Allgemeinerkrankungen und Auge
Gesichtsfeldausfall nach Schlaganfall (Homonyme Hemianopsie)
Bei der homonymen Hemianopsie fehlt in beiden Augen dieselbe Hälfte des Gesichtsfelds, weil die Sehbahn im Gehirn geschädigt ist, meist durch einen Schlaganfall. Tritt der Ausfall plötzlich auf, ist das ein Notfall: Rufen Sie sofort 112 (in Österreich 144).
1 Kurzübersicht
In diesem Kapitel (7)
Was ist eine homonyme Hemianopsie?
Eine homonyme Hemianopsie ist ein Gesichtsfeldausfall, bei dem in beiden Augen dieselbe Seite fehlt, also zum Beispiel die rechte Hälfte des Sehens im rechten und im linken Auge. Das Gesichtsfeld ist der gesamte Bereich, den man sieht, ohne die Augen zu bewegen. „Homonym“ heißt gleichnamig oder gleichseitig, „Hemianopsie“ bedeutet Halbseitenblindheit.
Die Augen selbst sind dabei meist völlig gesund. Geschädigt ist die Sehbahn im Gehirn, also die Nervenverbindung, die die Bildinformation von den Augen zur Sehrinde im Hinterkopf leitet. Der Schaden liegt hinter der Sehnervenkreuzung (Chiasma opticum).
Warum fällt in beiden Augen dieselbe Seite aus?
Weil jede Hirnhälfte die gegenüberliegende Hälfte der Welt sieht, und zwar mit beiden Augen. Die Nervenfasern beider Augen werden an der Sehnervenkreuzung so sortiert, dass die linke Hirnhälfte die rechte Bildhälfte beider Augen verarbeitet und die rechte Hirnhälfte die linke.
Ein Schlaganfall in der linken Hirnhälfte führt deshalb zu einem Ausfall rechts, ein Schlaganfall rechts zu einem Ausfall links. Das erklärt, warum Abdecken eines Auges nichts am Problem ändert.
Wie häufig ist ein Gesichtsfeldausfall nach Schlaganfall?
Gesichtsfeldausfälle gehören zu den häufigsten Sehfolgen eines Schlaganfalls. Ein großer Cochrane-Review (eine systematische Auswertung aller guten Studien) nennt 20 bis 57 Prozent der Schlaganfallpatienten mit Gesichtsfeldstörungen. In der Akutphase haben etwa 30 Prozent eine homonyme Hemianopsie.
Dauerhaft bleibt der Ausfall bei deutlich weniger Menschen bestehen; je nach Studie liegt der Anteil zwischen etwa 8 und 26 Prozent. Ausfälle werden zudem oft übersehen, weil Betroffene sie unbewusst ausgleichen oder weil sie nicht gezielt geprüft werden.
Welche Formen gibt es?
Der Ausfall kann eine ganze Hälfte, ein Viertel oder nur Teile davon betreffen.
| Form | Was fehlt? | Typischer Ort des Schadens |
|---|---|---|
| Komplette homonyme Hemianopsie | die ganze rechte oder linke Hälfte in beiden Augen | Sehbahn oder Sehrinde einer Hirnhälfte |
| Quadrantenanopsie (Viertelausfall) | nur das obere oder untere Viertel einer Seite | Sehstrahlung im Schläfen- oder Scheitellappen, Teile der Sehrinde |
| Inkomplette Hemianopsie | Teile einer Hälfte, mit erhaltenen Inseln | Teilschaden der Sehbahn |
| Homonyme Skotome | kleinere blinde Flecken auf derselben Seite beider Augen | kleiner Schaden in der Sehrinde |
| Beidseitiger Ausfall, kortikale Blindheit | beide Hälften, sehr selten | Schaden in beiden Hinterhauptslappen |
Ärztinnen und Ärzte unterscheiden außerdem kongruente Ausfälle, die in beiden Augen gleich geformt sind, von inkongruenten, die sich unterscheiden. Kongruente Ausfälle sprechen eher für einen Schaden im Hinterhauptslappen, inkongruente eher für einen Schaden weiter vorne in der Sehbahn.
Was ist die „Makulaaussparung“?
Bei Schlaganfällen im Hinterhauptslappen bleibt oft ein kleiner Bereich um den Blickpunkt erhalten, meist die zentralen 2 bis 10 Grad. Das nennt man Makulaaussparung. Wer sie hat, sieht in der Mitte scharf und kann oft besser lesen als jemand, bei dem der Ausfall genau durch die Blickmitte verläuft.
Wie unterscheidet sich die homonyme von anderen Hemianopsien?
Bei der heteronymen Hemianopsie fallen in beiden Augen gegenüberliegende Hälften aus, meist die äußeren. Sie entsteht an der Sehnervenkreuzung selbst, zum Beispiel durch einen Tumor der Hirnanhangsdrüse (Hypophyse), und hat mit einem Schlaganfall in der Regel nichts zu tun. Die homonyme Form ist mit Abstand die häufigste.
Was bedeutet das für den Alltag?
Die Sehschärfe ist meist normal, trotzdem ist der Alltag oft stark eingeschränkt. Lesen, Gehen in Menschenmengen, Straßenüberqueren, Kochen, Computerarbeit und Autofahren werden schwieriger. Viele Betroffene verlieren an Selbstständigkeit, und das Risiko für Niedergeschlagenheit und Depression steigt.
Die gute Nachricht: Ein Teil des Ausfalls bildet sich in den ersten Wochen oft zurück, und mit gezieltem Training lernen viele, den verbliebenen Ausfall mit Blickbewegungen besser auszugleichen.
2 Symptome
In diesem Kapitel (16)
- Woran merkt man einen Gesichtsfeldausfall nach Schlaganfall?
- Wie fühlt sich der Ausfall an?
- Warum glauben viele, nur ein Auge sei schuld?
- Wie beginnt der Ausfall beim Schlaganfall?
- Welche Probleme gibt es beim Gehen und Orientieren?
- Warum ist Lesen so schwierig?
- Was fällt beim Essen, im Haushalt und am Schreibtisch auf?
- Welche Probleme gibt es beim Autofahren und Radfahren?
- Sieht man im blinden Feld manchmal Dinge, die nicht da sind?
- Was ist „Blindsight“?
- Was ist ein Neglect und wie unterscheidet er sich?
- Welche Zeichen kommen je nach Ort des Schlaganfalls hinzu?
- Wie wirkt sich der Ausfall auf Stimmung und Selbstständigkeit aus?
- Was bemerken Angehörige?
- Gibt es Besonderheiten bei älteren Menschen?
- Gibt es Besonderheiten bei Kindern?
Woran merkt man einen Gesichtsfeldausfall nach Schlaganfall?
Man übersieht Dinge und Menschen auf einer Seite, stößt dort an und verliert beim Lesen die Zeile, obwohl man in der Mitte scharf sieht. Das Hauptzeichen ist also nicht „schlechtes Sehen“, sondern ein fehlender Teil der Welt. Die Beschwerden betreffen immer dieselbe Seite und bleiben gleich, egal mit welchem Auge man schaut.
Wie fühlt sich der Ausfall an?
Die fehlende Hälfte wirkt meist nicht wie eine schwarze oder graue Fläche; sie ist einfach nicht da. Das Gehirn setzt das Gesehene über die Grenze hinweg fort und füllt die Lücke auf. Deshalb bemerken viele Betroffene den Ausfall erst spät oder unterschätzen ihn.
Wer es nachempfinden möchte: Halten Sie den Körper gerade, drehen Sie Kopf und Augen so weit wie möglich zu einer Seite und gehen Sie so durch einen unbekannten Raum. Sie werden an Dinge auf der anderen Seite stoßen, ohne sie vorher bemerkt zu haben.
Warum glauben viele, nur ein Auge sei schuld?
Weil der Ausfall auf der Seite liegt, auf der auch ein Auge sitzt. Wer rechts nichts sieht, hält oft das rechte Auge für krank. Erst wenn jedes Auge einzeln geprüft wird, zeigt sich, dass beiden Augen die rechte Hälfte fehlt. Dieser Irrtum ist häufig. Deshalb prüfen Augenärztinnen und Augenärzte bei solchen Beschwerden jedes Auge einzeln.
Wie beginnt der Ausfall beim Schlaganfall?
Beim Schlaganfall setzt der Ausfall plötzlich ein, oft innerhalb von Sekunden oder Minuten. Manche merken es beim Lesen, weil eine Bildhälfte verschwindet, andere beim Autofahren, weil Fahrzeuge „aus dem Nichts“ auftauchen. Häufig fällt es zuerst Angehörigen auf, dass jemand auf einer Seite nicht reagiert.
Nicht selten kommen weitere Schlaganfallzeichen hinzu: Lähmung oder Taubheit einer Körperseite, Sprach- oder Sprechstörung, Schwindel, Gangunsicherheit, Doppelbilder oder plötzlicher heftiger Kopfschmerz. Ein Gesichtsfeldausfall kann aber auch das einzige Zeichen sein, vor allem bei Schlaganfällen im hinteren Hirnkreislauf.
Welche Probleme gibt es beim Gehen und Orientieren?
Betroffene stoßen an Türrahmen, Möbel und Menschen auf der blinden Seite und finden sich vor allem in fremder Umgebung schlechter zurecht. Orientierungsprobleme in wenig vertrauter Umgebung gelten als eines der bekanntesten Zeichen.
- Anrempeln von Passanten, Stolpern über Gegenstände am Boden auf der blinden Seite
- Unsicherheit in Menschenmengen, in Supermärkten, an Bahnhöfen
- Erschrecken, wenn plötzlich jemand von der Seite auftaucht
- Gefahr beim Überqueren von Straßen, weil Fahrzeuge von der Ausfallseite spät gesehen werden
- höheres Sturzrisiko, vor allem bei gleichzeitiger Gangunsicherheit nach dem Schlaganfall
Betroffene machen zwar mehr Blickbewegungen zur blinden Seite, diese sind aber oft zu klein und ungenau. Die Suche dauert dadurch deutlich länger, und manches wird trotzdem übersehen.
Warum ist Lesen so schwierig?
Lesen erfordert, dass man ein Stück voraus und den Anfang der nächsten Zeile sieht; genau das nimmt der Ausfall weg. Fachleute sprechen von hemianoptischer Lesestörung (hemianoptische Alexie). Viele Betroffene empfinden sie als die belastendste Folge.
Ausfall auf der rechten Seite
Wer von links nach rechts liest und rechts nichts sieht, hat es beim Lesen meist am schwersten. Die Vorschau auf das nächste Wort fehlt, die Augen machen viele kleine Sprünge, manchmal nur innerhalb eines Wortes. Lesen wird langsam, stockend und ermüdend, mit vielen Rücksprüngen.
Ausfall auf der linken Seite
Bei einem Ausfall links ist es schwierig, nach dem Zeilenende den Anfang der nächsten Zeile zu finden. Betroffene rutschen in die falsche Zeile oder lassen Wortanfänge aus. Der Text an sich bleibt lesbar, solange man ihn findet.
Sind die zentralen 3 bis 5 Grad um den Blickpunkt erhalten, gelingt das Lesen oft noch recht gut. Verläuft der Ausfall genau durch die Mitte, ist die Lesestörung meist ausgeprägter.
Was fällt beim Essen, im Haushalt und am Schreibtisch auf?
Typisch ist, dass Dinge auf der blinden Seite einfach liegen bleiben. Manche essen nur eine Hälfte des Tellers leer, übersehen Glas oder Besteck auf einer Seite oder finden Gegenstände auf dem Schreibtisch nicht.
- Kochen und Hantieren am Herd werden unsicher
- Am Bildschirm fehlen Menüs, Symbole oder der Mauszeiger auf einer Seite
- Beim Schreiben laufen Zeilen schräg oder Wörter werden ausgelassen
- Beim Einkaufen werden Regale auf einer Seite übersehen
Welche Probleme gibt es beim Autofahren und Radfahren?
Im Verkehr ist der Ausfall besonders gefährlich, weil Fahrzeuge, Radfahrer und Fußgänger auf der blinden Seite zu spät oder gar nicht wahrgenommen werden. Kritisch sind Spurwechsel, Abbiegen, Kreuzungen und Hindernisse am Fahrbahnrand. In Fahrsimulator-Studien erkannten manche Fahrer mit Hemianopsie Fußgänger auf der blinden Seite in weniger als der Hälfte der Fälle; bei Fahrproben hatten rund 41 Prozent Probleme, die Spur zu halten.
Auch Radfahren ist oft nicht mehr sicher möglich. Wie die Regeln zum Autofahren in Deutschland und Österreich aussehen, steht im Abschnitt zur Behandlung.
Sieht man im blinden Feld manchmal Dinge, die nicht da sind?
Ja, Lichtblitze, Muster oder sogar ganze Bilder im blinden Bereich kommen bei Hemianopsie vor und sind kein Zeichen einer psychischen Erkrankung. Sie treten vor allem nach plötzlichem Beginn auf, also nach einem Schlaganfall. Fachleute unterscheiden einfache Erscheinungen (Lichter, Flecken, geometrische Formen) von komplexen (erkennbare Gegenstände, Gesichter, Tiere).
Eine Besonderheit sind gespiegelte Bilder: Bewegt man den Arm im gesunden Feld, „sieht“ man manchmal einen zweiten Arm im blinden Feld, der die Bewegung nachmacht. Nach einem Schlaganfall verschwinden solche Erscheinungen meist nach einigen Wochen, sie können aber anhalten. Verwandt ist das Charles-Bonnet-Syndrom, bei dem Menschen mit Sehverlust ebenfalls Trugbilder sehen.
Viele Betroffene sprechen aus Scham nicht darüber. Erzählen Sie Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt davon; schon die Erklärung entlastet oft. Bei anhaltenden Bildern berichten manche, dass es hilft, direkt zu der Stelle hinzuschauen.
Was ist „Blindsight“?
Manche Menschen reagieren auf Reize im blinden Feld, ohne sie bewusst zu sehen. Sie können etwa Bewegung, Kontrast oder Farbe erraten, obwohl sie angeben, dort nichts wahrzunehmen. Dieses „Blindsehen“ zeigt, dass Nebenwege der Sehbahn noch Informationen verarbeiten. Im Alltag nützt es meist wenig, ist aber Ansatzpunkt mancher Trainingsverfahren.
Was ist ein Neglect und wie unterscheidet er sich?
Ein Neglect ist keine Sehstörung, sondern eine Aufmerksamkeitsstörung: Das Gehirn beachtet eine Raumseite nicht, obwohl die Sehbahn funktioniert. Betroffene wenden Kopf und Augen nicht zur vernachlässigten Seite, oft auch nicht auf Aufforderung, und sie bemerken ihr Problem häufig selbst nicht. Ein Neglect entsteht meist bei Schäden im Scheitellappen der rechten Hirnhälfte und betrifft dann die linke Seite.
| Merkmal | Homonyme Hemianopsie | Neglect |
|---|---|---|
| Was ist gestört? | Sehbahn oder Sehrinde | Aufmerksamkeit für eine Raumseite |
| Bewusstsein für das Problem | meist vorhanden, mit der Zeit zunehmend | oft fehlend |
| Ausgleich durch Blickbewegung | möglich und trainierbar | erschwert, Blick bleibt auf der gesunden Seite |
| Betrifft auch Hören und Tasten | nein | häufig ja |
| Bedeutung fürs Autofahren | abhängig von Ausmaß und Ausgleich | schließt das Fahren in der Regel aus |
Beides kann gleichzeitig vorliegen, was die Rehabilitation schwieriger macht. Deshalb sollte bei Verdacht auf einen Neglect immer auch das Gesichtsfeld genau geprüft werden; die deutsche Leitlinie zum Neglect behandelt diese Abgrenzung.
Welche Zeichen kommen je nach Ort des Schlaganfalls hinzu?
Welche Begleitzeichen auftreten, hängt davon ab, welcher Teil des Gehirns geschädigt ist.
- Hinterhauptslappen: oft nur der Gesichtsfeldausfall, häufig mit erhaltener Mitte
- Schläfenlappen: eher Ausfall oben, dazu Gedächtnisstörungen oder Krampfanfälle möglich
- Scheitellappen: eher Ausfall unten, dazu Gefühlsstörungen, Sprachstörungen (Aphasie), Schwierigkeiten bei Handlungsabläufen (Apraxie) oder Neglect
- Tiefere Hirnregionen: häufig zusätzlich Lähmung oder Gefühlsstörung einer Körperseite
Wie wirkt sich der Ausfall auf Stimmung und Selbstständigkeit aus?
Ein Gesichtsfeldausfall belastet oft stärker, als man von außen vermutet. Viele Betroffene ziehen sich zurück, meiden fremde Orte, geben Hobbys, Sport oder den Beruf zeitweise oder dauerhaft auf. Studien zeigen ein höheres Risiko für Depression und Angst sowie eine geringere Chance, nach der Klinik direkt wieder nach Hause entlassen zu werden.
Manche Beschwerden bestehen noch Jahre nach dem Schlaganfall. Häufig kommt Erschöpfung hinzu, weil das ständige Absuchen der Umgebung anstrengt.
Was bemerken Angehörige?
Angehörigen fällt oft als Erstes auf, dass etwas nicht stimmt.
- Die betroffene Person reagiert nicht, wenn man sie von einer Seite anspricht oder ihr etwas reicht
- Sie stößt immer auf derselben Seite an Türrahmen oder Möbel
- Essen bleibt auf einer Tellerhälfte liegen
- Lesen dauert sehr lange, Zeitung oder Handy werden weggelegt
- Unsicherheit und Angst in Menschenmengen oder auf der Straße
- Sie sagt, ein Auge sei „schlechter geworden“
Hilfreich ist, solche Beobachtungen ruhig anzusprechen und den Behandelnden mitzuteilen. Besonders wichtig sind sie, wenn ein Neglect vorliegt, weil die betroffene Person ihr Problem dann selbst nicht wahrnimmt.
Gibt es Besonderheiten bei älteren Menschen?
Bei älteren Menschen kommen oft weitere Probleme hinzu, die den Ausfall verstärken. Dazu gehören Gangunsicherheit, Gedächtnisprobleme oder andere Augenerkrankungen wie Grauer oder Grüner Star. Das Sturzrisiko ist dann besonders hoch, und das Training muss an Kraft und Belastbarkeit angepasst werden.
Gibt es Besonderheiten bei Kindern?
Bei Kindern und Jugendlichen ist ein Schlaganfall als Ursache seltener. Häufiger stecken Hirntumoren, Hirnverletzungen oder Blutungen dahinter. Kinder klagen oft nicht über den Ausfall, sondern fallen durch Ungeschicklichkeit, Leseschwierigkeiten oder Anstoßen auf einer Seite auf.
3 Ursachen und Risikofaktoren
In diesem Kapitel (7)
Was ist die häufigste Ursache?
Die häufigste Ursache einer homonymen Hemianopsie bei Erwachsenen ist ein Schlaganfall, je nach Studie bei etwa 50 bis 70 Prozent. Meist handelt es sich um einen Hirninfarkt, also eine Durchblutungsstörung durch ein verschlossenes Gefäß; seltener um eine Hirnblutung.
Besonders oft betroffen ist das Versorgungsgebiet der hinteren Hirnarterie (Arteria cerebri posterior), die den Hinterhauptslappen mit der Sehrinde versorgt. Aber auch Infarkte der mittleren Hirnarterie können die Sehstrahlung treffen; dann bestehen meist zusätzlich Lähmungen oder Gefühlsstörungen.
Wo genau sitzt der Schaden?
Der Schaden liegt irgendwo auf der Sehbahn hinter der Sehnervenkreuzung. Diese Strecke führt vom Sehtrakt (Tractus opticus) über eine Umschaltstation im Zwischenhirn (seitlicher Kniehöcker im Thalamus) und die Sehstrahlung durch Schläfen- und Scheitellappen bis zur Sehrinde im Hinterhauptslappen.
In einer großen Übersicht lag der Schaden bei isolierten Ausfällen in etwa 45 Prozent im Hinterhauptslappen und in etwa einem Drittel in der Sehstrahlung. Schäden des Sehtrakts selbst sind seltener; sie hinterlassen oft ungleich geformte Ausfälle und manchmal eine leichte Pupillenstörung.
Welche anderen Ursachen gibt es?
Neben dem Schlaganfall kommen mehrere andere Hirnerkrankungen infrage.
- Schädel-Hirn-Verletzungen (etwa 14 Prozent bei Erwachsenen)
- Hirntumoren (etwa 11 Prozent)
- Hirnoperationen, zum Beispiel bei Epilepsie oder Tumoren
- Entzündliche und Entmarkungskrankheiten wie Multiple Sklerose
- Selten Infektionen oder andere Ursachen
Bei Kindern stehen Tumoren und Verletzungen vorne, Infarkte und Blutungen folgen. Wie gut sich das Gesichtsfeld erholt, hängt auch von der Ursache ab: Nach einer Entzündung oder Tumorentfernung sind die Chancen oft besser als nach einem Schlaganfall.
Was führt zum Schlaganfall im hinteren Hirnkreislauf?
Häufig ist ein verschlepptes Blutgerinnsel (Embolie), das aus dem Herz oder aus verkalkten Gefäßen stammt. Eine wichtige Quelle ist Vorhofflimmern, eine Herzrhythmusstörung, bei der sich im Herzen Gerinnsel bilden können. Andere Ursachen sind Verkalkung und Verengung der Hirngefäße oder, vor allem bei Jüngeren, ein Einriss in der Wand einer Halsarterie (Dissektion), im hinteren Kreislauf meist der Wirbelarterie.
Welche Risikofaktoren gibt es?
Die Risikofaktoren sind die eines Schlaganfalls allgemein. Für die Hemianopsie selbst gibt es keine eigenen.
- Bluthochdruck, der wichtigste beeinflussbare Faktor
- Vorhofflimmern und andere Herzerkrankungen
- Diabetes mellitus
- Erhöhte Blutfette
- Rauchen
- Bewegungsmangel und Übergewicht
- Höheres Alter und frühere Schlaganfälle oder vorübergehende Durchblutungsstörungen (TIA)
Ist der Gesichtsfeldausfall vererbbar oder ansteckend?
Nein. Der Ausfall ist die Folge eines Hirnschadens und weder erblich noch ansteckend. Vererbt werden können allenfalls Neigungen zu Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörungen oder Gerinnungsstörungen, die das Schlaganfallrisiko erhöhen.
Welche Gesichtsfeldausfälle kommen nicht vom Gehirn?
Viele Gesichtsfeldausfälle entstehen im Auge oder am Sehnerv und betreffen dann meist nur ein Auge oder sind in beiden Augen verschieden. Beispiele sind der Grüne Star, Netzhauterkrankungen, eine Netzhautablösung oder eine Durchblutungsstörung des Sehnervs. Die homonyme Hemianopsie unterscheidet sich davon durch die streng gleiche Seite in beiden Augen und die scharfe Grenze an der senkrechten Mittellinie.
4 Diagnose
In diesem Kapitel (10)
- Wie wird ein Gesichtsfeldausfall festgestellt?
- Wie wird im Notfall untersucht?
- Was ist der Fingertest am Bett?
- Wie läuft eine Gesichtsfeldmessung ab?
- Warum wird jedes Auge einzeln geprüft?
- Was untersucht die Augenärztin oder der Augenarzt noch?
- Wie wird ein Neglect erkannt?
- Wie wird die Alltagsbeeinträchtigung erfasst?
- Was muss bei unklarer Ursache geklärt werden?
- Welche Erkrankungen müssen abgegrenzt werden?
Wie wird ein Gesichtsfeldausfall festgestellt?
Entscheidend ist die Gesichtsfeldmessung (Perimetrie), ergänzt durch eine vollständige Augenuntersuchung und eine Bildgebung des Gehirns. So lassen sich Art, Ausmaß und Ursache des Ausfalls klären. Beteiligt sind meist Augenheilkunde, Neurologie, Orthoptik und Neuropsychologie.
Wie wird im Notfall untersucht?
Bei plötzlichem Beginn steht die Schlaganfallabklärung an erster Stelle, die Gesichtsfeldmessung kommt später. In der Notaufnahme oder Stroke Unit wird das Gesichtsfeld zunächst grob am Bett geprüft, und es folgt sofort eine Bildgebung des Kopfes.
- Computertomografie (CT) oder Magnetresonanztomografie (MRT) des Kopfes, um Infarkt und Blutung zu unterscheiden
- Darstellung der Hals- und Hirngefäße (CT- oder MR-Angiografie)
- EKG und Herzüberwachung, unter anderem zur Suche nach Vorhofflimmern
- Blutuntersuchungen
Im MRT zeigt eine spezielle Sequenz (Diffusionswichtung) frische Infarkte schon nach kurzer Zeit. Auch wenn sich die Sehstörung rasch zurückbildet, kann das MRT einen kleinen Infarkt zeigen.
Was ist der Fingertest am Bett?
Beim Konfrontationstest sitzt die Ärztin oder der Arzt gegenüber und prüft mit bewegten Fingern oder einem kleinen roten Gegenstand, ob die Person Reize in allen Gesichtsfeldbereichen bemerkt. Jedes Auge wird dabei einzeln getestet, das andere abgedeckt. Der Test ist schnell, verpasst aber leichte Ausfälle; reines Fingerzählen übersieht sie in Studien fast immer. Er ersetzt deshalb keine Perimetrie.
Wie läuft eine Gesichtsfeldmessung ab?
Sie schauen in eine halbkugelförmige Schale auf einen festen Punkt in der Mitte und drücken einen Knopf, sobald Sie irgendwo einen Lichtpunkt bemerken. Das Gerät erstellt daraus eine Karte, wie empfindlich jeder Bereich des Gesichtsfelds ist. Die Messung dauert pro Auge einige Minuten und ist schmerzlos.
- Statische automatische Perimetrie: Lichtpunkte unterschiedlicher Helligkeit erscheinen an festen Stellen; sehr genau, vor allem für die mittleren 30 Grad
- Kinetische Perimetrie (zum Beispiel nach Goldmann): ein Lichtpunkt wird von außen nach innen bewegt; gut für das gesamte Gesichtsfeld und die Außengrenzen
- Beidäugige Messung: wichtig für die Frage der Fahreignung, weil dort das Gesichtsfeld beider Augen zusammen zählt
Für ein verlässliches Ergebnis muss man ruhig auf den Mittelpunkt schauen. Das Gerät kontrolliert die Blickrichtung. Nach einem Schlaganfall ist die Messung manchmal anstrengend; dann wird sie verkürzt oder wiederholt.
Warum wird jedes Auge einzeln geprüft?
Nur der Vergleich beider Augen zeigt, ob das Problem im Auge oder im Gehirn liegt. Fehlt in beiden Augen dieselbe Seite, liegt der Schaden hinter der Sehnervenkreuzung. Ist nur ein Auge betroffen, sitzt die Ursache im Auge oder am Sehnerv davor. Das Ausfallmuster verrät außerdem recht genau, wo im Gehirn der Schaden liegt.
Was untersucht die Augenärztin oder der Augenarzt noch?
Zur vollständigen Untersuchung gehören Sehschärfe, Pupillenreaktion, Augenbeweglichkeit, Augeninnendruck und die Spiegelung von Netzhaut und Sehnerv. Bei einer reinen Hemianopsie ist die Sehschärfe meist normal. Weitere Augenerkrankungen, etwa Grauer Star oder eine Makuladegeneration, sollten erkannt und behandelt werden, weil sie den Ausfall zusätzlich verschlechtern.
Liegt der Schaden im Sehtrakt, finden sich manchmal eine leichte Pupillenstörung und typische Veränderungen am Sehnerv. Eine optische Kohärenztomografie (OCT, ein Schichtbild der Netzhaut) kann dann einen Faserverlust zeigen.
Wie wird ein Neglect erkannt?
Ein Neglect wird mit neuropsychologischen Tests geprüft, meist durch Neuropsychologinnen und Neuropsychologen. Dazu gehören Durchstreichaufgaben, bei denen man zum Beispiel alle Glocken auf einem Blatt markiert, die Halbierung von Linien oder Fragebögen zum Verhalten im Alltag. In Rehabilitationskliniken kommen oft auch computergestützte Aufmerksamkeitstests zum Einsatz.
Wie wird die Alltagsbeeinträchtigung erfasst?
Neben den Messwerten zählt, wie gut jemand im Alltag zurechtkommt. Dafür gibt es Fragebögen zur Sehqualität im Alltag, Lesetests mit Messung der Lesegeschwindigkeit und Beobachtungen beim Gehen. Orthoptistinnen und Orthoptisten untersuchen die Augenbewegungen und die Suchstrategie.
Was muss bei unklarer Ursache geklärt werden?
Ist kein Schlaganfall bekannt, braucht jeder neue homonyme Ausfall eine Bildgebung des Gehirns, meist ein MRT. Dringend ist das bei neuen Kopfschmerzen, anderen neurologischen Ausfällen oder zunehmenden Beschwerden. Auch ein Tumor, eine Entzündung oder eine Blutung können dahinterstecken.
Welche Erkrankungen müssen abgegrenzt werden?
Mehrere Erkrankungen können ähnliche Beschwerden machen.
- Plötzlicher Sehverlust auf einem Auge: etwa ein Arterienverschluss der Netzhaut, ebenfalls ein Notfall
- Augenmigräne: vorübergehende, meist flimmernde Sehstörung, die sich über 5 bis 60 Minuten ausbreitet und wieder verschwindet (siehe Augenmigräne)
- Neglect: Aufmerksamkeitsstörung ohne Schaden der Sehbahn
- Heteronyme Hemianopsie: äußere Hälften fehlen, Ursache an der Sehnervenkreuzung
- Ausfälle durch Augenerkrankungen: Grüner Star, Netzhaut- oder Sehnervenerkrankungen, meist einseitig oder ungleich
- Kortikale Blindheit: sehr selten, beide Hinterhauptslappen betroffen
Wichtig: Eine Sehstörung, die zum ersten Mal auftritt und wie eine Migräne aussieht, darf nicht einfach als Migräne abgetan werden, solange ein Schlaganfall nicht ausgeschlossen ist.
5 Behandlung
In diesem Kapitel (14)
- Wie wird ein Gesichtsfeldausfall nach Schlaganfall behandelt?
- Was passiert in der Akutphase?
- Welche Ansätze gibt es in der Rehabilitation?
- Was ist Sakkadentraining oder Suchtraining?
- Wie läuft das Training im deutschsprachigen Raum?
- Wie früh sollte das Training beginnen?
- Wie wird das Lesen trainiert?
- Was leisten Prismenbrillen?
- Bringt ein Computertraining das Gesichtsfeld zurück?
- Welche neuen Verfahren werden erforscht?
- Welche Alltagshilfen gibt es?
- Darf man mit Hemianopsie Auto fahren?
- Welche Rolle spielt psychologische Unterstützung?
- Wer gehört zum Behandlungsteam?
Wie wird ein Gesichtsfeldausfall nach Schlaganfall behandelt?
Zuerst wird der Schlaganfall selbst behandelt, danach folgt eine Rehabilitation, die den Umgang mit dem Ausfall trainiert. Eine Behandlung, die das verlorene Gesichtsfeld sicher wiederherstellt, gibt es bisher nicht. Ziel ist, dass Betroffene den Ausfall mit Blick- und Kopfbewegungen so gut wie möglich ausgleichen und sicher im Alltag zurechtkommen.
Was passiert in der Akutphase?
In der Stroke Unit (spezialisierte Schlaganfallstation) wird versucht, möglichst viel Hirngewebe zu retten. Bei einem Hirninfarkt kann das Gerinnsel innerhalb weniger Stunden nach Beginn unter Umständen medikamentös aufgelöst (Thrombolyse) oder mit einem Katheter entfernt werden (Thrombektomie). Je früher, desto mehr Nervenzellen bleiben erhalten; deshalb zählt jede Minute.
Danach folgen die Suche nach der Ursache und die Vorbeugung eines weiteren Schlaganfalls, etwa mit Blutverdünnern, Blutdrucksenkung und Cholesterinsenkung.
Welche Ansätze gibt es in der Rehabilitation?
Fachleute unterscheiden drei Hauptansätze, dazu kommen Alltagsanpassungen.
| Ansatz | Prinzip | Stand der Forschung |
|---|---|---|
| Kompensation (Such- und Lesetraining) | verbleibendes Sehen besser nutzen durch gezielte Blick- und Kopfbewegungen | am besten untersucht; wahrscheinlich bessere Lebensqualität |
| Substitution (Prismen) | optische Hilfen verschieben Bildinhalte aus dem blinden in den sehenden Bereich | manchen hilft es, häufiger Kopfschmerzen, viele hören auf |
| Restitution (Wiederherstellungstraining) | wiederholte Reizung am Rand des Ausfalls soll das Gesichtsfeld vergrößern | umstritten, Nutzen nicht belegt |
Ein Cochrane-Review von 2019 hat 20 Studien mit 732 Teilnehmenden ausgewertet. Die Aussagekraft war insgesamt gering bis sehr gering, weil die Studien klein und uneinheitlich waren. Für keinen Ansatz ist ein großer Nutzen im Alltag sicher belegt; am ehesten profitieren Betroffene vom Suchtraining.
Was ist Sakkadentraining oder Suchtraining?
Beim kompensatorischen Training lernt man, mit großen, gezielten Blicksprüngen (Sakkaden) regelmäßig in die blinde Seite zu schauen, bis das zur Gewohnheit wird. Das Gesichtsfeld wird dadurch nicht größer, aber der Bereich, den man aktiv absucht. Der Suchbereich lässt sich so um bis zu etwa 30 Grad erweitern.
- Suchaufgaben am Bildschirm oder an einer Lichtwand: Zahlen, Buchstaben oder Lichter finden, oft auf Zeit
- Übungen mit wenigen großen statt vielen kleinen Blicksprüngen zur blinden Seite
- Systematisches Absuchen eines Raums, zum Beispiel immer im gleichen Muster
- Mobilitätsübungen im Gang, im Freien und im Straßenverkehr mit Begleitung
Im Cochrane-Review verbesserte das Suchtraining in zwei Studien die sehbezogene Lebensqualität um durchschnittlich rund 9 Punkte auf einer 100-Punkte-Skala. Nebenwirkungen traten nicht vermehrt auf. Kleine Studien zeigen schnellere Suchzeiten, die über Monate anhielten.
Wie läuft das Training im deutschsprachigen Raum?
Das Training wird meist in der neurologischen Rehabilitation begonnen und danach ambulant fortgesetzt. Zuständig sind vor allem Ergotherapie, Orthoptik und Neuropsychologie. In der Ergotherapie wird zum Beispiel das Ravensburger Visuelle Kompensationstraining eingesetzt, mit Such- und Augenübungen, Wortkarten und Übungsblättern, die man auch zu Hause machen kann.
Nicht jede Ergotherapiepraxis hat diesen Schwerpunkt; fragen Sie gezielt nach Erfahrung mit Gesichtsfeldausfällen. In Deutschland wird Ergotherapie ärztlich verordnet und von den Krankenkassen bezahlt, abgesehen von der gesetzlichen Zuzahlung. In Österreich ist Ergotherapie auf ärztliche Verordnung möglich; je nach Krankenversicherungsträger braucht es eine Bewilligung, oder es gibt einen Kostenzuschuss für Wahltherapeutinnen und Wahltherapeuten. Fragen Sie vorab bei Ihrer Kasse nach.
Wie früh sollte das Training beginnen?
So früh wie möglich, sobald der allgemeine Zustand es zulässt. Viele Betroffene entwickeln von selbst Ausgleichsstrategien, etwa den Kopf zu drehen; manche davon reichen nicht aus oder sind sogar ungünstig. Ein frühes, angeleitetes Training hilft, gute Gewohnheiten aufzubauen. Bis feine, schnelle Blicksprünge zur blinden Seite sitzen, kann es Monate dauern.
Wie wird das Lesen trainiert?
Lesetraining übt gezielt die Blicksprünge, die beim Lesen fehlen, oft mit Text, der sich über den Bildschirm bewegt. In Studien wurde das Lesen von normalem Text danach um bis zu etwa 46 Prozent schneller. Wichtig: Training wirkt aufgabenspezifisch. Lesetraining verbessert das Lesen, Suchtraining das Suchen; das eine ersetzt das andere nicht.
- Ausfall links: Zeilenanfang markieren, etwa mit einem farbigen Strich am linken Rand oder einem Lineal, und bewusst zurück zum Anfang springen
- Ausfall rechts: mit größeren Blicksprüngen nach rechts vorauslesen, Finger oder Lineal als Führung nutzen
- Text drehen: manche kommen besser zurecht, wenn sie das Blatt um 90 Grad drehen und senkrecht lesen; bei Ausfall rechts von oben nach unten, bei Ausfall links von unten nach oben
- Elektronische Hilfen: größere Schrift, kürzere Zeilen, Vorlesefunktion am Smartphone oder Computer
Was leisten Prismenbrillen?
Prismen sind spezielle Glasteile oder aufklebbare Folien, die Bildinhalte aus der blinden Seite in den sehenden Bereich verschieben. Sie vergrößern das Gesichtsfeld nicht wirklich, sondern machen auf Dinge aufmerksam, zu denen man dann hinschauen muss. Am verbreitetsten sind Prismen im oberen und unteren Teil des Brillenglases, sodass der Blick geradeaus frei bleibt.
- Aufklebbare Fresnel-Folien (bis 40 Prismendioptrien) erweitern den wahrnehmbaren Bereich um bis zu etwa 20 Grad; sie müssen alle 3 bis 4 Monate erneuert werden
- Fest eingearbeitete Prismen (bis 57 Prismendioptrien) erweitern um bis zu etwa 30 Grad
- Weitere Bauformen mit senkrechten Prismenstreifen oder mehreren Prismen werden in kleinen Studien erprobt
In Studien empfanden viele Träger die Prismen beim Gehen als hilfreich und wichen Hindernissen besser aus. Gleichzeitig traten Kopfschmerzen, Doppelbilder, Blendung, verschlechterte Sehschärfe, Probleme auf Treppen und Erschrecken durch plötzlich erscheinende Gegenstände häufiger auf. Nach einem Jahr trugen je nach Studie nur etwa 30 bis 50 Prozent die Prismen noch regelmäßig.
Der Cochrane-Review fand nur sehr schwache Hinweise auf eine bessere Suchfähigkeit und keine sicheren Vorteile für Alltag, Lesen, Stürze oder Lebensqualität. Prismen sind daher ein Versuch wert, wenn erfahrene Fachleute aus Augenoptik, Orthoptik oder Augenheilkunde sie sorgfältig anpassen und begleiten, aber kein Muss. Fürs Lesen eignen sie sich meist nicht.
Bringt ein Computertraining das Gesichtsfeld zurück?
Das ist nicht belegt. Beim restitutiven Training werden über Monate täglich Lichtreize am Rand des Ausfalls gezeigt, in der Hoffnung, geschädigte Bereiche wieder anzuregen. Frühe Studien berichteten Erweiterungen um einige Grad; unabhängige Nachmessungen mit genauer Blickkontrolle fanden aber oft keinen echten Zugewinn.
Eine kleine niederländische Studie mit 24 Personen deutet an, dass Training in der frühen Phase nach dem Schlaganfall zusätzlich zur Spontanerholung etwas bringen könnte; die Autoren selbst nennen die Ergebnisse vorläufig. Im Cochrane-Review reichte die Datenlage für keine Aussage. Fachgesellschaften raten zur Vorsicht bei teuren Programmen mit unbewiesener Wirkung; in den USA kostet ein solches Programm rund 6.000 US-Dollar. Oft verbessern solche Programme eher Aufmerksamkeit und Absuchen als das Sehen selbst.
Welche neuen Verfahren werden erforscht?
Mehrere Ansätze befinden sich noch im Versuchsstadium und sind keine Standardbehandlung.
- Training des blinden Feldes: nutzt unbewusste Reste der Wahrnehmung (Blindsight); kleine Studien, lange Trainingsdauer
- Multisensorisches Training: Licht- und Tonreize gleichzeitig, um die Aufmerksamkeit auf die blinde Seite zu lenken
- Schwache Hirnstimulation mit Strom: zum Beispiel eine französische Studie mit Wechselstromstimulation an der Pariser Universitätsklinik Pitié-Salpêtrière; veröffentlichte Ergebnisse sind bisher nicht bekannt
- Virtuelle Realität und Videospiele: eine spanische Übersicht zeigt in kleinen Studien Verbesserungen, aber keine klaren Unterschiede zu Vergleichsgruppen
- Boxtraining: ein Genfer Einzelfallbericht beschreibt nach 36 Trainingseinheiten ein größeres Gesichtsfeld; als Einzelfall ohne Vergleichsgruppe ist das nicht verallgemeinerbar
In Spanien gibt es laut einer Übersicht, die beim Kongress der Spanischen Gesellschaft für Neurologie vorgestellt wurde, bisher keine einheitlichen Behandlungsabläufe; auch international fehlen Standards. Wer an einer Studie teilnehmen möchte, kann in einer neurologischen oder neuroophthalmologischen Universitätsklinik nachfragen.
Welche Alltagshilfen gibt es?
Viele kleine Anpassungen machen den Alltag sicherer. Ergotherapie und Beratungsstellen für Sehbehinderte (Low-Vision-Beratung) helfen, die Wohnung und den Arbeitsplatz einzurichten.
- Ordnung halten: Dinge immer an denselben Platz legen
- Stolperfallen wie Teppichkanten, Kabel und herumstehende Gegenstände entfernen
- Gute, blendfreie Beleuchtung; Kontraste an Stufen und Türrahmen
- Den Teller drehen oder bewusst zur blinden Seite schauen, bevor man aufsteht
- Begleitpersonen gehen auf der blinden Seite und geben bei Bedarf den Arm
- Besuch und Gesprächspartner auf die sehende Seite setzen
- Im Kino oder Theater möglichst weit auf der Seite des Ausfalls sitzen, damit die Leinwand im sehenden Bereich liegt
- Am Computer Bildschirm und Mauszeiger so einstellen, dass Wichtiges in der sehenden Hälfte liegt
Darf man mit Hemianopsie Auto fahren?
Mit einer kompletten homonymen Hemianopsie erfüllt man die gesetzlichen Mindestanforderungen an das Gesichtsfeld in Deutschland und Österreich in der Regel nicht. Bei kleineren Ausfällen, etwa einem Viertelausfall, entscheidet die genaue Messung des beidäugigen Gesichtsfelds. Die Entscheidung trifft immer eine Fachperson im Einzelfall; ein bloßes Gefühl, „gut zurechtzukommen“, reicht nicht.
Deutschland
Die Anforderungen stehen in der Fahrerlaubnis-Verordnung (FeV). Nach der Stellungnahme der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft (DOG) und des Berufsverbands der Augenärzte (BVA) zur FeV-Fassung von 2011 gilt für Pkw und Motorrad (Gruppe 1): beidäugig mindestens 120 Grad horizontal, und die zentralen 20 Grad müssen normal sein. Bei einer unvollständigen Hemianopsie muss im betroffenen Halbfeld ein horizontaler Bereich von 30 Grad mit normaler Empfindlichkeit erhalten sein.
Ausnahmen sind in Einzelfällen nach augenärztlicher Begutachtung und praktischer Fahrprobe möglich. Für Lkw und Bus (Gruppe 2) gelten strengere Werte: normales beidäugiges Gesichtsfeld, horizontal mindestens 140 Grad. Diese Angaben entsprechen dem Stand der DOG/BVA-Stellungnahme von 2011; lassen Sie sich die aktuell gültigen Werte von Ihrer Augenärztin oder Ihrem Augenarzt bestätigen.
Österreich
In Österreich regelt die Führerscheingesetz-Gesundheitsverordnung (FSG-GV, § 7) das Gesichtsfeld. Für Gruppe 1 (Pkw, Motorrad) braucht es beidäugig mindestens 120 Grad horizontal, davon mindestens 50 Grad nach rechts und nach links, mindestens 20 Grad nach oben und unten, und im zentralen Bereich von 20 Grad Radius darf kein Ausfall bestehen.
Für Gruppe 2 (Lkw, Bus) gelten mindestens 160 Grad horizontal, davon je Seite mindestens 70 Grad, nach oben und unten mindestens 30 Grad und kein Ausfall im zentralen Bereich von 30 Grad Radius. Da bei einer kompletten Hemianopsie eine Seite fast ganz fehlt, werden die 50 Grad zu einer Seite rechnerisch nicht erreicht. In Zweifelsfällen prüft eine Fachärztin oder ein Facharzt für Augenheilkunde und Optometrie.
Andere Länder zum Vergleich
In Großbritannien muss eine Hemianopsie der Führerscheinbehörde gemeldet werden; ein Antrag auf Ausnahme ist dort erst möglich, wenn der Ausfall mindestens zwölf Monate stabil besteht und eine vollständige Anpassung klinisch bestätigt ist. In Frankreich und Spanien gelten wie in der ganzen EU ebenfalls mindestens 120 Grad horizontal. Ein Neglect schließt das Fahren praktisch überall aus.
Was heißt das praktisch?
Fahren Sie nach einem Schlaganfall mit Sehstörung erst wieder, wenn eine Augenärztin oder ein Augenarzt das Gesichtsfeld beidäugig gemessen und die Fahreignung bestätigt hat. Wer trotz fehlender Eignung fährt, gefährdet sich und andere und riskiert bei einem Unfall rechtliche und versicherungsrechtliche Folgen. Fahrsimulatoren in Rehabilitationszentren und begleitete Fahrproben mit erfahrenen Prüfern können bei der Einschätzung helfen.
Welche Rolle spielt psychologische Unterstützung?
Eine große. Der plötzliche Verlust an Selbstständigkeit, etwa beim Lesen oder Autofahren, ist für viele schwer zu akzeptieren. Psychologische Begleitung, Selbsthilfegruppen für Schlaganfallbetroffene und Gespräche mit Angehörigen helfen, mit dem Ausfall zu leben. Auch Niedergeschlagenheit oder Depression sollten angesprochen und behandelt werden.
Wer gehört zum Behandlungsteam?
Gute Ergebnisse entstehen, wenn mehrere Fachleute zusammenarbeiten.
- Neurologie: Schlaganfallbehandlung, Vorbeugung, Rehabilitation
- Augenheilkunde: Gesichtsfeldmessung, Augengesundheit, Fahreignung
- Orthoptik: Augenbewegungen, Suchstrategie, Training
- Neuropsychologie: Aufmerksamkeit, Neglect, Lesestörungen
- Ergotherapie: Kompensationstraining, Alltag, Wohnung
- Augenoptik und Low-Vision-Beratung: Prismen, vergrößernde Hilfen, Beleuchtung
6 Verlauf und Prognose
In diesem Kapitel (7)
Bildet sich der Gesichtsfeldausfall wieder zurück?
Bei etwa der Hälfte der Betroffenen bessert sich das Gesichtsfeld in den ersten Wochen zumindest teilweise, vollständig aber nur bei einer Minderheit. Die Zahlen schwanken je nach Studie: Vollständig erholen sich etwa 10 bis 20 Prozent, meist innerhalb des ersten Monats. Eine Pariser Universitätsklinik nennt eine spontane Erholung nur bei etwa 30 Prozent, meist unvollständig.
Wie lange kann sich das Sehen noch bessern?
Die meiste Erholung geschieht in den ersten zwei bis drei Monaten. In einer großen Auswertung mit 254 Betroffenen besserte sich der Ausfall bei etwa 50 bis 60 Prozent innerhalb eines Monats. Nach 10 bis 12 Wochen bleibt das Ausmaß meist stabil, nach sechs Monaten ist eine weitere spontane Besserung selten.
Das heißt nicht, dass danach nichts mehr möglich ist. Die Fähigkeit, den Ausfall auszugleichen, lässt sich auch Jahre später noch trainieren; das Gesichtsfeld selbst ändert sich dann aber kaum noch.
Wovon hängt die Erholung ab?
Entscheidend sind Ursache, Größe und Ort des Schadens. Nach einem Schlaganfall sind die Chancen schlechter als nach einer Entzündung oder Tumorentfernung. Große Infarkte und eine Beteiligung der primären Sehrinde sprechen gegen eine gute Erholung, ebenso ein von Anfang an vollständiger, dichter Ausfall.
Einen Wert, der eine vollständige Erholung sicher vorhersagt, gibt es nicht. Deshalb wird das Gesichtsfeld in den ersten Monaten mehrfach gemessen.
Wie gut kommt man langfristig zurecht?
Viele Betroffene lernen mit der Zeit, den Ausfall im Alltag recht gut auszugleichen. Für das tägliche Leben ist diese Fähigkeit oft wichtiger als die gemessene Größe des Ausfalls. Zwei Menschen mit gleichem Messbefund können im Alltag sehr unterschiedlich zurechtkommen.
Trotzdem bleiben bei vielen dauerhafte Einschränkungen, vor allem beim Lesen, in fremder Umgebung und beim Autofahren. Die homonyme Hemianopsie gilt insgesamt als Faktor für einen ungünstigeren Verlauf der Schlaganfallrehabilitation.
Was ist mit den Trugbildern im blinden Feld?
Sie verschwinden nach einem Schlaganfall meist innerhalb einiger Wochen. Bei einem Teil der Betroffenen halten sie länger an, sind aber harmlos. Werden sie belastend, hilft ein Gespräch mit der Ärztin oder dem Arzt.
Kann der Ausfall schlimmer werden?
Ein stabiler Ausfall nach Schlaganfall wird von sich aus nicht schlimmer. Verschlechtert er sich doch oder kommen neue Ausfälle hinzu, kann das einen neuen Schlaganfall oder eine andere Erkrankung bedeuten und muss sofort abgeklärt werden. Zusätzliche Augenerkrankungen im Alter, etwa ein Grauer Star, können das Sehen insgesamt verschlechtern und sollten behandelt werden.
Kann man wieder arbeiten?
Das hängt vom Beruf und vom Ausmaß des Ausfalls ab. Berufe mit viel Lesen, Bildschirmarbeit oder Fahrtätigkeit sind schwieriger, oft helfen aber Arbeitsplatzanpassungen und Hilfsmittel. Gerade jüngere Betroffene sind im Beruf, beim Sport und beim Autofahren stark eingeschränkt. Beratungsstellen der Rentenversicherung, der Integrations- oder Inklusionsämter, in Österreich das Arbeitsmarktservice und das Sozialministeriumservice, unterstützen bei der Rückkehr.
7 Vorbeugung
In diesem Kapitel (4)
Kann man einem Gesichtsfeldausfall nach Schlaganfall vorbeugen?
Vorbeugen heißt hier: einem Schlaganfall vorbeugen. Für die Hemianopsie selbst gibt es keine eigene Vorbeugung. Wer bereits einen Schlaganfall hatte, senkt mit konsequenter Behandlung der Risikofaktoren das Risiko für einen weiteren, der das Sehen zusätzlich schädigen könnte.
Was senkt das Schlaganfallrisiko?
Am wirksamsten ist die Behandlung der bekannten Risikofaktoren.
- Blutdruck regelmäßig messen und gut einstellen lassen
- Vorhofflimmern erkennen und wie ärztlich empfohlen mit Blutverdünnern behandeln
- Blutzucker und Blutfette kontrollieren
- Nicht rauchen
- Regelmäßige Bewegung, gesunde Ernährung, Normalgewicht anstreben
- Alkohol nur in geringen Mengen
- Verordnete Medikamente nach einem Schlaganfall nicht eigenmächtig absetzen
Warum ist schnelles Handeln Vorbeugung?
Weil jede Minute bis zur Behandlung über das Ausmaß des bleibenden Schadens mitentscheidet. Wer die Warnzeichen eines Schlaganfalls kennt und sofort den Notruf wählt, verbessert die Chance, dass weniger Sehbahn verloren geht. Auch kurze, wieder verschwundene Sehstörungen können einen Schlaganfall ankündigen.
Wie beugt man Unfällen und Stürzen mit Hemianopsie vor?
Durch bewusstes Absuchen der blinden Seite, eine sichere Wohnung und Vorsicht im Verkehr. Schauen Sie vor jedem Losgehen und an jeder Straße ausdrücklich zur Ausfallseite, meiden Sie anfangs dichtes Gedränge und gehen Sie unbekannte Wege lieber in Begleitung. Fahren Sie nicht Auto oder Rad, solange die Fahreignung nicht geklärt ist.
8 Wann sofort zum Arzt?
In diesem Kapitel (5)
Wann muss ich sofort den Notruf wählen?
Fällt plötzlich eine Hälfte des Sehens aus, wählen Sie sofort 112, in Österreich 144; 112 funktioniert in beiden Ländern. Das gilt auch, wenn die Sehstörung nach wenigen Minuten wieder verschwindet. Eine vorübergehende Durchblutungsstörung (TIA) kann der Vorbote eines schweren Schlaganfalls sein.
- Plötzlicher Ausfall einer Gesichtsfeldhälfte oder eines Viertels
- Plötzlicher Sehverlust auf einem Auge, auch vorübergehend
- Plötzliche Doppelbilder
- Dazu oder allein: hängender Mundwinkel, Schwäche oder Taubheit einer Körperseite, Sprach- oder Sprechstörung, Schwindel, Gangunsicherheit
- Plötzlicher, sehr heftiger Kopfschmerz
Was ist der FAST-Test?
Der FAST-Test hilft Laien, einen Schlaganfall schnell zu erkennen. Er steht für Face (Gesicht: Bitten Sie die Person zu lächeln; hängt ein Mundwinkel?), Arms (Arme: Beide Arme vorstrecken; sinkt einer ab?), Speech (Sprache: Einen einfachen Satz nachsprechen; klingt er verwaschen?) und Time (Zeit: sofort den Notruf wählen). Sehstörungen erfasst der Test nicht; ein plötzlicher Gesichtsfeldausfall ist auch ohne andere Zeichen ein Notfall.
Was sollte man bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes tun?
Merken Sie sich die Uhrzeit, zu der die Beschwerden begonnen haben, denn davon hängt die Behandlung ab. Fahren Sie nicht selbst ins Krankenhaus und lassen Sie sich auch nicht privat bringen, sondern lassen Sie sich vom Rettungsdienst in eine Klinik mit Stroke Unit bringen. Warten Sie nicht ab, ob es von selbst besser wird. Weitere Warnzeichen am Auge finden Sie auf der Seite Notfall am Auge.
Wann muss ich in den nächsten Tagen zur Ärztin oder zum Arzt?
Bei einem bereits bekannten Ausfall, der sich verändert, oder bei neuen Beschwerden ohne akute Schlaganfallzeichen. Dazu gehören neue Trugbilder, zunehmende Stürze, Probleme mit einer neuen Brille oder Prismen sowie Fragen zur Fahreignung. Auch wenn Sie nach einem Schlaganfall erst jetzt bemerken, dass Sie auf einer Seite Dinge übersehen, sollten Sie das zeitnah augenärztlich und neurologisch abklären lassen.
Wann reicht ein geplanter Termin?
Ein seit Langem bestehender, unveränderter Ausfall gehört in die geplante Betreuung. Sinnvoll sind regelmäßige Augenkontrollen, Gesichtsfeldmessungen in den ersten Monaten, eine Überweisung zu Ergotherapie oder Orthoptik und eine Low-Vision-Beratung. Vor der Wiederaufnahme des Autofahrens ist eine augenärztliche Untersuchung dringend zu empfehlen.
9 Häufige Fragen
Was ist eine homonyme Hemianopsie?
Eine homonyme Hemianopsie ist ein Gesichtsfeldausfall, bei dem in beiden Augen dieselbe Hälfte fehlt, also zum Beispiel jeweils die rechte. Die Ursache liegt nicht im Auge, sondern in der Sehbahn im Gehirn, meist nach einem Schlaganfall.
Plötzlich fehlt mir eine Bildhälfte: Ist das ein Schlaganfall?
Das kann ein Schlaganfall sein und ist immer ein Notfall. Wählen Sie sofort 112 (in Österreich 144), auch wenn die Störung schnell wieder verschwindet, und fahren Sie nicht selbst ins Krankenhaus.
Warum sehe ich nur mit einem Auge schlecht, wenn das Gehirn betroffen ist?
Meist täuscht dieser Eindruck. Wer rechts nichts sieht, hält oft das rechte Auge für krank; prüft man jedes Auge einzeln, fehlt in beiden die rechte Hälfte. Bleibt ein Ausfall wirklich auf ein Auge beschränkt, liegt die Ursache eher im Auge oder Sehnerv.
Wird das Gesichtsfeld nach einem Schlaganfall wieder normal?
Bei etwa der Hälfte bessert es sich in den ersten Wochen zumindest teilweise, ganz normal wird es nur bei einer Minderheit. Die meiste Erholung geschieht in den ersten zwei bis drei Monaten, nach sechs Monaten ist eine weitere spontane Besserung selten.
Kann man einen Gesichtsfeldausfall wegtrainieren?
Das Gesichtsfeld selbst lässt sich nach heutigem Wissen kaum vergrößern. Mit Such- und Lesetraining lernt man aber, die blinde Seite mit Blicksprüngen abzusuchen und den Ausfall im Alltag besser auszugleichen; das verbessert nach Studien wahrscheinlich die Lebensqualität.
Helfen Prismenbrillen bei Hemianopsie?
Manchen ja, vor allem beim Gehen und beim Ausweichen vor Hindernissen. Prismen verschieben Bilder aus der blinden in die sehende Seite, führen aber häufiger zu Kopfschmerzen und Irritationen, und viele hören nach einiger Zeit auf, sie zu tragen. Eine sorgfältige Anpassung und Begleitung ist wichtig.
Darf ich mit Hemianopsie Auto fahren?
Mit einer kompletten Hemianopsie in der Regel nicht, weil die Mindestanforderungen an das Gesichtsfeld in Deutschland und Österreich nicht erfüllt sind. Bei kleineren Ausfällen entscheidet eine augenärztliche Messung des beidäugigen Gesichtsfelds, in Deutschland in Ausnahmefällen ergänzt durch Gutachten und Fahrprobe.
Was ist der Unterschied zwischen Hemianopsie und Neglect?
Bei der Hemianopsie ist die Sehbahn geschädigt, man sieht eine Seite nicht. Beim Neglect funktioniert das Sehen, aber das Gehirn beachtet eine Raumseite nicht, und Betroffene merken das oft selbst nicht. Beides kann gleichzeitig auftreten.
Warum sehe ich im blinden Bereich Lichter oder Bilder?
Solche Trugbilder kommen bei Hemianopsie vor, vor allem nach einem Schlaganfall, und sind keine psychische Erkrankung. Sie entstehen durch die Schädigung des Sehsystems und verschwinden meist nach einigen Wochen. Sprechen Sie Ihre Ärztin oder Ihren Arzt darauf an.
Warum stoße ich ständig an Türrahmen und Möbel?
Weil die Seite des Ausfalls nicht überwacht wird und die Suchbewegungen dorthin anfangs zu klein und langsam sind. Bewusstes Hinschauen zur blinden Seite, Ordnung in der Wohnung und ein Suchtraining in der Ergotherapie helfen.
Wie kann ich mit Hemianopsie besser lesen?
Bei einem Ausfall links hilft eine Markierung oder ein Lineal am Zeilenanfang, bei einem Ausfall rechts gezieltes Vorausschauen mit größeren Blicksprüngen. Manche lesen besser mit um 90 Grad gedrehtem Text. Ein gezieltes Lesetraining kann die Lesegeschwindigkeit deutlich steigern.
Zahlt die Krankenkasse das Training?
In Deutschland übernehmen die Krankenkassen ärztlich verordnete Ergotherapie, abgesehen von der Zuzahlung. In Österreich ist Ergotherapie auf Verordnung möglich, je nach Träger mit Bewilligung oder Kostenzuschuss. Teure kommerzielle Computerprogramme mit unbewiesener Wirkung werden in der Regel nicht bezahlt.
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Quellen
Dieser Artikel wurde aus Fachquellen in 4 Sprachen recherchiert (Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch) und auf Deutsch zusammengefasst.
Alle 26 Quellen anzeigen
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- Führerscheingesetz-Gesundheitsverordnung (FSG-GV), § 7 Sehvermögen – Rechtsinformationssystem des Bundes (RIS), Österreich (DE)
- Schlaganfall: Anzeichen und richtiges Verhalten – gesundheit.gv.at, Öffentliches Gesundheitsportal Österreichs (DE)
- S2k-Leitlinie Diagnostik und Therapie von Neglect und anderen Störungen der Raumkognition (030-126) – Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) / AWMF (DE)
- Visuelle Neurorehabilitation von Gesichtsfeldausfällen mittels Boxtherapie (Nahum, Ptak), Neurologie & Rehabilitation 2024 – Hippocampus Verlag (DE)
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- Interventions pour les anomalies du champ visuel chez les personnes victimes d'un AVC – Cochrane (FR)
- Hémianopsie homonyme, fiche pathologie 2023 – Ligue Braille, Comité scientifique de la Fondation pour les aveugles (FR)
- Acquired visual field defects rehabilitation: critical review and perspectives (Pouget et al., 2012) – Annals of Physical and Rehabilitation Medicine / EM-Consulte (FR)
- Troubles visuels : quand suspecter un AVC ? – La Revue du Praticien (FR)
- Dossier progressif n° 319 (hémianopsie latérale homonyme) – La Revue du Praticien (FR)
- Stimulation transcrânienne par courant électrique alternatif (tACS), essai HEMIANOTACS – AP-HP, Registre des essais cliniques (FR)
- Hemianopsia, Diccionario médico – Clínica Universidad de Navarra (ES)
- Prismas periféricos en pacientes con hemianopsia (Benlloch Fornés, Pérez Cerdán), Gaceta Óptica 583, 2022 – Consejo General de Colegios de Ópticos-Optometristas (ES)
- Retos en la rehabilitación de Hemianopsias Homónimas (Falcón Fagundo et al., 2011) – Revista Cubana de Tecnología de la Salud (ES)
- Rehabilitación de las hemianopsias secundarias al ictus. Revisión narrativa – Sociedad Española de Neurología, Neurology Perspectives 2024 (ES)
- Accidente Cerebrovascular (ictus), Escuela de Pacientes – Junta de Castilla y León (Sacyl) (ES)
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