Verätzung des Auges (chemische Augenverletzung)
Eine Verätzung des Auges entsteht, wenn eine Lauge oder Säure ins Auge gelangt, etwa Reiniger, Kalk, Zement oder Batteriesäure. Sie ist immer ein Notfall: Sofort mindestens 15 Minuten mit Wasser spülen, die Lider dabei weit aufhalten, den Notruf wählen und in die Augenklinik.
1 Kurzübersicht
In diesem Kapitel (6)
Was ist eine Verätzung des Auges?
Eine Verätzung des Auges ist eine Schädigung von Hornhaut, Bindehaut, Lederhaut und Lidern durch eine ätzende Substanz, meist eine Lauge (Base) oder eine Säure. Die Substanz kann flüssig sein, als Pulver ins Auge fliegen oder als Dampf einwirken. Typisch ist ein Spritzer beim Putzen, auf der Baustelle oder im Betrieb. Fachleute sprechen von einer chemischen Augenverletzung.
Die Verätzung gehört zu den wenigen echten Notfällen am Auge, bei denen die ersten Minuten über das spätere Sehen entscheiden. Der Grund: Die Substanz wirkt so lange weiter, bis sie weggespült ist. Deshalb beginnt die Behandlung nicht beim Arzt, sondern am Unfallort.
Was muss ich sofort tun?
Sofort und lange mit Wasser spülen, die Lider dabei weit aufhalten und gleichzeitig den Notruf wählen. Die deutsche Leitlinie nennt eine erste Spülung von mindestens 15 Minuten mit Leitungswasser. Danach geht es in eine Augenklinik, und zwar auch dann, wenn das Auge schon besser wirkt.
- Spülen: Kopf zur verletzten Seite neigen, Wasser vom inneren Lidwinkel nach außen laufen lassen, in alle Richtungen schauen.
- Lider aufhalten: Der Schmerz zwingt die Lider zu. Eine zweite Person hilft am besten.
- Notruf: 112 in Deutschland und der EU, in Österreich Rettung 144. Die Substanz nennen und die Verpackung mitnehmen.
- Nichts ins Auge geben: keine Augentropfen, keine Salben, keine Gegenmittel wie Essig oder Milch.
Alle Einzelheiten zur Ersten Hilfe stehen im Abschnitt Behandlung, die Warnzeichen im Abschnitt „Wann sofort zum Arzt?“. Eine Übersicht über alle Augennotfälle finden Sie auf der Seite Notfall am Auge.
Warum sind Laugen gefährlicher als Säuren?
Laugen dringen tief in das Auge ein, Säuren bleiben meist an der Oberfläche. Laugen lösen die Fette der Zellwände auf und verflüssigen das Gewebe. Dadurch wandern sie weiter, bis in das Augeninnere. Säuren lassen dagegen Eiweiß gerinnen, und diese geronnene Schicht bremst das weitere Eindringen.
Laugen stecken in vielen Alltagsprodukten: in Kalk, Zement, Mörtel und Gips, in Abfluss- und Backofenreinigern, in Spülmaschinenmitteln, Bleichmitteln und Ammoniak. Nach einer Übersichtsarbeit, die auch deutsche Fachleute zitieren, gehen etwa 80 Prozent der Verätzungen auf Laugen zurück.
Wie häufig ist eine Verätzung des Auges?
Verätzungen sind seltener als Fremdkörper oder Kratzer, machen aber einen deutlichen Teil der Augenverletzungen aus. Fachbücher nennen 11 bis 22 Prozent aller Augenverletzungen. Für Großbritannien und die USA werden rund 51 bis 55 Fälle pro 1 Million Einwohner und Jahr angegeben. Eigene Zahlen für Deutschland und Österreich gibt es nicht.
Etwa drei Viertel der Verätzungen sind leicht und heilen gut. Nur rund 2 Prozent sind so schwer, dass das Sehen dauerhaft stark leidet. Etwa jede zehnte Verätzung betrifft beide Augen.
Wen trifft es am häufigsten?
Am häufigsten trifft es junge Erwachsene im Berufsleben, vor allem Männer. Nach einer häufig zitierten Übersichtsarbeit geschehen gut 70 Prozent der Unfälle bei der Arbeit, knapp 30 Prozent in der Freizeit. In einer Klinikserie aus Kolumbien passierte dagegen jeder zweite Unfall zu Hause. Dazu kommen Unfälle im Haushalt, bei denen auch Kleinkinder betroffen sind, und selten Angriffe mit ätzenden Stoffen.
Wird das Auge wieder gesund?
Leichte Verätzungen heilen meist innerhalb weniger Tage ohne bleibende Schäden. Schwere Verätzungen können dagegen zu Narben, einem dauerhaft trockenen Auge, Grünem Star oder Erblindung führen. Wie es ausgeht, hängt vor allem von der Substanz, der Einwirkzeit und davon ab, wie schnell und wie lange gespült wurde.
2 Symptome
In diesem Kapitel (16)
- Woran erkenne ich eine Verätzung des Auges?
- Welche Beschwerden treten in den ersten Minuten auf?
- Warum ist das Zukneifen der Lider gefährlich?
- Wie verändert sich das Sehen?
- Wie sieht ein verätztes Auge aus?
- Wie unterscheiden sich leichte und schwere Verätzungen?
- Warum kann eine schwere Verätzung harmlos wirken?
- Welche Beschwerden kommen Stunden oder Tage später?
- Welche Spätfolgen spürt man Wochen oder Monate danach?
- Sind meist ein oder beide Augen betroffen?
- Welche Beschwerden außerhalb des Auges sind wichtig?
- Was bemerken Angehörige?
- Was ist bei Kindern anders?
- Was ist bei älteren Menschen zu beachten?
- Was ist bei Kontaktlinsen anders?
- Woran erkenne ich, dass es keine Verätzung ist?
Woran erkenne ich eine Verätzung des Auges?
Eine Verätzung macht sich fast immer sofort bemerkbar: mit plötzlichem, starkem Brennen und Schmerzen im Auge, Tränen und einem Zwang, das Auge zuzukneifen. Meist ist der Zusammenhang klar, weil man den Spritzer oder das Pulver bemerkt hat. Schwieriger ist es, wenn niemand den Unfall gesehen hat, etwa bei Kleinkindern.
Wichtig vorweg: Die Stärke der Beschwerden sagt wenig darüber, wie tief der Schaden reicht. Gerade schwere Verätzungen können anfangs harmlos aussehen. Deshalb gehört jedes verätzte Auge nach dem Spülen zur Augenärztin oder zum Augenarzt.
Welche Beschwerden treten in den ersten Minuten auf?
In den ersten Minuten stehen Schmerz, Brennen, Tränenfluss und Lidkrampf im Vordergrund. Die Beschwerden setzen in der Regel sofort ein und lassen ohne Spülen nicht nach.
- Schmerzen im und um das Auge: brennend, stechend, oft sehr stark. Manche beschreiben es als „Feuer im Auge“.
- Brennen: besonders an der Lidkante und im Bindehautsack, also in der Tasche zwischen Lid und Augapfel.
- Starker Tränenfluss: Das Auge versucht, die Substanz selbst auszuspülen.
- Lidkrampf (Blepharospasmus): Die Lider kneifen sich unwillkürlich zu, das Auge lässt sich kaum öffnen.
- Fremdkörpergefühl: das Gefühl von Sand oder einem Splitter im Auge, auch wenn nichts zu sehen ist.
- Lichtempfindlichkeit (Photophobie): Helles Licht schmerzt.
- Rotes Auge: Die Bindehaut ist stark gerötet.
Warum ist das Zukneifen der Lider gefährlich?
Das Zukneifen hält die ätzende Substanz im Auge fest und verlängert so ihre Einwirkzeit. Der Lidkrampf ist ein Schutzreflex, der hier gegen das Auge arbeitet. Unter den geschlossenen Lidern kann die Substanz ungestört weiter in das Gewebe eindringen. Darum müssen die Lider beim Spülen aktiv aufgehalten werden, notfalls von einer zweiten Person.
Wie verändert sich das Sehen?
Das Sehen kann leicht verschwommen sein oder stark abnehmen, je nachdem, wie tief die Hornhaut geschädigt ist. Bei leichten Verätzungen liegt es vor allem am Tränenfilm und an den Schmerzen: Man blinzelt viel und sieht wie durch einen Schleier. Bei schweren Verätzungen trübt die Hornhaut weißlich ein. Dann sieht das Auge nur noch hell und dunkel oder gar nichts mehr.
Jede deutliche Verschlechterung des Sehens nach einer Verätzung ist ein Alarmzeichen. Doppelbilder, ein Schleier, der nicht wegblinzelt, oder ein großer dunkler Bereich im Blickfeld müssen sofort augenärztlich untersucht werden.
Wie sieht ein verätztes Auge aus?
Ein leicht verätztes Auge ist stark gerötet, ein schwer verätztes Auge kann paradoxerweise weiß aussehen. Das liegt daran, dass eine starke Lauge die feinen Blutgefäße der Bindehaut zerstört. Die Bindehaut wirkt dann blass oder porzellanweiß statt rot. Für Laien wirkt das beruhigend, tatsächlich ist es ein Zeichen für einen schweren Schaden.
- Bindehautrötung: typisch für leichte bis mittlere Verätzungen.
- Bindehautschwellung (Chemosis): Die Bindehaut quillt glasig auf, manchmal wie eine Blase über den Hornhautrand.
- Geschwollene Lider: oft mit Rötung oder Verätzungen der Lidhaut.
- Trübe Hornhaut: Die sonst klare Hornhaut wirkt milchig oder grau, die Iris (Regenbogenhaut) ist schlechter zu erkennen.
- Weiße Hornhaut, weiße Bindehaut: Zeichen einer schweren, tiefen Verätzung.
- Fehlende Wimpern, verätzte Lidränder: bei Spritzern ins Gesicht.
- Reste der Substanz: etwa Kalk- oder Zementkrümel im Lidwinkel oder unter dem Lid.
Wie unterscheiden sich leichte und schwere Verätzungen?
Leichte Verätzungen zeigen ein rotes, tränendes Auge bei klarer Hornhaut, schwere Verätzungen eine trübe Hornhaut und einen blassen Hornhautrand. Die folgende Übersicht hilft bei der Einordnung. Sie ersetzt die Untersuchung nicht, denn manche Zeichen sieht nur die Ärztin oder der Arzt an der Spaltlampe.
| Merkmal | Eher leichte Verätzung | Eher schwere Verätzung |
|---|---|---|
| Farbe der Bindehaut | stark gerötet | blass oder weiß, kaum Gefäße |
| Hornhaut | klar, Iris gut sichtbar | trüb bis porzellanweiß, Iris kaum oder nicht sichtbar |
| Sehen | leicht verschwommen | stark herabgesetzt bis nur hell und dunkel |
| Schmerz | stark, bessert sich nach dem Spülen | wechselnd; kann trügerisch gering sein |
| Typische Substanzen | verdünnte Säuren, milde Reiniger | Kalk, Zement, Abflussreiniger, Ammoniak, starke Säuren |
Warum kann eine schwere Verätzung harmlos wirken?
Eine schwere Verätzung kann harmlos wirken, weil zerstörte Nerven weniger Schmerz melden und zerstörte Gefäße das Auge nicht rot färben. Die Hornhaut ist dicht mit Nervenenden besetzt. Werden sie verätzt, lässt der Schmerz manchmal nach, obwohl der Schaden zunimmt. Hinzu kommt: Laugen dringen oft tiefer ein, als es von außen aussieht.
Auch für Fachleute ist die erste Einschätzung schwierig. Ist die Hornhautoberfläche großflächig abgelöst, kann der Defekt bei der ersten Färbung übersehen werden, weil keine gesunde Stelle zum Vergleich da ist. Ein Hinweis ist ein matter statt glänzender Lichtreflex auf der Hornhaut. Bei anhaltenden Schmerzen wird deshalb erneut untersucht.
Welche Beschwerden kommen Stunden oder Tage später?
Stunden bis Tage nach der Verätzung kann sich die Regenbogenhaut entzünden, was neue, tiefe Augenschmerzen und starke Lichtscheu auslöst. Fachleute nennen das chemische Iritis. Sie ist eine Reaktion des Augeninneren auf die Verätzung. Ärztinnen und Ärzte sehen dabei Entzündungszellen im Kammerwasser, der Flüssigkeit vorne im Auge.
- Tiefer, dumpfer Augenschmerz: anders als das oberflächliche Brennen der ersten Stunden.
- Zunehmende Lichtscheu: auch bei gedämpftem Licht.
- Kleine, träge Pupille: durch einen Krampf der Irismuskulatur.
- Erneute Sehverschlechterung: durch Entzündung oder Schwellung der Hornhaut.
- Kopfschmerzen, Übelkeit oder Erbrechen: möglich bei Anstieg des Augeninnendrucks. Auch Säuren können in den ersten Stunden den Druck erhöhen, weil das verätzte Gewebe schrumpft.
Diese Beschwerden sind kein normaler Heilverlauf. Wer sie bemerkt, sollte sich sofort melden, auch wenn der nächste Kontrolltermin erst später ist.
Welche Spätfolgen spürt man Wochen oder Monate danach?
Nach mittleren und schweren Verätzungen sind ein trockenes, gereiztes Auge und wiederkehrende Hornhautschäden die häufigsten Spätbeschwerden. Sie entstehen, weil Tränendrüsen, Becherzellen der Bindehaut und die Stammzellen am Hornhautrand geschädigt sind. Die Beschwerden können über Monate zunehmen.
- Trockenheitsgefühl, Brennen, Sandkorngefühl: wie bei einem trockenen Auge, oft schon in den ersten Monaten.
- Plötzliche Schmerzen beim Aufwachen: Zeichen dafür, dass sich die Hornhautoberfläche immer wieder ablöst (wiederkehrende Erosion).
- Rötung, die nicht weggeht: Blutgefäße wachsen vom Rand in die Hornhaut ein.
- Zunehmend trübes Sehen: durch Narben oder durch Bindehautgewebe, das über die Hornhaut wächst.
- Blendung: Licht streut an der vernarbten Hornhaut.
- Ziehen beim Blick zur Seite: durch Verwachsungen zwischen Lid und Augapfel (Symblepharon).
- Kratzende Wimpern: durch vernarbte, nach innen gedrehte Lidkanten.
- Lid schließt nicht mehr ganz: nach Narben an der Lidhaut, vor allem bei zusätzlicher Verbrennung des Gesichts.
- Langsam schlechter werdendes Sehen ohne Schmerz: möglich bei Grünem Star oder Grauem Star als Spätfolge.
Sind meist ein oder beide Augen betroffen?
Meist ist nur ein Auge betroffen, bei einem Spritzer ins Gesicht oder bei Pulver und Dampf jedoch nicht selten beide. Nach einer Übersichtsarbeit sind etwa 10 Prozent der Verätzungen beidseitig. In Klinikserien aus Lateinamerika lag der Anteil mit einem Drittel deutlich höher. Beidseitige Verätzungen sind besonders ernst, weil kein gesundes Auge als Spender für spätere Stammzell-Operationen bleibt.
Welche Beschwerden außerhalb des Auges sind wichtig?
Wichtig sind Verätzungen der Gesichtshaut, Atembeschwerden und Beschwerden beim Schlucken, denn sie zeigen, dass die Substanz auch woanders gewirkt hat. Wer eine Chemikalie ins Gesicht bekommen hat, kann sie auch eingeatmet oder verschluckt haben. Das muss die Rettung wissen.
- Rötung, Blasen oder Schmerzen an Gesicht, Hals oder Händen
- Husten, Atemnot, pfeifende Atmung, Heiserkeit
- Schmerzen im Mund oder Rachen, Schluckbeschwerden, Speichelfluss
- Übelkeit, Erbrechen, Schwindel
- bei sehr schweren Verätzungen Kreislaufprobleme bis zum Schock
Was bemerken Angehörige?
Angehörige bemerken meist ein zugekniffenes, tränendes Auge, eine Person, die sich das Gesicht hält, und einen chemischen Geruch oder Produktreste in der Nähe. Oft ist die betroffene Person durch den Schmerz so beeinträchtigt, dass sie selbst nicht klar handeln kann. Dann müssen Helfende das Spülen übernehmen.
- Das Auge wird zugekniffen oder abgedeckt, die Person wendet sich vom Licht ab.
- Starkes Weinen, auch bei Erwachsenen, die sonst nicht leicht weinen.
- Rote, verquollene Lider, eventuell gerötete Haut im Gesicht.
- Eine offene Flasche, ein umgekippter Eimer Mörtel, Reinigerreste auf der Kleidung.
Wer hilft, sollte sich selbst schützen. Einmalhandschuhe halten viele Chemikalien nicht ausreichend ab; besser sind Chemikalienschutzhandschuhe, etwa aus Nitril. Die Substanz darf nicht auf gesunde Haut oder das andere Auge verteilt werden.
Was ist bei Kindern anders?
Kinder können oft nicht sagen, was passiert ist, und wehren sich gegen das Spülen; trotzdem muss sofort und lange gespült werden. Ein Kleinkind, das plötzlich ein Auge zukneift und schreit, während ein Reiniger, eine Spülmaschinentablette oder ein Waschmittel in Reichweite war, hat bis zum Beweis des Gegenteils eine Verätzung. Verätzungen durch Waschmittel kommen bei Kindern zunehmend vor.
Kinder unter zwei Jahren gelten bei chemischen Verletzungen als besonders gefährdet. Bei kleinen Kindern muss oft eine Person das Kind festhalten, während die andere spült. Ein Kleinkind legt man dazu am besten auf den Rücken, hält das Auge offen und gießt das Wasser mit einem Becher hinein.
Bei Feuerwerk und Böllern verletzen sich Kinder und Jugendliche besonders oft. Feuerwerkskörper enthalten Stoffe, die beim Abbrennen ätzend wirken, und verursachen zugleich Verbrennungen durch Hitze.
Was ist bei älteren Menschen zu beachten?
Bei Menschen über 60 Jahren gelten chemische Verletzungen allgemein als riskanter. Ältere Menschen können sich nach einem Unfall oft schlechter selbst helfen, etwa beim langen Spülen mit aufgehaltenen Lidern. Wer ohnehin schlecht sieht, bemerkt Reste der Substanz oder eine Rötung unter Umständen später. Bei Verwirrtheit oder Demenz sollten Reiniger besonders sicher aufbewahrt werden.
Was ist bei Kontaktlinsen anders?
Unter einer Kontaktlinse kann sich die Substanz sammeln und länger einwirken. Das Spülen hat trotzdem Vorrang vor dem Herausnehmen der Linse. Lässt sich die Linse leicht entfernen, kann sie heraus; oft wird sie beim Spülen von selbst weggeschwemmt. Ist das nicht der Fall, wird weitergespült und die Linse später in der Klinik entfernt.
Woran erkenne ich, dass es keine Verätzung ist?
Fehlt der Kontakt mit einer Chemikalie, stecken hinter einem plötzlich schmerzenden, roten Auge meist andere Ursachen. Bei einer Verblitzung durch UV-Licht, etwa beim Schweißen oder im Schnee, beginnen die Schmerzen erst Stunden später. Ein Fremdkörper im Auge verursacht vor allem Stechen bei jedem Lidschlag. Eine Hornhautverletzung durch Kratzer schmerzt ähnlich, ist aber an einen mechanischen Unfall gebunden.
Im Zweifel gilt: War irgendeine Chemikalie im Spiel, wird zuerst gespült und erst danach überlegt. Spülen mit Wasser schadet bei den anderen Ursachen nicht.
3 Ursachen und Risikofaktoren
In diesem Kapitel (5)
Was passiert im Auge bei einer Verätzung?
Bei einer Verätzung zerstört die Substanz zuerst die äußere Zellschicht der Hornhaut und Bindehaut und dringt dann je nach Art unterschiedlich tief ein. Die Augenoberfläche hat nur eine dünne Schutzschicht. Ist sie durchbrochen, erreicht die Substanz das Hornhautgewebe darunter (Stroma), die Gefäße am Hornhautrand und im schlimmsten Fall das Augeninnere.
Laugen: Verflüssigung und Tiefenwirkung
Laugen verflüssigen das Gewebe und wandern so immer tiefer. Fachleute sprechen von Kolliquationsnekrose. Die Lauge verseift die Fette der Zellwände, zerstört die Zellen und das Kollagengerüst der Hornhaut. Sie kann nach einer spanischen Fachquelle schon nach etwa 5 bis 15 Minuten das Augeninnere erreichen; Ammoniak dringt besonders schnell ein, in unter 3 Minuten.
Steigt der pH-Wert im Kammerwasser über etwa 11,5, gelten die Schäden im Auge als nicht mehr umkehrbar. Dann können Regenbogenhaut, Linse und das Abflusssystem des Kammerwassers geschädigt werden. Daraus entstehen später Grauer Star und Grüner Star.
Säuren: Gerinnung an der Oberfläche
Säuren lassen das Eiweiß an der Oberfläche gerinnen und bilden eine Art Schorf, der sie selbst bremst. Fachleute sprechen von Koagulationsnekrose. Deshalb bleiben Säureverätzungen oft oberflächlicher, und eine Hornhauttrübung kann sich wieder aufklaren. Ausnahmen sind sehr starke, konzentrierte Säuren und die Flusssäure (Fluorwasserstoffsäure), die tief eindringt und auch den Körper vergiften kann.
Die Entzündung danach
Nach der eigentlichen Verätzung setzt eine starke Entzündung ein, die selbst weiteres Gewebe zerstört. Entzündungszellen setzen Enzyme frei, die Kollagen abbauen (Kollagenasen und Metalloproteinasen). Ohne Behandlung kann die Hornhaut dadurch Tage bis Wochen später dünner werden, einschmelzen und durchbrechen. Gegen diese zweite Welle richtet sich ein großer Teil der Klinikbehandlung.
Warum ist der Hornhautrand so wichtig?
Am Hornhautrand, dem Limbus, sitzen die Stammzellen, aus denen sich die Hornhautoberfläche lebenslang erneuert. Der Limbus ist der schmale Übergang zwischen klarer Hornhaut und weißer Lederhaut. Er wird von feinen Gefäßen versorgt. Verätzt eine Substanz diese Gefäße, wird der Limbus blass, und die Stammzellen sterben ab.
Fehlen die Stammzellen, kann sich die Hornhaut nicht mehr richtig überhäuten. Stattdessen wächst trübe Bindehaut mit Blutgefäßen über die Hornhaut. Das nennt man Limbusstammzellinsuffizienz. Wie viel vom Limbus blass ist, bestimmt deshalb maßgeblich die Einteilung der Schwere und die Prognose.
Welche Stoffe verursachen Verätzungen?
Die meisten Verätzungen verursachen Laugen aus Bau, Haushalt und Industrie, seltener Säuren. Die folgende Tabelle zeigt typische Beispiele.
| Gruppe | Beispiele | Wo sie vorkommen |
|---|---|---|
| Kalk und Baustoffe (Laugen) | Branntkalk, Löschkalk, Zement, Mörtel, Beton, Gips | Baustelle, Heimwerken, Gartenbau |
| Reiniger (Laugen) | Abflussreiniger, Backofen- und Grillreiniger, Spülmaschinenmittel, Natronlauge | Haushalt, Gastronomie |
| Weitere Laugen | Ammoniak, Bleichmittel (Hypochlorit), Kalilauge, Haarfärbe- und Dauerwellmittel | Reinigung, Kühlanlagen, Friseur, Landwirtschaft |
| Säuren | Schwefelsäure (Autobatterie, manche WC-Reiniger), Salzsäure (Schwimmbad, Steinreiniger), Essigsäure | Werkstatt, Pool, Haushalt |
| Sonderfälle | Flusssäure, Feuerwerkskörper, Airbag-Gase, Dünger, Pflanzenschutzmittel, Pfefferspray, Sekundenkleber | Glas- und Metallindustrie, Silvester, Verkehrsunfall, Landwirtschaft |
Sekundenkleber (Cyanoacrylat) ist streng genommen keine Lauge oder Säure, verklebt aber Lider und schädigt die Hornhaut. In Klinikserien aus Kolumbien und Mexiko war er einer der häufigsten Auslöser chemischer Augenverletzungen.
Wovon hängt die Schwere ab?
Die Schwere hängt vor allem von Art, Konzentration und Menge der Substanz und von der Einwirkzeit ab. Je stärker die Lauge oder Säure, je größer die Menge und je länger sie im Auge bleibt, desto tiefer der Schaden. Den größten Einfluss haben Betroffene selbst auf die Zeit bis zum Spülen und auf die Dauer der Spülung.
- Art der Substanz: Lauge oder Säure, pH-Wert
- Konzentration und Menge
- Form: Flüssigkeit, Pulver, Brocken (zum Beispiel Kalk, der im Bindehautsack weiterwirkt), Dampf
- Einwirkzeit bis zum Spülen und Dauer der Spülung
- betroffene Fläche: nur Hornhaut oder auch Bindehaut, Lider, Gesicht
- Temperatur: heiße Chemikalien verursachen zusätzlich eine Verbrennung
Wer hat ein erhöhtes Risiko?
Ein erhöhtes Risiko haben Menschen, die ohne Schutzbrille mit Chemikalien, Kalk oder Zement arbeiten. Dazu gehören Beschäftigte am Bau, in der Reinigung, in Chemie- und Metallindustrie, in Werkstätten, Landwirtschaft und im Labor. In Großbritannien wird die sehr niedrige Rate schwerer Verätzungen mit der Pflicht zum Augenschutz am Arbeitsplatz erklärt.
- Arbeit oder Heimwerken ohne Augenschutz
- Reiniger und Chemikalien in unbeschrifteten Flaschen oder Getränkeflaschen
- Chemikalien in Reichweite von Kindern, etwa im Schrank unter der Spüle
- Arbeiten über Kopf, etwa beim Verputzen oder beim Reinigen von Abflüssen
- Silvester und Feuerwerk, vor allem für Kinder und Jugendliche
- selten: Angriffe mit Säuren oder Laugen
4 Diagnose
In diesem Kapitel (7)
Warum wird zuerst gespült und erst dann untersucht?
Weil jede Minute Einwirkzeit zählt, beginnt die Behandlung einer Verätzung vor der Untersuchung. Sie ist einer der wenigen Fälle, in denen nicht einmal die Sehschärfe vorher gemessen wird. Auch das genaue Bestimmen der Substanz darf das Spülen nicht verzögern. Erst wenn ausreichend gespült ist, folgt die eigentliche Diagnose.
Was fragt die Ärztin oder der Arzt?
Gefragt wird vor allem nach der Substanz, dem Zeitpunkt und den bisherigen Maßnahmen. Die Antworten helfen, die Gefahr einzuschätzen und die Behandlung zu planen.
- Welche Substanz war es? Wenn möglich, Verpackung, Etikett oder Sicherheitsdatenblatt mitbringen.
- Wann ist es passiert, und wann wurde mit dem Spülen begonnen?
- Wie lange und womit wurde gespült?
- War es Flüssigkeit, Pulver, Brocken oder Dampf? Wurde etwas eingeatmet oder verschluckt?
- Ist ein Auge oder sind beide betroffen? Trugen Sie Kontaktlinsen?
- Welche Augenerkrankungen und Medikamente gibt es bereits?
Wozu wird der pH-Wert gemessen?
Mit dem pH-Wert prüft die Ärztin oder der Arzt, ob die Substanz ausreichend ausgespült ist. Dazu wird ein Teststreifen kurz in den Bindehautsack gehalten. Gespült wird so lange, bis der Wert wieder im neutralen Bereich um 7 liegt. Einige Minuten später wird erneut gemessen, weil Reste im Gewebe den Wert wieder verschieben können.
Wie wird das Auge untersucht?
Das Auge wird an der Spaltlampe untersucht, einem Mikroskop mit schmalem Lichtstrahl. Damit das trotz Schmerzen geht, gibt es meist betäubende Tropfen. Die Untersuchung hat drei Ziele: Reste finden, den Schaden einschätzen und Folgeschäden früh erkennen.
- Lider umstülpen: Das Oberlid wird umgeklappt, oft sogar doppelt, um die obere Bindehauttasche einzusehen. Dort bleiben gern Kalk- oder Zementkrümel hängen, die entfernt werden.
- Färbung mit Fluorescein: Ein gelber Farbstoff macht Defekte der Hornhaut- und Bindehautoberfläche unter blauem Licht sichtbar.
- Hornhauttrübung: Wie gut sind Iris und Pupille durch die Hornhaut zu erkennen?
- Limbus und Bindehaut: Wie viel vom Hornhautrand und von der Bindehaut ist blass und ohne Blutfluss (Ischämie)?
- Vorderkammer: Gibt es Entzündungszellen im Kammerwasser? Ist die Linse betroffen?
- Sehschärfe und Augeninnendruck: werden nach dem Spülen bestimmt und im Verlauf wiederholt.
Wie wird die Schwere eingeteilt?
Die Schwere wird meist nach Roper-Hall in vier Grade eingeteilt, ergänzt durch die genauere Einteilung nach Dua in sechs Grade. Beide richten sich danach, wie trüb die Hornhaut ist und wie viel vom Hornhautrand geschädigt ist. Die Einteilung bestimmt Behandlung und Prognose. Sie wird in den ersten Tagen überprüft, weil sich das Bild noch verändern kann.
| Grad (Roper-Hall) | Hornhaut | Blasser Hornhautrand | Prognose |
|---|---|---|---|
| I | klar, nur Oberflächendefekt | keiner | gut |
| II | leicht trüb, Iris gut sichtbar | weniger als ein Drittel | gut |
| III | Oberfläche ganz abgelöst, Gewebe trüb, Irisdetails verdeckt | ein Drittel bis die Hälfte | unsicher |
| IV | undurchsichtig, Iris und Pupille nicht sichtbar | mehr als die Hälfte | schlecht |
Die Einteilung nach Dua misst den geschädigten Hornhautrand in Uhrzeit-Stunden und berücksichtigt zusätzlich, wie viel Bindehaut betroffen ist. Sie teilt die schweren Fälle (Roper-Hall IV) in die Grade IV bis VI auf. In einer Studie aus Indien ließ sich der Verlauf mit dieser Einteilung besser vorhersagen.
Welche weiteren Untersuchungen gibt es?
Sind nur die Augen betroffen, sind meist keine weiteren Tests nötig. Wurde die Substanz auch eingeatmet oder verschluckt oder ist das Gesicht verätzt, werden Atemwege, Mund und Speiseröhre mituntersucht. Bei Flusssäure wird zusätzlich das Calcium im Blut kontrolliert, weil sie dem Körper Calcium entzieht.
Was wird bei den Kontrollen geprüft?
Bei den Kontrollen prüft die Ärztin oder der Arzt, ob sich die Hornhaut schließt, ob der Augeninnendruck normal bleibt und ob sich Verwachsungen bilden. Nach leichten Verätzungen genügt oft eine Kontrolle nach etwa 24 Stunden. Nach schweren Verätzungen sind anfangs tägliche Kontrollen üblich, später über Monate in größeren Abständen.
5 Behandlung
In diesem Kapitel (12)
- Was ist die wichtigste Behandlung?
- Wie spüle ich ein verätztes Auge richtig?
- Womit darf ich spülen, wenn kein Wasser da ist?
- Darf ich bei Kalk oder Zement mit Wasser spülen?
- Was darf ich auf keinen Fall tun?
- Wen rufe ich an?
- Was passiert nach dem Spülen bis zur Klinik?
- Wie geht es in der Augenklinik weiter?
- Welche Medikamente bekommt man?
- Wann ist eine Operation nötig?
- Was hilft bei Spätschäden der Hornhaut?
- Werden die Kosten übernommen?
Was ist die wichtigste Behandlung?
Die wichtigste Behandlung ist das sofortige, lange Spülen am Unfallort. Spülen vor Ort ist wirksamer als jede spätere Spülung im Krankenhaus, weil es die Einwirkzeit verkürzt. Studien aus Kolumbien und Mexiko zeigen, wie oft das versäumt wird: Nur etwa 40 bis 50 Prozent der Betroffenen waren vor Ankunft in der Augenklinik gespült worden.
Wie spüle ich ein verätztes Auge richtig?
Richtig spülen heißt: sofort, mit viel Wasser, bei weit geöffneten Lidern, vom gesunden Auge weg. Die folgenden Schritte fassen deutsche Leitlinie, Erste-Hilfe-Empfehlungen und internationale Quellen zusammen.
- Sofort beginnen. Nicht erst nach Kochsalzlösung oder Augenspülflasche suchen. Leitungswasser ist das Mittel der ersten Wahl.
- Grobe Reste entfernen. Sichtbare Brocken, etwa Kalk- oder Zementkrümel, mit einem sauberen Tuch, einer Kompresse oder einem feuchten Wattestäbchen vorsichtig von Lid und Lidwinkel abtupfen. Die Hornhaut dabei nicht berühren.
- Kopf zur verletzten Seite neigen. So läuft das Wasser nicht ins gesunde Auge.
- Lider weit aufhalten. Mit Daumen und Zeigefinger Ober- und Unterlid auseinanderziehen. Eine zweite Person ist fast immer nötig, weil der Lidkrampf stärker ist als der eigene Wille.
- Wasser sanft laufen lassen. Aus etwa 10 cm Höhe vom inneren Lidwinkel an der Nase nach außen, kein harter Strahl. Ein Wasserhahn, eine Handbrause oder ein Becher eignen sich.
- Augen bewegen. Die betroffene Person schaut beim Spülen nach oben, unten, rechts und links, damit auch die Bindehauttaschen gespült werden.
- Lange genug spülen. Die deutsche Leitlinie nennt mindestens 15 Minuten, der britische Gesundheitsdienst NHS mindestens 20 Minuten, Fachbücher bei starken Laugen und Säuren mindestens 30 Minuten. Am sichersten ist es, weiterzuspülen, bis der Rettungsdienst übernimmt.
- Weiterspülen auf dem Weg. Wenn möglich, auch während des Transports.
Sind beide Augen oder größere Hautflächen betroffen, ist eine Dusche am einfachsten. Eine Alternative ist, das Gesicht in ein Waschbecken mit Wasser zu tauchen und die Lider dabei zu öffnen und zu schließen.
Womit darf ich spülen, wenn kein Wasser da ist?
Ist kein Leitungswasser greifbar, eignen sich andere saubere, kühle und trinkbare Flüssigkeiten. Die deutsche Leitlinie und Erste-Hilfe-Quellen nennen Mineralwasser, Tee, Limonade oder andere kühle Getränke als Notbehelf. Milch ist nicht geeignet. Augenspülflaschen mit Pufferlösung sind am Arbeitsplatz sinnvoll, ihr Fehlen ist aber kein Grund, mit dem Spülen zu warten.
Ein spanischer Fallbericht weist darauf hin, dass reines Wasser theoretisch Substanz tiefer in die Hornhaut ziehen könnte. Trotzdem gilt Wasser übereinstimmend als richtige Wahl bis zur Klinik: Der Nutzen des sofortigen Spülens überwiegt bei Weitem.
Darf ich bei Kalk oder Zement mit Wasser spülen?
Ja, auch bei Kalk und Zement wird sofort und lange mit Wasser gespült, nachdem grobe Brocken entfernt sind. So empfehlen es deutsche Erste-Hilfe-Unterlagen, und die deutsche Leitlinie nennt für Kalk keine Ausnahme. Kalk und Zement sind besonders gefährlich, weil sich Krümel in den Bindehauttaschen festsetzen und dort ständig neue Lauge abgeben. Das Auge wird deshalb fortlaufend gespült, bis Hilfe da ist.
Einige Quellen raten bei trockenem Branntkalk von Wasser ab, weil er mit Wasser Wärme entwickelt, und empfehlen, die Brocken nur mechanisch zu entfernen. Wichtig für Laien: Die größere Gefahr ist, nicht zu spülen. Lockere Brocken zuerst abtupfen, dann reichlich spülen. Pufferlösungen mit Phosphat sind bei Kalk ungeeignet, weil sich unlösliche Ablagerungen bilden können.
Was darf ich auf keinen Fall tun?
Auf keinen Fall sollten Sie das Spülen verzögern, das Auge reiben oder etwas anderes als Wasser in das Auge geben. Die häufigsten Fehler sind zu spätes und zu kurzes Spülen.
- Nicht neutralisieren: kein Essig gegen Lauge, kein Natron gegen Säure, keine Milch. Die Gegenreaktion erzeugt Hitze und weiteren Schaden.
- Keine Augentropfen und Salben in der Ersten Hilfe, auch keine Tropfen aus der Hausapotheke.
- Nicht reiben und nicht drücken.
- Keine Pinzette und keine Gegenstände direkt auf der Hornhaut.
- Die Substanz nicht verteilen: nicht ins andere Auge oder auf gesunde Haut spülen.
- Nicht selbst Auto fahren.
- Nicht abwarten, ob es von allein besser wird.
Wen rufe ich an?
Bei jeder Verätzung des Auges den Notruf wählen: In Deutschland 112, in Österreich Rettung 144 oder Euronotruf 112. Am Telefon die Substanz nennen und sagen, dass das Auge gespült wird. Ein Blaulichttransport ist meist nicht nötig, aber ein zügiger Transport in eine Augenklinik.
Bei Fragen zur Substanz helfen die Giftnotrufe. In Österreich ist die Vergiftungsinformationszentrale rund um die Uhr unter 01 406 43 43 erreichbar, die telefonische Gesundheitsberatung unter 1450. In Deutschland gibt es mehrere regionale Giftinformationszentren. Der Anruf darf das Spülen nicht unterbrechen; am besten telefoniert eine zweite Person.
Was passiert nach dem Spülen bis zur Klinik?
Nach dem Spülen wird das Auge locker mit einer sauberen, feuchten oder sterilen Kompresse abgedeckt. Manchmal ist es angenehmer, beide Augen abzudecken, damit das verletzte Auge sich weniger bewegt. Mitnehmen sollten Sie die Verpackung oder das Etikett der Substanz und eine Liste Ihrer Medikamente. Kontaktlinsen, die noch im Auge sind, werden in der Klinik entfernt.
Wie geht es in der Augenklinik weiter?
In der Augenklinik wird zunächst weiter gespült, bis der pH-Wert normal ist, oft mit Pufferlösungen und über Stunden. Dafür gibt es betäubende Tropfen, die das Öffnen der Lider erst möglich machen. Teils wird eine Spüllinse oder ein Lidsperrer verwendet. Nach der deutschen Leitlinie wird bei schweren Verätzungen anfangs halbstündlich, später stündlich gespült, auch nachts.
Betäubende Augentropfen gibt es nur in der Klinik und nur zur Untersuchung. Sie werden nie zum Mitnehmen verordnet, weil sie bei wiederholter Anwendung die Heilung stören und die Hornhaut schädigen können.
Welche Medikamente bekommt man?
Nach einer Verätzung bekommt man meist mehrere Augentropfen, die Entzündung, Infektion und Schmerz bekämpfen und die Heilung fördern. Was genau verordnet wird, hängt vom Grad ab und entscheidet die Augenärztin oder der Augenarzt.
- Antibiotische Tropfen oder Salbe: beugen einer Infektion der offenen Hornhaut vor.
- Kortisonhaltige Tropfen: dämpfen die zerstörerische Entzündung. Sie werden eng überwacht, weil sie bei längerer Gabe die Heilung bremsen und das Einschmelzen der Hornhaut fördern können. Wie lange sie gegeben werden, wird von Fall zu Fall entschieden; manche Fachquellen begrenzen sie auf 7 bis 10 Tage.
- Pupillenerweiternde Tropfen (Zykloplegika): lösen den schmerzhaften Krampf der Irismuskulatur und lindern die chemische Iritis.
- Vitamin C: als Tropfen und als Tabletten. Es soll das Einschmelzen der Hornhaut bremsen; die Belege stammen vor allem aus Laborstudien.
- Doxycyclin: ein Antibiotikum, das als Tablette Enzyme hemmt, die Kollagen abbauen.
- Drucksenkende Tropfen oder Tabletten: bei erhöhtem Augeninnendruck.
- Künstliche Tränen ohne Konservierungsmittel: schützen die Oberfläche, oft über Monate. Mehr dazu unter Tränenersatzmittel.
- Schmerzmittel: etwa Paracetamol oder Ibuprofen als Tabletten, bei starken Schmerzen stärkere Mittel.
Bei schweren Verätzungen kommen weitere Tropfen hinzu, die die Heilung der Oberfläche unterstützen sollen, etwa Tropfen aus dem eigenen Blutserum (Eigenserum) oder aus Blutplättchen. Nicht geeignet sind gefäßverengende Tropfen wie Phenylephrin, da sie die Durchblutung des Hornhautrands weiter verschlechtern können.
Wann ist eine Operation nötig?
Eine Operation ist nötig, wenn sich die Hornhautoberfläche nach Tagen bis Wochen nicht schließt, abgestorbenes Gewebe entfernt werden muss oder die Hornhaut durchzubrechen droht. In Klinikserien aus Kolumbien und Mexiko wurden nur 1 bis 4 Prozent der verätzten Augen operiert. Bei schweren Verätzungen gehört die Operation aber oft zur Behandlung.
Amnionmembran
Bei der Amnionmembran-Transplantation wird eine dünne Schicht aus der Fruchtblase, gespendet nach einem Kaiserschnitt, auf die Augenoberfläche genäht oder geklebt. Sie dient als Schutzschicht, dämpft die Entzündung und erleichtert das Zuwachsen der Oberfläche. Eine Cochrane-Übersicht von 2022 fand bei mittelschweren Verätzungen Hinweise auf ein etwas besseres Sehen, die Datenlage ist aber schwach. Bei sehr schweren Verätzungen zeigte sich kein Vorteil.
Weitere Eingriffe in der Akutphase
- Entfernen abgestorbenen Gewebes (Débridement)
- Tenonplastik: Verlagern von gut durchblutetem Gewebe unter der Bindehaut auf blasse, minderdurchblutete Bereiche am Hornhautrand
- Teilweises Vernähen der Lider (Tarsorrhaphie): schützt die Hornhaut, wenn sich die Lider nicht schließen
- Therapeutische Kontaktlinse: als Verband auf der Hornhaut
- Notfall-Hornhauttransplantation: wenn die Hornhaut durchbricht
Was hilft bei Spätschäden der Hornhaut?
Bei Spätschäden kann man in vielen Fällen die Stammzellen am Hornhautrand ersetzen und danach, falls nötig, die Hornhaut transplantieren. Diese Eingriffe werden meist erst geplant, wenn die Entzündung abgeklungen ist, oft nach vielen Monaten. Sie erfolgen in spezialisierten Hornhautzentren.
- Teilweiser Stammzellverlust: Oft reicht es, die überwachsene Bindehaut abzutragen und eine Amnionmembran aufzulegen.
- Kompletter Verlust, nur ein Auge betroffen: Gewebe vom gesunden Partnerauge wird übertragen (autologe Limbustransplantation). Eine Variante ist die einfache Limbusepitheltransplantation (SLET), bei der nur kleine Stücke nötig sind.
- Kultivierte Stammzellen: Stammzellen vom gesunden Auge werden im Labor vermehrt und dann aufgebracht. In der EU ist dafür ein Zelltherapeutikum zugelassen.
- Beide Augen betroffen: Gewebe von Spendern (mit langfristiger Unterdrückung der Abwehr) oder Schleimhaut aus dem Mund. Die Aussichten sind hier deutlich schlechter.
- Hornhauttransplantation: erst sinnvoll, wenn die Oberfläche durch Stammzellen wieder versorgt ist. Ohne funktionierende Stammzellen trübt das Transplantat meist wieder ein.
- Künstliche Hornhaut (Keratoprothese): letzte Möglichkeit, wenn alles andere versagt hat.
Hinzu kommen Operationen an den Folgen: Lösen von Verwachsungen zwischen Lid und Augapfel, Korrektur von Lidfehlstellungen, Operation eines Grauen Stars oder Grünen Stars.
Werden die Kosten übernommen?
Die Notfall- und Klinikbehandlung einer Verätzung übernehmen in Deutschland und Österreich die gesetzlichen Krankenkassen. Geschieht der Unfall bei der Arbeit oder auf dem Arbeitsweg, ist in Deutschland die Berufsgenossenschaft oder Unfallkasse zuständig, in Österreich die AUVA. Melden Sie einen Arbeitsunfall deshalb immer als solchen, damit auch Spätfolgen abgesichert sind.
6 Verlauf und Prognose
In diesem Kapitel (8)
- Wie lange dauert die Heilung?
- In welchen Phasen verläuft die Heilung?
- Wie gut sind die Aussichten?
- Was ist eine Limbusstammzellinsuffizienz?
- Welche weiteren Komplikationen gibt es?
- Warum sind Kontrolltermine so wichtig?
- Kann man wieder arbeiten und Auto fahren?
- Welche psychischen Folgen kann eine Verätzung haben?
Wie lange dauert die Heilung?
Leichte Verätzungen heilen meist innerhalb weniger Tage, schwere brauchen Wochen bis Monate und hinterlassen oft Schäden. Bei Grad I und II schließt sich die Hornhautoberfläche in der Regel unter Tropfen von selbst. In einer indischen Studie zu sehr schweren Verätzungen dauerte allein das Zuwachsen der Oberfläche im Mittel 31 bis 60 Tage.
In welchen Phasen verläuft die Heilung?
Die Heilung einer Verätzung verläuft in drei Phasen: akute Phase, frühe und späte Reparaturphase. Diese Einteilung hilft zu verstehen, warum die Behandlung sich über die Wochen ändert.
| Phase | Zeitraum | Was im Auge passiert |
|---|---|---|
| Akute Phase | Tag 1 bis 7 | Spülen, Reste entfernen, starke Entzündung, Gefahr von Druckanstieg und Infektion |
| Frühe Reparaturphase | Tag 8 bis 20 | Oberfläche wächst zu oder bleibt offen; Gefahr, dass die Hornhaut einschmilzt |
| Späte Reparaturphase | ab Tag 21 | Narben, Gefäßeinsprossung, Verwachsungen, Folgen eines Stammzellmangels werden sichtbar |
Wie gut sind die Aussichten?
Die Aussichten hängen vor allem vom Grad der Verätzung ab: Grad I und II haben eine gute Prognose, Grad III eine unsichere und Grad IV eine schlechte. Etwa drei Viertel aller Verätzungen sind leicht. In einer mexikanischen Klinikserie waren 90 Prozent der Augen Grad I und nur 2,6 Prozent Grad IV. Auch bei schweren Verätzungen bleibt ein Teil des Sehens oft erhalten, wenn auch meist eingeschränkt.
Säureverätzungen haben meist eine bessere Prognose, weil sich eine Trübung oft wieder aufklart. Laugen wie Kalk, Bleichmittel, Abflussreiniger und Natronlauge verursachen häufiger bleibende Schäden. Die Prognose schwerer Verätzungen hat sich durch Stammzell-Operationen in den letzten Jahrzehnten deutlich gebessert.
Was ist eine Limbusstammzellinsuffizienz?
Eine Limbusstammzellinsuffizienz ist der Verlust der Stammzellen am Hornhautrand, aus denen sich die Hornhautoberfläche erneuert. Sie ist die wichtigste Spätfolge schwerer Verätzungen. Ohne Stammzellen wächst Bindehaut über die Hornhaut, die dadurch trüb wird, Blutgefäße bekommt und immer wieder offene Stellen zeigt.
Die Folgen sind ein chronisch gereiztes, schmerzhaftes Auge, schlechtes Sehen und die Gefahr von Geschwüren bis zum Durchbruch der Hornhaut. Ist der Stammzellmangel nur teilweise, genügt manchmal eine kleinere Operation. Bei vollständigem Verlust ist eine Stammzelltransplantation die einzige Behandlung mit Aussicht auf Heilung. Nach einer Studie wächst danach bei rund drei Viertel der Augen wieder eine stabile Oberfläche; Misserfolge treten meist im ersten Jahr auf.
Welche weiteren Komplikationen gibt es?
Weitere Komplikationen betreffen die Augenoberfläche, die Lider und das Augeninnere. Sie können noch Monate nach dem Unfall auftreten.
- Trockenes Auge: durch Schäden an Tränendrüsen und Bindehaut; in den ersten Monaten nach mittleren und schweren Verätzungen häufig.
- Hornhautnarben und Gefäßeinsprossung: trüben das Sehen.
- Hornhautgeschwür und Durchbruch (Perforation): vor allem in den ersten Wochen.
- Infektionen: etwa eine bakterielle Hornhautentzündung auf der offenen Oberfläche.
- Verwachsungen zwischen Lid und Augapfel (Symblepharon): schränken Blinzeln und Augenbewegung ein.
- Lidfehlstellungen und Wimpernfehlstellung: Lider drehen sich ein oder aus, Wimpern reiben auf der Hornhaut.
- Grüner Star (Sekundärglaukom): durch Schäden am Abfluss des Kammerwassers; mehr dazu unter Grüner Star.
- Grauer Star: wenn die Lauge die Linse erreicht hat; siehe Grauer Star.
- Schrumpfung des Augapfels (Phthisis bulbi): in den schwersten Fällen.
Warum sind Kontrolltermine so wichtig?
Kontrolltermine sind wichtig, weil Druckanstieg, Narben und Verwachsungen oft ohne starke Beschwerden entstehen und früh besser zu behandeln sind. In Klinikserien aus Kolumbien und Mexiko kam ein Drittel bis die Hälfte der Patienten nicht zur Nachkontrolle, und in Kolumbien wendete nur gut die Hälfte die Tropfen wie verordnet an. Wer nicht zur Kontrolle kommt, bei dem werden Folgeschäden oft erst spät entdeckt.
Kann man wieder arbeiten und Auto fahren?
Nach einer leichten Verätzung ist man meist nach wenigen Tagen wieder arbeitsfähig, nach schweren Verätzungen oft Wochen bis Monate nicht. Autofahren ist erst wieder erlaubt, wenn die Augenärztin oder der Augenarzt ein ausreichendes Sehen bestätigt. Make-up und Kontaktlinsen sind bis zur vollständigen Heilung tabu.
Welche psychischen Folgen kann eine Verätzung haben?
Eine schwere Verätzung kann psychisch belasten, vor allem wenn das Sehen oder das Aussehen dauerhaft verändert ist. Angst vor erneuten Unfällen, Schlafstörungen und Rückzug sind möglich, besonders nach einem Angriff. Sprechen Sie das bei der Nachsorge an; psychologische Unterstützung ist Teil einer guten Behandlung.
7 Vorbeugung
In diesem Kapitel (7)
Wie kann ich eine Verätzung des Auges verhindern?
Die wirksamste Vorbeugung ist eine dicht schließende Schutzbrille bei jeder Arbeit mit Chemikalien, Kalk, Zement oder Reinigern. Augen sind empfindlich, und ein einziger Spritzer reicht. Dass verpflichtender Augenschutz wirkt, zeigt Großbritannien: Dort ist die Rate schwerer Verätzungen sehr niedrig.
Welche Schutzbrille ist geeignet?
Geeignet ist eine Korbbrille, die rundum dicht am Gesicht anliegt, nicht eine normale Brille. Normale Brillen und offene Bügelbrillen lassen Spritzer von der Seite, von oben und von unten durch. Bei Arbeiten mit größeren Mengen oder über Kopf schützt ein Gesichtsschutzschild zusätzlich Haut und Mund.
Was gilt am Arbeitsplatz?
Am Arbeitsplatz sollen Gefahrenbereiche gekennzeichnet, Augenschutz bereitgestellt und Augenspülflaschen oder Augenduschen in Reichweite sein. Schutzausrüstung muss regelmäßig überprüft werden. Die Spanische Gesellschaft für Augenheilkunde nennt Aufklärung und Erste-Hilfe-Training der Beschäftigten als beste Maßnahme gegen schwere Folgen.
- Schutzbrille tragen, auch bei kurzen Arbeiten
- Augendusche oder Spülflasche griffbereit, Lage allen bekannt
- Chemikalien nur in beschrifteten Originalbehältern
- Sicherheitsdatenblätter griffbereit, damit Rettung und Klinik die Substanz kennen
- regelmäßige Unterweisung: Wie spüle ich, wen rufe ich?
Was gilt zu Hause und beim Heimwerken?
Zu Hause schützen eine Schutzbrille beim Heimwerken und eine sichere Aufbewahrung der Reiniger. Viele Unfälle passieren bei Arbeiten, die man für harmlos hält: beim Anrühren von Mörtel, beim Reinigen des Backofens, beim Freimachen eines Abflusses oder beim Batteriewechsel am Auto.
- Bei Mörtel, Zement, Kalk, Fliesenkleber, Abfluss- und Backofenreiniger eine Schutzbrille tragen.
- Reiniger nie mischen; dabei können ätzende Dämpfe entstehen.
- Abflussreiniger mit Abstand einfüllen und danach nicht über den Abfluss beugen.
- Chemikalien nie in Getränkeflaschen umfüllen.
- Herstellerhinweise auf der Verpackung lesen.
Wie schütze ich Kinder?
Kinder schützen Sie am besten, indem Sie Reiniger, Waschmittel und Spülmaschinenmittel außer Reichweite und verschlossen aufbewahren. Der Schrank unter der Spüle ist ein klassischer Unfallort. Zu Silvester sollten Kinder Feuerwerk nur aus sicherem Abstand ansehen und selbst eine Schutzbrille tragen, wenn sie in der Nähe sind.
Wie bereite ich mich auf einen Notfall vor?
Vorbereitet ist, wer weiß, wie man richtig spült, und die Notrufnummern kennt. Üben Sie im Kopf: Kopf zur Seite, Lider auf, Wasser laufen lassen, lange spülen, Notruf. Wer häufig mit Chemikalien arbeitet, kann eine Augenspülflasche bereithalten. Sie ersetzt aber nicht den Wasserhahn, sondern überbrückt nur die ersten Minuten.
Was hilft nach der Verätzung im Alltag?
Nach der Verätzung helfen konsequent getropfte Medikamente, Schonung und eingehaltene Kontrolltermine. Reiben Sie das Auge nicht, auch wenn es juckt. Verzichten Sie bis zur Heilung auf Make-up und Kontaktlinsen. Eine Sonnenbrille lindert die Lichtempfindlichkeit, und konservierungsmittelfreie Tränenersatzmittel helfen bei Trockenheit, oft noch lange nach der Akutphase.
8 Wann sofort zum Arzt?
In diesem Kapitel (5)
Wann ist eine Verätzung ein Notfall?
Jede Verätzung des Auges ist ein Notfall, auch wenn sie zunächst harmlos aussieht. Sofort spülen, den Notruf wählen und in die Augenklinik. Auch wenn die Schmerzen nach dem Spülen nachlassen, muss eine Augenärztin oder ein Augenarzt das Auge untersuchen, denn schwere Schäden zeigen sich manchmal erst später.
Wann ist eine Verätzung besonders ernst?
Besonders ernst ist eine Verätzung in den folgenden Situationen; dann darf beim Notruf (112, in Österreich 144) keine Zeit verloren gehen. Weitergespült wird, bis die Rettung übernimmt, und niemand fährt selbst.
- Lauge, Kalk, Zement, Ammoniak, Abfluss- oder Backofenreiniger im Auge
- Flusssäure oder eine unbekannte Industriechemikalie
- starke Schmerzen, die trotz Spülen nicht nachlassen
- deutlich schlechteres Sehen, Doppelbilder, weiße oder trübe Hornhaut
- Auge lässt sich nicht öffnen oder nicht bewegen
- beide Augen betroffen
- zusätzlich Verätzungen im Gesicht, Atemnot, Husten, Schluckbeschwerden oder Verschlucken der Substanz
- Kleinkinder und Säuglinge
- Übelkeit, Erbrechen, Kreislaufprobleme
Was gilt bei scheinbar leichten Spritzern?
Auch nach einem scheinbar leichten Spritzer wird gründlich gespült, und danach gehört das Auge umgehend in augenärztliche Hände. Das gilt etwa für einen Spritzer verdünnten Reinigers oder Haushaltsessigs, auch wenn die Beschwerden nach dem Spülen nachlassen. Nur bei eindeutig milden Stoffen wie Seife oder Shampoo, nach denen beim Spülen keinerlei Beschwerden bleiben, ist kein Notfallbesuch nötig. Im Zweifel hilft der Giftnotruf.
Welche Zeichen nach Tagen erfordern eine schnelle Vorstellung?
Nach der Erstbehandlung sollten Sie sich sofort melden, wenn es dem Auge schlechter statt besser geht. Warten Sie dann nicht auf den nächsten Kontrolltermin.
- zunehmende Schmerzen, besonders tiefer, dumpfer Schmerz
- erneut schlechteres Sehen
- zunehmende Rötung, Eiter oder Blut aus dem Auge
- starke Kopfschmerzen mit Übelkeit, die auf einen hohen Augendruck hindeuten können
- keine Besserung nach 24 Stunden bei leichten Verätzungen
Wann reicht ein normaler Termin?
Ein normaler Termin reicht für die geplanten Nachkontrollen und für langsam auftretende Spätbeschwerden wie Trockenheit, Blendung oder Verwachsungen. Bemerken Sie Wochen nach der Verätzung ein trockenes, kratziges Auge oder eine langsame Sehverschlechterung, vereinbaren Sie zeitnah einen Termin. Diese Beschwerden sind behandelbar und sollten nicht ignoriert werden.
9 Häufige Fragen
Was tun, wenn man Reiniger ins Auge bekommen hat?
Sofort mit Leitungswasser spülen, die Lider dabei weit aufhalten und mindestens 15 Minuten spülen, besser bis der Rettungsdienst da ist. Kopf zur verletzten Seite neigen, damit nichts ins andere Auge läuft. Gleichzeitig 112 anrufen, in Österreich 144, und die Reinigerflasche mitnehmen.
Wie lange muss man ein verätztes Auge ausspülen?
Mindestens 15 Minuten, nach Laugen und starken Säuren besser 30 Minuten oder bis medizinische Hilfe übernimmt. Die deutsche Leitlinie nennt 15 Minuten, der britische NHS 20 Minuten, Fachbücher bei starken Substanzen 30 Minuten. Zu langes Spülen schadet nicht, zu kurzes schon.
Ist Lauge oder Säure im Auge schlimmer?
Lauge ist in der Regel schlimmer. Sie verflüssigt das Gewebe und dringt tief in das Auge ein, während Säure an der Oberfläche eine bremsende Schicht bildet. Ausnahmen sind sehr starke Säuren und Flusssäure, die ebenfalls schwere Schäden machen.
Darf man bei Kalk oder Zement im Auge mit Wasser spülen?
Ja. Zuerst lockere Krümel vorsichtig mit einem sauberen Tuch oder feuchten Wattestäbchen vom Lid abtupfen, dann sofort und lange mit Wasser spülen. Kalk und Zement setzen sich in den Bindehauttaschen fest und wirken weiter. Die größte Gefahr ist, gar nicht oder zu kurz zu spülen.
Kann man Augentropfen nach einer Verätzung nehmen?
Nein, in der Ersten Hilfe gehören keine Augentropfen, Salben oder Hausmittel ins Auge, nur Wasser. Die Tropfen nach einer Verätzung verordnet die Augenärztin oder der Augenarzt, denn kortisonhaltige Tropfen ohne Kontrolle können der Hornhaut schaden. Betäubende Tropfen gibt es nur in der Klinik.
Hilft Milch bei einer Verätzung im Auge?
Nein, Milch ist ungeeignet. Auch Essig, Natron oder andere Gegenmittel dürfen nicht ins Auge, weil die Gegenreaktion zusätzlich schadet. Ist kein Leitungswasser da, eignet sich als Notbehelf eine andere saubere, kühle Trinkflüssigkeit wie Mineralwasser oder Tee.
Muss ich nach dem Spülen noch zum Arzt, wenn es nicht mehr weh tut?
Ja, nach jeder Verätzung gehört das Auge zur Augenärztin oder zum Augenarzt. Schwere Verätzungen können anfangs harmlos wirken, weil verätzte Nerven weniger Schmerz melden. In der Klinik wird der pH-Wert geprüft, nach Resten gesucht und eine Entzündung früh behandelt.
Soll ich Kontaktlinsen vor dem Spülen herausnehmen?
Nur wenn das sofort und ohne Mühe geht. Das Spülen hat Vorrang. Oft werden Linsen beim Spülen herausgeschwemmt; sonst werden sie in der Klinik entfernt. Bis zur Heilung keine Kontaktlinsen tragen.
Kann man von einer Verätzung blind werden?
Ja, schwere Verätzungen können zur Erblindung des betroffenen Auges führen, auch bei bester Behandlung. Das ist aber selten: Rund drei Viertel der Verätzungen sind leicht und heilen gut. Je schneller und länger gespült wird, desto besser die Aussichten.
Wie lange dauert die Heilung einer Augenverätzung?
Leichte Verätzungen heilen meist in wenigen Tagen. Mittelschwere brauchen Wochen, schwere oft Monate, mit möglichen Operationen und Spätfolgen. Trockene Augen können noch lange nach der Verätzung Beschwerden machen.
Was ist eine Limbusstammzellinsuffizienz nach Verätzung?
Das ist der Verlust der Stammzellen am Hornhautrand, die die Hornhautoberfläche erneuern. Dann wächst trübe Bindehaut mit Gefäßen über die Hornhaut. Behandelt wird mit einer Übertragung von Stammzellen, meist vom gesunden Partnerauge, später eventuell mit einer Hornhauttransplantation.
Zahlt die Berufsgenossenschaft bei einer Verätzung am Arbeitsplatz?
Ja, bei einem Arbeitsunfall ist in Deutschland die Berufsgenossenschaft oder Unfallkasse zuständig, in Österreich die AUVA. Geben Sie in der Klinik an, dass es ein Arbeitsunfall war, und melden Sie ihn dem Arbeitgeber. So sind auch spätere Behandlungen abgesichert.
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- Fremdkörper im AugeEin Fremdkörper im Auge ist ein Staubkorn, Insekt, Holz- oder Metallsplitter, der auf der Bindehaut, auf der Hornhaut oder unter dem Lid haftet. Meist ist er harmlos und schnell entfernt; Metallsplitter vom Schleifen und Hämmern gehören aber noch am selben Tag zur Augenärztin oder zum Augenarzt, ein eingedrungener Fremdkörper ist ein Notfall.
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Quellen
Dieser Artikel wurde aus Fachquellen in 4 Sprachen recherchiert (Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch) und auf Deutsch zusammengefasst.
Alle 20 Quellen anzeigen
- Akute Verätzung am Auge, S1-Leitlinie 045-018 (DOG, BVA) – AWMF (DE)
- Häufige und typische Augenunfälle – So handeln Sie schnell und richtig (Erfurter Tage 2025) – BGN (DE)
- Verätzungen des Auges – Deximed (DE)
- Vergiftung – richtig vorgehen im Notfall – Gesundheitsportal Österreich (gesundheit.gv.at) (DE)
- 19 Verätzungen – Fachinformation – Unfallkasse Hessen (DE)
- Limbusstammzellinsuffizienz – Der Ophthalmologe (Springer), 2017 (DE)
- Eye injuries – NHS (EN)
- Chemical Burns – American Academy of Ophthalmology (EN)
- Randomised trial of amniotic membrane transplantation in acute ocular burns (Gupta et al.) – British Journal of Ophthalmology 2011;95:194 (EN)
- Brûlures oculaires (version professionnelle) – Manuels MSD (FR)
- Brûlures de l'œil (version grand public) – Manuels MSD (FR)
- Greffe de membrane amniotique dans le traitement des brûlures oculaires aiguës (Clare, Bunce, Tuft 2022) – Cochrane (FR)
- Brûlures oculaires (Merle, Gérard, Schrage) – Journal Français d'Ophtalmologie / EM-Consulte (FR)
- Corps étranger ou produit chimique dans l'œil : que faire? – Institut national de santé publique du Québec (INSPQ) (FR)
- Traumatismos químicos (Capítulo 16, Conjuntiva) – Sociedad Española de Oftalmología (SEO) (ES)
- Lesión química en el ojo – MedlinePlus en español (NLM) (ES)
- Quemaduras en los ojos – Manual MSD (versión para el público general) (ES)
- Manejo de quemaduras oculares por álcalis y ácidos – Revista Médica de Costa Rica y Centroamérica, 2010 (ES)
- Quemaduras oculares en un centro de referencia oftalmológica de Santiago de Cali, Colombia – Colombia Médica 2008 (ES)
- Quemaduras químicas oculares: experiencia en población mexicana – UNAM / Instituto de Oftalmología Fundación Conde de Valenciana, 2018 (ES)
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