikörper Rituximab, dessen Nutzen umstritten ist. Für mehrere dieser Mittel besteht keine Zulassung speziell für die Orbitopathie, sie werden dann im sogenannten Off-Label-Gebrauch verordnet.
Was ist Teprotumumab?
Teprotumumab ist ein Antikörper gegen den IGF-1-Rezeptor, der als Infusion alle drei Wochen insgesamt achtmal gegeben wird und als erstes Medikament das Hervortreten selbst deutlich verringern kann. In den Zulassungsstudien ging das Hervortreten bei 83 bis 89 Prozent der Behandelten um mindestens 2 Millimeter zurück, unter Scheinmedikament bei 10 bis 11 Prozent. Häufige Nebenwirkungen sind Muskelkrämpfe, Durchfall, Übelkeit, Haarausfall, Müdigkeit und erhöhter Blutzucker. Besonders wichtig sind Hörstörungen, die nach der österreichischen Bewertung bei 12 bis 15 Prozent auftreten und bleibend sein können.
Das Medikament ist seit Juni 2025 in der Europäischen Union für Erwachsene mit mittelschwerer bis schwerer endokriner Orbitopathie zugelassen. Ein direkter Vergleich mit Kortison-Infusionen fehlt, und ein Teil der Behandelten erleidet später einen Rückfall. In Österreich empfiehlt das Bewertungsboard (Stand 2025) den Einsatz nur bei aktiver, mäßig bis schwerer Orbitopathie, wenn andere Behandlungen nicht gewirkt haben, nicht vertragen werden oder nicht möglich sind, und nur an Zentren mit Hörtests und Registerdokumentation. In Deutschland hat der Gemeinsame Bundesausschuss im August 2026 entschieden, dass ein Zusatznutzen gegenüber den bisherigen Standardbehandlungen nicht belegt ist, weder in der akuten noch in der chronischen Phase. Das heißt nicht, dass das Mittel unwirksam ist: Es fehlen vor allem Vergleichsstudien gegen die üblichen Behandlungen. Über Einsatz und Kostenübernahme im Einzelfall beraten die spezialisierten Zentren.
Wann hilft eine Bestrahlung der Augenhöhle?
Eine niedrig dosierte Bestrahlung der Augenhöhle (Retrobulbärbestrahlung) ist eine Möglichkeit, wenn Medikamente nicht ausreichen, vor allem bei entzündlich eingeschränkter Augenbeweglichkeit. Üblich sind 20 Gray in zehn Sitzungen über zwei Wochen, meist kombiniert mit Kortison. Die Wirkung setzt erst nach Wochen bis Monaten ein, ihr Stellenwert wird in der Fachliteratur unterschiedlich beurteilt. Mögliche Nebenwirkungen sind eine vorübergehende Verschlechterung, Linsentrübung und selten Veränderungen der Netzhaut, weshalb sie bei Diabetes zurückhaltend eingesetzt wird.
Was geschieht, wenn der Sehnerv bedroht ist?
Bei einem Sehnervschaden durch endokrine Orbitopathie wird sofort mit hochdosiertem Kortison in die Vene behandelt, oft an drei aufeinanderfolgenden Tagen. Bessert sich das Sehen innerhalb von etwa zwei Wochen nicht ausreichend, folgt rasch eine Operation zur Entlastung der Augenhöhle. Eine Cochrane-Auswertung fand, dass Kortison-Infusionen als erster Schritt besser abschnitten als eine sofortige Operation. Droht ein Hornhautgeschwür durchzubrechen, wird ebenfalls umgehend operiert.
Welche Operationen gibt es in der Ruhephase?
Operationen zur Korrektur bleibender Folgen werden in der Regel erst durchgeführt, wenn die Entzündung seit mindestens sechs Monaten ruhig und die Schilddrüse stabil eingestellt ist. Operiert man in der aktiven Phase, kann das die Entzündung anfachen. Die Eingriffe folgen einer festen Reihenfolge, weil jeder Schritt den nächsten beeinflusst:
- Orbitadekompression: Teile der Augenhöhlenwände (Boden, Innenwand, Außenwand) und gegebenenfalls Fett werden entfernt, damit das Auge zurücksinken kann.
- Augenmuskeloperation gegen Doppelbilder, etwa eine Rücklagerung des unteren geraden Muskels.
- Lidoperation gegen das hochgezogene Ober- oder das abgesunkene Unterlid.
- Lidplastik gegen Fettpolster und überschüssige Haut.
Was bringt eine Orbitadekompression und welche Risiken hat sie?
Eine Orbitadekompression verringert das Hervortreten nach Übersichtsarbeiten im Mittel um knapp 4 Millimeter. Der Zugang erfolgt je nach Technik über einen kleinen Schnitt am Lid oder durch die Nase mit dem Endoskop. Die wichtigste Nebenwirkung sind neue oder stärkere Doppelbilder, die nach englischen und französischen Daten bis zu ein Drittel der Operierten betreffen und dann eine Schieloperation nötig machen können. Weitere mögliche Folgen sind Taubheitsgefühl an der Wange und selten Sehstörungen.
Nach der Cochrane-Auswertung verringerten verschiedene Zugangswege das Hervortreten ähnlich stark, die Studienlage reicht aber nicht, um eine Technik eindeutig zu bevorzugen. Die Operation erfolgt auch aus kosmetischen Gründen, wenn das veränderte Aussehen stark belastet.
Was hilft gegen Doppelbilder?
Gegen Doppelbilder helfen zunächst Prismenfolien oder Prismengläser in der Brille, solange sich der Schielwinkel noch ändert. Bei störenden Doppelbildern kann vorübergehend ein Auge abgeklebt werden. Ist der Befund stabil, kann eine Augenmuskeloperation das Einfachsehen beim Geradeausblick und beim Lesen meist wiederherstellen; Doppelbilder in äußeren Blickrichtungen bleiben manchmal bestehen. Siehe auch Augenmuskellähmung.
Was hilft gegen das hochgezogene Oberlid?
In der aktiven Phase kann Botulinumtoxin, ins Oberlid gespritzt, das Lid vorübergehend senken und vor der Austrocknung schützen. Die Wirkung hält nur einige Monate an. Bleibt die Lidretraktion nach dem Ende der Entzündung bestehen, wird das Lid operativ verlängert.
Wie werden die anderen Ursachen behandelt?
Die übrigen Ursachen werden gezielt behandelt:
- Infektion der Augenhöhle: stationär Antibiotika in die Vene, bei Abszess oder Gefahr für das Sehen Operation, oft gemeinsam mit der HNO-Heilkunde.
- Entzündung ohne Infektion: Kortison, bei Rückfällen weitere entzündungshemmende Medikamente.
- Gutartige Tumoren: meist operative Entfernung, manche werden nur beobachtet.
- Lymphome: Bestrahlung und/oder Chemotherapie.
- Tochtergeschwülste: Behandlung der Grunderkrankung, oft Bestrahlung.
- Karotis-Kavernosus-Fistel: Verschluss über einen Katheter in der Gefäßradiologie (Embolisation).
- Blutung mit Druckanstieg: sofortige Druckentlastung durch Einschneiden des äußeren Lidwinkels, notfalls noch vor der Bildgebung.
6 Verlauf und Prognose
In diesem Kapitel (6)
Wie verläuft eine endokrine Orbitopathie?
Die endokrine Orbitopathie verläuft in einer zeitlich begrenzten aktiven Phase und einer anschließenden ruhigen Narbenphase. Die aktive Phase dauert nach den Freiburger Fachbeiträgen meist 18 bis 24 Monate, andere Quellen nennen sechs Monate bis drei Jahre; die Unterschiede zwischen einzelnen Menschen sind groß. Danach brennt die Entzündung aus, und es bleibt ein Restzustand. Fachleute beschreiben diesen Verlauf als Kurve, die ansteigt, einen Gipfel erreicht und langsam abflacht.
Gehen hervortretende Augen wieder zurück?
Hervortretende Augen gehen teilweise zurück, oft aber nicht vollständig. Schwellung, Rötung und Schmerz bessern sich mit dem Ende der Entzündung meist deutlich, ein leichtes Hervortreten bildet sich nach britischen Patienteninformationen häufig mit der Zeit zurück. Ein stärkeres Hervortreten, eine Lidretraktion und Doppelbilder bleiben jedoch oft, weil Muskeln und Gewebe vernarben. Diese Folgen lassen sich in der Ruhephase operativ bessern.
Wovon hängt die Prognose ab?
Die Prognose hängt vor allem davon ab, wie stark die Entzündung in der aktiven Phase war und wie früh sie behandelt wurde. Je heftiger die Entzündung, desto ausgeprägter die bleibenden Veränderungen; eine rechtzeitige Behandlung verringert sie. Rauchen, ein höheres Alter, männliches Geschlecht und eine vorausgegangene Radiojodtherapie verschlechtern die Aussichten. Etwa jede zehnte Person behält nach französischen Daten schwere chronische Augenprobleme.
Kann die Erkrankung zurückkommen?
Ein Rückfall ist möglich, aber eher selten, wenn die Erkrankung länger ruhig war. Nach dem Absetzen von Kortison kann die Entzündung wieder aufflammen, manchmal auch nach einer Teprotumumab-Behandlung. Auch Jahre später sind erneute Schübe beschrieben, zum Beispiel nach einer Schilddrüsenentgleisung. Regelmäßige Kontrollen helfen, einen Rückfall früh zu erkennen.
Welche Komplikationen sind möglich?
Die wichtigsten Komplikationen betreffen Hornhaut, Sehnerv und Augenmuskeln:
- Austrocknung der Hornhaut bis zu Geschwür, Infektion und Durchbruch;
- Sehnervschaden mit dauerhaftem Sehverlust, unbehandelt bis zur Erblindung;
- dauerhafte Doppelbilder durch vernarbte Augenmuskeln;
- erhöhter Augeninnendruck, auch durch Kortison, selten ein Grüner Star;
- bleibende Lidfehlstellung und verändertes Aussehen;
- seelische Belastung, Rückzug und Arbeitsunfähigkeit.
Wie ist der Verlauf bei anderen Ursachen?
Bei den übrigen Ursachen hängt der Verlauf ganz von der Grunderkrankung ab. Eine rechtzeitig behandelte Infektion der Augenhöhle heilt meist folgenlos; unbehandelt drohen Erblindung, Hirnhautentzündung, Hirnabszess, Thrombose im Sinus cavernosus und Blutvergiftung. Eine Blutung mit Druckanstieg kann innerhalb von Stunden zum bleibenden Sehverlust führen, wenn sie nicht entlastet wird. Gutartige Tumoren haben nach der Entfernung eine gute Prognose, bei bösartigen hängt sie von Art und Ausbreitung ab.
7 Vorbeugung
In diesem Kapitel (6)
Kann man hervortretenden Augen vorbeugen?
Den meisten Ursachen kann man nicht gezielt vorbeugen, wohl aber dem Fortschreiten der häufigsten Ursache. Bei einer Schilddrüsenerkrankung lässt sich das Risiko für eine endokrine Orbitopathie und einen schweren Verlauf senken. Bei Infektionen und Blutungen entscheidet vor allem schnelles Handeln über die Folgen.
Was können Menschen mit Schilddrüsenerkrankung tun?
Die drei wichtigsten Maßnahmen sind: nicht rauchen, die Schilddrüse stabil einstellen lassen und die Augen früh kontrollieren lassen.
- Rauchstopp so früh wie möglich, auch vor und nach einer Operation. Ein rauchfreies Umfeld ist sinnvoll.
- Schilddrüsenwerte regelmäßig kontrollieren lassen, Über- und Unterfunktion vermeiden.
- Vor einer Radiojodtherapie die Augen untersuchen lassen und das Vorgehen mit Endokrinologie und Augenheilkunde abstimmen.
- Bei Morbus Basedow auch ohne Beschwerden früh eine Augenärztin oder einen Augenarzt aufsuchen.
- Fotos in regelmäßigen Abständen machen, um Veränderungen zu erkennen.
Was hilft im Alltag?
Im Alltag helfen einfache Maßnahmen, die Augenoberfläche zu schützen und Beschwerden zu lindern:
- Tränenersatz so oft wie nötig, nachts Gel oder Salbe;
- bei unvollständigem Lidschluss nachts Uhrglasverband oder Lider sanft zukleben;
- Sonnenbrille, möglichst mit seitlichem Schutz, gegen Wind und Blendung;
- Kopfteil des Bettes erhöhen gegen die Morgenschwellung;
- Raumluft befeuchten, Zugluft, Rauch und Klimaanlagen meiden;
- bei Bildschirmarbeit bewusst blinzeln und Pausen einlegen;
- bei Doppelbildern Prismenfolien oder vorübergehend ein Auge abdecken.
Darf ich mit hervortretenden Augen Auto fahren?
Autofahren ist nur erlaubt, wenn Sehschärfe und Gesichtsfeld die gesetzlichen Mindestanforderungen erfüllen. Nach der deutschen Fahrerlaubnis-Verordnung sind Doppelbilder im zentralen Blickfeld nicht zulässig. Bei neu aufgetretenen Doppelbildern verlangt sie eine Wartezeit von mindestens drei Monaten; danach darf erst nach augenärztlicher Untersuchung und Beratung wieder gefahren werden. Fahren Sie deshalb bei neuen Doppelbildern nicht und sprechen Sie mit Ihrer Augenärztin oder Ihrem Augenarzt, auch wenn Sie ein Auge abkleben.
Wo gibt es Unterstützung?
Unterstützung bieten spezialisierte Zentren mit Augenheilkunde, Endokrinologie und oft auch psychologischer Begleitung. Die seelische Belastung durch das veränderte Aussehen ist ernst zu nehmen; in Mainz nahm ein Viertel der Patientinnen eine Psychotherapie in Anspruch. Auch Selbsthilfegruppen für Schilddrüsenerkrankungen bieten Austausch mit anderen Betroffenen.
Wie lassen sich Verletzungsfolgen vermeiden?
Nach einem Schlag aufs Auge, einer Operation am Auge oder an den Nebenhöhlen oder bei blutverdünnenden Medikamenten sollten Sie auf plötzliche Schwellung, Schmerz und Sehverschlechterung achten. Bei Kindern mit Schnupfen und neu geschwollenem Lid lohnt sich ein genauer Blick auf Fieber und Augenbewegungen. Frühes Erkennen ist hier die beste Vorbeugung gegen bleibende Schäden.
8 Wann sofort zum Arzt?
In diesem Kapitel (4)
Wann muss ich sofort in die Notaufnahme?
Sofort in eine Augenklinik oder Notaufnahme müssen Sie, wenn ein Auge plötzlich oder innerhalb weniger Tage hervortritt oder eines der folgenden Zeichen auftritt:
- schlechteres Sehen, blassere Farben oder Lücken im Gesichtsfeld;
- neue Doppelbilder;
- starke Augenschmerzen, vor allem bei Augenbewegungen;
- rotes, geschwollenes Lid mit Fieber oder Krankheitsgefühl;
- pralles, hartes Auge nach Verletzung, Operation oder Spritze;
- pulsierendes Auge oder Rauschen am Auge;
- hervortretendes Auge bei einem Neugeborenen oder Kind;
- trüber, weißer Fleck auf der Hornhaut mit Schmerz.
Bei bekannter endokriner Orbitopathie gilt: Verschlechtern sich Sehen oder Farbsehen, auch während einer Kortison-Behandlung, ist das ein Notfall. Weitere Warnzeichen am Auge finden Sie unter Notfall am Auge.
Wann muss ich den Notruf wählen?
Den Notruf wählen Sie, wenn zum hervortretenden Auge starke Kopfschmerzen, Nackensteife, Benommenheit, Verwirrtheit, Erbrechen oder hohes Fieber mit Schüttelfrost kommen. Dann kann sich eine Infektion zum Gehirn oder ins Blut ausgebreitet haben. In Deutschland und Österreich erreichen Sie die Rettung unter 112, in Österreich auch unter 144.
Wann sollte ich innerhalb weniger Tage zum Augenarzt?
Innerhalb weniger Tage sollten Sie einen Termin vereinbaren, wenn ein Auge langsam und ohne Warnzeichen hervortritt oder Sie neue Augenbeschwerden bei einer Schilddrüsenerkrankung bemerken. Dazu gehören Trockenheit, Lidschwellung, Rötung oder ein starrer Blick. Nach dem MSD Manual schadet eine Verzögerung von etwa einer Woche ohne Warnzeichen wahrscheinlich nicht. Außerhalb der Sprechzeiten hilft in Deutschland der ärztliche Bereitschaftsdienst unter 116117, in Österreich die Gesundheitshotline 1450.
Wann reichen Routinekontrollen?
Routinekontrollen reichen bei einer bekannten, ruhigen endokrinen Orbitopathie ohne Veränderungen. Die Abstände legt Ihre Augenärztin oder Ihr Augenarzt fest, in der aktiven Phase oft alle ein bis drei Monate. Melden Sie sich aber früher, wenn neue Beschwerden auftreten oder bestehende zunehmen.
9 Häufige Fragen
Warum treten meine Augen hervor?
Bei Erwachsenen ist die häufigste Ursache eine endokrine Orbitopathie, eine Autoimmunentzündung der Augenhöhle, die meist zusammen mit einem Morbus Basedow auftritt. Seltener stecken eine Infektion, eine Entzündung ohne Infektion, ein Tumor, eine Gefäßveränderung oder eine Blutung dahinter. Bei Kindern ist eine Infektion der Augenhöhle am häufigsten. Die Ursache muss immer ärztlich geklärt werden.
Haben hervortretende Augen immer etwas mit der Schilddrüse zu tun?
Nein, aber sehr oft. Die meisten Betroffenen mit endokriner Orbitopathie haben einen Morbus Basedow, etwa jede zehnte Person entwickelt jedoch nie eine Überfunktion, manche haben eine Hashimoto-Unterfunktion oder normale Werte. Ein einseitiges Hervortreten kann außerdem ganz andere Ursachen haben und wird deshalb mit CT oder MRT abgeklärt.
Gehen hervortretende Augen nach der Schilddrüsenbehandlung zurück?
Die Behandlung der Schilddrüse allein bildet das Hervortreten nicht direkt zurück, sie ist aber Voraussetzung dafür, dass sich die Augen beruhigen. Ein leichtes Hervortreten bessert sich oft mit der Zeit. Ein deutliches Hervortreten bleibt häufig und kann nach dem Ende der Entzündung mit einer Orbitadekompression verringert werden.
Ist ein hervortretendes Auge gefährlich?
Meist ist das Sehen nicht in Gefahr, aber Hornhaut und Sehnerv können Schaden nehmen. Ein plötzlich hervortretendes Auge, Schmerzen, Fieber, neue Doppelbilder oder schlechteres Sehen sind ein Notfall. Bei Kindern gehört ein hervortretendes Auge immer rasch in ärztliche Hände.
Wie misst der Augenarzt, ob meine Augen hervorstehen?
Mit einem Exophthalmometer nach Hertel, das schmerzlos am äußeren Augenhöhlenrand angelegt wird und den Abstand zur Hornhaut in Millimetern anzeigt. Bei Menschen europäischer Herkunft liegen normale Werte etwa zwischen 12 und 21 Millimetern, ein Seitenunterschied bis 2 Millimeter ist normal. Wichtig ist vor allem die Veränderung über die Zeit.
Warum sind meine Augen trocken und tränen trotzdem?
Ein vorstehendes Auge mit hochgezogenem Lid liegt stärker frei, und die Lider schließen oft nicht ganz. Die Hornhaut trocknet aus und reagiert mit Reflextränen. Tränenersatz am Tag, Gel in der Nacht, eine Sonnenbrille und ein erhöhtes Kopfteil helfen meist.
Hilft Kortison gegen hervortretende Augen?
Kortison-Infusionen lindern bei aktiver endokriner Orbitopathie Schmerz, Schwellung, Rötung und Doppelbilder bei den meisten Behandelten. Ein bereits bestehendes Hervortreten bildet Kortison aber kaum zurück. Bei leichter Erkrankung wird meist kein Kortison gegeben.
Muss ich mit dem Rauchen aufhören?
Ja. Rauchen ist der wichtigste beeinflussbare Risikofaktor der endokrinen Orbitopathie, verschlechtert den Verlauf und schwächt die Wirkung aller Behandlungen. Ein Rauchstopp lohnt sich in jeder Phase der Erkrankung.
Kann man hervortretende Augen operieren?
Ja, mit einer Orbitadekompression, bei der Teile der Augenhöhlenwände entfernt werden, damit das Auge zurücksinkt. Sie erfolgt in der Regel erst, wenn die Entzündung seit mindestens sechs Monaten ruhig ist, außer wenn der Sehnerv bedroht ist. Wichtigstes Risiko sind neue Doppelbilder, die dann eine Schieloperation nötig machen können.
Was hilft Selen bei hervortretenden Augen?
Bei einer leichten, aktiven endokrinen Orbitopathie kann Selen über sechs Monate die Lebensqualität verbessern und das Fortschreiten bremsen. In Gegenden mit guter Selenversorgung ist der Nutzen unsicher, und zu hohe Dosen können schaden. Nehmen Sie Selen deshalb nur nach ärztlicher Absprache ein.
Mein Kind hat ein geschwollenes, hervortretendes Auge. Was tun?
Gehen Sie sofort in eine Kinderklinik oder Augenklinik, vor allem bei Fieber, Schmerzen oder Schnupfen. Häufigste Ursache ist eine Infektion der Augenhöhle nach einer Nebenhöhlenentzündung, die Antibiotika in die Vene braucht. Seltener steckt ein Tumor dahinter, der ebenfalls rasch abgeklärt werden muss.
Kann ich bei endokriner Orbitopathie erblinden?
Das ist selten. Ein Sehnervschaden betrifft weniger als 5 von 100 Betroffenen und lässt sich bei rechtzeitiger Behandlung oft aufhalten. Achten Sie deshalb auf schlechteres Sehen, blassere Farben und Gesichtsfeldlücken und gehen Sie damit sofort zur Augenärztin oder zum Augenarzt.
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Quellen
Dieser Artikel wurde aus Fachquellen in 4 Sprachen recherchiert (Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch) und auf Deutsch zusammengefasst.
Alle 34 Quellen anzeigen
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- Medikamentöse Therapie und Strahlentherapie bei endokriner Orbitopathie, Der Ophthalmologe 2011 – Universitäts-Augenklinik Freiburg, Orbitazentrum (DE)
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- Orbitale Zellulitis (Ausgabe für Patienten) – MSD Manual (DE)
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- Oftalmopatía tiroidea, Libro para la formación de los residentes en Oftalmología, Órbita – Sociedad Española de Oftalmología (ES)
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- Descompresión orbitaria quirúrgica para la enfermedad ocular tiroidea – Cochrane (ES)
- Resultados del tratamiento de la orbitopatía tiroidea y factores que influyen sobre la respuesta terapéutica, 2015 – Revista Cubana de Oftalmología (ES)
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- Teprotumumab: European public assessment report (EPAR) – European Medicines Agency (EMA) (EN)
- Fahrerlaubnis-Verordnung, Anlage 6: Anforderungen an das Sehvermögen – Bundesministerium der Justiz, gesetze-im-internet.de (DE)
- Unilateral proptosis: the role of medical history, 2003 – British Journal of Ophthalmology (EN)
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Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche Beratung. Wenn Sie Beschwerden haben, lassen Sie sich von einer Augenärztin oder einem Augenarzt untersuchen. Mehr zum Haftungsausschluss