Akanthamöben-Keratitis (Hornhautinfektion durch Amöben)
Die Akanthamöben-Keratitis ist eine seltene, schwere Infektion der Hornhaut durch Amöben aus Wasser und Erde, die fast nur Kontaktlinsenträger betrifft. Typisch sind Schmerzen, die stärker sind, als das Auge aussieht; früh erkannt, heilt sie mit monatelanger Tropfenbehandlung meist ohne Operation aus.
1 Kurzübersicht
Die Akanthamöben-Keratitis ist eine seltene, aber schwere Infektion der Hornhaut, also des klaren „Fensters“ vorn am Auge. Auslöser sind Akanthamöben (Acanthamoeba): winzige Einzeller, die fast überall im Wasser und im Boden leben. Rund neun von zehn Betroffenen tragen Kontaktlinsen. Typisch sind Augenschmerzen, die viel stärker sind, als das Auge von außen aussieht.
Die Erkrankung ist gefährlich, weil sie am Anfang oft wie eine Herpes-Infektion am Auge oder eine gewöhnliche bakterielle Hornhautentzündung aussieht. Je nach Studie wird sie bei etwa der Hälfte bis über zwei Dritteln der Betroffenen zunächst nicht erkannt. Antibiotika und Herpesmittel wirken gegen Amöben nicht. In dieser Zeit können die Erreger tiefer in die Hornhaut eindringen.
Die Amöben kommen in zwei Formen vor: als bewegliche, aktive Zelle (Trophozoit) und als ruhende, sehr widerstandsfähige Zyste. Die Zysten überstehen Kälte, Hitze, Chlor und viele Desinfektionsmittel. Deshalb dauert die Behandlung so lange: In den ersten Tagen werden Tag und Nacht Tropfen gegeben, insgesamt oft sechs bis zwölf Monate. Wird zu früh aufgehört, kehrt die Infektion häufig zurück.
Seit 2024 gibt es in der EU erstmals ein zugelassenes Fertigarzneimittel gegen die Akanthamöben-Keratitis (Polihexanid 0,08 %). In einer großen Studie heilte die Infektion bei rund 85 % der Behandelten ohne Operation aus. Wird die Krankheit spät erkannt, drohen dagegen Narben, bleibender Sehverlust und eine Hornhauttransplantation. Sehr selten geht das Auge verloren.
Die gute Nachricht: Die meisten Fälle lassen sich vermeiden. Kontaktlinsen dürfen nie mit Leitungswasser in Berührung kommen, und sie gehören vor dem Schwimmen, Duschen und Baden aus dem Auge. Wer als Linsenträgerin oder Linsenträger ein rotes, schmerzendes Auge hat, nimmt die Linsen heraus und geht noch am selben Tag zur Augenärztin oder zum Augenarzt.
| Kurz gesagt | Akanthamöben-Keratitis |
|---|---|
| Erreger | Akanthamöben aus Wasser, Boden, Staub |
| Wer ist betroffen? | Fast nur Kontaktlinsenträger, meist junge Erwachsene; selten nach Verletzungen |
| Leitsymptom | Sehr starke Schmerzen, Lichtscheu, rotes Auge, meist nur ein Auge |
| Größte Gefahr | Verwechslung mit Herpes oder Bakterien, dadurch späte Behandlung |
| Behandlung | Antiseptische Augentropfen über Monate, selten Hornhauttransplantation |
| Ansteckend? | Nein, nicht von Mensch zu Mensch |
2 Symptome
In diesem Kapitel (15)
- Welche Symptome sind typisch?
- Warum sind die Schmerzen so stark?
- Was bedeutet „Schmerz passt nicht zum Befund“?
- Gibt es Fälle ohne Schmerzen?
- Wie beginnt die Krankheit?
- Wie verändern sich die Beschwerden im Verlauf?
- Welche Stadien sehen Augenärzte?
- Was unterscheidet die Pseudodendriten von Herpes?
- Welche Beschwerden zeigen eine Ausbreitung an?
- Sind beide Augen betroffen?
- Gibt es Fieber oder Allgemeinsymptome?
- Wie fühlt sich die Krankheit im Alltag an?
- Was bemerken Angehörige?
- Gibt es Besonderheiten bei Kindern und älteren Menschen?
- Welche Warnzeichen sollten Linsenträger kennen?
Welche Symptome sind typisch?
Typisch sind starke Augenschmerzen, ein rotes und tränendes Auge, Lichtscheu, ein Fremdkörpergefühl und verschwommenes Sehen, meist nur auf einer Seite. Keines dieser Zeichen ist für sich allein beweisend. Sie kommen auch bei anderen Hornhautentzündungen vor. Den Unterschied machen das Missverhältnis zwischen Schmerz und Befund, der langsame Verlauf und die Vorgeschichte mit Kontaktlinsen und Wasser.
| Symptom | Wie häufig? | Wie es sich anfühlt |
|---|---|---|
| Augenschmerzen | Fast immer (in einer Grazer Serie 95 %) | Bohrend, brennend, stechend; oft stärker, als das Auge aussieht |
| Rötung | Sehr häufig | Das Weiße im Auge ist dauerhaft rot, besonders rund um die Hornhaut |
| Lichtempfindlichkeit | Häufig (in Graz 37 %) | Helles Licht tut weh, man kneift die Augen zusammen |
| Fremdkörpergefühl | Häufig (in Graz 23 %) | Als ob Sand oder ein Wimpernhaar im Auge wäre |
| Tränen | Häufig | Das Auge läuft, manchmal mit etwas Sekret |
| Verschwommenes Sehen | Häufig, nimmt im Verlauf zu | Schleier vor dem Auge, das Sehen kann schwanken |
| Lidkrampf | Gelegentlich | Das Auge lässt sich kaum öffnen |
Warum sind die Schmerzen so stark?
Die Schmerzen sind so stark, weil die Amöben bevorzugt die Hornhautnerven entzünden. Die Hornhaut ist das am dichtesten mit Nerven versorgte Gewebe des ganzen Körpers. Ärztinnen und Ärzte sprechen von einer „radiären Keratoneuritis“, einer strahlenförmigen Entzündung entlang dieser Nervenfasern. Der Schmerz hat dadurch einen Nervenschmerz-Anteil, der auf gewöhnliche Schmerzmittel oft schlecht anspricht.
Der Schmerz hält an, auch nachts, und kann sich über Tage steigern. In schweren Fällen braucht es eine eigene Schmerztherapie, teilweise mit Unterstützung von Schmerzspezialisten. Später im Verlauf kann die Hornhaut dagegen gefühllos werden, weil die Nerven geschädigt sind.
Was bedeutet „Schmerz passt nicht zum Befund“?
Es bedeutet, dass das Auge stark schmerzt, obwohl die Ärztin oder der Arzt an der Spaltlampe nur wenig Veränderung sieht. Dieses Missverhältnis gilt in der Fachliteratur als wichtigster Hinweis auf eine Akanthamöben-Keratitis. Bei einer bakteriellen Hornhautentzündung ist es meist umgekehrt: Dort sieht man früh einen deutlichen weißen Fleck. Wer als Kontaktlinsenträger sehr starke Schmerzen bei „harmlos“ wirkendem Auge hat, sollte das in der Praxis ausdrücklich sagen.
Gibt es Fälle ohne Schmerzen?
Ja, selten verläuft die Erkrankung ohne nennenswerte Schmerzen. Die US-Gesundheitsbehörde CDC weist ausdrücklich darauf hin, dass manche Betroffene keine Schmerzen haben. Auch können die starken Schmerzen erst nach einigen Wochen einsetzen, wenn die Nerven mitbetroffen sind. Fehlende Schmerzen schließen die Krankheit also nicht aus.
Wie beginnt die Krankheit?
Die Krankheit beginnt meist schleichend mit unspezifischen Beschwerden: leichtes Reiben, Tränen, Rötung und etwas verschwommenes Sehen. Viele denken zuerst an ein gereiztes Auge durch die Linse oder an eine Bindehautentzündung. Die Veränderungen liegen in diesem Stadium nur in der obersten Hornhautschicht (Epithel). Gerade hier wäre die Behandlung am erfolgreichsten.
Wie lange es von der Ansteckung bis zu den ersten Beschwerden dauert (Inkubationszeit), ist nicht genau bekannt. Vermutet werden einige Tage bis mehrere Wochen, abhängig davon, wie viele Erreger ins Auge gelangt sind. Ein Hinweis aus deutschen Fachkreisen: Besonders verdächtig sind starke Schmerzen und Rötung in der ersten Woche nach dem Baden oder Schwimmen mit Linsen.
Wie verändern sich die Beschwerden im Verlauf?
Ohne passende Behandlung werden die Beschwerden über Wochen stärker, und die Sicht wird zunehmend schlechter. Die Schmerzen nehmen zu, die Rötung wird hartnäckiger, Licht wird kaum noch ertragen. Typisch ist auch ein Auf und Ab: Phasen mit sehr starken Beschwerden wechseln sich mit etwas besseren Tagen ab. Dieses Schwanken verleitet manche dazu, den Arztbesuch hinauszuschieben.
Ein trügerischer Effekt: Antibiotika- oder Kortisontropfen können die Beschwerden vorübergehend lindern. Die Amöben vermehren sich trotzdem weiter. Wenn es nach anfänglicher Besserung wieder schlechter wird, ist das ein Warnsignal.
Welche Stadien sehen Augenärzte?
Augenärzte unterscheiden grob drei Stadien, je nachdem wie tief die Amöben in die Hornhaut eingedrungen sind. Sie sehen diese Veränderungen mit der Spaltlampe, einem Mikroskop mit schmalem Lichtspalt. Für Betroffene ist das Stadium wichtig, weil es die Prognose und die Dauer der Behandlung bestimmt.
| Stadium | Was die Ärztin oder der Arzt sieht | Wann ungefähr |
|---|---|---|
| 1. Oberfläche (Epithel) | „Schmutzig“ wirkende, unruhige Oberfläche, feine graue Trübungen, winzige Bläschen, verzweigte Linien („Pseudodendriten“), die einer Herpes-Infektion ähneln | Etwa die ersten zwei Wochen |
| 2. Nervenentzündung | Strahlenförmige Infiltrate entlang der Hornhautnerven, Defekte in der Oberfläche, erste Infiltrate in der mittleren Hornhautschicht (Stroma) | In den folgenden Wochen |
| 3. Tiefe Hornhaut | Ringförmige Trübung im Stroma (Ringinfiltrat), Geschwür, Verdünnung der Hornhaut | Später, meist nach mehreren Wochen |
Die Zeitangaben sind nur grobe Anhaltspunkte. Wie schnell die Amöben in die Tiefe vordringen, ist von Mensch zu Mensch sehr verschieden, und die Stadien gehen fließend ineinander über.
Das Ringinfiltrat gilt als typisches Zeichen, fehlt aber in vielen Fällen. In einer Serie aus Peru war es bei 43 % zu sehen, nach anderen Angaben bei etwa der Hälfte. Statt eines einzigen Herdes können auch mehrere Flecken oder kleine „Satelliten“ um einen Hauptherd entstehen.
Was unterscheidet die Pseudodendriten von Herpes?
Die verzweigten Linien der Akanthamöben-Keratitis sehen denen einer Herpes-Keratitis sehr ähnlich, haben aber keine kleinen Endknöpfchen an den Ästen. Bei Herpes enden die Verzweigungen typischerweise in kleinen Verdickungen. Für Laien ist dieser Unterschied nicht sichtbar, für erfahrene Hornhautspezialisten ein wichtiger Hinweis. Genau diese Ähnlichkeit erklärt, warum fast die Hälfte der Patienten im deutschen Register zuerst als Herpes behandelt wurde.
Welche Beschwerden zeigen eine Ausbreitung an?
Eine Ausbreitung über die Hornhaut hinaus zeigt sich durch zunehmende Rötung des ganzen Auges, tiefe Schmerzen und deutlich schlechteres Sehen. Mögliche Mitbeteiligungen sind:
- Entzündung im vorderen Augeninneren (Uveitis anterior), manchmal mit Eiteransammlung hinter der Hornhaut (Hypopyon), die als weißer Spiegel vor dem unteren Rand der Regenbogenhaut zu sehen ist
- Entzündung der Lederhaut (Skleritis) mit dunkelroter Verfärbung und tiefem, bohrendem Schmerz, der bis in Stirn und Schläfe ausstrahlen kann
- Entzündung am Hornhautrand (Limbitis)
- Erhöhter Augeninnendruck (Sekundärglaukom) mit Kopfschmerzen und Druckgefühl
- Verklebungen der Regenbogenhaut mit der Linse und Schwund des Irisgewebes
- Hornhautverdünnung bis zum Durchbruch (Perforation): plötzlich austretende Flüssigkeit, starke Sehverschlechterung, ein Notfall
Sehr selten sind in fortgeschrittenen Fällen auch Tränendrüse, Netzhaut oder Aderhaut entzündet. Diese Verläufe betreffen fast nur spät erkannte Erkrankungen.
Sind beide Augen betroffen?
Meist ist nur ein Auge betroffen. Beide Augen erkranken nach Literaturangaben bei etwa 5 bis 11 % der Patienten. Bei Linsenträgern mit Beschwerden an beiden Augen denken Ärzte deshalb zuerst an andere Ursachen, schließen die Amöben aber nicht aus. Auch das zweite Auge sollte bei einer gesicherten Erkrankung mituntersucht werden.
Gibt es Fieber oder Allgemeinsymptome?
Nein, die Akanthamöben-Keratitis verursacht in der Regel kein Fieber und kein allgemeines Krankheitsgefühl. Sie bleibt auf das Auge beschränkt und breitet sich bei sonst gesunden Menschen nicht in den Körper aus. Die sehr seltene Amöben-Hirnentzündung (granulomatöse Amöben-Enzephalitis) ist eine eigene Krankheit, die fast nur stark immungeschwächte Menschen betrifft und nicht die Folge einer Hornhautinfektion ist. Fieber, Kopfschmerz mit Nackensteife oder Verwirrtheit sprechen daher für etwas anderes und brauchen sofort ärztliche Hilfe.
Wie fühlt sich die Krankheit im Alltag an?
Im Alltag sind vor allem Schmerzen, Lichtscheu und die aufwendige Tropfenbehandlung belastend. Viele Betroffene können über Wochen nicht arbeiten, nicht Auto fahren und kaum am Bildschirm lesen. Sie tragen auch drinnen Sonnenbrille, ziehen die Vorhänge zu und schlafen schlecht, weil nachts getropft werden muss. Wer allein lebt, braucht in der ersten Behandlungsphase oft Hilfe beim Eintropfen.
Die Fachliteratur beschreibt auch seelische Folgen: Angst, das Auge zu verlieren, Angst vor Wasser, sozialer Rückzug und gedrückte Stimmung bis zur Depression. Diese Belastung ist eine bekannte Begleiterscheinung der Krankheit und kein Zeichen von Schwäche. Sprechen Sie Ihr Behandlungsteam darauf an; Unterstützung durch Hausarzt, Psychotherapie oder Sozialdienst kann viel erleichtern.
Was bemerken Angehörige?
Angehörigen fällt meist auf, dass die betroffene Person ein Auge zukneift, Licht meidet und immer wieder über starke Schmerzen klagt. Das Auge ist sichtbar gerötet und tränt. Manchmal sieht man ein verändertes Verhalten: Rückzug, Gereiztheit, Schlafmangel. Wenn ein Linsenträger über Tage ein „rotes Auge“ hat, das trotz Tropfen nicht besser wird, sollten Angehörige zu einer Abklärung in einer Augenklinik raten.
Gibt es Besonderheiten bei Kindern und älteren Menschen?
Für Kinder und ältere Menschen gibt es kaum eigene Daten, weil die Krankheit vor allem junge Erwachsene trifft. In den ausgewerteten Serien waren die Betroffenen im Mittel etwa 25 bis 31 Jahre alt; die jüngsten waren Jugendliche ab etwa 14 Jahren. Jugendliche mit Kontaktlinsen, etwa zur Korrektur einer Kurzsichtigkeit oder mit nächtlich getragenen formenden Linsen (Orthokeratologie), haben dieselben Risiken wie Erwachsene. Kleine Kinder können Schmerzen oft nicht genau beschreiben: Reiben, Zukneifen, Lichtscheu und Weinen sind dann die Warnzeichen.
Auch ältere Menschen können erkranken, mit oder ohne Kontaktlinsen, etwa nach einer Verletzung oder bei vorgeschädigter Hornhaut. Bei ihnen kann die Krankheit besonders spät erkannt werden, weil niemand an Amöben denkt. Das neue Fertigarzneimittel ist ab 12 Jahren zugelassen; bei jüngeren Kindern entscheiden Spezialisten im Einzelfall.
Welche Warnzeichen sollten Linsenträger kennen?
Linsenträger sollten bei jedem roten, schmerzenden, lichtempfindlichen Auge an eine Hornhautinfektion denken und die Linsen sofort herausnehmen. Besonders verdächtig auf Akanthamöben sind:
- Schmerzen, die viel stärker sind, als das Auge aussieht
- Beschwerden nach Schwimmen, Baden, Duschen oder Whirlpool mit Linsen
- Linsen oder Linsenbehälter, die mit Leitungswasser in Berührung gekommen sind
- Eine „Herpes“-, „Bakterien“- oder „Pilz“-Hornhautentzündung, die nach ein bis zwei Wochen Behandlung nicht besser wird
- Zeitweise Besserung unter Kortison- oder Antibiotikatropfen, dann erneute Verschlechterung
- Zunehmend schlechteres Sehen über Tage bis Wochen
3 Ursachen und Risikofaktoren
In diesem Kapitel (10)
- Was sind Akanthamöben?
- Warum sind die Zysten so gefährlich?
- Wie gelangen die Amöben in die Hornhaut?
- Welche Rolle spielen Kontaktlinsen?
- Welche Fehler bei der Linsenpflege erhöhen das Risiko?
- Warum ist Wasser so riskant?
- Warum gibt es im Sommer mehr Fälle?
- Kann man auch ohne Kontaktlinsen erkranken?
- Welche weiteren Risikofaktoren werden diskutiert?
- Wie häufig ist die Krankheit?
Was sind Akanthamöben?
Akanthamöben sind freilebende Einzeller, die weltweit in Wasser, Erde und Staub vorkommen. Man findet sie in Leitungswasser, Brunnenwasser, Seen, Flüssen, Meerwasser, Schwimmbädern, Whirlpools, Duschköpfen, Luftbefeuchtern und Klimaanlagen. Die meisten Menschen kommen im Lauf des Lebens mit ihnen in Kontakt; über 80 % der Gesunden haben Antikörper gegen sie im Blut. Krank werden davon nur sehr wenige.
Bekannt sind zahlreiche Arten, aber nur einige Typen machen krank. Die meisten Augeninfektionen gehen auf den Genotyp T4 zurück, vor allem auf Acanthamoeba castellanii und A. polyphaga. Die Amöben fressen Bakterien, etwa aus dem Belag (Biofilm) in Linsenbehältern. Kalkablagerungen in Wasserleitungen bieten ihnen ebenfalls Lebensraum.
Warum sind die Zysten so gefährlich?
Die Zysten sind gefährlich, weil sie fast alles überstehen, was andere Erreger abtötet. Die ruhende Form ist von einer doppelten Wand umgeben und übersteht Frost bis minus 20 Grad, Hitze, Chlor, Antibiotika und viele Desinfektionsmittel, teils über Jahre. Werden die Bedingungen günstig, wandeln sich die Zysten wieder in aktive Amöben um. Das erklärt die lange Behandlung und die Rückfälle nach zu frühem Absetzen.
Wie gelangen die Amöben in die Hornhaut?
Die Amöben gelangen meist über winzige Verletzungen der Hornhautoberfläche in das Gewebe. Solche Mikroverletzungen entstehen leicht beim Tragen von Kontaktlinsen, ohne dass man es merkt. Die Linse wirkt dabei wie ein Träger: Verunreinigtes Wasser oder verunreinigte Pflegelösung bringt die Erreger auf die Linse, und die Linse hält sie lange an der Hornhaut fest. Die Amöben haften mit einem Eiweiß an der Oberfläche, wandern in die Tiefe, vermutlich entlang der Nerven, und zersetzen dort Gewebe.
Warum nur wenige erkranken, ist nicht vollständig geklärt. Diskutiert werden die Menge der Erreger, die Art der Amöbe und die Abwehr des Auges, etwa ein niedriger Gehalt an schützenden Antikörpern (IgA) im Tränenfilm. Eine überstandene Infektion hinterlässt keinen verlässlichen Schutz; man kann erneut erkranken.
Welche Rolle spielen Kontaktlinsen?
Kontaktlinsen sind der mit Abstand wichtigste Risikofaktor: Je nach Land und Studie tragen 75 bis über 90 % der Betroffenen Linsen. In Graz waren es 93 %, in Deutschland nennt die Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft (DOG) etwa 90 %. Am häufigsten betroffen sind Träger weicher Linsen. Erkrankungen wurden aber bei allen Linsentypen beschrieben, auch bei formstabilen („harten“) Linsen und bei Tageslinsen.
| Linsenart | Risiko nach Studienlage |
|---|---|
| Tageslinsen zum Einmalgebrauch | Am niedrigsten, aber nicht null |
| Weiche Linsen zum Wiederverwenden (Monats-, Zweiwochenlinsen) | Höher; in einer Studie etwa dreifach gegenüber Einmal-Tageslinsen |
| Linsen, die über Nacht getragen werden | Erhöht |
| Orthokeratologie-Linsen (nachts getragen, formen die Hornhaut) | Erhöht |
| Farbige oder kosmetische Linsen ohne Anpassung | Erhöht |
| Formstabile Linsen | Geringer als weiche Linsen, Fälle kommen aber vor |
Welche Fehler bei der Linsenpflege erhöhen das Risiko?
Die meisten Fälle hängen mit vermeidbaren Fehlern beim Umgang mit Linsen zusammen; eine britische Studie schätzt den Anteil auf etwa 90 %. Die DOG nennt fehlerhafte Reinigung als Hauptursache. Besonders riskant sind:
- Linsen oder Behälter mit Leitungswasser abspülen oder darin aufbewahren
- Selbst gemischte Kochsalzlösung oder ungeeignete Lösungen verwenden
- Pflegelösung wiederverwenden oder nur nachfüllen statt komplett erneuern
- Den Linsenbehälter selten reinigen und zu lange benutzen
- Linsen länger tragen oder seltener wechseln als vorgesehen
- Mit Linsen schlafen
- Linsen ohne Händewaschen einsetzen, Linsen mit Speichel befeuchten
- Abgelaufene oder zurückgerufene Pflegemittel verwenden
In den USA gab es 2007 einen Ausbruch, der mit einer bestimmten Mehrzweck-Pflegelösung zusammenhing; das Produkt wurde vom Markt genommen. In einer US-Klinikserie hatten 70 % der Erkrankten zusätzlich zur Linse mindestens einen weiteren Risikofaktor, am häufigsten Brunnenwasser.
Warum ist Wasser so riskant?
Wasser ist riskant, weil es der natürliche Lebensraum der Amöben ist und auch sauberes Trinkwasser sie enthalten kann. Leitungswasser ist für den Körper unbedenklich, aber nicht steril. Auch das Chlor im Schwimmbad tötet die Zysten nicht zuverlässig ab. Besonders häufig genannt werden schlecht gepflegte Pools, ungenügend gechlorte Freibäder, Badeseen, warmes Wasser in Wanne und Whirlpool sowie Duschen mit Linsen.
In einer Studie aus England und Wales hatte ein Drittel der Betroffenen mit Linsen geschwommen. Linsenträger im Süden Englands, wo das Leitungswasser härter ist, erkrankten etwa neunmal häufiger als im Norden; hartes Wasser zu Hause verdreifachte das Risiko etwa. Ob das genauso für Deutschland und Österreich gilt, ist nicht untersucht.
Warum gibt es im Sommer mehr Fälle?
Im Sommer gibt es mehr Fälle, weil mehr gebadet wird und die Amöben warmes Wasser mögen. In der Grazer Universitäts-Augenklinik häuften sich die Erkrankungen im Sommer, mit einem Gipfel im August. Bei Wärme wandeln sich Zysten leichter in die aktive Form um. Dazu kommen mehr Wasseraktivitäten und mehr Linsenträger, die beim Sport auf die Brille verzichten.
Kann man auch ohne Kontaktlinsen erkranken?
Ja, etwa 5 bis 17 % der Betroffenen tragen keine Kontaktlinsen. Bei ihnen geht der Infektion meist eine Verletzung der Hornhaut voraus, oft zusammen mit Erde, Pflanzenteilen oder verschmutztem Wasser, zum Beispiel bei Garten- oder Landarbeit. Auch nach Augenoperationen und bei vorgeschädigter Hornhautoberfläche sind Fälle beschrieben. Bei Nicht-Linsenträgern wird die Krankheit oft noch später erkannt, weil niemand an Amöben denkt.
Welche weiteren Risikofaktoren werden diskutiert?
Diskutiert werden einige weitere Faktoren, deren Bedeutung aber unsicher ist. Dazu gehören trockene Augen, eine Lidrandentzündung, ein nach außen gekipptes Unterlid, Kortison- oder Betäubungstropfen ohne ärztliche Kontrolle sowie gleichzeitige andere Infektionen. Eine Immunschwäche ist nach Angaben der CDC kein Risikofaktor für die Hornhautinfektion; sie spielt nur bei den sehr seltenen Infektionen von Gehirn, Haut oder Nebenhöhlen eine Rolle.
Wie häufig ist die Krankheit?
Die Akanthamöben-Keratitis ist selten: Weltweit wird mit etwa ein bis drei Fällen pro einer Million Menschen und Jahr gerechnet. Sie macht etwa 1,5 bis 2 % aller infektiösen Hornhautentzündungen aus. Unter Linsenträgern liegt das Risiko höher; für Großbritannien wurde etwa einer von 37.000 Linsenträgern pro Jahr genannt. In mehreren Ländern sind die Fallzahlen in den letzten Jahrzehnten gestiegen.
| Land | Angaben |
|---|---|
| Deutschland | Ältere Expertenschätzungen nennen etwa 100 bis 200 Fälle pro Jahr bei Linsenträgern; der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) ging 2025 von etwa 70 bis 410 Betroffenen pro Jahr in der gesetzlichen Krankenversicherung aus. Etwa 5 % der Keratitiden bei Linsenträgern gehen auf Akanthamöben zurück (Stand 2013). Ein Register der DOG sammelt seit 2011 die Fälle. |
| Österreich | Etwa 0,125 Fälle pro 100.000 Einwohner und Jahr (Referenzlabor Wien, 1993–2013). Die Grazer Universitäts-Augenklinik behandelte von 1997 bis 2018 42 Patienten, höchstens fünf pro Jahr. |
| Großbritannien | Deutlich höhere Raten bei Linsenträgern; dort geht etwa die Hälfte des schweren Sehverlusts durch Linsen-Infektionen auf Akanthamöben zurück. |
| Niederlande | 4,8 Fälle pro 100.000 Träger weicher Linsen und Jahr (2009–2015) |
Betroffen sind vor allem junge Erwachsene zwischen etwa 20 und 40 Jahren, Frauen und Männer ähnlich häufig. Das liegt daran, dass in dieser Altersgruppe die meisten Menschen Kontaktlinsen tragen.
4 Diagnose
In diesem Kapitel (9)
- Wie stellt die Augenärztin oder der Augenarzt die Diagnose?
- Welche Fragen werden gestellt?
- Was zeigt die Spaltlampe?
- Wie wird der Erreger nachgewiesen?
- Was ist die konfokale Mikroskopie?
- Mit welchen Krankheiten wird sie verwechselt?
- Wie lange dauert es bis zur richtigen Diagnose?
- Wann sollte eine Universitäts-Augenklinik einbezogen werden?
- Was sind die Register in Deutschland und Österreich?
Wie stellt die Augenärztin oder der Augenarzt die Diagnose?
Die Diagnose stützt sich auf drei Säulen: die Vorgeschichte, den Befund an der Spaltlampe und den Nachweis des Erregers in einer Probe oder im Mikroskop. Am wichtigsten ist, dass überhaupt an Akanthamöben gedacht wird. Schon der Satz „Ich trage Kontaktlinsen und war mit ihnen schwimmen“ kann die Diagnose in die richtige Richtung lenken.
Welche Fragen werden gestellt?
Gefragt wird vor allem nach Kontaktlinsen, Pflege und Wasserkontakt. Bereiten Sie Antworten auf diese Punkte vor:
- Welche Linsen tragen Sie, wie lange täglich, wie oft werden sie gewechselt, schlafen Sie damit?
- Welche Pflegelösung verwenden Sie, wie oft erneuern Sie Lösung und Behälter?
- Kamen Linsen oder Behälter mit Leitungswasser in Kontakt?
- Waren Sie mit Linsen schwimmen, in der Sauna, im Whirlpool, unter der Dusche?
- Gab es eine Verletzung, Erde oder Pflanzenteile im Auge?
- Welche Tropfen haben Sie bereits bekommen, und haben sie geholfen?
Nehmen Sie Linsen, Behälter und Pflegelösung mit in die Praxis oder Klinik. Auch sie können im Labor auf Amöben untersucht werden.
Was zeigt die Spaltlampe?
Die Spaltlampe zeigt je nach Stadium eine unruhige Oberfläche mit verzweigten Linien, strahlenförmige Nervenentzündungen oder ein ringförmiges Infiltrat. Mit Farbstoff (Fluorescein) werden Defekte der Oberfläche sichtbar. Die strahlenförmige Nervenentzündung gilt als fast beweisend, ist aber nicht immer zu sehen. Die Ärztin oder der Arzt prüft auch Augeninnendruck, Vorderkammer und Sehschärfe, um Komplikationen zu erkennen.
Wie wird der Erreger nachgewiesen?
Der Erreger wird meist mit einer Hornhautprobe nachgewiesen, die unter Betäubungstropfen von der Oberfläche abgeschabt wird. Das Abschaben ist kurz und dank der Tropfen kaum schmerzhaft. Gleichzeitig wird auf Bakterien, Pilze und Viren untersucht, weil Mischinfektionen häufig sind; in Graz lag eine zusätzliche Infektion bei rund 73 % vor. Folgende Verfahren kommen zum Einsatz:
| Verfahren | Was es kann | Grenzen |
|---|---|---|
| Mikroskopie der Probe mit Färbung | Rasch, zeigt Zysten und Trophozoiten | Braucht Erfahrung, kann bei wenig Material falsch negativ sein |
| PCR (Erbgut-Nachweis) | Sehr empfindlich und spezifisch, Ergebnis in Stunden bis wenigen Tagen | Weist auch Erbgut abgestorbener Erreger nach; nicht in jedem Labor verfügbar |
| Kultur auf Spezialnährboden | Bestätigt lebende Erreger, sehr spezifisch | Langsam (Tage bis Wochen), findet nur einen Teil der Fälle; in deutschen Kliniken kaum noch genutzt |
| Konfokale Mikroskopie (In-vivo-Konfokalmikroskopie) | Ohne Probe, schmerzfrei, zeigt Zysten direkt in der Hornhaut, gute Treffsicherheit | Abhängig von der Erfahrung; nur in Zentren; unterscheidet nicht zwischen lebenden und toten Amöben |
| Gewebeprobe (Biopsie) | Bei tief liegendem Herd oder negativen anderen Tests | Kleiner Eingriff, nur in Spezialzentren |
In der deutschen Registerauswertung war die Kombination aus feingeweblicher Untersuchung (Histologie) und PCR am treffsichersten. Die Kultur findet je nach Studie nur etwa 7 bis 67 % der Fälle. Ein negatives Ergebnis schließt die Krankheit daher nicht sicher aus.
Was ist die konfokale Mikroskopie?
Die konfokale Mikroskopie ist eine Untersuchung, bei der ein spezielles Mikroskop die Hornhaut Schicht für Schicht in sehr starker Vergrößerung zeigt. Nach Betäubungstropfen wird ein Messkopf mit einem Gel kurz auf das Auge aufgesetzt. Die Zysten erscheinen als helle, runde Punkte, oft in Ketten oder Gruppen. Die Methode liefert in erfahrener Hand in Minuten einen dringenden Verdacht, sodass die Behandlung sofort beginnen kann, auch bevor Laborergebnisse vorliegen.
Mit welchen Krankheiten wird sie verwechselt?
Am häufigsten wird die Akanthamöben-Keratitis mit einer Herpes-Keratitis verwechselt, später auch mit bakteriellen oder Pilz-Hornhautentzündungen. Die Angaben zur Häufigkeit von Fehldiagnosen schwanken: In London wurde die Krankheit bei der ersten Vorstellung nur in etwa der Hälfte der Fälle vermutet, die DOG spricht von zwei Dritteln verkannter Fälle, in einer Serie aus Peru waren es 12 von 14. Das liegt nicht an Nachlässigkeit, sondern an der Seltenheit der Krankheit und den ähnlichen Bildern.
| Andere Erkrankung | Ähnlichkeit | Hinweis auf Akanthamöben |
|---|---|---|
| Herpes-Keratitis | Verzweigte Linien auf der Hornhaut | Keine Endknöpfchen, Kontaktlinsen, kein Ansprechen auf Virusmittel |
| Bakterielle Keratitis | Rotes Auge, Infiltrat, Linsenträger | Langsamer Verlauf, Ringinfiltrat, kein Ansprechen auf Antibiotika |
| Pilz-Keratitis | Langsamer Verlauf, Satellitenherde | Erregernachweis entscheidet |
| Wiederkehrende Hornhauterosion, Linsen-Reizung | Fremdkörpergefühl, Oberflächendefekte | Starke Schmerzen, Verschlechterung trotz Linsenpause |
Wie lange dauert es bis zur richtigen Diagnose?
Bis zur richtigen Diagnose vergehen oft Wochen bis Monate. In Graz dauerte es vom Beginn der Beschwerden bis zum ersten Arztbesuch im Median etwa zwei Wochen, bei Männern länger als bei Frauen. Nach dem deutschen Register vergingen danach im Durchschnitt weitere 2,8 Monate bis zur richtigen Diagnose, im Extremfall fast zwei Jahre. Jede Woche zählt, denn eine späte Diagnose verschlechtert die Aussichten deutlich.
Wann sollte eine Universitäts-Augenklinik einbezogen werden?
Eine Universitäts- oder Spezialklinik sollte einbezogen werden, wenn eine Hornhautentzündung bei einem Linsenträger nicht wie erwartet auf die Behandlung anspricht. Diese Empfehlung spricht die DOG ausdrücklich aus. Dort gibt es konfokale Mikroskopie, PCR und Erfahrung mit der seltenen Erkrankung. Sie können als Patientin oder Patient auch selbst fragen: „Kann es sich um Akanthamöben handeln?“
Was sind die Register in Deutschland und Österreich?
In Deutschland gibt es seit 2011 ein Akanthamöben-Keratitis-Register, in dem Kliniken bestätigte Fälle melden. Es hilft, Häufigkeit, Verzögerungen bei der Diagnose und Behandlungsergebnisse zu verstehen. In Österreich unterstützt ein Referenzlabor an der Medizinischen Universität Wien den Erregernachweis und wertet die Fälle seit Jahrzehnten aus. Ihre behandelnde Klinik kümmert sich um die Meldung.
5 Behandlung
In diesem Kapitel (11)
- Wie wird die Akanthamöben-Keratitis behandelt?
- Welche Tropfen werden verwendet?
- Was ist neu bei Polihexanid 0,08 %?
- Wie oft muss getropft werden?
- Wie lange dauert die Behandlung?
- Welche Nebenwirkungen haben die Tropfen?
- Welche weiteren Medikamente kommen zum Einsatz?
- Darf man Kortison geben?
- Wann ist eine Operation nötig?
- Was ist bei einer Hornhauttransplantation zu beachten?
- Wie läuft die Nachsorge ab?
Wie wird die Akanthamöben-Keratitis behandelt?
Behandelt wird mit antiseptischen Augentropfen, die sowohl die aktiven Amöben als auch die Zysten abtöten, und zwar über viele Monate. Gewöhnliche Antibiotika, Virus- und Pilzmittel wirken gegen die Amöben nicht ausreichend. Die Kontaktlinsen werden sofort und für die ganze Behandlungszeit abgesetzt. Die Therapie gehört in die Hand einer Augenklinik oder einer Ärztin bzw. eines Arztes mit Erfahrung in dieser Erkrankung.
Welche Tropfen werden verwendet?
Verwendet werden vor allem zwei Wirkstoffgruppen: Biguanide und Diamidine. Biguanide töten Amöben und Zysten ab, indem sie die Zellhülle und das Erbgut schädigen. Diamidine ergänzen die Wirkung und werden nie allein gegeben, damit keine Unempfindlichkeit entsteht.
| Wirkstoff | Gruppe | Übliche Stärke | Bemerkung |
|---|---|---|---|
| Polihexanid (PHMB) | Biguanid | 0,02 %; seit 2024 auch 0,08 % als Fertigarzneimittel | Grundlage der meisten Schemata |
| Chlorhexidin | Biguanid | 0,02 % | Gleichwertige Alternative zu PHMB 0,02 % |
| Propamidin | Diamidin | 0,1 % | Zusatz zum Biguanid; zeitweise Lieferengpässe |
| Hexamidin | Diamidin | 0,1 % | Zusatz, in Frankreich häufig genannt |
Lange Zeit gab es für diese Erkrankung kein zugelassenes Fertigarzneimittel. Die Tropfen wurden in Apotheken angefertigt oder aus dem Ausland eingeführt; das galt in Deutschland, Österreich und zum Beispiel auch in Spanien. Die allgemeine Keratitis-Leitlinie der deutschen Augenärzte (BVA und DOG, Stand 2011) empfiehlt PHMB 0,02 % oder Chlorhexidin, kombiniert mit Propamidin oder Hexamidin und dem Antibiotikum Neomycin. Ein genaues Tropfschema gibt sie nicht vor. Sie ist älter als das neue Fertigarzneimittel und berücksichtigt es deshalb noch nicht.
Was ist neu bei Polihexanid 0,08 %?
Neu ist, dass Polihexanid in höherer Konzentration (0,08 %) seit 2024 in der EU als erstes Arzneimittel speziell für die Akanthamöben-Keratitis zugelassen ist. Es ist für Erwachsene und Kinder ab 12 Jahren zugelassen und soll nur von Ärztinnen und Ärzten mit Erfahrung in dieser Erkrankung verordnet werden. Der Wirkstoff wird allein, ohne Diamidin, gegeben.
Grundlage der Zulassung ist die ODAK-Studie, die erste große randomisierte Studie zu dieser Krankheit, mit 127 ausgewerteten Patienten in England, Italien und Polen. Nach zwölf Monaten waren rund 85 % (56 von 66) mit Polihexanid 0,08 % geheilt, gegenüber 89 % (54 von 61) mit der Kombination aus Polihexanid 0,02 % und Propamidin; ein Unterschied ließ sich nicht sicher zeigen. Eine Hornhauttransplantation war nur bei 8 der 127 Patienten nötig. Zum Vergleich: Ohne gezielte Amöbenbehandlung heilt nach Literaturangaben nur etwa jeder Fünfte aus.
In Deutschland ist das Präparat seit Herbst 2024 im Handel. Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) hat 2025 seine Nutzenbewertung abgeschlossen und einen Anhaltspunkt für einen nicht quantifizierbaren Zusatznutzen festgestellt. Als verschreibungspflichtiges Arzneimittel kann es zulasten der gesetzlichen Krankenkasse verordnet werden. Die Behandlung soll von erfahrenen Ärztinnen und Ärzten begonnen und überwacht werden; tritt innerhalb von zwölf Monaten keine Heilung ein, wird das Mittel abgesetzt. Ob das Präparat in Österreich von der Krankenkasse übernommen wird, ließ sich für diesen Beitrag nicht klären; fragen Sie in Ihrer Klinik nach. Die bisherigen Apothekenrezepturen werden weiterhin eingesetzt, etwa wenn das Fertigarzneimittel nicht passt.
Wie oft muss getropft werden?
Zu Beginn muss sehr häufig getropft werden, in den ersten Tagen etwa stündlich und je nach Schema auch nachts. Danach wird die Häufigkeit schrittweise verringert, je nachdem wie das Auge anspricht. Ein Beispiel ist das zugelassene Schema für Polihexanid 0,08 %:
- Tag 1 bis 5: 16-mal täglich, stündlich
- Tag 6 bis 12: 8-mal täglich, alle 2 Stunden
- Tag 13 bis 19: 6-mal täglich, alle 3 Stunden
- Danach: 4-mal täglich bis zur Heilung, höchstens 12 Monate
Bei Kombinationen aus zwei Wirkstoffen kommen in der Anfangsphase bis zu 48 bis 72 Tropfen in 24 Stunden zusammen. Zwischen zwei verschiedenen Tropfen sollen etwa zehn Minuten liegen. Diese Phase wird oft im Krankenhaus durchgeführt, weil Betroffene Hilfe beim Eintropfen brauchen und sehr wenig schlafen.
Wie lange dauert die Behandlung?
Die Behandlung dauert meist sechs bis zwölf Monate, manchmal länger. Je nach Zentrum liegen die Zeiten im Mittel zwischen fünf und 17 Monaten, in Einzelfällen bei mehreren Jahren. Früh erkannte, oberflächliche Infektionen heilen schneller: In einer Serie aus Peru dauerte die Behandlung bei Beginn innerhalb von 30 Tagen im Median sechs Monate, bei späterem Beginn zehn Monate.
Wann genau abgesetzt werden darf, ist wissenschaftlich nicht geklärt. Deshalb wird eher länger behandelt, auch wenn keine Beschwerden mehr bestehen, und langsam ausgeschlichen. Hören Sie auf keinen Fall selbst auf: Überlebende Zysten können sonst wieder aktiv werden.
Welche Nebenwirkungen haben die Tropfen?
Die Tropfen können die Hornhaut reizen und schädigen, vor allem bei langer und hoch dosierter Anwendung. Sehr häufig sind Augenschmerzen und Rötung nach dem Eintropfen. Möglich sind eine Schädigung der Oberfläche durch die Wirkstoffe (toxische Keratopathie), schlecht heilende Oberflächendefekte und ein Anstieg des Augeninnendrucks. Als schwerwiegende mögliche Nebenwirkung nennt die Europäische Arzneimittel-Agentur unter anderem einen Durchbruch der Hornhaut (bei bis zu 1 von 10 Behandelten).
Manchmal nimmt die Entzündung zu Beginn der Behandlung sogar vorübergehend zu, weil die absterbenden Amöben eine Abwehrreaktion auslösen. Das ist nicht automatisch ein Zeichen für Versagen. Es kann aber schwer von einer echten Verschlechterung zu unterscheiden sein, deshalb sind die Kontrollen in den ersten Wochen sehr engmaschig. Bei starker Unverträglichkeit passt die Klinik das Schema an oder legt eine kurze Pause ein.
Welche weiteren Medikamente kommen zum Einsatz?
Zusätzlich werden je nach Lage Schmerzmittel, pupillenerweiternde Tropfen und Antibiotika eingesetzt. Pupillenerweiternde Tropfen (zum Beispiel Atropin) lindern den Schmerz, weil sie Regenbogenhaut und Strahlenkörper (den Muskel, der die Linse verstellt) ruhigstellen. Gegen die Schmerzen helfen entzündungshemmende Schmerzmittel als Tabletten; bei Nervenschmerzen sind manchmal spezielle Mittel nötig. Antibiotikatropfen behandeln gleichzeitige Bakterieninfektionen.
Bei Fällen, die nicht auf die Standardtherapie ansprechen, werden in Zentren weitere Mittel erprobt, etwa Pilzmittel wie Voriconazol als Tropfen oder Tabletten oder Miltefosin als Tabletten. Für diese Mittel gibt es nur kleine Studien. Auch die Cochrane-Übersicht kommt zu dem Schluss, dass die Belege für viele Behandlungsvarianten begrenzt sind.
Darf man Kortison geben?
Kortison darf vor einer gesicherten Diagnose nicht gegeben werden, und auch danach nur in Ausnahmefällen durch Spezialisten. Kortison vor der Diagnose hängt mit späterer Diagnose, schlechterem Sehen und mehr Hornhauttransplantationen zusammen; in Graz war es mit einem deutlich schlechteren Ergebnis verbunden. Es dämpft die Abwehr und lässt die Amöben gewähren, während es die Beschwerden scheinbar bessert.
Bei anhaltender schwerer Entzündung, etwa einer Lederhautentzündung, kann Kortison dennoch sinnvoll sein. Dann frühestens zwei bis drei Wochen nach Beginn der Amöbentherapie, und die Amöbentropfen werden währenddessen und noch Wochen danach weitergegeben. Verwenden Sie niemals eigenmächtig Kortison- oder Betäubungstropfen.
Wann ist eine Operation nötig?
Eine Operation ist nur nötig, wenn die Tropfen nicht ausreichen, die Hornhaut durchzubrechen droht oder nach der Heilung eine störende Narbe bleibt. Bei früher Diagnose lässt sie sich meist vermeiden. In der ODAK-Studie wurden etwa 6 % transplantiert; in der Grazer Serie mit vielen spät erkannten Fällen waren es 23 % der Augen, manche mehrfach.
- Abtragen der Oberfläche (Debridement): Das befallene Epithel wird früh abgeschabt. Das entfernt Erreger und hilft, dass die Tropfen besser eindringen.
- Amnionmembran: Ein dünnes Häutchen aus der Eihaut wird aufgenäht oder aufgelegt. Es fördert die Heilung bei schlecht heilenden Defekten und lindert Schmerzen.
- Bindehautlappen: In schweren Fällen deckt Bindehaut die Hornhaut ab.
- Hornhauttransplantation (Keratoplastik): Die erkrankte Hornhaut wird ganz oder in Schichten durch Spenderhornhaut ersetzt, bei Durchbruch als Notoperation.
- Weitere Verfahren wie Hornhautvernetzung (Cross-Linking mit Riboflavin und UV-Licht) oder Kältebehandlung werden in Einzelfällen eingesetzt; ihr Nutzen ist nicht gesichert.
In schwersten Fällen, wenn das Auge nicht zu retten ist und starke Schmerzen bleiben, muss es entfernt werden. Das ist heute sehr selten.
Was ist bei einer Hornhauttransplantation zu beachten?
Eine Hornhauttransplantation gelingt am besten, wenn die Infektion vorher vollständig ausgeheilt ist. Studien sprechen dafür, dass mindestens drei Monate ohne Entzündungszeichen vergangen sein sollten. Wird bei noch aktiver Infektion operiert, können überlebende Zysten das Transplantat erneut befallen; deshalb wird die Amöbentherapie nach der Operation fortgesetzt. Mögliche Folgen der Operation sind Abstoßung, erneute Infektion, Grüner Star, Grauer Star und eine Hornhautverkrümmung.
Wie läuft die Nachsorge ab?
Die Nachsorge ist eng und lang: Zu Beginn wird das Auge täglich oder fast täglich kontrolliert, später in größeren Abständen über Monate. Dabei prüft die Klinik Befund, Sehschärfe und Augeninnendruck und passt das Tropfschema an. Auch nach dem Absetzen folgen Kontrollen, weil Rückfälle möglich sind. Halten Sie alle Termine ein, auch wenn es dem Auge gut geht.
6 Verlauf und Prognose
In diesem Kapitel (6)
Ist die Akanthamöben-Keratitis heilbar?
Ja, die Infektion ist heilbar, vor allem wenn sie früh erkannt wird. Mit moderner Behandlung heilt sie in Studien bei etwa 85 % ohne Operation aus. Geheilt bedeutet aber nicht immer, dass das Auge wieder so sieht wie vorher. Wie gut das Sehen am Ende ist, hängt stark davon ab, wie tief die Amöben schon eingedrungen waren.
Warum entscheidet der Zeitpunkt der Diagnose?
Der Zeitpunkt entscheidet, weil die Amöben in den ersten Wochen nur die Oberfläche befallen und dort gut erreichbar sind. Beginnt die Behandlung innerhalb von etwa zwei bis vier Wochen nach den ersten Beschwerden, sind die Verläufe meist milder, die Behandlung kürzer und das Sehen besser. In der Serie aus Peru hatten früh Behandelte im Median eine Sehschärfe von etwa 50 % (20/40), spät Behandelte von nur etwa 5 % (20/400). Nach Angaben der DOG kann der Sehverlust schon nach etwa drei Wochen ohne Therapie bleibend werden.
Wie gut wird das Sehen danach?
Wie gut das Sehen wird, ist sehr unterschiedlich: Viele sehen wieder gut, ein Teil behält eine deutliche Einschränkung. In Graz besserte sich das Sehen bei 64 % der Augen, blieb bei 17 % gleich und verschlechterte sich bei 19 %. Etwa jedes zehnte Auge konnte am Ende nur noch Handbewegungen erkennen. Ein „schlechtes Ergebnis“ mit stark eingeschränktem Sehen oder Transplantation hatte dort etwa die Hälfte, allerdings bei vielen spät erkannten Fällen.
Ungünstig wirken sich aus: späte Diagnose, lange Beschwerdedauer vor der Behandlung, schlechtes Sehen schon zu Beginn, Befall der tiefen Hornhaut und Kortison vor der Diagnose. Patienten, die nur mit Tropfen behandelt werden konnten, sehen im Mittel besser als operierte.
Welche Folgen und Komplikationen sind möglich?
Mögliche Folgen sind Narben, eine unregelmäßige Hornhautoberfläche und Schäden im Augeninneren. Im Einzelnen werden beschrieben:
- Hornhautnarbe, teils mit eingewachsenen Gefäßen, und daraus folgender Sehverlust
- Unregelmäßige Hornhautverkrümmung, die eine Brille nicht vollständig ausgleicht
- Dauerhafter oder wiederkehrender Oberflächendefekt
- Grauer Star (in Graz bei 16 %)
- Erhöhter Augeninnendruck bis zum Glaukom (in Graz bei 9 %)
- Gefühllose Hornhaut durch Nervenschäden
- Durchbruch der Hornhaut
- Selten Verlust des Auges
Ohne Behandlung ist der Verlauf ernst: Nach älteren Literaturdaten erholten sich nur etwa 20 % vollständig, etwa zwei Drittel brauchten eine Transplantation, rund 7 % verloren das Auge.
Kann die Krankheit zurückkommen?
Ja, die Krankheit kann zurückkommen, vor allem wenn die Behandlung zu früh beendet wird. Ursache sind Zysten, die in der Hornhaut überleben und später wieder aktiv werden, auch in einem Transplantat. Eine überstandene Infektion schützt außerdem nicht vor einer neuen Ansteckung. Deshalb sind lange Behandlung, langsames Ausschleichen und konsequente Vorbeugung so wichtig.
Wie geht es nach der Behandlung weiter?
Nach der Behandlung stehen oft Monate der Erholung und manchmal weitere Eingriffe an. Bleibt eine Narbe, kann nach vollständiger Ausheilung eine Hornhauttransplantation das Sehen verbessern. Ob und wann wieder Kontaktlinsen getragen werden dürfen, ist eine Einzelfallentscheidung mit der behandelnden Ärztin oder dem behandelnden Arzt.
7 Vorbeugung
In diesem Kapitel (8)
- Kann man einer Akanthamöben-Keratitis vorbeugen?
- Was ist beim Schwimmen, Baden und Duschen zu beachten?
- Wie pflege ich meine Kontaktlinsen richtig?
- Wie halte ich den Linsenbehälter sauber?
- Welche Pflegemittel schützen am besten?
- Sind Tageslinsen sicherer?
- Was ist bei Verletzungen zu beachten?
- Was gilt während der Behandlung im Alltag?
Kann man einer Akanthamöben-Keratitis vorbeugen?
Ja, die meisten Fälle lassen sich durch sorgfältigen Umgang mit Kontaktlinsen vermeiden. Nach Schätzungen aus Spanien und Großbritannien wären neun von zehn Erkrankungen bei Linsenträgern vermeidbar. Die wichtigste Regel lautet: Kontaktlinsen und Wasser gehören nicht zusammen.
Was ist beim Schwimmen, Baden und Duschen zu beachten?
Nehmen Sie Kontaktlinsen vor dem Schwimmen, Baden, Duschen, Whirlpool und der Sauna heraus. Das gilt für Schwimmbad, Badesee und Meer, auch für den Strand. Wer auf die Linsen beim Schwimmen nicht verzichten kann, trägt eine dicht schließende Schwimm- oder Taucherbrille und öffnet die Augen unter Wasser nicht ohne Brille. Nach versehentlichem Wasserkontakt sollten Sie Linsen zum Wiederverwenden nicht einfach weiter benutzen, sondern gründlich desinfizieren oder wegwerfen.
Eine Alternative für Wassersport ist eine Schwimmbrille mit eingeschliffener Sehstärke. Tageslinsen, die nach dem Schwimmen sofort entsorgt werden, verringern das Risiko, schützen aber nicht sicher.
Wie pflege ich meine Kontaktlinsen richtig?
Richtige Pflege heißt: saubere Hände, frische Lösung und nie Wasser. Diese Regeln stammen von Fachgesellschaften und Gesundheitsbehörden wie der DOG und der CDC:
- Hände vor jedem Umgang mit Linsen gründlich waschen und abtrocknen
- Linsen nie mit Leitungswasser abspülen oder darin aufbewahren, auch nicht kurz
- Keine selbst gemischte Kochsalzlösung, keine Lösungen aus angebrochenen Flaschen unbekannten Alters
- Linsen zum Wiederverwenden nach dem Herausnehmen reinigen (reiben und spülen mit Lösung) und jeden Abend in frische Desinfektionslösung legen
- Lösung nie wiederverwenden und nie nur nachfüllen
- Linsen nie mit Speichel befeuchten
- Tragedauer und Wechselplan einhalten, abgelaufene Lösungen wegwerfen
- Nicht mit Linsen schlafen, sofern sie dafür nicht ausdrücklich angepasst sind
Wie halte ich den Linsenbehälter sauber?
Der Linsenbehälter wird jeden Tag geleert, mit frischer Pflegelösung (nie Wasser) ausgespült und offen, mit der Öffnung nach unten, an der Luft getrocknet. In ihm bildet sich leicht ein Belag aus Bakterien, von dem sich die Amöben ernähren. Ersetzen Sie den Behälter regelmäßig: spätestens alle drei Monate, wie es die US-Gesundheitsbehörde CDC empfiehlt; manche Fachquellen raten sogar zu einem monatlichen Wechsel. Peroxid-Systeme brauchen ihren eigenen Spezialbehälter; verwenden und wechseln Sie ihn genau nach Packungsbeilage.
Welche Pflegemittel schützen am besten?
Pflegesysteme mit Wasserstoffperoxid gelten als am wirksamsten gegen Akanthamöben, töten aber nach Laborstudien nicht alle Zysten zuverlässig ab. Entscheidend ist eine ausreichend lange Einwirkzeit: In einer britischen Studie waren Ein-Schritt-Peroxidsysteme, die das Peroxid rasch neutralisieren, unter den Erkrankten sogar überdurchschnittlich häufig vertreten. Manche Mehrzwecklösungen wirken gegen Akanthamöben-Zysten nur schwach. Lassen Sie sich bei der Anpassung beraten, welches System zu Ihren Linsen passt, und halten Sie die Einwirkzeit genau ein. Kein Pflegemittel ersetzt die Grundregeln: kein Wasser, frische Lösung, sauberer Behälter.
Sind Tageslinsen sicherer?
Tageslinsen zum Einmalgebrauch sind die sicherste Linsenart, weil Behälter und Pflegelösung entfallen. In einer Studie hatten Träger wiederverwendbarer weicher Linsen ein etwa dreifach höheres Risiko als Träger von Einmallinsen. Auch Einmallinsen dürfen aber nicht mit Wasser in Kontakt kommen und nicht über Nacht getragen werden. Erkrankungen bei Tageslinsenträgern sind beschrieben.
Was ist bei Verletzungen zu beachten?
Bei Verletzungen der Hornhaut, besonders mit Erde, Pflanzenteilen oder Schmutzwasser, sollte das Auge augenärztlich angesehen werden. Das gilt auch für Menschen ohne Kontaktlinsen. Tragen Sie bei Garten-, Land- und Heimwerkerarbeiten eine Schutzbrille. Was bei einem Fremdkörper im Auge zu tun ist, lesen Sie im eigenen Beitrag.
Was gilt während der Behandlung im Alltag?
Während der Behandlung werden keine Kontaktlinsen getragen, und der Tropfplan hat Vorrang vor fast allem anderen. Planen Sie die ersten Wochen ohne Arbeit und mit Unterstützung im Alltag. Stellen Sie sich für die Nachtgaben Wecker und führen Sie eine Liste, welche Tropfen wann gegeben wurden. Fahren Sie nicht Auto, solange das Sehen eingeschränkt ist oder die Pupille weitgestellt wird.
Gegen Lichtscheu helfen eine gut abschirmende Sonnenbrille und gedimmtes Licht. Halten Sie Wasser beim Duschen und Haarewaschen vom kranken Auge fern, zum Beispiel mit geschlossenem Auge und vorsichtiger Kopfhaltung; fragen Sie die Klinik nach ihren Empfehlungen. Nehmen Sie seelische Belastung ernst und suchen Sie Hilfe, wenn die Krankheit Sie zermürbt.
8 Wann sofort zum Arzt?
In diesem Kapitel (4)
Eine Akanthamöben-Keratitis ist ein augenärztlicher Notfall im Sinn von „nicht abwarten“: Jede Woche Verzögerung kann Sehkraft kosten. Die folgenden Regeln helfen bei der Einschätzung. Mehr allgemeine Warnzeichen finden Sie auf der Seite Notfall am Auge.
Wann sofort in die Augenklinik?
Sofort, auch nachts oder am Wochenende, in eine Augenklinik gehören Sie in diesen Situationen:
- Plötzlich austretende Flüssigkeit aus dem Auge, schlagartige Sehverschlechterung oder eine sichtbare Delle in der Hornhaut (Verdacht auf Durchbruch)
- Weißer Fleck auf der Hornhaut oder weißer Spiegel hinter der Hornhaut (Eiter)
- Rasch zunehmende Schmerzen und Sehverschlechterung unter der Behandlung
- Sehr starke Schmerzen mit Kopfschmerz, Übelkeit und hartem Augapfel (Verdacht auf erhöhten Augendruck)
Wann noch am selben Tag?
Noch am selben Tag sollten Sie zur Augenärztin oder zum Augenarzt, wenn Sie Kontaktlinsen tragen und ein Auge rot ist, schmerzt, tränt, lichtempfindlich ist oder schlechter sieht. Nehmen Sie die Linsen sofort heraus und tragen Sie sie bis zur Abklärung nicht mehr. Bringen Sie Linsen, Behälter und Pflegelösung mit. Sagen Sie ausdrücklich, wenn Sie mit Linsen geschwommen, geduscht oder gebadet haben oder Leitungswasser an die Linsen gekommen ist.
Wann eine zweite Meinung oder Spezialklinik?
Wenn eine Hornhautentzündung nach etwa ein bis zwei Wochen Behandlung mit Antibiotika-, Virus- oder Pilzmitteln nicht besser wird, fragen Sie nach Akanthamöben und nach einer Überweisung an eine Universitäts- oder Spezialklinik. Das gilt besonders, wenn die Schmerzen stärker sind, als der Befund erklärt. Benutzen Sie keine Kortison- oder Betäubungstropfen ohne ärztliche Anweisung; sie können die Krankheit verschleiern und verschlimmern.
Wann reicht ein regulärer Termin?
Ein regulärer Termin reicht für die geplanten Kontrollen während und nach der Behandlung sowie für eine Beratung zur sicheren Linsenpflege. Treten zwischen den Terminen neue Schmerzen, mehr Rötung oder schlechteres Sehen auf, melden Sie sich sofort in Ihrer Klinik, statt bis zum nächsten Termin zu warten.
9 Häufige Fragen
Wie bekommt man eine Akanthamöben-Keratitis?
Meist über Kontaktlinsen, die mit Wasser in Berührung gekommen sind: Leitungswasser beim Abspülen, Schwimmbad, Badesee, Dusche oder Whirlpool. Die Amöben gelangen über winzige Verletzungen in die Hornhaut. Seltener steckt eine Verletzung mit Erde oder verschmutztem Wasser dahinter, auch ohne Linsen.
Ist eine Akanthamöben-Keratitis ansteckend?
Nein. Eine Übertragung von Mensch zu Mensch ist nicht bekannt. Die Erreger stammen aus der Umwelt, vor allem aus Wasser. Familienangehörige müssen sich nicht schützen, sollten aber selbst ihre Linsenpflege überprüfen, wenn sie Linsen tragen.
Wie erkenne ich Akanthamöben im Auge?
Selbst erkennen können Sie die Erreger nicht. Verdächtig sind starke Schmerzen, die nicht zum Aussehen des Auges passen, Rötung, Lichtscheu, Tränen und verschwommenes Sehen, meist an einem Auge und bei Kontaktlinsenträgern. Die Diagnose stellt die Augenärztin oder der Augenarzt mit Spaltlampe, Hornhautprobe, PCR oder konfokaler Mikroskopie.
Ich hatte nach dem Schwimmen mit Kontaktlinsen Augenschmerzen. Ist das gefährlich?
Es kann gefährlich sein. Nehmen Sie die Linsen heraus und lassen Sie das Auge noch am selben Tag augenärztlich untersuchen, vor allem bei starken Schmerzen und Rötung in der ersten Woche nach dem Baden. Meist steckt eine harmlosere Reizung dahinter, aber eine Hornhautinfektion muss ausgeschlossen werden.
Warum wurde ich zuerst auf Herpes behandelt?
Weil die Akanthamöben-Keratitis am Anfang einer Herpes-Infektion am Auge sehr ähnlich sieht. Fast die Hälfte der Patienten im deutschen Register wurde zunächst als Herpes behandelt. Wird eine vermeintliche Herpes-Keratitis bei einem Linsenträger nicht besser, sprechen Sie Akanthamöben direkt an.
Wie lange dauert die Behandlung einer Akanthamöben-Keratitis?
Meist sechs bis zwölf Monate, manchmal länger. Zu Beginn wird etwa stündlich getropft, oft auch nachts, danach seltener. Hören Sie nie selbst mit den Tropfen auf, denn überlebende Zysten können die Infektion wieder auslösen.
Muss ich ins Krankenhaus?
Oft ja, zumindest für die ersten Tage. Die Anfangsphase mit sehr häufigen Tropfen Tag und Nacht wird häufig stationär durchgeführt, weil viele Betroffene Hilfe beim Eintropfen brauchen und die Kontrollen eng sind. Danach geht es meist ambulant weiter.
Brauche ich eine Hornhauttransplantation?
Bei früher Diagnose meist nicht. In der großen ODAK-Studie heilte die Infektion bei rund 85 % ohne Operation; transplantiert wurden etwa 6 %. Bei spät erkannten, tiefen Infektionen ist der Anteil höher, in Graz lag er bei 23 % der Augen.
Kann man durch Akanthamöben blind werden?
Ja, das ist bei später oder fehlender Behandlung möglich. Es können Narben mit bleibendem Sehverlust entstehen, sehr selten geht das Auge verloren. Früh erkannt und konsequent behandelt, sind die Aussichten dagegen deutlich besser.
Darf ich nach einer Akanthamöben-Keratitis wieder Kontaktlinsen tragen?
Während der Behandlung auf keinen Fall. Ob und wann danach wieder Linsen möglich sind, entscheidet Ihre behandelnde Ärztin oder Ihr behandelnder Arzt im Einzelfall, abhängig von Narben und Heilung. Wenn ja, dann nur mit strenger Pflege und ohne jeden Wasserkontakt. Tageslinsen zum Einmalgebrauch haben nach Studien das geringste Risiko, weil Behälter und Pflegelösung entfallen; fragen Sie, ob sie für Sie infrage kommen.
Darf ich Kontaktlinsen mit Leitungswasser abspülen?
Nein, nie. Leitungswasser ist zum Trinken unbedenklich, kann aber Akanthamöben enthalten. Verwenden Sie für Linsen und Behälter ausschließlich frische, passende Pflegelösung.
Kann ich mich erneut anstecken?
Ja. Eine überstandene Infektion hinterlässt keinen verlässlichen Schutz. Zudem kann eine nicht vollständig ausgeheilte Infektion zurückkehren. Konsequente Linsenhygiene und ein Wasserverbot für Linsen sind deshalb auch nach der Heilung wichtig.
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- HornhautentzündungEine Hornhautentzündung (Keratitis) ist eine meist durch Bakterien, Viren, Pilze oder Akanthamöben verursachte Entzündung der Hornhaut, die Schmerzen, Lichtscheu und verschwommenes Sehen auslöst. Besonders gefährdet sind Kontaktlinsenträger; sie gehört noch am selben Tag in augenärztliche Behandlung, weil sonst Narben und bleibender Sehverlust drohen.
- Herpes am AugeHerpes am Auge ist eine Infektion des Auges mit dem Herpes-simplex-Virus oder, als Gürtelrose am Auge, mit dem Windpocken-Virus; typisch sind ein einseitig rotes, schmerzendes, lichtempfindliches Auge und oft Bläschen an Lid oder Stirn. Sie gehört noch am selben Tag in augenärztliche Behandlung, weil Rückfälle und falsche Tropfen die Hornhaut dauerhaft vernarben können.
- HornhautverletzungEine Hornhautverletzung (Erosio corneae) ist ein Kratzer oder eine Schürfung der obersten Zellschicht der Hornhaut, etwa durch einen Fingernagel, einen Ast oder eine Kontaktlinse. Sie tut sehr weh, heilt mit richtiger Behandlung aber meist innerhalb weniger Tage folgenlos ab.
- UveitisEine Uveitis ist eine Entzündung der mittleren Augenhaut, zu der Regenbogenhaut, Ziliarkörper und Aderhaut gehören. Sie trifft vor allem Erwachsene zwischen 20 und 60 Jahren, aber auch Kinder mit Kinderrheuma, und kann ohne rechtzeitige Behandlung das Sehen dauerhaft schädigen.
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- Fremdkörper im AugeEin Fremdkörper im Auge ist ein Staubkorn, Insekt, Holz- oder Metallsplitter, der auf der Bindehaut, auf der Hornhaut oder unter dem Lid haftet. Meist ist er harmlos und schnell entfernt; Metallsplitter vom Schleifen und Hämmern gehören aber noch am selben Tag zur Augenärztin oder zum Augenarzt, ein eingedrungener Fremdkörper ist ein Notfall.
Quellen
Dieser Artikel wurde aus Fachquellen in 4 Sprachen recherchiert (Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch) und auf Deutsch zusammengefasst.
Alle 30 Quellen anzeigen
- Akantior (Polihexanid): Übersicht über Akantior und warum es in der EU zugelassen ist – Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) (DE)
- Amöbenkeratitis – MSD Manual, Ausgabe für medizinische Fachkreise – MSD Manuals (DE)
- Infektionen mit Akanthamöben oft mit Herpes verwechselt (2013) – Ärzte Zeitung (DE)
- Amöben lösen Keratitis aus (2016) – Ärzte Zeitung (DE)
- Polihexanid-Augentropfen bald als Fertigarzneimittel – Pharmazeutische Zeitung (DE)
- Besser keine Kontaktlinsen im See oder Pool tragen (2022) – Pharmazeutische Zeitung (mit Bezug auf die DOG) (DE)
- Dossier zur Nutzenbewertung gemäß § 35a SGB V, Polihexanid 0,8 mg/ml, Modul 3 A (Herstellerdossier, 2024) – Gemeinsamer Bundesausschuss (G-BA), eingereicht vom Hersteller (DE)
- Beschluss über die Nutzenbewertung nach § 35a SGB V: Polihexanid (Akanthamöben-Keratitis, ab 12 Jahren), 20. März 2025 – Gemeinsamer Bundesausschuss (G-BA) (DE)
- Leitlinie Nr. 13 Keratitis (Stand 17.08.2011) – Berufsverband der Augenärzte Deutschlands (BVA) und Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft (DOG) (DE)
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- Evaluation of Acanthamoeba keratitis cases in a tertiary medical care centre over 21 years (Medizinische Universität Graz) – Scientific Reports 2021 (EN)
- Acanthamoeba Keratitis – EyeWiki, American Academy of Ophthalmology (EN)
- Clinical Overview of Acanthamoeba Keratitis – Centers for Disease Control and Prevention (CDC) (EN)
- About Acanthamoeba – Centers for Disease Control and Prevention (CDC) (EN)
- Acanthamoeba Keratitis (Übersichtsarbeit) – Pathogens 2021 (MDPI), über PubMed Central (EN)
- A Comprehensive Review on Acanthamoeba Keratitis: Epidemiology, Risk Factors, and Therapeutic Strategies – Cureus 2024, über PubMed Central (EN)
- Incidence and risk factors for Acanthamoeba keratitis in the UK – British Journal of Ophthalmology 2002 (EN)
- Study zeroes in on treatment for rare sight-threatening infection (ODAK-Studie) – University College London, über ScienceDaily (EN)
- Kératite amibienne – Version pour professionnels de la santé – Manuels MSD (FR)
- Kératite amibienne – Version pour le grand public – Manuels MSD (FR)
- Kératites amibiennes – Journal Français d’Ophtalmologie 2014 (EM-consulte) (FR)
- Kératites amibiennes – EMC Ophtalmologie 2013 (EM-consulte) (FR)
- Kératite à Acanthamoeba au Royaume-Uni – Vidal Actualités (FR)
- Queratitis amebiana – Versión para profesionales – Manual MSD (ES)
- Resumen clínico de la queratitis por Acanthamoeba – Centros para el Control y la Prevención de Enfermedades (CDC) (ES)
- Queratitis por Acanthamoeba – Centros para el Control y la Prevención de Enfermedades (CDC) (ES)
- Intervenciones médicas para la queratitis por Acanthamoeba – Cochrane (ES)
- Queratitis por Acanthamoeba – SEIMC, Control de Calidad (Hospital de Cruces, Barakaldo) (ES)
- Queratitis por acanthamoeba (Información para pacientes, 2024) – Hospital Universitario Virgen Macarena, Sevilla (ES)
- Diagnóstico y tratamiento de queratitis por Acanthamoeba – Horizonte Médico 2012 (Universidad de San Martín de Porres, Lima) (ES)
Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche Beratung. Wenn Sie Beschwerden haben, lassen Sie sich von einer Augenärztin oder einem Augenarzt untersuchen. Mehr zum Haftungsausschluss