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Allgemeinerkrankungen und Auge

Charles-Bonnet-Syndrom (Bilder sehen bei Sehverlust)

Das Charles-Bonnet-Syndrom bezeichnet Bilder, die Menschen mit deutlichem Sehverlust sehen, obwohl sie nicht da sind – etwa Muster, Gesichter, Tiere oder ganze Szenen. Es ist keine psychische Krankheit und keine Demenz, sondern eine Reaktion des Gehirns auf fehlende Seheindrücke; betroffen ist etwa jeder Fünfte mit stärkerer Sehbehinderung.

Stand: November 2026 · Lesezeit ca. 36 Minuten · 25 Quellen in 4 Sprachen

Dringend: Neue Bilder in den nächsten Tagen ärztlich abklären lassen; sofort, wenn Verwirrtheit, Stimmen, Lähmungen oder ein plötzlicher Sehverlust dazukommen. Wann sofort zum Arzt?

1 Kurzübersicht

Beim Charles-Bonnet-Syndrom (kurz CBS) sehen Menschen, deren Sehvermögen stark nachgelassen hat, Bilder, die nicht wirklich da sind. Das können einfache Muster und Lichtpunkte sein, aber auch erstaunlich klare Gesichter, Menschen in alten Kostümen, Tiere, Blumen oder ganze Landschaften. Die Betroffenen sind dabei wach, klar im Kopf und wissen meist selbst, dass die Bilder nicht echt sind.

Ursache ist nicht eine Störung des Geistes, sondern der Sehverlust selbst. Wenn das Auge kaum noch Signale an das Gehirn liefert, beginnt die Sehrinde, eigene Bilder zu erzeugen. Fachleute sprechen deshalb oft vom „Phantomsehen“ – ähnlich wie Menschen nach einer Amputation ein Bein spüren, das nicht mehr da ist.

Am häufigsten tritt das Syndrom bei der altersabhängigen Makuladegeneration auf, aber auch bei Grünem Star, diabetischer Retinopathie, Grauem Star oder nach einem Schlaganfall, der die Sehbahn trifft. Nach einer Übersicht von 2022 ist etwa jeder Fünfte mit stärkerer Sehbehinderung betroffen. Viele erzählen niemandem davon, weil sie fürchten, für verrückt oder dement gehalten zu werden.

Das Wichtigste in Kürze:

  • Die Bilder sind harmlos und kein Zeichen einer Geisteskrankheit.
  • Betroffen ist nur das Sehen – Stimmen, Gerüche oder Berührungen gehören nicht dazu.
  • Neue Bilder sollten trotzdem ärztlich abgeklärt werden, damit andere Ursachen wie ein Delir, Medikamente, eine Demenz oder eine Parkinson-Krankheit nicht übersehen werden.
  • Die wirksamste Hilfe ist Aufklärung: Wer weiß, was dahintersteckt, hat meist deutlich weniger Angst.
  • Licht anschalten, die Augen gezielt hin und her bewegen, aufstehen oder die Tätigkeit wechseln kann eine Episode oft beenden.
  • Bei vielen werden die Bilder nach ein bis eineinhalb Jahren seltener; bei manchen bleiben sie über Jahre.

2 Symptome

In diesem Kapitel (16)

Was sehen Menschen mit Charles-Bonnet-Syndrom?

Menschen mit Charles-Bonnet-Syndrom sehen Bilder, die ohne äußeren Anlass auftauchen und die sie nicht willentlich herbeirufen oder abstellen können. Die Bilder sind rein visuell: Sie machen keine Geräusche, riechen nicht und lassen sich nicht anfassen. Sie erscheinen außerhalb des eigenen Körpers, im Raum, und haben für die Betroffenen meist keine persönliche Bedeutung.

Fachleute unterscheiden zwei große Gruppen: einfache Bilder wie Lichtpunkte, Linien oder Muster und komplexe Bilder wie Gesichter, Menschen, Tiere oder Landschaften. Viele Betroffene erleben beides, oft im Wechsel. Komplexe Bilder treten eher bei starkem Sehverlust auf.

Einfache Bilder: Lichter, Muster und Gitter

Einfache Bilder sind Lichterscheinungen, Farbflecken, Linien oder geometrische Muster ohne erkennbaren Gegenstand. Viele Betroffene beschreiben Gitter, Ziegelmauern, Netze, Mosaike, Kachelmuster oder Zweige, die sich über das Blickfeld legen. Fachleute nennen diese sich wiederholenden Muster Tesselopsien.

Dazu kommen Lichtblitze und funkelnde Punkte (Photopsien), leuchtende Kreise oder Farbschleier. Solche einfachen Erscheinungen sind häufiger als komplexe Bilder, werden aber seltener als „Halluzination“ erkannt. Viele halten sie für einen Teil ihrer Augenkrankheit und erwähnen sie deshalb nicht.

Komplexe Bilder: Gesichter, Menschen, Tiere und Szenen

Komplexe Bilder zeigen erkennbare Gegenstände, Lebewesen oder ganze Szenen, oft in erstaunlicher Schärfe. Am häufigsten sind Menschen und Gesichter, gefolgt von Tieren, Pflanzen, Gebäuden und Landschaften. Die Bilder können einzeln auftreten oder als bewegte Szene ablaufen.

Typische Beispiele aus Berichten von Betroffenen und aus der Fachliteratur:

  • Menschen: Fremde, die im Sessel sitzen oder grüßen; Gruppen von Personen; Menschen in Kostümen aus vergangenen Jahrhunderten; Kinder, die am Tisch sitzen; Ärzte oder Pflegepersonal.
  • Gesichter: oft nur Köpfe oder Gesichter ohne Körper, manchmal verzerrt oder entstellt.
  • Kleine Figuren: winzige Menschen, Zwerge oder „Mini-Polizisten“; Fachleute sprechen von liliputanischen Halluzinationen.
  • Tiere: Hunde, Katzen, Vögel, Schmetterlinge, Insekten, Schlangen, auch Fantasietiere wie Drachen.
  • Pflanzen und Natur: Blumen, Blumensträuße, Bäume, Wiesen, ganze Landschaften.
  • Gebäude und Gegenstände: Häuser, Brücken, Fahrzeuge, Kutschen, Vorhänge, Möbel.
  • Schrift: Buchstaben oder Noten, die man sieht, aber nicht lesen kann.

Schon der Großvater von Charles Bonnet beschrieb im 18. Jahrhundert Vögel, Menschen, Kutschen und Gebäude, die Größe, Form und Ort wechselten. Er betonte, dass alles völlig lautlos und trotzdem so lebhaft war, als wäre es echt.

Wie sehen die Bilder aus?

Die Bilder sind meist farbig, oft sogar klarer und leuchtender als die echte Umgebung, die Betroffene nur noch verschwommen wahrnehmen. Gerade dieser Gegensatz verunsichert viele: Wer die Zeitung nicht mehr lesen kann, sieht plötzlich jede Falte im Gesicht eines Fremden. Manche Bilder sind dagegen schwarz-weiß, grau, durchscheinend oder gespensterhaft.

Die Merkmale wechseln von Mensch zu Mensch und oft auch von Episode zu Episode:

MerkmalMögliche Ausprägungen
Farbemeist farbig, teils sehr kräftig; manchmal schwarz-weiß oder grau
Bewegungstill wie ein Foto oder bewegt wie ein Film; manchmal wandert das Bild mit dem Blick mit
Größelebensgroß, vergrößert oder winzig klein
Inhaltrealistisch (echte Tiere, Alltagsszenen) oder fantastisch (Fabelwesen, seltsam gekleidete Menschen)
Wiederholungjedes Mal etwas anderes oder immer wieder dasselbe Bild
Wirkungangenehm, belustigend, neutral oder erschreckend
Geräuschekeine – die Bilder sind stumm, Personen sprechen nicht und reagieren nicht

Die Bilder fügen sich oft in die echte Umgebung ein. Ein Mensch sitzt dann zum Beispiel in einem Sessel, der wirklich im Zimmer steht, oder ein Muster liegt auf der echten Tapete.

Besondere Sehtäuschungen

Neben echten Bildern beschreiben manche Betroffene Verzerrungen dessen, was sie wirklich sehen. Diese Erscheinungen sind seltener, gehören aber in die gleiche Gruppe von Phänomenen. Sie haben Fachnamen, die Ärztinnen und Ärzte im Befund verwenden können:

  • Palinopsie: Ein gesehener Gegenstand bleibt im Blickfeld stehen oder taucht kurz danach wieder auf.
  • Metamorphopsie: Dinge wirken verzerrt, verkleinert oder vergrößert.
  • Prosopometamorphopsie: Gesichter erscheinen entstellt oder fratzenhaft.
  • Dendropsie: baumartig verzweigte Formen.
  • Polyopie: dieselbe Figur erscheint mehrfach nebeneinander.
  • Hyperchromatopsie: ungewöhnlich grelle, intensive Farben.

Verzerrte gerade Linien beim Lesen sind dagegen ein typisches Zeichen der Makulaerkrankung selbst und kein Charles-Bonnet-Bild. Wer solche Verzerrungen neu bemerkt, sollte sie deshalb immer augenärztlich prüfen lassen.

Wissen Betroffene, dass die Bilder nicht echt sind?

Ja, in den allermeisten Fällen wissen Betroffene, dass die Bilder nicht wirklich da sind – das ist ein zentrales Merkmal des Syndroms. In einer großen niederländischen Studie erkannten vier von fünf Betroffenen sofort, dass das Gesehene unwirklich ist. Deshalb sprechen manche Fachleute von Pseudohalluzinationen.

Am Anfang oder bei sehr alltäglichen Bildern kann kurz Unsicherheit entstehen. Ein Mensch im Flur, eine Katze auf dem Teppich oder ein Gegenstand auf dem Tisch wirkt zunächst glaubhaft. Spätestens wenn das Bild verschwindet, sich seltsam verhält oder jemand nachfragt, ist die Einsicht wieder da.

Fehlt diese Einsicht dauerhaft, hält jemand die Bilder also fest für echt und lässt sich nicht davon abbringen, spricht das gegen ein reines Charles-Bonnet-Syndrom. Dann braucht es eine weitere Abklärung (siehe Abschnitt Diagnose).

Wie lange dauert eine einzelne Episode?

Eine einzelne Episode dauert meist Sekunden bis wenige Minuten, seltener mehrere Stunden. Eine Übersicht nennt im Mittel etwa zehn Minuten. Bei der Mehrheit der Betroffenen sind die einzelnen Bilder kurz.

Wie oft die Bilder kommen, ist sehr unterschiedlich: von mehrmals täglich bis zu nur wenigen Episoden im Jahr. Bei den meisten bleibt die Häufigkeit über längere Zeit etwa gleich, bei einigen nimmt sie ab, bei wenigen zu. Belastend ist für viele weniger die Dauer einer Episode als die Häufigkeit.

Wann und wo treten die Bilder auf?

Die Bilder kommen am häufigsten in ruhigen Momenten mit wenig Reizen: abends, in der Dämmerung, bei schwachem Licht, allein zu Hause oder beim Sitzen ohne Beschäftigung. Viele erleben sie nach dem Essen, beim Radiohören oder wach im Bett liegend. Sie können aber auch tagsüber und ohne erkennbaren Auslöser auftreten.

Häufig genannte Umstände, die Bilder begünstigen:

  • schwache Beleuchtung, Dämmerung, Nacht
  • Müdigkeit und verminderte Wachheit
  • Alleinsein, Langeweile, wenig Gespräche
  • Stress oder Aufregung
  • plötzliche Lichtwechsel oder Blendung
  • kurz nach einem Eingriff am Auge, etwa einer Laserbehandlung, Spritzen in das Auge oder einer Operation

Die Bilder treten fast immer bei offenen Augen auf. Eine kleinere Gruppe sieht sie auch mit geschlossenen Augen, gewissermaßen „hinter den Lidern“. Dann lassen sie sich schwerer beeinflussen.

Welche Sinne sind betroffen?

Beim Charles-Bonnet-Syndrom ist ausschließlich das Sehen betroffen. Die Betroffenen hören keine Stimmen, riechen nichts, spüren keine Berührungen und schmecken nichts, was nicht da ist. Die gesehenen Personen sprechen nicht und reagieren nicht auf Ansprache.

Eine Ausnahme wird in der Fachliteratur diskutiert: Menschen, die zusätzlich zur Sehbehinderung stark schwerhörig sind, hören manchmal Musik, die nicht spielt, und wissen ebenfalls, dass sie nicht echt ist. Manche Autoren sprechen dann von einem „Charles-Bonnet-Syndrom plus“. Stimmen, die zu einem sprechen, gehören aber nie zum Bild und müssen immer ärztlich abgeklärt werden.

Wie fühlen sich Betroffene dabei?

Die Gefühle reichen von Neugier und Belustigung bis zu Angst und Ärger. In der niederländischen Studie gab nur etwa jeder Dritte überwiegend Angst oder Ärger an, ein gutes Drittel blieb neutral, etwa jeder Zehnte fand die Bilder sogar erfreulich. Bei drei Vierteln war das Wohlbefinden insgesamt nicht gestört.

Für einen Teil ist das Syndrom aber eine echte Last. Eine Umfrage fand, dass etwa ein Drittel die Lebensqualität beeinträchtigt sah. Belastend sind vor allem:

  • die Angst, „verrückt“ zu werden oder eine Demenz zu bekommen
  • bedrohliche Inhalte, etwa ein „Fremder im Haus“ oder Tiere auf dem Bett
  • Bilder, die die Nachtruhe stören
  • Bilder, die sich über die echte Umgebung legen und die Orientierung erschweren, etwa an fremden Orten oder beim Gehen auf der Straße
  • die Scham, die zum Schweigen und zum Rückzug führt

Auch angenehme Bilder können lästig werden, wenn sie sehr häufig sind. Weinen, Gereiztheit, innere Unruhe und Schlafstörungen sind möglich.

Warum sprechen so viele nicht darüber?

Die meisten Betroffenen erwähnen die Bilder nicht von sich aus – auch nicht beim Augenarzt. In einer Studie mit Netzhautpatienten hatten von 13 Menschen mit Bildern nur zwei ihrem Arzt davon erzählt. Der Hauptgrund ist die Angst, als psychisch krank oder dement zu gelten.

Dazu kommt, dass auch viele Ärztinnen und Ärzte das Syndrom kaum kennen. In einer kanadischen Befragung war es mehr als der Hälfte der Hausärzte unbekannt. Deshalb ist es hilfreich, wenn Sie selbst offen fragen: „Kann es sein, dass meine Bilder mit meinen Augen zusammenhängen?“

Was bemerken Angehörige?

Angehörige bemerken oft zuerst, dass ein Familienmitglied von Personen, Tieren oder Blumen spricht, die niemand sonst sieht. Manchmal redet der Betroffene mit unsichtbaren Menschen, schimpft über Kinder, die angeblich das Essen wegnehmen, oder fragt, wer die Gäste im Wohnzimmer seien. Das Verhalten ist sonst unauffällig, das Gespräch geordnet.

Weitere Hinweise können sein:

  • Der Betroffene greift ins Leere oder weicht Hindernissen aus, die nicht da sind.
  • Er wirkt plötzlich ängstlich, besonders abends, und will das Licht anlassen.
  • Er zieht sich zurück und meidet Gespräche, ohne zu sagen, warum.
  • Er fragt vorsichtig nach, ob „da etwas“ ist – ein Zeichen, dass er selbst zweifelt.

Viele Angehörige denken zuerst an eine Demenz oder Psychose. Diese Sorge ist verständlich, gerade bei sehr alten Menschen, und sie ist ein guter Grund für eine ärztliche Abklärung. Entscheidend ist: Beim Charles-Bonnet-Syndrom ist der Mensch sonst klar, orientiert und erinnert sich normal.

Einseitiger oder beidseitiger Sehverlust

Meist tritt das Syndrom auf, wenn beide Augen deutlich schlechter sehen. Bei der Makuladegeneration ist vor allem der beidseitige Befall mit Bildern verbunden. Auch ein großer Gesichtsfeldausfall ohne Verlust des zentralen Sehens kann ausreichen, etwa beim fortgeschrittenen Glaukom.

Bei einem halbseitigen Gesichtsfeldausfall nach einem Schlaganfall erscheinen die Bilder oft genau in der blinden Hälfte des Blickfelds. Einzelne Berichte beschreiben Bilder nach dem Verlust eines Auges, wenn das andere ebenfalls stark geschädigt ist.

Besonderheiten bei älteren Menschen

Ältere Menschen sind am häufigsten betroffen, weil die auslösenden Augenkrankheiten im Alter häufiger sind. Das mittlere Alter beim ersten Auftreten lag in der niederländischen Studie bei 72 Jahren. Frauen sind in manchen Studien häufiger betroffen, was aber vor allem an ihrer höheren Lebenserwartung liegen dürfte.

Im Alter kommen oft mehrere Dinge zusammen: mehrere Augenkrankheiten, viele Medikamente, Schwerhörigkeit, Alleinleben nach dem Tod des Partners. Gerade deshalb ist hier die Gefahr groß, dass die Bilder vorschnell als Demenz gedeutet werden. Umgekehrt kann eine beginnende Demenz auch neben einem Charles-Bonnet-Syndrom bestehen.

Kann das Charles-Bonnet-Syndrom auch Kinder betreffen?

Ja, selten. Beschrieben sind Einzelfälle bei Kindern mit schwerem Sehverlust, etwa durch erbliche Netzhautdystrophien oder einen Tumor am Sehnerv. Bei Menschen, die von Geburt an völlig blind sind, wurde das Syndrom in größeren Untersuchungen dagegen nicht gefunden.

Kinder beschreiben manchmal „unheimliche Wesen“ und haben besonders große Angst, dass man sie für krank im Kopf hält. Eltern sollten Erzählungen über seltsame Bilder ernst nehmen und sie bei der nächsten augenärztlichen Kontrolle offen ansprechen.

Welche Zeichen passen nicht zum Charles-Bonnet-Syndrom?

Bestimmte Begleitzeichen sprechen gegen ein reines Charles-Bonnet-Syndrom und erfordern eine ärztliche Abklärung. Dazu gehören:

  • Stimmen hören, Gerüche oder Berührungen wahrnehmen, die nicht da sind
  • fehlende Einsicht: die Bilder werden fest für echt gehalten
  • Wahnideen, etwa die Überzeugung, verfolgt oder bestohlen zu werden
  • Verwirrtheit, Desorientierung, schwankende Wachheit, Unruhe
  • Gedächtnisprobleme, die neu sind oder zunehmen
  • Zittern, Steifigkeit, verlangsamte Bewegungen (Parkinson-Zeichen)
  • Fieber oder ein Infekt, etwa eine Blasenentzündung, zusammen mit neuen Bildern
  • Kopfschmerzen, Lähmungen, Sprachstörungen
  • Bilder, die neu nach Beginn eines Medikaments auftreten

3 Ursachen und Risikofaktoren

In diesem Kapitel (8)

Warum sieht man Dinge, die nicht da sind?

Die Bilder entstehen, weil das Gehirn zu wenig Seheindrücke vom Auge bekommt und die Lücke selbst füllt. Normalerweise hält der ständige Strom von Signalen aus der Netzhaut die eigene Bildproduktion der Sehrinde in Schach. Fällt dieser Strom weg, werden die Nervenzellen in der Sehrinde übererregbar und feuern spontan.

Das Gehirn greift dabei auf gespeicherte Muster und Erinnerungen zurück. Fachleute nennen das Deafferenzierung, also den Wegfall der zuführenden Nervensignale. Der bekannteste Vergleich ist das Phantomglied: Nach einer Amputation spürt man oft noch das fehlende Bein, weil das Gehirn weiterhin ein Körperbild erzeugt.

Was passiert im Gehirn genau?

Der genaue Mechanismus ist nicht vollständig geklärt, aber einige Veränderungen sind gut beschrieben. Nervenzellen, die keine Signale mehr erhalten, bilden mehr Empfangsstellen (Rezeptoren) für Botenstoffe aus und reagieren empfindlicher. Hemmende Botenstoffe nehmen ab, erregende zu.

Interessant ist, dass der Inhalt der Bilder zur Funktion des aktiven Hirnareals passt. In Untersuchungen mit funktioneller Bildgebung waren bei Gesichtern die Gesichtsareale aktiv, bei Farben die Farbareale. Einzelne Studien fanden eine erhöhte Erregbarkeit der Sehrinde, eine neuere Studie dagegen eine verminderte Aktivität – das Bild ist noch nicht einheitlich.

Die Theorie erklärt nicht alles: Die Mehrheit der Menschen mit Sehverlust hat keine Bilder. Warum es den einen trifft und den anderen nicht, ist offen.

Welche Augenerkrankungen lösen das Syndrom aus?

Grundsätzlich kann jede Erkrankung, die das Sehen stark einschränkt, das Syndrom auslösen. Entscheidend ist mehr das Ausmaß des Sehverlusts als die Art der Krankheit. Am häufigsten und am besten untersucht ist die altersabhängige Makuladegeneration (AMD).

GrunderkrankungHinweise aus Studien
Altersabhängige Makuladegenerationhäufigste Grundlage; Schätzungen meist 10–30 %, bei später AMD und schlechtem Sehen auf dem besseren Auge bis etwa 27 %
Grüner Star (Glaukom)sehr unterschiedliche Angaben, etwa 2–20 %; vor allem bei großen Gesichtsfeldausfällen auf beiden Augen
Diabetische Retinopathieetwa 2–10 %
Grauer Starmöglich, vor allem bei starker Trübung; nach einer Operation verschwinden die Bilder oft
WeitereRetinitis pigmentosa, Netzhautablösung, Sehnerverkrankungen und Sehnervatrophie, Gefäßverschlüsse der Netzhaut, krankhafte Kurzsichtigkeit, Hornhauttrübungen, Verlust eines Auges

Besonders gefährdet sind Menschen, bei denen sich ein zentraler Ausfall (etwa durch AMD) und ein Ausfall am Rand des Gesichtsfelds (etwa durch Glaukom) überlagern.

Kann auch ein Schlaganfall das Syndrom auslösen?

Ja. Nicht nur Schäden am Auge, sondern auch Schäden weiter hinten in der Sehbahn können zum Charles-Bonnet-Syndrom führen. Typisch ist ein Schlaganfall im Hinterkopf, der einen halbseitigen Gesichtsfeldausfall hinterlässt. Dann erscheinen die Bilder häufig genau in der blinden Hälfte.

Auch Tumoren, die auf den Sehnerv oder die Sehnervenkreuzung drücken, etwa Tumoren der Hirnanhangsdrüse, Blutungen oder Operationen im Bereich der Sehbahn können Bilder auslösen. Nach Hirnoperationen verschwinden sie oft nach einigen Wochen wieder. Voraussetzung scheint zu sein, dass die höheren Sehzentren erhalten sind: Sind sie selbst zerstört, entstehen keine Bilder.

Wer hat ein höheres Risiko?

Der wichtigste und einzige sicher belegte Risikofaktor ist ein deutlicher Sehverlust. In Studien steigt das Risiko, wenn die Sehschärfe auf dem besseren Auge unter etwa 30 bis 40 Prozent liegt. Eine schlechte Kontrastwahrnehmung war in einer Untersuchung sogar ein noch besserer Hinweis als die Sehschärfe.

Weitere Faktoren, die in Studien genannt werden, deren Bedeutung aber weniger sicher ist:

  • Sehverlust auf beiden Augen
  • großer Gesichtsfeldausfall
  • rascher oder plötzlicher Sehverlust
  • hohes Alter
  • Alleinleben, wenige soziale Kontakte, Verwitwung
  • wenig Anregung im Alltag, lange Phasen ohne Beschäftigung
  • ein zusätzlicher akuter Schaden bei schon schlechtem Sehen, etwa eine Operation mit Komplikationen
  • Müdigkeit, Stress, Schlafmangel

Ob eine leichte Hirnalterung, Durchblutungsstörungen im Gehirn oder eine beginnende kognitive Einschränkung das Risiko erhöhen, ist umstritten. Die Studien dazu widersprechen sich.

Können Medikamente eine Rolle spielen?

Ja, Medikamente können selbst Bilder auslösen oder vorhandene verstärken, deshalb gehört die Medikamentenliste immer zur Abklärung. Bekannt ist das unter anderem für Parkinson-Mittel, Mittel mit anticholinerger Wirkung (etwa manche Blasen-, Schlaf- oder Allergiemittel), bestimmte Antidepressiva, Schlaf- und Beruhigungsmittel, starke Schmerzmittel (Opioide), Kortison, Digoxin und einzelne Antibiotika. Auch Betablocker werden als möglicher Verstärker genannt.

Setzen Sie ein Medikament aber nie eigenmächtig ab. Besprechen Sie mit Ihrer Hausärztin oder Ihrem Hausarzt, ob ein Zusammenhang möglich ist und ob es eine Alternative gibt.

Ist das Charles-Bonnet-Syndrom eine psychische Krankheit?

Nein. Das Charles-Bonnet-Syndrom tritt per Definition bei Menschen auf, die geistig gesund und klar im Kopf sind. Die Bilder sind eine Folge des Sehverlusts, nicht eines gestörten Denkens. Experimente zeigen, dass auch gesunde Menschen Bilder sehen, wenn man ihnen über längere Zeit die Augen verbindet.

In der internationalen Klassifikation der Krankheiten (ICD-10) wird das Syndrom trotzdem unter den organisch bedingten Halluzinosen geführt (F06.0). Das ist eine Einordnung für die Abrechnung und Statistik, keine Aussage über eine Geisteskrankheit.

Woher kommt der Name?

Der Name geht auf den Genfer Naturforscher Charles Bonnet (1720–1793) zurück. Er beschrieb 1760 die Bilder seines Großvaters Charles Lullin, der nach Staroperationen an beiden Augen fast blind war und mit 89 Jahren lebhafte Bilder von Menschen, Vögeln, Kutschen und Gebäuden sah. Später soll Bonnet, selbst mit schlechten Augen, Ähnliches erlebt haben.

Den Begriff „Charles-Bonnet-Syndrom“ prägte im 20. Jahrhundert der Schweizer Neurologe Georges de Morsier; die Jahresangaben dafür schwanken in den Quellen. Dass die Augenerkrankung selbst der Auslöser ist, wurde erst später allgemein anerkannt.

4 Diagnose

In diesem Kapitel (10)

Wie wird das Charles-Bonnet-Syndrom festgestellt?

Das Charles-Bonnet-Syndrom wird im Gespräch erkannt und ist eine Ausschlussdiagnose: Es gibt keinen Bluttest und kein Bild, das es beweist. Die Ärztin oder der Arzt prüft, ob die Bilder zu einem bekannten Sehverlust passen und ob andere Ursachen ausgeschlossen sind. Meist sind Augenärztin oder Augenarzt und Hausarzt beteiligt, bei Zweifeln auch Neurologie oder Psychiatrie.

Weltweit gibt es keine einheitlich anerkannten Diagnosekriterien und keine eigene deutsche oder österreichische Leitlinie. In der Praxis haben sich aber einige Merkmale bewährt, die fast alle Fachleute verwenden.

Welche Merkmale sprechen für das Syndrom?

Für ein Charles-Bonnet-Syndrom sprechen wiederkehrende Bilder bei klarem Bewusstsein, erhaltener Einsicht und einem nachgewiesenen Sehverlust. Die häufig zitierten Kriterien nach Gold und Rabins (1989) und nach Teunisse (1996) lassen sich so zusammenfassen:

  • wiederkehrende oder anhaltende Bilder, einfach oder komplex
  • die Einsicht, dass die Bilder nicht echt sind, zumindest nach kurzem Nachdenken
  • keine Halluzinationen in anderen Sinnen (Hören, Riechen, Fühlen)
  • kein Wahn, der sich um die Bilder rankt
  • keine Verwirrtheit, keine Bewusstseinsstörung
  • ein dokumentierter Sehverlust (in den meisten, aber nicht in allen Definitionen gefordert)

Eine Depression oder Angst kann gleichzeitig bestehen, ohne dass sie die Bilder erklärt. Typisch ist auch, dass die Bilder beim Schließen der Augen, bei Licht oder bei Kopf- und Augenbewegungen verschwinden oder sich verändern.

Welche Fragen stellt der Arzt?

Der wichtigste Teil der Untersuchung ist ein ruhiges, genaues Gespräch. Hilfreich ist, wenn die Ärztin oder der Arzt vorab erklärt, dass Augenkrankheiten solche Bilder auslösen können, und dann gezielt fragt: „Haben Sie schon einmal Dinge gesehen, die andere nicht sehen?“ So fällt die Antwort leichter.

Typische Fragen sind:

  • Was genau sehen Sie? Seit wann? Wie oft und wie lange?
  • In welchen Situationen kommen die Bilder? Was lässt sie verschwinden?
  • Wissen Sie, dass die Bilder nicht echt sind?
  • Hören, riechen oder spüren Sie auch Dinge, die nicht da sind?
  • Hatten Sie solche Bilder schon, bevor Ihr Sehen schlechter wurde?
  • Haben Sie in letzter Zeit neue Medikamente bekommen oder die Dosis geändert?
  • Haben Sie Probleme mit dem Gedächtnis, Schlafstörungen, Zittern oder Fieber?
  • Wie sehr belasten Sie die Bilder?

Bringen Sie eine aktuelle Medikamentenliste mit. Es kann helfen, wenn ein Angehöriger dabei ist, der das Verhalten im Alltag schildern kann.

Was untersucht die Augenärztin oder der Augenarzt?

Die augenärztliche Untersuchung klärt, wie stark das Sehen eingeschränkt ist und warum. Dazu gehören die Messung der Sehschärfe, die Untersuchung des Augenhintergrunds mit erweiterter Pupille, oft eine Gesichtsfeldmessung und bei Bedarf eine optische Kohärenztomografie (OCT, eine schichtweise Aufnahme der Netzhaut). So lassen sich behandelbare Ursachen wie ein fortgeschrittener Grauer Star oder eine aktive feuchte AMD erkennen.

Auch bei bekannter Augenerkrankung lohnt sich ein genauer Blick, weil im Alter oft mehrere Krankheiten zusammenkommen. Ist die Sehschärfe überraschend gut, muss man an andere Ursachen der Bilder denken.

Welche weiteren Untersuchungen können nötig sein?

Weitere Untersuchungen sind nötig, wenn etwas nicht ins typische Bild passt oder die Bilder ohne erklärenden Sehverlust auftreten. Je nach Lage kommen in Frage:

  • Gedächtnis- und Denktest: Weil viele Standardtests Sehaufgaben enthalten, sollte eine Version ohne Sehaufgaben verwendet werden, sonst schneiden Sehbehinderte zu schlecht ab.
  • Neurologische Untersuchung: Suche nach Lähmungen, Parkinson-Zeichen oder Hinweisen auf einen Schlaganfall.
  • Blut- und Urinuntersuchung: etwa bei Verdacht auf Infekt, Stoffwechselstörung oder Vergiftung.
  • Bildgebung des Gehirns (MRT oder CT): bei neurologischen Zeichen, plötzlichem Beginn mit Kopfschmerzen oder Gesichtsfeldausfällen, die nicht zum Auge passen.
  • EEG (Hirnstrommessung): bei Verdacht auf epileptische Anfälle.

Nicht jeder Betroffene braucht all das. Bei typischem Bild, klarer Einsicht und bekannter Augenerkrankung reichen oft das Gespräch, die Augenuntersuchung und ein Blick auf die Medikamente.

Wie unterscheidet sich das Syndrom von einer Demenz?

Beim Charles-Bonnet-Syndrom sind Gedächtnis, Orientierung und Urteilsvermögen erhalten, bei einer Demenz nehmen sie schleichend ab. Besonders wichtig ist die Abgrenzung zur Lewy-Körper-Demenz, bei der lebhafte Bilder von Menschen oder Tieren ein frühes Zeichen sein können. Hinweise darauf sind schwankende Wachheit und Aufmerksamkeit, Bewegungsstörungen wie bei Parkinson und unruhiger Traumschlaf mit Ausagieren der Träume.

Die Bilder allein reichen zur Unterscheidung nicht aus, weil sie sich ähneln können. Einzelne Menschen, bei denen zunächst ein Charles-Bonnet-Syndrom angenommen wurde, entwickelten später eine Lewy-Körper-Demenz. Ob das Syndrom selbst das Demenzrisiko erhöht, ist umstritten: Einige Studien deuten darauf hin, die Mehrheit findet keinen klaren Zusammenhang, und das hohe Alter der Betroffenen verzerrt die Ergebnisse.

Fachleute empfehlen deshalb, die geistige Leistungsfähigkeit bei der Diagnose einmal zu prüfen und bei neuen Gedächtnisproblemen im Verlauf erneut nachzusehen. Eine frühe Erkennung einer Lewy-Körper-Demenz ist wichtig, weil Betroffene sehr empfindlich auf manche Psychopharmaka reagieren.

Wie unterscheidet es sich vom Delir?

Ein Delir ist ein akuter Verwirrtheitszustand mit gestörter Aufmerksamkeit und schwankendem Bewusstsein, beim Charles-Bonnet-Syndrom ist der Mensch dagegen klar. Ein Delir beginnt meist plötzlich, innerhalb von Stunden oder Tagen, oft ausgelöst durch einen Infekt, Flüssigkeitsmangel, eine Operation oder Medikamente. Die Betroffenen sind unruhig oder auffällig schläfrig, desorientiert und halten die Bilder für echt.

Ein Delir hat immer eine körperliche Ursache und ist ein medizinischer Notfall. Die französische Fachgesellschaft betont, dass bei neu aufgetretenen Bildern zuerst ein Delir ausgeschlossen werden muss.

Wie unterscheidet es sich von Bildern bei Parkinson?

Bei der Parkinson-Krankheit sind Bilder häufig – bis zu etwa einem Drittel der Erkrankten hat sie – und entstehen oft durch die Krankheit selbst oder durch Parkinson-Medikamente. Sie treten eher nachts auf und gehen mit Zittern, Steifigkeit und verlangsamten Bewegungen einher. Häufig beginnen sie als „Anwesenheitsgefühl“ oder als vorbeihuschende Schatten.

Neu auftretende Bilder bei bekannter Parkinson-Krankheit sollten immer mit der behandelnden Neurologin oder dem Neurologen besprochen werden. Oft lässt sich durch eine Anpassung der Medikamente viel erreichen.

Welche anderen Ursachen kommen in Frage?

Neben Demenz, Delir und Parkinson gibt es eine Reihe weiterer Ursachen für Bilder, die nicht da sind. Die Tabelle zeigt die wichtigsten und typische Unterschiede:

Mögliche UrsacheWas eher dafür spricht
Psychose, SchizophrenieStimmen, Wahnideen, fehlende Einsicht; Bilder haben persönliche Bedeutung
Medikamente, Drogen, Alkoholentzugzeitlicher Zusammenhang mit Beginn, Dosisänderung oder Absetzen
Migräne mit Auraflimmernde Zickzacklinien, die sich ausbreiten und nach 5–60 Minuten verschwinden, oft mit Kopfschmerz (siehe Augenmigräne)
Epileptische Anfälle (Hinterhaupt- oder Schläfenlappen)kurze, immer gleiche, meist einfache bunte Bilder; evtl. Bewusstseinsstörung
Bilder beim Einschlafen oder Aufwachennur im Übergang zwischen Wachen und Schlafen; auch bei Gesunden häufig
TrauerWahrnehmung des verstorbenen Partners, meist in den ersten Monaten nach dem Verlust
Schäden im Hirnstamm oder ThalamusBilder meist abends, oft mit weiteren neurologischen Zeichen
Netzhautablösung, Glaskörperabhebungneue Lichtblitze und Rußregen, kein komplexes Bild
Visual Snowdauerhaftes „Schneegestöber“ im ganzen Blickfeld, meist bei jüngeren Menschen (siehe Visual-Snow-Syndrom)

Neue Lichtblitze, ein Schatten oder ein Vorhang im Blickfeld sind kein Charles-Bonnet-Syndrom, sondern können auf eine Netzhautablösung hinweisen und gehören noch am selben Tag in augenärztliche Hände.

Warum ist eine falsche Diagnose ein Problem?

Wird das Syndrom nicht erkannt, droht eine Fehlbehandlung. Immer wieder werden Betroffene als psychotisch oder dement eingestuft und erhalten Neuroleptika (Mittel gegen Psychosen), die beim Charles-Bonnet-Syndrom kaum helfen, aber Müdigkeit, Stürze, Zittern und Steifigkeit verursachen können. In einer frühen Fallserie wurde von 16 Betroffenen nur bei einem die richtige Diagnose gestellt.

Bei sehr alten Menschen kann eine Fehldiagnose sogar dazu führen, dass Angehörige und Ärzte vorschnell an eine Heimunterbringung denken. Umgekehrt darf das Syndrom nicht dazu verleiten, eine echte Demenz oder ein Delir zu übersehen. Deshalb ist die sorgfältige Abklärung so wichtig.

5 Behandlung

In diesem Kapitel (9)

Kann man das Charles-Bonnet-Syndrom heilen?

Eine Heilung im engeren Sinn gibt es nicht, und kein Medikament ist nachweislich wirksam oder dafür zugelassen. Trotzdem lässt sich viel tun: Aufklärung, die Behandlung der Augenerkrankung, Sehhilfen und einfache Tricks im Alltag helfen den meisten Betroffenen deutlich. Bei vielen werden die Bilder mit der Zeit ohnehin seltener.

Oft ist gar keine weitere Behandlung nötig, wenn jemand die Bilder einordnen kann und sie ihn nicht stören. Ziel ist nicht, jedes Bild zu verhindern, sondern Angst zu nehmen und die Lebensqualität zu erhalten.

Warum ist Aufklärung die wichtigste Behandlung?

Für die meisten Betroffenen ist die Erklärung „Das ist eine bekannte, harmlose Folge Ihres Sehverlusts und keine Geisteskrankheit“ die wirksamste Hilfe. Viele sind sichtlich erleichtert, dass ihr Erleben einen Namen hat und dass sie damit nicht allein sind. Mit der Angst nimmt oft auch die Belastung durch die Bilder ab.

Fachleute empfehlen sogar, Menschen mit starkem Sehverlust vorsorglich über das Syndrom zu informieren, bevor Bilder auftreten. Wer vorbereitet ist, erschrickt weniger. Es ist sinnvoll, auch Angehörige einzubeziehen.

Hilft es, das Sehen zu verbessern?

Ja, eine bessere Sehfunktion kann die Bilder verringern oder ganz zum Verschwinden bringen, garantiert ist das aber nicht. Mögliche Ansatzpunkte sind:

  • Operation eines Grauen Stars: Bei manchen Betroffenen verschwanden die Bilder danach vollständig.
  • Behandlung einer feuchten AMD mit Spritzen in das Auge, um weiteren Sehverlust zu bremsen.
  • Glaukombehandlung zur Erhaltung des verbleibenden Gesichtsfelds.
  • Aktuelle Brille und Behandlung trockener Augen, die das Sehen zusätzlich trüben können.
  • Vergrößernde Sehhilfen: Lupen, Lupenbrillen, Bildschirmlesegeräte, Beleuchtungslupen.

Nach einem Eingriff am Auge können Bilder vorübergehend auch erst auftreten oder zunehmen, etwa nach einer Laserbehandlung oder nach Spritzen in das Auge. Das ist kein Grund, eine notwendige Behandlung abzulehnen.

Was bringt eine Low-Vision-Rehabilitation?

Eine Low-Vision-Rehabilitation (Sehbehindertenberatung und -training) hilft, den verbliebenen Sehrest bestmöglich zu nutzen, und kann die Bilder lindern. Dazu gehören die Anpassung optischer Hilfen, Beratung zu Licht und Kontrasten in der Wohnung, Training mit Hilfsmitteln, Orientierungs- und Mobilitätstraining sowie psychologische Unterstützung. In französischen Low-Vision-Zentren berichtet etwa jeder Vierte von Bildern; dort wird das Syndrom deshalb gezielt angesprochen.

In Deutschland und Österreich gibt es spezialisierte Augenoptikerinnen und Augenoptiker für vergrößernde Sehhilfen, Low-Vision-Ambulanzen an manchen Universitäts-Augenkliniken sowie Beratungsstellen der Blinden- und Sehbehindertenverbände. Ob und in welchem Umfang die Krankenkasse Sehhilfen übernimmt, hängt vom Ausmaß der Sehbehinderung und vom jeweiligen Land ab. Fragen Sie Ihre Augenärztin oder Ihren Augenarzt nach einer Verordnung.

Was kann ich tun, wenn ein Bild auftaucht?

Am besten helfen kleine Veränderungen der Situation: Licht ändern, die Augen bewegen, aufstehen oder die Tätigkeit wechseln. Diese Maßnahmen sind wissenschaftlich wenig untersucht, aber völlig ungefährlich, und viele Betroffene finden mit der Zeit ihren persönlichen Trick. Was bei dem einen wirkt, hilft beim anderen nicht – es lohnt sich, mehreres auszuprobieren.

  • Licht ändern: Licht einschalten oder in einen helleren Raum gehen; ist es sehr hell oder blendend, das Licht etwas dämpfen.
  • Augen schließen und nach einigen Sekunden wieder öffnen, oder mehrmals kräftig blinzeln.
  • Blick wechseln: zur Seite, nach oben oder unten schauen, direkt auf das Bild blicken oder bewusst weg.
  • Bewegung: aufstehen, umhergehen, den Raum wechseln.
  • Reize setzen: Radio oder Fernseher einschalten, jemanden anrufen, laut sprechen oder singen.
  • Prüfen: nach dem Bild greifen oder mit dem Gehstock tasten, ob da wirklich etwas ist.
  • Ablenken: sich bewusst auf eine andere Tätigkeit konzentrieren.

Der Augenbewegungs-Trick Schritt für Schritt

Eine einfache Übung, die der britische Gesundheitsdienst NHS empfiehlt, ist das rasche Hin- und Herbewegen der Augen. Sie kann ein Bild in vielen Fällen auflösen. So gehen Sie vor:

  1. Halten Sie den Kopf ruhig und schauen Sie geradeaus.
  2. Blicken Sie etwa im Sekundentakt abwechselnd nach links und nach rechts, etwa zwischen einem Punkt links und einem Punkt rechts von Ihnen. Den Kopf dabei nicht drehen.
  3. Wiederholen Sie das 15- bis 30-mal.
  4. Machen Sie eine kurze Pause.
  5. Ist das Bild noch da, wiederholen Sie die Übung einige Male.

Diese Übung funktioniert vor allem bei Bildern, die im Raum stehen, weniger bei Mustern, die sich mit dem Blick mitbewegen. Für viele hat sie den zusätzlichen Vorteil, dass man den Bildern nicht mehr hilflos ausgeliefert ist.

Hilft Gesprächstherapie?

Ein Gespräch mit einer Psychotherapeutin oder einem Psychotherapeuten kann helfen, wenn die Bilder stark ängstigen oder wenn der Sehverlust insgesamt schwer zu verarbeiten ist. Das bedeutet nicht, dass das Syndrom eine psychische Krankheit ist. Es geht darum, mit einer belastenden Situation besser zurechtzukommen.

Vorgeschlagen werden Techniken, die sich bei Phantomschmerzen bewährt haben: Entspannungsverfahren, gezielte Ablenkung, Umbewerten der Bilder („Das ist mein Gehirn, das Bilder macht“) und manchmal Hypnose. Begleitende Ängste, Schlafstörungen oder eine Depression, die bei Sehverlust häufig sind, sollten unabhängig davon behandelt werden.

Gibt es Medikamente gegen die Bilder?

Es gibt kein zugelassenes und kein nachweislich wirksames Medikament gegen das Charles-Bonnet-Syndrom. Alles, was bekannt ist, stammt aus Einzelfallberichten und sehr kleinen Fallserien. Medikamente kommen deshalb nur in Frage, wenn die Bilder trotz Aufklärung und allen anderen Maßnahmen stark belasten, und nur nach sorgfältiger Abwägung von Nutzen und Risiken.

Ausprobiert wurden unter anderem:

  • Mittel gegen Krampfanfälle wie Valproat, Carbamazepin, Gabapentin oder Levetiracetam – in Einzelfällen mit Besserung.
  • Bestimmte Antidepressiva wie Mirtazapin oder Venlafaxin; ein anderes Antidepressivum verschlimmerte in einem Fall die Bilder.
  • Mittel gegen Übelkeit wie Ondansetron.
  • Mittel gegen Demenz (Cholinesterasehemmer wie Donepezil).
  • Neuroleptika (Mittel gegen Psychosen) wie Melperon, Risperidon oder Olanzapin.

Gerade bei Neuroleptika ist Zurückhaltung geboten: Sie helfen oft nicht, können aber Müdigkeit, Stürze, Zittern und Steifigkeit verursachen. Beruhigungsmittel allein scheinen nicht zu wirken, und viele Medikamente können selbst Bilder auslösen. Die Entscheidung gehört in fachärztliche Hände, meist in Absprache zwischen Hausarzt, Neurologie oder Psychiatrie.

Wer behandelt das Charles-Bonnet-Syndrom?

Erste Anlaufstelle ist meist die Augenärztin oder der Augenarzt, weil der Sehverlust die Ursache ist. Die Hausärztin oder der Hausarzt prüft Medikamente und körperliche Ursachen und koordiniert, wenn nötig, weitere Abklärungen. Neurologie, Psychiatrie oder Geriatrie (Altersmedizin) werden hinzugezogen, wenn etwas nicht ins typische Bild passt oder die Belastung groß ist.

Auch Augenoptikerinnen und Augenoptiker sehen Betroffene oft als Erste und können einen Hinweis geben, die Bilder beim nächsten Arzttermin anzusprechen.

6 Verlauf und Prognose

In diesem Kapitel (7)

Wie lange dauert das Charles-Bonnet-Syndrom?

Der Verlauf ist sehr unterschiedlich: Bei vielen werden die Bilder nach etwa 12 bis 18 Monaten seltener oder verschwinden, bei manchen bleiben sie über viele Jahre. Die Dauer lässt sich für den einzelnen Menschen nicht vorhersagen. Die Angaben in der Literatur reichen von wenigen Tagen bis zu mehreren Jahrzehnten.

Neuere Befragungen zeigen, dass ein langer Verlauf häufiger ist, als früher angenommen. In einer Umfrage unter fast 500 Betroffenen hatten drei Viertel die Bilder seit fünf Jahren oder länger. Solche Umfragen erreichen allerdings vor allem Menschen mit hartnäckigen Beschwerden.

Welche Verlaufsformen gibt es?

Fachleute unterscheiden drei Verlaufsformen, die sich in der Praxis aber überschneiden können:

  • Episodisch: Eine einzelne Phase mit Bildern über Tage bis Monate, danach ist es dauerhaft vorbei.
  • Periodisch: Phasen mit Bildern wechseln sich mit monatelangen freien Zeiten ab.
  • Kontinuierlich: Die Bilder treten ohne längere Pause immer wieder auf.

Häufig beginnen die Bilder in einer Zeit, in der sich das Sehen verschlechtert. Bessere und schlechtere Phasen über einige Wochen sind möglich.

Warum verschwinden die Bilder oft von selbst?

Vermutlich passt sich das Gehirn mit der Zeit an den Sehverlust an. Benachbarte Nervenzellen übernehmen Aufgaben, und die Übererregbarkeit der Sehrinde nimmt ab. Bei manchen bessern sich die Bilder nur, wenn das Sehen wieder besser wird, etwa nach einer Staroperation.

Paradoxerweise hören die Bilder bei manchen erst auf, wenn das Sehen vollständig verloren geht. Bei anderen bleiben sie auch dann bestehen.

Ist das Charles-Bonnet-Syndrom gefährlich?

Die Bilder selbst sind harmlos und schädigen weder Augen noch Gehirn. Das Syndrom ist kein Vorbote einer Geisteskrankheit. Gefahren entstehen eher indirekt.

  • Stürze und Verletzungen: etwa wenn jemand einem vermeintlichen Tier ausweicht oder in der Dämmerung danach schlägt.
  • Angst und Rückzug: Wer aus Scham schweigt und sich zurückzieht, wird einsamer – und Einsamkeit kann die Bilder verstärken.
  • Schlafstörungen und Depression: Sie sind bei Sehverlust ohnehin häufig und können durch die Bilder zunehmen.
  • Fehlbehandlung: Eine falsche Diagnose führt zu unnötigen Untersuchungen und Medikamenten mit Nebenwirkungen.

Eine Studie fand bei Menschen mit Charles-Bonnet-Syndrom eine höhere Sterblichkeit. Die Daten sind aber begrenzt und vermutlich durch Alter und Begleiterkrankungen verzerrt; ein ursächlicher Zusammenhang ist nicht belegt.

Was bedeutet es, wenn die Bilder plötzlich wiederkommen?

Kehren Bilder nach langer Pause plötzlich zurück oder werden sie deutlich häufiger, sollte die Ursache geprüft werden. Möglich sind eine Verschlechterung der Augenerkrankung, ein Infekt, ein neues Medikament oder starke Müdigkeit und Stress. Gerade bei älteren Menschen kann ein Harnwegsinfekt ohne typische Beschwerden dahinterstecken.

Melden Sie sich in diesem Fall bei Ihrer Hausärztin oder Ihrem Hausarzt und bei der nächsten Gelegenheit in der Augenarztpraxis.

Wie hängen Syndrom und spätere Demenz zusammen?

Ein sicherer Zusammenhang ist nicht belegt. Die meisten Studien finden kein erhöhtes Demenzrisiko, einige wenige weisen darauf hin, und eine ältere Arbeit nennt sehr hohe Zahlen, die als unsicher gelten. Vermutlich steckt bei einem kleinen Teil der Betroffenen von Anfang an eine beginnende Lewy-Körper-Demenz hinter den Bildern.

Für Sie bedeutet das: Das Syndrom an sich ist kein Zeichen von Demenz. Treten im Verlauf neue Gedächtnisprobleme, Verwirrtheit oder Bewegungsstörungen auf, sollten diese aber ärztlich angesehen werden.

Darf ich mit Charles-Bonnet-Syndrom Auto fahren?

Ob jemand Auto fahren darf, richtet sich in Deutschland und Österreich nach Sehschärfe und Gesichtsfeld, nicht nach den Bildern selbst. Wer so viel Sehverlust hat, dass ein Charles-Bonnet-Syndrom entsteht, erfüllt die Mindestanforderungen oft ohnehin nicht mehr. Lassen Sie Ihre Fahrtauglichkeit von Ihrer Augenärztin oder Ihrem Augenarzt beurteilen.

Unabhängig davon gilt: Wer beim Fahren Bilder sieht, die sich über die Straße legen, sollte nicht fahren.

7 Vorbeugung

In diesem Kapitel (7)

Kann man dem Charles-Bonnet-Syndrom vorbeugen?

Sicher verhindern lässt sich das Syndrom nicht, aber man kann das Risiko senken und die Bilder seltener machen. Der wichtigste Hebel ist die Behandlung der Augenerkrankung und der bestmögliche Erhalt des Sehens. Dazu gehören regelmäßige augenärztliche Kontrollen, die konsequente Behandlung von AMD, Glaukom und Diabetes sowie eine rechtzeitige Staroperation, wenn sie sinnvoll ist.

Ebenso wichtig ist es, das Wissen über das Syndrom zu verbreiten. Wer weiß, dass solche Bilder bei Sehverlust vorkommen, erschrickt weniger und spricht eher darüber.

Die richtige Beleuchtung zu Hause

Gutes, gleichmäßiges Licht ist eine der einfachsten Maßnahmen, weil Bilder bevorzugt in der Dämmerung und bei schwachem Licht auftreten. Hilfreich ist es, das Licht früh am Abend einzuschalten, statt im Halbdunkel zu sitzen. Blendung sollte vermieden werden.

  • helle, blendfreie Deckenbeleuchtung plus gezielte Arbeitsleuchten
  • Nachtlicht im Schlafzimmer und auf dem Weg zum Bad
  • Bewegungsmelder in Flur und Treppenhaus
  • Lichtschalter, die man auch im Dunkeln leicht findet
  • Vorhänge oder Rollos gegen grelle Sonne

Aktiv bleiben und Kontakte pflegen

Wer aktiv ist und Gesellschaft hat, sieht die Bilder oft seltener, weil Reizarmut und Alleinsein sie begünstigen. Ein Psychiater, der sich lange mit dem Syndrom beschäftigt hat, nennt Aktivität sogar die beste Vorbeugung. Körperliche Bewegung, Gespräche, Hörbücher, Musik, Vereine oder Gruppenangebote helfen.

Ausreichend Schlaf und der Abbau von Stress sind ebenfalls sinnvoll, da Müdigkeit und Anspannung die Bilder verstärken können. Lange Phasen, in denen man reglos und allein sitzt, sollten möglichst unterbrochen werden.

Offen darüber sprechen

Sprechen Sie offen über Ihre Bilder – mit Ihrer Augenärztin oder Ihrem Augenarzt, Ihrem Hausarzt, Ihrer Familie und Freunden. Schweigen aus Scham ist der Hauptgrund, warum das Syndrom so oft unerkannt bleibt. Wer erzählt, erfährt meist Entlastung und erhält Rat.

Manche führen ein kurzes Tagebuch: wann die Bilder kommen, wie lange sie dauern, was hilft. Das erleichtert das Gespräch beim Arzt und zeigt Muster, die man selbst beeinflussen kann.

Medikamente überprüfen lassen

Lassen Sie einmal im Jahr oder bei neuen Bildern alle Medikamente ärztlich überprüfen, auch rezeptfreie Mittel und Augentropfen. Manche Wirkstoffe können Bilder begünstigen. Ein Absetzen oder Wechseln darf aber nur in Absprache geschehen.

Tipps für Angehörige

Angehörige helfen am meisten, wenn sie ruhig bleiben, zuhören und die Bilder als bekannte Folge des Sehverlusts einordnen. Vorwürfe oder Spott verstärken die Scham; übertriebene Sorge die Angst. Hilfreich ist ein sachlicher Ton.

  • Ernst nehmen: Fragen Sie, was der Betroffene sieht und wie es ihm damit geht.
  • Richtigstellen, ohne zu streiten: „Ich sehe hier keine Blumen. Das sind wahrscheinlich die Bilder, die von deinen Augen kommen.“
  • Nicht mitspielen: Den unsichtbaren Gästen keinen Kaffee anbieten – das verwirrt.
  • Licht machen und Gesellschaft leisten, vor allem am Abend.
  • Zum Arztbesuch ermutigen und bei Bedarf mitkommen.
  • Aufmerksam bleiben: Achten Sie auf Warnzeichen wie Verwirrtheit, Stimmen hören, Fieber oder neue Gedächtnisprobleme.

Für Angehörige ist es oft beruhigend zu hören, dass das Syndrom keine Demenz bedeutet. Trotzdem darf man nachfragen lassen, wenn sich das Verhalten insgesamt verändert.

Wo gibt es Unterstützung?

Spezielle Selbsthilfegruppen nur für das Charles-Bonnet-Syndrom gibt es im deutschsprachigen Raum kaum. Ansprechpartner sind die Blinden- und Sehbehindertenverbände in Deutschland und Österreich, Selbsthilfeorganisationen für Makula- und Netzhauterkrankungen sowie das Patientenportal AMD-Netz, das einen Patiententext zum Syndrom auf Deutsch anbietet. Dort finden Betroffene Beratung zu Hilfsmitteln, Gesprächsgruppen und Menschen, die Ähnliches erleben.

Im englischsprachigen Raum gibt es eigene Hilfetelefone und Gesprächsgruppen für Betroffene und Angehörige. Der Austausch mit anderen wird von vielen als sehr entlastend beschrieben.

8 Wann sofort zum Arzt?

In diesem Kapitel (5)

Das Charles-Bonnet-Syndrom selbst ist kein Notfall. Neue Bilder sollten aber immer ärztlich angesehen werden, weil hinter ähnlichen Erscheinungen ernste Erkrankungen stecken können. Entscheidend sind die Begleitzeichen.

Sofort Notruf (112 in Deutschland und Österreich, in Österreich auch 144)

Rufen Sie sofort den Notruf, wenn zu den Bildern Zeichen eines Schlaganfalls oder eines schweren akuten Zustands kommen:

  • plötzliche Lähmung oder Taubheit einer Körperseite, hängender Mundwinkel
  • plötzliche Sprach- oder Sprechstörung
  • plötzlicher Ausfall des halben Gesichtsfelds oder plötzliche Blindheit
  • heftigster, ungewohnter Kopfschmerz
  • plötzliche Verwirrtheit, starke Unruhe oder Schläfrigkeit, Desorientierung (mögliches Delir)
  • Bilder zusammen mit hohem Fieber, Bewusstseinsstörung oder Krampfanfall

Noch am selben Tag zur Augenärztin oder zum Augenarzt

Am selben Tag gehören Sie in augenärztliche Hände bei neuen Lichtblitzen, einem plötzlichen Rußregen, einem Schatten oder Vorhang im Blickfeld oder einer raschen Sehverschlechterung. Das sind mögliche Zeichen einer Netzhautablösung oder eines Gefäßverschlusses. Bei Menschen über 50 mit plötzlichem Sehverlust, Schläfenkopfschmerz und Kauschmerzen ist auch an eine Riesenzellarteriitis zu denken. Weitere Warnzeichen finden Sie auf der Seite Notfall am Auge.

Innerhalb weniger Tage ärztlich abklären

Innerhalb weniger Tage sollten Sie Ihre Hausärztin oder Ihren Hausarzt aufsuchen, wenn:

  • zum ersten Mal Bilder auftreten, auch wenn Sie selbst ein Charles-Bonnet-Syndrom vermuten
  • Bilder nach Beginn oder Änderung eines Medikaments auftreten
  • Bilder nach langer Pause plötzlich wiederkehren oder deutlich zunehmen
  • Sie auch Stimmen hören, Dinge riechen oder spüren, die nicht da sind
  • Sie die Bilder für echt halten oder Angehörige das so erleben
  • neue Gedächtnisprobleme, Zittern oder Steifigkeit dazukommen
  • Sie an Parkinson erkrankt sind und neue Bilder bemerken

Bei starker seelischer Belastung

Holen Sie zeitnah Hilfe, wenn die Bilder Sie stark ängstigen, den Schlaf rauben oder Sie sich zurückziehen. Bei Gedanken, nicht mehr leben zu wollen, wenden Sie sich sofort an eine Ärztin, einen Arzt, den Notruf oder die Telefonseelsorge (in Deutschland 0800 111 0 111, in Österreich 142).

Beim nächsten regulären Termin

Kennen Sie Ihre Bilder bereits, sind sie unverändert und gut einzuordnen, reicht es, sie beim nächsten Termin in der Augenarztpraxis anzusprechen. Fragen Sie dabei auch nach Sehhilfen und einer Low-Vision-Beratung.

9 Häufige Fragen

Ich sehe Menschen und Tiere, die nicht da sind – werde ich verrückt?

Nein. Wenn Sie stark sehbehindert sind, sonst klar denken und wissen, dass die Bilder nicht echt sind, steckt sehr wahrscheinlich das Charles-Bonnet-Syndrom dahinter. Es ist eine bekannte Reaktion des Gehirns auf fehlende Seheindrücke und keine psychische Krankheit. Lassen Sie neue Bilder trotzdem einmal ärztlich abklären, um andere Ursachen auszuschließen.

Ist das Charles-Bonnet-Syndrom ein Zeichen von Demenz?

Nein, das Syndrom an sich ist kein Zeichen von Demenz. Gedächtnis und Orientierung bleiben erhalten. Bei einem kleinen Teil der Menschen mit Bildern kann aber gleichzeitig eine beginnende Demenz bestehen, vor allem eine Lewy-Körper-Demenz. Deshalb sollten neue Gedächtnisprobleme, Verwirrtheit oder Bewegungsstörungen immer ärztlich angesehen werden.

Wie häufig ist das Charles-Bonnet-Syndrom?

Nach einer Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2022 hat etwa jeder Fünfte mit stärkerer Sehbehinderung solche Bilder. Einzelne Studien nennen Werte von unter einem bis rund 40 Prozent, je nach untersuchter Gruppe und Fragemethode. Die tatsächliche Zahl ist vermutlich höher, weil viele aus Scham schweigen.

Warum sehe ich so klare Bilder, obwohl ich kaum noch etwas sehe?

Die Bilder entstehen nicht im Auge, sondern im Gehirn. Weil die Sehrinde kaum noch Signale von der Netzhaut bekommt, wird sie überempfindlich und erzeugt aus gespeicherten Mustern eigene Bilder. Deshalb können sie viel schärfer und farbiger sein als das, was Sie mit den Augen tatsächlich noch erkennen.

Gehen die Bilder beim Charles-Bonnet-Syndrom wieder weg?

Bei vielen werden die Bilder nach etwa 12 bis 18 Monaten seltener oder verschwinden ganz. Bei manchen bleiben sie über Jahre, und vorhersagen lässt sich das im Einzelfall nicht. Verbessert sich das Sehen, etwa durch eine Staroperation, können die Bilder ebenfalls nachlassen.

Was hilft sofort, wenn ein Bild auftaucht?

Schalten Sie das Licht ein oder ändern Sie die Helligkeit, schließen Sie kurz die Augen oder blinzeln Sie. Viele profitieren davon, bei ruhigem Kopf 15- bis 30-mal nach links und rechts zu blicken. Auch Aufstehen, den Raum wechseln, Radio einschalten oder nach dem Bild greifen kann helfen.

Gibt es Tabletten gegen das Charles-Bonnet-Syndrom?

Es gibt kein zugelassenes und kein nachweislich wirksames Medikament. Einzelne Berichte beschreiben eine Besserung mit Mitteln gegen Krampfanfälle oder bestimmten Antidepressiva. Medikamente kommen nur bei starker Belastung in Frage, wenn alle anderen Maßnahmen nicht reichen, und erfordern eine sorgfältige ärztliche Abwägung.

Hilft eine Grauer-Star-Operation gegen die Bilder?

Sie kann helfen, wenn ein Grauer Star wesentlich zum Sehverlust beiträgt. Bei manchen Betroffenen sind die Bilder nach der Operation ganz verschwunden. Garantiert ist das nicht, und kurz nach einem Eingriff können die Bilder vorübergehend sogar zunehmen.

Soll ich meinem Augenarzt von den Bildern erzählen?

Ja, unbedingt. Ihre Augenärztin oder Ihr Augenarzt kennt das Phänomen, kann Sie beruhigen und prüfen, ob sich das Sehen noch verbessern lässt. Erzählen Sie auch Ihrer Hausärztin oder Ihrem Hausarzt davon, damit Medikamente und andere Ursachen überprüft werden.

Mein Vater spricht mit Leuten, die nicht da sind – was soll ich tun?

Bleiben Sie ruhig und fragen Sie, was er sieht und ob er weiß, dass es nicht echt ist. Stellen Sie sachlich richtig, ohne zu streiten, und erklären Sie, dass solche Bilder bei schlechtem Sehen vorkommen. Begleiten Sie ihn zur Abklärung beim Haus- und Augenarzt, und holen Sie sofort Hilfe, wenn er verwirrt, fiebrig oder plötzlich verändert wirkt.

Hört man beim Charles-Bonnet-Syndrom auch Stimmen?

Nein. Das Syndrom betrifft nur das Sehen; die gesehenen Personen sind stumm. Wer Stimmen hört, Dinge riecht oder Berührungen spürt, die nicht da sind, sollte das ärztlich abklären lassen. Nur bei zusätzlicher starker Schwerhörigkeit wird gelegentlich Musik gehört, die ebenfalls als unwirklich erkannt wird.

Können auch jüngere Menschen oder Kinder ein Charles-Bonnet-Syndrom bekommen?

Ja, das ist aber selten. Entscheidend ist ein schwerer Sehverlust, nicht das Alter, etwa durch erbliche Netzhauterkrankungen oder Erkrankungen des Sehnervs. Kinder haben oft große Angst, für verrückt gehalten zu werden, deshalb sollten Eltern ruhig nachfragen und die Bilder beim Augenarzt ansprechen.

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Quellen

Dieser Artikel wurde aus Fachquellen in 4 Sprachen recherchiert (Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch) und auf Deutsch zusammengefasst.

Alle 25 Quellen anzeigen
  1. Charles-Bonnet-Syndrom (CBS) – deutsche Übersetzung eines Patiententexts der RANZCO – AMD-Netz (DE)
  2. Seh-Trugwahrnehmungen ohne Geistesstörung – Charles-Bonnet-Syndrom (Prof. Dr. Volker Faust) – Arbeitsgemeinschaft Psychosoziale Gesundheit (DE)
  3. Charles-Bonnet-Syndrom – Springer Medizin (Der Ophthalmologe) (DE)
  4. Charles-Bonnet-Syndrom: Symptome und Behandlung (Fachinformation) – Patient Platform (de.patient.info) (DE)
  5. Charles Bonnet Syndrom – DocCheck Flexikon (DE)
  6. Klinische Monatsblätter für Augenheilkunde 1992; 200(3): 224–227 – Thieme (DE)
  7. Charles Bonnet syndrome – NHS (EN)
  8. Charles Bonnet Syndrome – EyeWiki (American Academy of Ophthalmology) (EN)
  9. Eyes – Charles Bonnet syndrome – Better Health Channel, State Government of Victoria (EN)
  10. Prevalence of Charles Bonnet syndrome in low vision: a systematic review and meta-analysis – Annals of Eye Science (EN)
  11. Filling in the Blind Spot: Integrating Charles Bonnet Syndrome Screening into Eye Care – Clinical Ophthalmology (Dove Medical Press) (EN)
  12. What is Charles Bonnet Syndrome? – Glaucoma Research Foundation (EN)
  13. Charles Bonnet syndrome: visual loss and hallucinations – CMAJ (EN)
  14. Charles Bonnet syndrome: a review – PubMed (EN)
  15. Hallucinations et illusions visuelles – Syndrome de Charles Bonnet (Rapport SFO 2021, chapitre 11) – Société française d'ophtalmologie (FR)
  16. Hallucinations et illusions visuelles (Rapport SFO) – Elsevier Masson / SFO (FR)
  17. Comorbidités psychiatriques et psychologiques du syndrome de Charles-Bonnet typique et atypique – L'Encéphale (EM consulte) (FR)
  18. Hallucinoses et hallucinations visuelles – EMC Ophtalmologie (EM consulte) (FR)
  19. Adaptation au scotome central. Partie III – Journal Français d'Ophtalmologie (EM consulte) (FR)
  20. Alucinaciones visuales: síndrome de Charles Bonnet – Ciencia y Tecnología para la Salud Visual y Ocular, Universidad de La Salle (ES)
  21. Síndrome de Charles Bonnet: las alucinaciones no psiquiátricas – Revista Española de Geriatría y Gerontología (ES)
  22. Síndrome de Charles Bonnet: exposición de un caso y breve revisión – Actas Españolas de Psiquiatría (ES)
  23. Síndrome de Charles Bonnet en cuatro casos con atrofia óptica – Revista Cubana de Oftalmología (ES)
  24. Síndrome de Charles Bonnet. Reporte de caso y revisión del tema – Mediciego (ES)
  25. Síndrome de Charles Bonnet: Reporte de caso y revisión bibliográfica – Neuroeje (ES)

Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche Beratung. Wenn Sie Beschwerden haben, lassen Sie sich von einer Augenärztin oder einem Augenarzt untersuchen. Mehr zum Haftungsausschluss