Sehnerventzündung (Neuritis nervi optici, Optikusneuritis)
Eine Sehnerventzündung (Optikusneuritis) ist eine meist einseitige Entzündung des Sehnervs, die innerhalb von Stunden bis Tagen zu verschwommenem Sehen, blassen Farben und Schmerzen bei Augenbewegungen führt. Sie trifft vor allem Frauen zwischen 20 und 45 Jahren, heilt meist gut aus und kann das erste Zeichen einer Multiplen Sklerose sein.
1 Kurzübersicht
Die Sehnerventzündung (Fachbegriff Neuritis nervi optici oder Optikusneuritis) ist eine Entzündung des Sehnervs. Dieser Nerv leitet die Bildinformation vom Auge zum Gehirn. Er besteht aus rund einer Million Nervenfasern, die wie ein Kabel von einer isolierenden Schutzhülle umgeben sind, dem Myelin.
Bei der typischen Sehnerventzündung greift das eigene Immunsystem diese Schutzhülle an. Die Signale werden dadurch langsamer und schwächer weitergeleitet. Die Folge: Das Sehen auf einem Auge verschlechtert sich innerhalb von Stunden bis Tagen, Farben wirken blass, und oft schmerzt das Auge, wenn man es bewegt.
Der Sehnerv gehört zum zentralen Nervensystem, so wie Gehirn und Rückenmark. Deshalb ist die Sehnerventzündung eng mit der Multiplen Sklerose (MS) verwandt. Bei etwa jedem fünften Menschen mit MS ist sie das erste Krankheitszeichen. Umgekehrt entwickelt aber längst nicht jeder mit einer Sehnerventzündung eine MS.
Daneben gibt es seltenere Formen, die anders verlaufen und anders behandelt werden: die Neuromyelitis-optica-Spektrum-Erkrankung (NMOSD) mit Antikörpern gegen Aquaporin-4 und die MOG-Antikörper-assoziierte Erkrankung (MOGAD). Auch Infektionen und Autoimmunerkrankungen können den Sehnerv entzünden.
Die gute Nachricht: Die typische Sehnerventzündung heilt bei den allermeisten Betroffenen weitgehend aus, meist innerhalb von zwei bis drei Monaten, auch ohne Behandlung. Eine Kortison-Stoßtherapie beschleunigt die Erholung, verbessert aber das Endergebnis nach heutiger Studienlage kaum. Wichtig ist die Abklärung: Ein MRT des Kopfes zeigt, wie hoch das Risiko für eine spätere MS ist, und Bluttests auf Antikörper erkennen die selteneren Formen.
Auf einen Blick:
- Meist ein Auge, meist junge Erwachsene, Frauen häufiger.
- Leitsymptome: Sehverschlechterung über Tage, Schmerz bei Augenbewegung, blasse Farben, zentraler grauer Fleck.
- Das Auge sieht von außen normal aus. Bei zwei Dritteln sieht auch die Ärztin beim Blick in das Auge nichts Auffälliges.
- Behandlung: Beobachten oder Kortison-Stoßtherapie; bei schweren Formen Blutwäsche.
- Prognose: meist gute Erholung; Farb- und Kontrastsehen können leicht beeinträchtigt bleiben.
- Sehverlust auf beiden Augen, Lähmungen oder Gefühlsstörungen: sofort ärztlich abklären lassen.
2 Symptome
In diesem Kapitel (17)
- Welche Symptome sind typisch für eine Sehnerventzündung?
- Wie schnell verschlechtert sich das Sehen?
- Wie stark kann der Sehverlust sein?
- Wie fühlen sich die Schmerzen an?
- Warum sehen Farben plötzlich blass aus?
- Was ist der „Fleck“ in der Mitte des Blickfelds?
- Warum wirkt alles flau und kontrastarm?
- Können auch Lichtblitze auftreten?
- Was ist das Uhthoff-Phänomen?
- Warum ist das räumliche Sehen gestört?
- Sieht man der Sehnerventzündung etwas an?
- Sind ein oder beide Augen betroffen?
- Welche Begleitbeschwerden gibt es?
- Was bemerken Angehörige?
- Wie zeigt sich die Sehnerventzündung bei Kindern?
- Was ist bei Menschen über 50 anders?
- Woran erkennt man eine untypische Sehnerventzündung?
Welche Symptome sind typisch für eine Sehnerventzündung?
Typisch sind drei Beschwerden auf einem Auge: Das Sehen verschlechtert sich innerhalb von Stunden bis Tagen, das Auge schmerzt bei Bewegungen, und Farben wirken blass. Dazu kommt oft ein grauer oder dunkler Fleck in der Mitte des Blickfelds.
Nicht alle Zeichen treten bei jedem auf, und ihre Stärke schwankt erheblich. Manche Betroffene bemerken nur einen leichten Schleier, andere sehen mit dem betroffenen Auge vorübergehend fast nichts mehr. Die folgende Übersicht fasst zusammen, wie häufig die einzelnen Symptome nach Studien und Fachübersichten sind.
| Symptom | Wie häufig? | Typisches Erleben |
|---|---|---|
| Sehverschlechterung auf einem Auge | über 90 % | Schleier, Unschärfe, zentraler Fleck, Entwicklung über Stunden bis Tage |
| Schmerz bei Augenbewegung | etwa 80 bis 92 % | dumpf, hinter oder über dem Auge, oft einige Tage vor dem Sehverlust |
| Gestörtes Farbsehen | fast immer messbar | Farben blass, „ausgewaschen“, Rot wirkt eher orange oder bräunlich |
| Weniger Kontrast | fast immer messbar | alles wirkt flau, wie bei schlechtem Licht |
| Gesichtsfeldausfall | bei Messung fast immer | Fleck in der Mitte oder neben der Mitte, teils fleckige Ausfälle |
| Lichtblitze (Photopsien) | etwa 30 % | Funken oder Flimmern, oft bei Augenbewegung |
| Uhthoff-Phänomen | häufig, besonders bei MS | vorübergehend schlechteres Sehen bei Wärme oder Anstrengung |
Wie schnell verschlechtert sich das Sehen?
Das Sehen nimmt typischerweise über einige Stunden bis Tage ab und erreicht seinen Tiefpunkt nach etwa einer bis zwei Wochen. Danach bleibt es meist eine Zeit lang stabil und bessert sich anschließend schrittweise.
Dieser zeitliche Ablauf ist ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal. Eine Durchblutungsstörung oder ein Gefäßverschluss raubt das Sehen dagegen meist schlagartig, oft beim Aufwachen. Bei der Sehnerventzündung schildern Betroffene eher: „Gestern war es ein Schleier, heute ist es deutlich schlechter.“
Die Sehschärfe kann sich in den ersten zwei Wochen weiter verschlechtern, auch wenn bereits Kortison gegeben wird. Das ist kein Zeichen, dass die Behandlung versagt. Hält die Verschlechterung dagegen deutlich länger als zwei Wochen an, spricht das für eine untypische Form, die genauer abgeklärt werden muss.
Wie stark kann der Sehverlust sein?
Die Spannweite ist groß: von einer kaum bemerkten Unschärfe bei fast normaler Sehschärfe bis zur völligen Erblindung des Auges, bei der nicht einmal mehr Licht wahrgenommen wird.
In der großen amerikanischen Studie zur Sehnerventzündung (Optic Neuritis Treatment Trial, ONTT) lag die Sehschärfe bei vielen Teilnehmenden in der Akutphase bei etwa 20 bis 25 Prozent. Nur wenige, rund drei Prozent, konnten mit dem betroffenen Auge lediglich Finger zählen oder Licht erkennen. Ein sehr schwerer Sehverlust (Sehschärfe unter 10 Prozent) gilt als Hinweis auf eine untypische Form, etwa eine NMOSD.
Wie fühlen sich die Schmerzen an?
Der Schmerz ist meist dumpf und sitzt hinter oder über dem Auge; er wird stärker, wenn man das Auge bewegt, etwa beim Blick zur Seite oder nach oben. Manche beschreiben ihn als Druck hinter dem Augapfel, andere als ziehend oder stechend.
Bei den meisten ist der Schmerz eher mild. Er kann dem Sehverlust um einige Tage vorausgehen. Viele Betroffene halten ihn deshalb anfangs für Kopfschmerzen, eine Nebenhöhlenentzündung oder Verspannung. Oft tut auch leichter Druck auf den geschlossenen Augapfel weh.
Der Schmerz entsteht, weil die Augenmuskeln an ihrem Ursprung in der Augenhöhle eng mit der Hülle des Sehnervs verbunden sind. Bewegt sich das Auge, wird die entzündete Nervenscheide gezerrt, und dort verlaufende Schmerzfasern werden gereizt. Liegt die Entzündung weiter hinten, nahe am oder im Schädel, fehlt der Bewegungsschmerz oft.
Wie lange halten die Schmerzen an?
Meist klingt der Schmerz nach drei bis fünf Tagen deutlich ab, spätestens nach etwa zwei Wochen. Hält er länger an oder wird er stärker, sollte die Diagnose überprüft werden, denn dann kommen andere Ursachen in Frage, etwa eine Entzündung der Augenhöhle oder der Lederhaut.
Warum sehen Farben plötzlich blass aus?
Der entzündete Sehnerv leitet Farbinformationen schlechter weiter, besonders für Rot. Farben wirken deshalb blass, dunkler oder „schmutzig“, ein kräftiges Rot sieht eher orange, rosa oder bräunlich aus.
Die Farbsehstörung ist eines der empfindlichsten Zeichen der Sehnerventzündung. Sie ist oft stärker ausgeprägt, als die gemessene Sehschärfe erwarten lässt, und kann auch bei nur leichtem Sehverlust deutlich sein. Viele Betroffene bemerken sie nicht von selbst, weil das gesunde Auge den Unterschied ausgleicht.
Ein einfacher Selbsttest: Schauen Sie abwechselnd mit dem rechten und dem linken Auge auf einen leuchtend roten Gegenstand, etwa einen Flaschendeckel. Wirkt das Rot auf einem Auge deutlich blasser, ist das ein Grund, zeitnah zur Augenärztin oder zum Augenarzt zu gehen. Der Test ersetzt aber keine Untersuchung.
Was ist der „Fleck“ in der Mitte des Blickfelds?
Viele Betroffene sehen in der Mitte des Blickfelds einen grauen, verschwommenen oder dunklen Fleck, Fachleute nennen das Zentralskotom. Genau dort, wo man hinschaut, fehlt dann ein Teil des Bildes.
Das macht sich vor allem beim Lesen und beim Erkennen von Gesichtern bemerkbar: Buchstaben verschwinden, Gesichter wirken verwaschen. Der Fleck kann auch etwas neben der Mitte liegen oder sich bis zum blinden Fleck ausdehnen. Bei der Gesichtsfeldmessung sind aber auch ganz andere Muster möglich, etwa ein allgemein abgeschwächtes Sehen im ganzen Blickfeld oder Ausfälle in der oberen oder unteren Hälfte.
Erstaunlich: In der ONTT-Studie fanden sich auch am scheinbar gesunden Partnerauge bei vielen Teilnehmenden leichte Gesichtsfeldausfälle. Die Betroffenen hatten davon nichts gemerkt.
Warum wirkt alles flau und kontrastarm?
Die Kontrastempfindlichkeit ist bei fast allen Betroffenen vermindert: Graustufen und blasse Konturen werden schlechter unterschieden, das Bild wirkt flau wie bei Nebel oder Dämmerlicht.
Das fällt besonders bei schlechter Beleuchtung, auf hellem Untergrund oder bei grellem Licht auf. Treppenstufen, graue Schrift auf weißem Papier oder ein Bordstein in der Dämmerung sind schwerer zu erkennen. Das Kontrastsehen kann auch dann noch beeinträchtigt sein, wenn die Sehschärfe auf der Sehtafel längst wieder normal ist.
Können auch Lichtblitze auftreten?
Ja, etwa jeder dritte Betroffene sieht Lichtblitze, Funken oder ein Flimmern (Photopsien). Sie treten spontan auf oder werden durch Augenbewegungen ausgelöst, manchmal sogar durch laute Geräusche.
Patientinnen und Patienten erwähnen diese Lichterscheinungen selten von sich aus, weil sie sie für unwichtig halten. Sie entstehen vermutlich, weil der gereizte Nerv bei Zug durch die Augenbewegung Signale aussendet. Lichtblitze zusammen mit einem dunklen Schatten oder vielen neuen schwarzen Punkten können aber auch auf eine Netzhautablösung hindeuten. Deshalb gehören neue Lichtblitze immer zur Augenärztin oder zum Augenarzt.
Was ist das Uhthoff-Phänomen?
Beim Uhthoff-Phänomen verschlechtert sich das Sehen vorübergehend, wenn die Körpertemperatur steigt, etwa beim Sport, unter einer heißen Dusche, in der Sauna oder bei Fieber. Nach dem Abkühlen bessert es sich innerhalb von Minuten bis Stunden wieder.
Die Ursache: Nervenfasern, deren Schutzhülle geschädigt ist, leiten bei Wärme noch schlechter. Das Phänomen ist harmlos und kein neuer Schub. Es kann auch noch Monate oder Jahre nach der Erholung bestehen bleiben.
Das Uhthoff-Phänomen ist typisch für Sehnerventzündungen im Rahmen einer MS, aber nicht beweisend. Es kommt auch bei anderen Sehnervenerkrankungen vor. Nach einer Schweizer Fachübersicht haben Menschen, die es bei sich bemerken, ein etwas höheres Risiko, später eine MS zu entwickeln. Erwähnen Sie es deshalb bei der Untersuchung.
Warum ist das räumliche Sehen gestört?
Weil der entzündete Sehnerv langsamer leitet als der gesunde, kommen die Bilder beider Augen leicht zeitversetzt im Gehirn an. Das kann das räumliche Sehen und die Wahrnehmung von Bewegungen stören.
Fachleute sprechen vom Pulfrich-Phänomen. Ein Pendel, das gerade hin und her schwingt, scheint dann auf einer Ellipse zu kreisen. Im Alltag kann es sich so äußern, dass seitlich vorbeifahrende Autos, ein Ball oder Personen auf einer Rolltreppe schwer einzuschätzen sind. Auch Entfernungen beim Einschenken oder Greifen können ungewohnt schwierig werden.
Sieht man der Sehnerventzündung etwas an?
Nein, das Auge sieht von außen völlig normal aus: Es ist nicht gerötet, tränt nicht und ist nicht geschwollen. Das unterscheidet die Sehnerventzündung deutlich von einer Bindehautentzündung oder einer Uveitis.
Selbst beim Blick in das Auge findet die Ärztin bei etwa zwei Dritteln der Erwachsenen einen unauffälligen Sehnervenkopf. Die Entzündung liegt dann weiter hinten im Nerv (Retrobulbärneuritis). In der Fortbildung gibt es dafür einen Merksatz: „Der Patient sieht nichts, und die Ärztin sieht auch nichts.“ Bei etwa einem Drittel ist der Sehnervenkopf geschwollen (Papillitis).
Messbar ist dagegen fast immer eine veränderte Pupillenreaktion. Die Pupille des erkrankten Auges verengt sich bei Licht schwächer, wenn man abwechselnd in beide Augen leuchtet. Betroffene merken davon selbst nichts.
Sind ein oder beide Augen betroffen?
Bei Erwachsenen ist fast immer nur ein Auge betroffen. Eine gleichzeitige Entzündung beider Augen ist bei Erwachsenen selten und gilt als Warnzeichen für eine untypische Form.
Beidseitiger Befall, gleichzeitig oder kurz nacheinander, kommt besonders bei der NMOSD und der MOGAD vor. Bei der MOGAD sind nach Fachangaben bei Erwachsenen sogar rund die Hälfte der Sehnerventzündungen beidseitig. Auch Infektionen und Autoimmunerkrankungen können beide Augen treffen. Bei Kindern ist ein beidseitiger Befall dagegen häufiger und nicht ungewöhnlich (siehe unten).
Welche Begleitbeschwerden gibt es?
Neben den Sehstörungen nennen manche Betroffene Kopfschmerzen in der Stirn- oder Augenregion, Lichtempfindlichkeit und Müdigkeit. Diese Beschwerden sind unspezifisch und kommen bei vielen Erkrankungen vor.
Gelegentlich gehen grippeähnliche Beschwerden oder ein Infekt der Sehnerventzündung voraus, vor allem bei Kindern. Doppelbilder gehören nicht zur reinen Sehnerventzündung. Sie können darauf hinweisen, dass im Gehirn weitere Bereiche betroffen sind, etwa bei einem MS-Schub, oder auf eine Augenmuskellähmung.
Beschwerden, die auf das Nervensystem hinweisen
Manche Begleitsymptome deuten darauf hin, dass nicht nur der Sehnerv entzündet ist. Sie müssen sofort ärztlich abgeklärt werden:
- Taubheitsgefühl, Kribbeln oder Schwäche in Armen oder Beinen
- Gang- oder Gleichgewichtsstörungen, Schwindel
- Blasen- oder Darmstörungen
- anhaltender Schluckauf, Übelkeit und Erbrechen ohne erkennbare Ursache (typisch für eine Beteiligung des Hirnstamms bei NMOSD)
- Doppelbilder, Sprech- oder Schluckstörungen
- bei Kindern: Fieber mit Verwirrtheit, Krampfanfällen oder starker Schläfrigkeit
Was bemerken Angehörige?
Angehörige bemerken oft zuerst Veränderungen im Verhalten, weil das gesunde Auge vieles ausgleicht. Die folgenden Beispiele sind aus den typischen Beschwerden abgeleitet, nicht aus Studien.
- Die betroffene Person hält ein Auge zu oder kneift es beim Lesen zusammen.
- Sie stößt auf einer Seite an Türrahmen oder Gegenstände.
- Sie erkennt Gesichter auf Entfernung schlechter oder verwechselt Farben.
- Sie klagt über Schmerzen beim Blick zur Seite oder reibt sich das Auge.
- Sie meidet Sport oder heiße Bäder, weil das Sehen danach schlechter wird.
- Kinder werden beim Spielen unsicherer, sitzen näher am Bildschirm oder sind auffällig quengelig.
Wie zeigt sich die Sehnerventzündung bei Kindern?
Bei Kindern ist die Sehnerventzündung häufiger beidseitig, der Sehnervenkopf ist öfter geschwollen, und sie folgt oft einem Infekt. Je jünger das Kind, desto deutlicher unterscheidet sich das Bild von dem bei Erwachsenen.
- Kinder unter etwa zehn Jahren: häufig beide Augen, oft ein bis drei Wochen nach einem Virusinfekt (zum Beispiel Windpocken, Masern, Mumps, Pfeiffersches Drüsenfieber) oder seltener nach einer Impfung; der Sehverlust ist oft stark, dazu kommen häufig Kopfschmerzen.
- Ältere Kinder und Jugendliche: verhalten sich eher wie Erwachsene, meist ein Auge, und der Zusammenhang mit einer späteren MS wird wahrscheinlicher.
- MOG-Antikörper: sind bei Kindern mit Sehnerventzündung vergleichsweise häufig, in einer Untersuchung bei knapp der Hälfte. Sie sprechen eher gegen eine MS.
Kleine Kinder können einen Sehverlust oft nicht in Worte fassen, vor allem wenn nur ein Auge betroffen ist. Eltern fällt dann eher auf, dass das Kind unsicher wird, stolpert oder nach Dingen danebengreift. Treten zusätzlich Fieber, Krampfanfälle, Verwirrtheit oder Bewegungsstörungen auf, kann eine akute disseminierte Enzephalomyelitis (ADEM) dahinterstecken, eine Entzündung von Gehirn und Rückenmark. Das ist ein Notfall.
Was ist bei Menschen über 50 anders?
Nach dem 50. Lebensjahr ist eine Sehnerventzündung selten; ein plötzlicher Sehverlust hat in diesem Alter häufiger andere Ursachen. Vor allem eine Durchblutungsstörung des Sehnervs muss bedacht werden.
Fehlt der Schmerz bei Augenbewegungen und bestehen Gefäßrisiken wie Bluthochdruck, Diabetes oder Rauchen, spricht das eher für eine Durchblutungsstörung. Kommen Kopfschmerzen an der Schläfe, Kauschmerzen, Gewichtsverlust oder allgemeines Krankheitsgefühl hinzu, muss sofort an eine Riesenzellarteriitis gedacht werden. Sie kann ohne schnelle Behandlung auch das zweite Auge erblinden lassen.
Woran erkennt man eine untypische Sehnerventzündung?
Untypisch ist eine Sehnerventzündung, wenn sie nicht zum klassischen Bild der jungen Erwachsenen mit einseitigem, schmerzhaftem und sich von selbst besserndem Sehverlust passt. Dann wird nach anderen Ursachen gesucht.
Hinweise auf eine untypische Form sind nach der deutschen Leitlinie und internationalen Übersichten:
- beide Augen gleichzeitig oder kurz nacheinander betroffen
- Alter unter 18 oder über 50 Jahre
- sehr schwerer Sehverlust (Sehschärfe unter 10 Prozent) oder Verschlechterung über mehr als zwei Wochen
- kein Schmerz, oder ein Schmerz, der länger als zwei Wochen anhält
- keine Besserung innerhalb von drei bis vier Wochen
- starke Schwellung des Sehnervenkopfs, Blutungen, Ablagerungen oder ein sternförmiges Muster an der Netzhautmitte
- früher Rückfall, besonders wenn das Absetzen von Kortison die Beschwerden zurückbringt
- Übelkeit, Erbrechen, Schluckauf oder Zeichen einer Rückenmarksbeteiligung
In der deutschen Leitlinie wird auch eine asiatische oder afrokaribische Herkunft als Hinweis auf eine untypische Form genannt, weil NMOSD in diesen Bevölkerungsgruppen häufiger ist.
3 Ursachen und Risikofaktoren
In diesem Kapitel (9)
- Was passiert bei einer Sehnerventzündung im Nerv?
- Welche Formen gibt es nach dem Ort der Entzündung?
- Wie hängen Sehnerventzündung und Multiple Sklerose zusammen?
- Was ist eine NMOSD?
- Was ist eine MOGAD?
- Welche Infektionen können den Sehnerv entzünden?
- Welche anderen Erkrankungen und Medikamente kommen in Frage?
- Wer hat ein erhöhtes Risiko?
- Wie häufig ist die Sehnerventzündung?
Was passiert bei einer Sehnerventzündung im Nerv?
Das Immunsystem greift fälschlich die Schutzhülle der Sehnervenfasern an, das Myelin. Ohne intakte Isolierschicht leiten die Fasern Signale langsamer, schwächer oder gar nicht mehr.
Der Sehnerv ist entwicklungsgeschichtlich ein Ausläufer des Gehirns. Seine Schutzhülle wird von denselben Zellen gebildet wie im Gehirn und Rückenmark. Deshalb verhält sich die Sehnerventzündung wie eine entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems und nicht wie die Entzündung eines Nervs in Arm oder Bein.
Klingt die Entzündung ab, können die Fasern teilweise neu ummantelt werden, und das Sehen erholt sich. Bei schweren oder wiederholten Entzündungen gehen aber auch Nervenfasern selbst zugrunde. Dieser Faserverlust ist bleibend und lässt sich Wochen später in der Netzhautmessung (OCT) nachweisen.
Welche Formen gibt es nach dem Ort der Entzündung?
Nach dem Ort unterscheidet man die Retrobulbärneuritis, die Papillitis, die Neuroretinitis und die seltene Perineuritis. Am häufigsten ist die Retrobulbärneuritis.
- Retrobulbärneuritis: Die Entzündung sitzt hinter dem Augapfel. Der Sehnervenkopf sieht normal aus. Etwa zwei Drittel der Erwachsenen haben diese Form.
- Papillitis: Die Entzündung betrifft den Sehnervenkopf (Papille) im Auge, der geschwollen erscheint. Häufiger bei Kindern und bei MOGAD.
- Neuroretinitis: Sehnervenkopf und angrenzende Netzhaut sind entzündet; oft bildet sich ein sternförmiges Muster aus Ablagerungen an der Netzhautmitte. Häufig steckt eine Infektion dahinter, etwa die Katzenkratzkrankheit.
- Perineuritis: Entzündet ist vor allem die Hülle um den Sehnerv. Sie betrifft eher ältere Menschen und spricht gut auf Kortison an, kehrt aber nach dem Absetzen oft zurück.
Wie hängen Sehnerventzündung und Multiple Sklerose zusammen?
Die Multiple Sklerose ist die häufigste Ursache einer Sehnerventzündung. Bei MS entstehen Entzündungsherde im gesamten zentralen Nervensystem, und der Sehnerv ist besonders oft betroffen.
Etwa 15 bis 20 Prozent der Menschen mit MS erleben eine Sehnerventzündung als allererstes Krankheitszeichen. Im Laufe der Erkrankung bekommt rund die Hälfte bis drei Viertel aller MS-Betroffenen mindestens einmal eine Sehnerventzündung. Bei Obduktionen zeigen sich fast immer Spuren im Sehnerv, auch wenn nie Beschwerden bestanden.
Wichtig ist der Umkehrschluss: Eine Sehnerventzündung bedeutet nicht automatisch MS. Viele Betroffene entwickeln nie weitere Krankheitszeichen. Ohne Hinweise auf eine andere Ursache und ohne Herde im MRT spricht man von einer idiopathischen Sehnerventzündung, also ohne erkennbare Ursache. Wie hoch das MS-Risiko im Einzelfall ist, zeigt vor allem das MRT (siehe Verlauf und Prognose).
Was ist eine NMOSD?
Die Neuromyelitis-optica-Spektrum-Erkrankung (NMOSD) ist eine seltene, eigenständige Autoimmunerkrankung, bei der Antikörper gegen Aquaporin-4 (AQP4) vor allem Sehnerv und Rückenmark angreifen. Sie ist keine Form der MS, auch wenn sie ihr ähnelt.
Aquaporin-4 ist ein Wasserkanal auf Stützzellen des Nervensystems (Astrozyten). Die Antikörper zerstören diese Zellen, und die Entzündung fällt meist heftiger aus als bei MS. Typisch sind ein sehr schwerer Sehverlust, oft beidseitig, und eine Entzündung des Rückenmarks über mehrere Wirbelkörper mit Lähmungen und Gefühlsstörungen. In Deutschland sind schätzungsweise 1.500 bis 2.500 Menschen betroffen, ganz überwiegend Frauen.
Ein NMOSD-Schub ist ein neuroimmunologischer Notfall. Jeder Schub kann bleibende Schäden hinterlassen, bis hin zur Erblindung oder Querschnittslähmung. Deshalb ist es so wichtig, sie früh zu erkennen und anders als eine MS zu behandeln.
Was ist eine MOGAD?
Die MOG-Antikörper-assoziierte Erkrankung (MOGAD) ist eine Entzündung des zentralen Nervensystems mit Antikörpern gegen das Myelin-Oligodendrozyten-Glykoprotein (MOG), einen Bestandteil der Nervenschutzhülle. Seit 2023 gibt es internationale Diagnosekriterien, sie gilt als eigenständige Erkrankung.
Bei Erwachsenen äußert sich MOGAD am häufigsten als Sehnerventzündung, nicht selten an beiden Augen und mit stark geschwollenem Sehnervenkopf. Bei kleinen Kindern zeigt sie sich eher als ADEM mit Fieber, Kopfschmerzen und Bewusstseinsstörungen. Männer und Frauen sind etwa gleich häufig betroffen.
Bei etwa einem Fünftel bis der Hälfte der Betroffenen geht der Erkrankung eine Infektion voraus, etwa Grippe, Pfeiffersches Drüsenfieber, Herpes oder COVID-19. MOGAD spricht meist sehr gut auf Kortison an, neigt aber bei manchen zu Rückfällen, besonders wenn das Kortison zu schnell abgesetzt wird.
Welche Infektionen können den Sehnerv entzünden?
Infektionen sind eine seltene, aber wichtige Ursache, weil sie gezielt behandelt werden können. Der Sehnerv kann direkt vom Erreger befallen werden oder ein bis drei Wochen nach einem Infekt durch eine fehlgeleitete Immunreaktion erkranken (parainfektiös).
- Virusinfekte: Masern, Mumps, Röteln, Windpocken, Pfeiffersches Drüsenfieber (Epstein-Barr-Virus), Herpes, Grippe; bei Kindern auch Gehirnentzündungen.
- Bakterien: Borreliose (nach Zeckenstich), Syphilis, Tuberkulose, Katzenkratzkrankheit (Bartonellen).
- Nachbarschaft: Entzündungen der Nasennebenhöhlen, vor allem der hinteren Siebbeinzellen, und Hirnhautentzündungen können auf den Sehnerv übergreifen.
- Geschwächtes Immunsystem: HIV, Zytomegalie, Toxoplasmose.
In Einzelfällen wurde über Sehnerventzündungen nach Impfungen und nach COVID-19 berichtet. Ein ursächlicher Zusammenhang ist meist nicht gesichert, und solche Fälle sind sehr selten.
Welche anderen Erkrankungen und Medikamente kommen in Frage?
Auch Autoimmunerkrankungen des ganzen Körpers und einige Medikamente können eine Sehnerventzündung auslösen. Sie verlaufen oft schwerer, betreffen manchmal beide Augen und kehren häufiger zurück.
- Autoimmunerkrankungen: Lupus erythematodes, Sarkoidose, Sjögren-Syndrom, Morbus Behçet, Gefäßentzündungen wie die Granulomatose mit Polyangiitis.
- Medikamente: TNF-alpha-Hemmer (zum Beispiel bei Rheuma oder chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen) und Immun-Checkpoint-Hemmer in der Krebstherapie.
- CRION: Die chronisch rezidivierende entzündliche Optikusneuropathie ist eine seltene Sonderform mit immer wiederkehrenden Schüben, die nur unter dauerhafter Behandlung ruhig bleibt.
Davon abzugrenzen sind toxische Sehnervenschäden, die streng genommen keine Entzündung sind. Sie entstehen etwa durch Methanol, Blei, bestimmte Tuberkulose-Medikamente (Ethambutol), Chinin oder Vitaminmangel und betreffen meist beide Augen schleichend und schmerzlos.
Wer hat ein erhöhtes Risiko?
Am häufigsten erkranken Frauen zwischen 20 und 45 Jahren mit hellem Hauttyp aus nördlichen Breiten. Das spiegelt das Risikoprofil der Multiplen Sklerose wider.
- Geschlecht: Frauen erkranken etwa zwei- bis dreimal so häufig wie Männer. Bei NMOSD ist der Frauenanteil noch deutlich höher, bei MOGAD sind die Geschlechter ausgeglichen.
- Alter: Gipfel zwischen 20 und 40 Jahren; in der ONTT-Studie lag das Durchschnittsalter bei 32 Jahren.
- Herkunft und Wohnort: häufiger bei Menschen europäischer Herkunft und in Nordeuropa sowie Nordamerika; bei Menschen asiatischer oder afrikanischer Herkunft sind untypische Formen wie NMOSD vergleichsweise häufiger.
- Erbanlagen: Bestimmte Gewebemerkmale (zum Beispiel HLA-DR2) erhöhen das Risiko, dass aus einer Sehnerventzündung eine MS wird. Die Sehnerventzündung selbst wird aber nicht vererbt.
Abzugrenzen ist die erbliche Lebersche hereditäre Optikusneuropathie. Sie betrifft vor allem junge Männer, verläuft schmerzlos und erfasst nacheinander beide Augen.
Wie häufig ist die Sehnerventzündung?
Pro Jahr erkranken etwa 1 bis 5 von 100.000 Menschen an einer Sehnerventzündung; für Deutschland wird eine Rate um 5 pro 100.000 genannt. Bei Erwachsenen unter 50 Jahren ist sie die häufigste Erkrankung des Sehnervs.
Die Zahlen schwanken je nach Region und Studie deutlich. Bei Kindern ist die Erkrankung viel seltener; Studien nennen etwa 0,15 bis 1 Neuerkrankung pro 100.000 Kinder und Jahr. Vor der Pubertät erkranken Jungen und Mädchen ähnlich oft, danach überwiegen Mädchen. In Österreich leben nach Angaben des öffentlichen Gesundheitsportals rund 13.000 Menschen mit MS, bei denen die Sehnerventzündung zu den häufigen frühen Krankheitszeichen zählt.
4 Diagnose
In diesem Kapitel (10)
- Wie stellt die Augenärztin eine Sehnerventzündung fest?
- Welche Untersuchungen erfolgen beim Augenarzt?
- Was ist der Swinging-Flashlight-Test?
- Wozu dient die OCT?
- Warum ist ein MRT wichtig?
- Welche Bluttests sind sinnvoll?
- Wann braucht man eine Untersuchung des Nervenwassers?
- Was messen die visuell evozierten Potenziale?
- Wer ist an der Abklärung beteiligt?
- Welche Erkrankungen sehen ähnlich aus?
Wie stellt die Augenärztin eine Sehnerventzündung fest?
Die Diagnose wird in erster Linie klinisch gestellt, also aus der Schilderung der Beschwerden und der Untersuchung des Auges. Typische Beschwerden zusammen mit einer veränderten Pupillenreaktion und einer Farbsehstörung machen die Diagnose meist schon in der Praxis sehr wahrscheinlich.
Zunächst fragt die Augenärztin oder der Augenarzt nach dem Beginn und Verlauf der Sehstörung, nach Schmerzen, früheren Episoden, vorangegangenen Infekten, Zeckenstichen, Katzenkontakt, Medikamenten und neurologischen Beschwerden wie Taubheitsgefühlen oder Gangstörungen. Danach werden beide Augen untersucht, auch das scheinbar gesunde.
Welche Untersuchungen erfolgen beim Augenarzt?
Beim Augenarzt werden Sehschärfe, Farbsehen, Kontrastsehen, Pupillenreaktion, Gesichtsfeld und Augenhintergrund geprüft, meist ergänzt durch eine Schichtaufnahme der Netzhaut (OCT). Alle Untersuchungen sind schmerzfrei.
| Untersuchung | Was wird geprüft? | Typischer Befund |
|---|---|---|
| Sehschärfe | Lesen von Zahlen oder Buchstaben auf der Sehtafel | vermindert, von leicht bis schwer |
| Farbsehtest | Farbtafeln (zum Beispiel Ishihara), Vergleich der Rotsättigung | Farben, besonders Rot, auf dem kranken Auge blasser |
| Kontrastsehen | Tafeln mit immer blasseren Buchstaben | deutlich vermindert |
| Pupillentest (Swinging-Flashlight-Test) | abwechselndes Beleuchten beider Augen | relativer afferenter Pupillendefekt |
| Gesichtsfeldmessung (Perimetrie) | Erkennen von Lichtpunkten im Blickfeld | Fleck in der Mitte oder andere Ausfälle |
| Augenspiegelung | Blick auf Sehnervenkopf und Netzhaut | meist normal, bei einem Drittel geschwollen |
| OCT | Dicke der Nervenfaserschicht | akut normal oder verdickt, später ausgedünnt |
| Augeninnendruck | Druckmessung | normal; schließt Glaukom aus |
Was ist der Swinging-Flashlight-Test?
Beim Swinging-Flashlight-Test leuchtet die Ärztin mit einer Lampe abwechselnd in das rechte und das linke Auge. Ist ein Sehnerv entzündet, verengt sich die Pupille bei Licht auf dieses Auge schwächer und langsamer, oder sie erweitert sich sogar leicht.
Fachleute nennen das einen relativen afferenten Pupillendefekt (RAPD), früher auch Marcus-Gunn-Pupille. Er ist der wichtigste Befund in der Praxis und bei einseitiger Sehnerventzündung fast immer vorhanden. Fehlt er, sollte die Diagnose überdacht werden. Ausnahme: Sind beide Sehnerven gleich stark entzündet, kann der Unterschied fehlen.
Wozu dient die OCT?
Die optische Kohärenztomografie (OCT) ist eine Art Ultraschall mit Licht, die in wenigen Sekunden die Dicke der Nervenfaserschichten in der Netzhaut misst. Sie hilft bei der Abgrenzung zu anderen Erkrankungen und dokumentiert, wie viele Fasern verloren gegangen sind.
In der Akutphase ist die Nervenfaserschicht normal oder durch die Schwellung verdickt. Nach etwa sechs Wochen bis drei Monaten wird sie messbar dünner, weil geschädigte Fasern zugrunde gehen. Die Schicht der Ganglienzellen zeigt den Verlust oft früher. Eine sehr starke Schwellung mit Blutungen und ein späterer Faserverlust im gesamten Umfang sprechen eher für MOGAD als für MS. Eine Vorhersage, ob eine MS folgt, erlaubt die OCT allein nicht.
Warum ist ein MRT wichtig?
Ein MRT von Kopf und Augenhöhlen mit Kontrastmittel ist die wichtigste Zusatzuntersuchung. Es zeigt, ob der Sehnerv entzündet ist, schließt andere Ursachen wie einen Tumor aus und sucht nach Entzündungsherden im Gehirn, die das MS-Risiko bestimmen.
Wird das MRT in den ersten Wochen gemacht, nimmt der entzündete Sehnerv in über 90 Prozent der Fälle Kontrastmittel auf. Länge und Lage der Entzündung geben Hinweise auf die Ursache:
- MS: eher kurzer Abschnitt, meist im vorderen oder mittleren Teil des Sehnervs.
- NMOSD: langer Abschnitt, eher hinten, oft bis zur Sehnervenkreuzung (Chiasma).
- MOGAD: langer Abschnitt, eher vorne, oft mit Entzündung der Sehnervenhülle und Schwellung des umgebenden Gewebes.
Bei Hinweisen auf eine Rückenmarksbeteiligung wird auch die Wirbelsäule untersucht. Ein unauffälliges MRT schließt eine spätere MS nicht aus, senkt aber das Risiko deutlich. Seit der Überarbeitung der MS-Diagnosekriterien (McDonald-Kriterien 2024) zählt der Sehnerv als eigene, fünfte Region, in der Entzündungsherde für die Diagnose einer MS berücksichtigt werden. Die Computertomografie (CT) ist für diese Fragen deutlich weniger aussagekräftig.
Welche Bluttests sind sinnvoll?
Bei jeder Sehnerventzündung, die nicht eindeutig typisch für MS ist, sollten die Antikörper gegen Aquaporin-4 (AQP4-IgG) und gegen MOG (MOG-IgG) im Blut bestimmt werden. Das gilt besonders bei Kindern, bei beidseitigem oder sehr schwerem Verlauf und bei Menschen asiatischer oder afrikanischer Herkunft.
Die Antikörper sollten möglichst vor einer Behandlung abgenommen werden, weil Kortison oder Blutwäsche das Ergebnis verfälschen können. Gemessen wird mit einem speziellen zellbasierten Test. Ein niedriger Wert kann falsch positiv sein, ein negativer Test schließt die Erkrankung in seltenen Fällen nicht ganz aus. Die Ergebnisse dauern oft einige Tage.
Bei untypischem Verlauf kommen weitere Blutuntersuchungen hinzu, zum Beispiel auf Borreliose, Syphilis, Tuberkulose, Lupus, Sarkoidose, Entzündungswerte, Vitamin B12 und Folsäure. Bei älteren Menschen werden Entzündungswerte bestimmt, um eine Riesenzellarteriitis auszuschließen.
Wann braucht man eine Untersuchung des Nervenwassers?
Eine Lumbalpunktion (Entnahme von Nervenwasser aus dem unteren Rücken) ist für die Diagnose einer typischen Sehnerventzündung nicht zwingend. Sie hilft aber, das MS-Risiko genauer einzuschätzen, und wird bei untypischem Verlauf zur Suche nach Infektionen oder anderen Entzündungen eingesetzt.
Finden sich im Nervenwasser sogenannte oligoklonale Banden, also eine Antikörperbildung innerhalb des Nervensystems, ist das Risiko für eine spätere MS erhöht. Die Entscheidung trifft meist die Neurologin oder der Neurologe.
Was messen die visuell evozierten Potenziale?
Visuell evozierte Potenziale (VEP) messen mit Elektroden am Hinterkopf, wie schnell und wie stark das Gehirn auf ein Schachbrettmuster reagiert. Bei einer Sehnerventzündung ist die Antwort verzögert und abgeschwächt.
Für die Diagnose einer typischen Sehnerventzündung ist die Untersuchung nicht nötig. Sie kann aber unklare Fälle bestätigen, und eine verzögerte Leitung am scheinbar gesunden Auge kann auf eine früher unbemerkte Entzündung hinweisen.
Wer ist an der Abklärung beteiligt?
Die Abklärung ist Teamarbeit: Augenärztin oder Augenarzt stellen die Diagnose, die Neurologie klärt den Zusammenhang mit MS, NMOSD oder MOGAD, die Radiologie liefert das MRT. Die deutsche Leitlinie zur Optikusneuritis betont deshalb die Zusammenarbeit von Augenheilkunde, Neurologie und Neuroradiologie.
Nach der Diagnose sollte jede Patientin und jeder Patient einer Neurologin oder einem Neurologen vorgestellt werden. Bei Verdacht auf NMOSD oder MOGAD sind spezialisierte neuroimmunologische Zentren sinnvoll, in Deutschland etwa im Netzwerk NEMOS. In Österreich übernehmen die neurologischen Abteilungen der großen Kliniken mit MS-Ambulanzen diese Aufgabe.
Welche Erkrankungen sehen ähnlich aus?
Mehrere Erkrankungen verursachen ebenfalls einen raschen Sehverlust auf einem Auge und müssen abgegrenzt werden. Einige davon brauchen eine ganz andere, teils sofortige Behandlung.
| Erkrankung | Was spricht dafür? |
|---|---|
| Durchblutungsstörung des Sehnervs | meist über 50 Jahre, schmerzlos, plötzlich, oft beim Aufwachen, Gefäßrisiken |
| Riesenzellarteriitis | über 50 Jahre, Schläfenkopfschmerz, Kauschmerz, Krankheitsgefühl; Notfall |
| Stauungspapille | beide Sehnervenköpfe geschwollen durch Hirndruck, Sehschärfe lange gut, Kopfschmerz |
| Lebersche hereditäre Optikusneuropathie | junge Männer, schmerzlos, nacheinander beide Augen, familiär |
| Druck auf den Sehnerv (Tumor, Meningeom) | schleichend fortschreitend, keine Erholung; im MRT sichtbar |
| Toxischer oder ernährungsbedingter Sehnervenschaden | beidseitig, schleichend, schmerzlos, Medikamente, Alkohol, Vitaminmangel |
| Arterienverschluss der Netzhaut | schlagartiger, schmerzloser Sehverlust; Notfall |
| Zentrale seröse Chorioretinopathie | verzerrtes Sehen, kein Bewegungsschmerz, Flüssigkeit unter der Netzhaut in der OCT |
5 Behandlung
In diesem Kapitel (14)
- Muss eine Sehnerventzündung behandelt werden?
- Was bewirkt die Kortison-Stoßtherapie?
- Wann ist Kortison sinnvoll?
- Wie läuft die Kortison-Stoßtherapie ab?
- Warum wird niedrig dosiertes Kortison in Tablettenform nicht empfohlen?
- Welche Nebenwirkungen hat die Kortison-Stoßtherapie?
- Was ist eine Plasmapherese?
- Helfen Immunglobuline?
- Wie wird eine infektiöse Sehnerventzündung behandelt?
- Wie geht es nach der Akutbehandlung weiter, wenn eine MS droht?
- Wie werden NMOSD und MOGAD langfristig behandelt?
- Wie werden Kinder behandelt?
- Was hilft bei bleibender Sehschwäche?
- Wer bezahlt Untersuchung und Behandlung?
Muss eine Sehnerventzündung behandelt werden?
Nicht zwingend: Die typische Sehnerventzündung heilt bei den meisten Betroffenen auch ohne Behandlung weitgehend aus. Abwarten und Beobachten ist eine anerkannte Möglichkeit, über die Ärztin und Patientin gemeinsam entscheiden.
Unverzichtbar ist dagegen die Abklärung der Ursache. Eine NMOSD, eine MOGAD, eine Infektion oder eine Riesenzellarteriitis brauchen eine rasche und gezielte Behandlung. Wer abwartet, sollte das also erst tun, wenn diese Ursachen so weit wie möglich ausgeschlossen sind, und regelmäßig zur Kontrolle gehen.
Was bewirkt die Kortison-Stoßtherapie?
Eine hochdosierte Kortison-Stoßtherapie über die Vene beschleunigt die Erholung des Sehens und lindert die Schmerzen. Das Endergebnis nach sechs bis zwölf Monaten verbessert sie nach heutiger Studienlage aber nicht wesentlich.
Grundlage dieses Wissens ist vor allem die amerikanische ONTT-Studie aus den Jahren 1988 bis 1991 mit 457 Teilnehmenden, die bis zu 15 Jahre nachbeobachtet wurden. Wer hochdosiertes Kortison über die Vene erhielt, sah in den ersten zwei Wochen im Schnitt etwa ein bis zwei Zeilen auf der Sehtafel mehr. Nach sechs Monaten war das Sehen aber gleich gut wie in der Gruppe ohne Behandlung.
Eine Cochrane-Übersicht, die sechs Studien mit insgesamt 750 Teilnehmenden aus Deutschland, Dänemark, Großbritannien, Indien, Japan und den USA zusammenfasst, kam zum selben Ergebnis: kein überzeugender Nutzen für Sehschärfe, Gesichtsfeld oder Kontrastsehen nach sechs Monaten. Darin sind sich deutsche, englische, französische und spanische Fachquellen einig.
Wann ist Kortison sinnvoll?
Kortison wird vor allem dann empfohlen, wenn eine schnelle Erholung besonders wichtig ist oder die Entzündung schwer verläuft. Die Entscheidung fällt individuell nach Nutzen und Risiko.
- starker Sehverlust oder starke Schmerzen
- beide Augen betroffen
- das andere Auge sieht bereits schlecht
- Beruf mit hohen Anforderungen an das Sehen
- Verdacht auf NMOSD oder MOGAD (dann frühzeitig und hochdosiert)
- gleichzeitig weitere Zeichen eines MS-Schubs
Wie läuft die Kortison-Stoßtherapie ab?
Üblich sind 500 bis 1.000 mg Methylprednisolon pro Tag als Infusion über drei bis fünf Tage. Je nach Klinik und Ursache folgt danach eine Phase mit Tabletten in absteigender Dosis, in der ONTT-Studie über elf Tage.
Die Infusion wird je nach Situation ambulant, in einer Tagesklinik oder stationär gegeben. Französisches Lehrmaterial für angehende Fachärzte nennt ein Schema von 1 g täglich über drei bis fünf Tage. Bei Verdacht auf NMOSD oder MOGAD wird meist stationär behandelt, und das Kortison wird bei MOGAD besonders langsam ausgeschlichen, weil sonst Rückfälle drohen.
Studien deuten darauf hin, dass hochdosiertes Kortison als Tablette ähnlich wirken könnte wie die Infusion. Die Datenlage ist aber begrenzt, und die übliche Form bleibt die Infusion.
Warum wird niedrig dosiertes Kortison in Tablettenform nicht empfohlen?
Kortison allein als Tablette in niedriger Dosis (etwa 1 mg pro Kilogramm Körpergewicht) bringt keinen Vorteil und war in der ONTT-Studie mit mehr Rückfällen verbunden. Deshalb raten alle großen Fachquellen davon ab.
In der ONTT-Studie traten in der Gruppe mit niedrig dosierten Tabletten innerhalb der ersten Jahre etwa doppelt so viele erneute Sehnerventzündungen auf wie in den anderen Gruppen. Ob dieser Effekt echt war, wird zwar diskutiert, die Empfehlung gilt aber unverändert.
Welche Nebenwirkungen hat die Kortison-Stoßtherapie?
Eine kurze Kortison-Stoßtherapie wird meist gut vertragen. Häufig sind Schlafstörungen, Stimmungsschwankungen, ein gerötetes Gesicht, Magenbeschwerden, ein metallischer Geschmack sowie vorübergehend erhöhter Blutzucker und Blutdruck.
Vor der Behandlung wird geklärt, ob eine Tuberkulose, ein Magengeschwür, ein schlecht eingestellter Diabetes, Bluthochdruck oder eine psychische Erkrankung vorliegen. Oft wird ein Magenschutz verordnet. Menschen mit Diabetes sollten den Blutzucker in diesen Tagen enger kontrollieren. Selten, aber ernst sind schwere Stimmungsstörungen und Infektionen. Die typischen Langzeitfolgen von Kortison wie Gewichtszunahme oder Knochenschwund spielen bei einer kurzen Stoßtherapie kaum eine Rolle.
Was ist eine Plasmapherese?
Die Plasmapherese (Blutwäsche, Plasmaaustausch) entfernt schädliche Antikörper aus dem Blut. Sie wird eingesetzt, wenn ein schwerer Sehverlust trotz Kortison nicht besser wird, und bei NMOSD-Schüben so früh wie möglich.
Dabei wird das Blut über einen Katheter durch ein Gerät geleitet, das den flüssigen Blutanteil (Plasma) abtrennt und durch eine Ersatzlösung ersetzt. Eine Sitzung dauert etwa ein bis zwei Stunden, meist sind mehrere Sitzungen im Abstand von ein bis zwei Tagen nötig. Eine Variante ist die Immunadsorption, bei der gezielt Antikörper herausgefiltert werden.
Bei der NMOSD zählt jeder Tag: In Beobachtungsdaten erholten sich deutlich mehr Betroffene vollständig, wenn die Blutwäsche innerhalb weniger Tage begann, als wenn sie erst nach Wochen erfolgte. Hochwertige Vergleichsstudien fehlen zwar, doch Fachleute empfehlen bei NMOSD-Schüben, nicht lange auf die Wirkung des Kortisons zu warten. Eine Schweizer Fachübersicht nennt die Plasmapherese inzwischen das Mittel der Wahl bei Sehnerventzündungen, die nicht auf Kortison ansprechen.
Helfen Immunglobuline?
Immunglobuline über die Vene (IVIG, gereinigte Antikörper aus Spenderblut) haben in einer Studie bei akuter Sehnerventzündung das Sehen langfristig nicht verbessert. Sie werden deshalb nicht routinemäßig eingesetzt.
Bei Kindern mit MOGAD und bei manchen schweren Verläufen, die auf Kortison und Plasmapherese nicht ansprechen, können sie dennoch eine Möglichkeit sein. Weitere untersuchte Wirkstoffe wie Erythropoetin, Simvastatin, Phenytoin oder Antikörper zur Reparatur der Nervenhülle haben bisher keinen klaren Nutzen gezeigt und gehören nicht zur Standardbehandlung.
Wie wird eine infektiöse Sehnerventzündung behandelt?
Steckt eine Infektion dahinter, wird der Erreger gezielt behandelt: Bakterien wie Borrelien, Syphilis-Erreger oder Bartonellen mit Antibiotika, bestimmte Viren mit Virostatika. Kortison wird dann nur in Kombination und mit Vorsicht gegeben.
Bei toxischen Schäden ist das wichtigste, den Auslöser wegzulassen, also ein Medikament abzusetzen oder einen Vitaminmangel auszugleichen. Das geschieht immer in Absprache mit der behandelnden Ärztin, nie eigenmächtig.
Wie geht es nach der Akutbehandlung weiter, wenn eine MS droht?
Zeigt das MRT typische Herde im Gehirn, betreut eine Neurologin oder ein Neurologe die weitere Behandlung. Bei hohem MS-Risiko kann eine verlaufsmodifizierende MS-Therapie schon nach dem ersten Ereignis sinnvoll sein.
Studien mit Interferon beta haben gezeigt, dass eine frühe Behandlung den Übergang zur MS verzögert. Heute gibt es zahlreiche Wirkstoffe zum Spritzen, als Tablette oder als Infusion. Welche Therapie passt, hängt von der Zahl der Herde, weiteren Schüben, dem Befund im Nervenwasser und persönlichen Umständen wie Kinderwunsch ab. Das Kortison der Akutbehandlung verhindert eine MS dagegen nicht dauerhaft; in der ONTT-Studie war ein schützender Effekt nach zwei Jahren nicht mehr nachweisbar.
Wie werden NMOSD und MOGAD langfristig behandelt?
Bei NMOSD und MOGAD soll eine Langzeitbehandlung weitere Schübe verhindern, weil jeder Schub bleibende Schäden hinterlassen kann. Wichtig: Manche MS-Medikamente wirken bei diesen Erkrankungen nicht oder verschlechtern sie sogar.
- NMOSD mit AQP4-Antikörpern: Seit 2019 wurden mehrere Antikörper-Medikamente zugelassen, die gezielt in das Immunsystem eingreifen, zum Beispiel Eculizumab, Ravulizumab, Inebilizumab und Satralizumab. In den Zulassungsstudien verhinderten sie einen Großteil der Schübe. Häufig wird außerdem Rituximab eingesetzt, für diese Anwendung allerdings ohne Zulassung (off label).
- MOGAD: Bisher ist kein Medikament speziell zugelassen. Eingesetzt werden je nach Verlauf Azathioprin, Mycophenolat, Rituximab, Tocilizumab oder regelmäßige Immunglobuline, besonders bei Kindern. Die Studienlage beruht vor allem auf Beobachtungsdaten. In Deutschland orientiert sich die Behandlung an der Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Neurologie.
- Zu meiden: Interferon beta, Natalizumab, Fingolimod, Alemtuzumab und Dimethylfumarat können eine NMOSD verschlechtern. Deshalb ist der Antikörpertest vor jeder MS-Therapie so wichtig.
Wie werden Kinder behandelt?
Kinder werden ähnlich wie Erwachsene behandelt, meist mit Methylprednisolon über die Vene in einer an das Körpergewicht angepassten Dosis (etwa 20 bis 30 mg pro Kilogramm, höchstens 1 g pro Tag) über drei bis fünf Tage. Danach wird das Kortison oft über zwei bis vier Wochen ausgeschlichen.
Gezielte Studien bei Kindern fehlen, die Empfehlungen stützen sich auf Erwachsenendaten und Erfahrung. Viele Kinder erholen sich auch ohne Behandlung gut. Kortison wird deshalb vor allem bei schwerem oder beidseitigem Sehverlust eingesetzt. Spricht ein Kind nicht an, kommen Immunglobuline oder eine Blutwäsche in Frage. Die Betreuung erfolgt gemeinsam durch Kinderaugenheilkunde und Kinderneurologie.
Was hilft bei bleibender Sehschwäche?
Bleibt das Sehen eingeschränkt, helfen vergrößernde Sehhilfen und Hilfsmittel im Alltag. Dazu gehören Lupen, Bildschirmlesegeräte, Großdruck, Vorlesefunktionen, sprechende Uhren und gute, blendfreie Beleuchtung.
Eine Low-Vision-Beratung bei spezialisierten Augenärztinnen, Optikern oder Blindenverbänden zeigt, welche Hilfsmittel sinnvoll sind. In Deutschland und Österreich können Sehhilfen bei entsprechender Verordnung von der Krankenkasse übernommen werden. Die Voraussetzungen sind unterschiedlich und sollten vorab mit der Kasse geklärt werden.
Wer bezahlt Untersuchung und Behandlung?
Die notwendige Diagnostik und Behandlung einer Sehnerventzündung, darunter augenärztliche Untersuchung, MRT, Bluttests, Kortison und Plasmapherese, wird in Deutschland und Österreich in der Regel von der gesetzlichen Krankenversicherung getragen. Für einzelne Zusatzuntersuchungen kann das je nach Fragestellung anders sein.
Die Regeln unterscheiden sich je nach Land und Krankenkasse. Klären Sie Kostenfragen deshalb direkt mit Ihrer Praxis oder Krankenkasse.
6 Verlauf und Prognose
In diesem Kapitel (8)
Wie verläuft eine typische Sehnerventzündung?
Das Sehen verschlechtert sich etwa eine bis zwei Wochen lang, bleibt dann eine Weile stabil und bessert sich danach schrittweise über Monate. Die meisten merken nach zwei bis drei Wochen die erste Besserung.
Der Schmerz verschwindet meist schon nach wenigen Tagen. Die größte Erholung des Sehens geschieht in den ersten zwei bis drei Monaten, kleine Fortschritte sind aber bis zu einem Jahr möglich. Ein Kortison-Stoß verkürzt die ersten Wochen, ändert an diesem Grundmuster aber wenig.
| Zeitraum | Was typischerweise passiert |
|---|---|
| Tag 1 bis 14 | Schmerz bei Augenbewegung, zunehmende Sehverschlechterung, Tiefpunkt nach etwa ein bis zwei Wochen |
| Woche 2 bis 4 | Schmerz ist abgeklungen, Sehen stabil, erste Besserung beginnt |
| Monat 1 bis 3 | deutliche Erholung von Sehschärfe und Gesichtsfeld bei den meisten |
| Ab Woche 4 bis 6 | Sehnervenkopf kann blasser werden, in der OCT dünnere Nervenfaserschicht |
| Bis 12 Monate | weitere kleine Fortschritte möglich, Restbeschwerden zeigen sich |
Wird das Sehen wieder normal?
Bei den allermeisten ja: In der ONTT-Studie sahen nach sechs Monaten fast neun von zehn Betroffenen wieder mindestens 50 Prozent (Visus 0,5), nach fünf Jahren 94 Prozent. Nur etwa drei Prozent blieben bei einer Sehschärfe von 10 Prozent oder darunter.
Etwa 95 Prozent gewinnen innerhalb von sechs Monaten einen Großteil des Sehens zurück. Französische Lehrmaterialien nennen eine normale Sehschärfe nach etwa drei Monaten bei rund 80 Prozent. Diese Zahlen gelten für die typische Form. Ob es sich um eine solche handelt, zeigt sich manchmal erst im Verlauf.
Welche Beschwerden können bleiben?
Auch wenn die Sehschärfe wieder normal ist, bleiben häufig leichte Einschränkungen: Farben wirken auf dem betroffenen Auge etwas blasser, das Kontrastsehen ist schwächer, und das Bild wirkt etwas dunkler. Diese Reste stören die meisten im Alltag kaum.
Weitere mögliche Restbeschwerden sind kleine Gesichtsfeldausfälle, Blendempfindlichkeit, ein gestörtes räumliches Sehen und das Uhthoff-Phänomen bei Wärme. Der Sehnervenkopf wird nach vier bis sechs Wochen oft blasser (Optikusatrophie, also ein teilweiser Schwund der Nervenfasern). Das sieht die Ärztin bei der Spiegelung, es bedeutet aber nicht unbedingt, dass das Sehen schlecht bleibt.
Was beeinflusst die Prognose?
Der wichtigste Vorhersagewert ist die Schwere des Sehverlusts zu Beginn: Je schlechter die Sehschärfe in der Akutphase, desto eher bleibt etwas zurück. Ungünstig ist auch, wenn nach einem Monat noch keine deutliche Besserung eingetreten ist.
Günstig sind ein kurzer Entzündungsherd im MRT und gut erhaltene Signale bei den VEP. Hält ein schwerer Sehverlust länger als zwei Monate unverändert an, wird eine spürbare Erholung unwahrscheinlicher. Auch die Ursache spielt eine große Rolle: Die Prognose ist bei der idiopathischen und MS-bedingten Sehnerventzündung am besten, bei der NMOSD am ungünstigsten.
Kann die Sehnerventzündung wiederkommen?
Ja, eine erneute Entzündung am selben oder am anderen Auge ist möglich. In der ONTT-Studie kam es innerhalb von fünf Jahren bei etwa 28 Prozent und innerhalb von zehn Jahren bei etwa 35 Prozent zu einem Rückfall, bei Menschen mit MS häufiger.
Andere Auswertungen nennen für zehn Jahre etwa 19 Prozent am selben und 17 Prozent am anderen Auge. Die Zahlen schwanken je nach Studie und Gruppe. Wiederholte Entzündungen können den Sehnerv stärker schädigen. Ein früher Rückfall innerhalb von zwei Monaten oder nach Absetzen von Kortison ist ein Hinweis auf eine NMOSD, MOGAD oder CRION und sollte gezielt abgeklärt werden.
Wie hoch ist das Risiko, an MS zu erkranken?
Insgesamt entwickelt etwa jeder Zweite mit einer typischen Sehnerventzündung innerhalb von 15 Jahren eine MS. Das wichtigste Werkzeug zur Einschätzung ist das MRT des Kopfes: Ohne Herde ist das Risiko deutlich niedriger, mit Herden deutlich höher.
| MRT-Befund zu Beginn | MS nach 5 Jahren | MS nach 10 Jahren | MS nach 15 Jahren |
|---|---|---|---|
| keine Herde im Gehirn | etwa 16 % | etwa 22 % | etwa 25 % |
| ein oder mehrere Herde | etwa 35 bis 50 % | etwa 56 % | etwa 72 % |
| alle zusammen | etwa 30 % | etwa 38 % | etwa 50 % |
Die Zahlen stammen aus der ONTT-Studie, die vor allem junge, hellhäutige Frauen aus Nordamerika untersucht hat. Eine britische Langzeitstudie an Menschen mit einem ersten MS-verdächtigen Ereignis, darunter viele mit Sehnerventzündung, fand bei mindestens einem Herd sogar 88 Prozent MS nach 14 Jahren, bei unauffälligem MRT 19 Prozent. Da heute MS nach überarbeiteten Kriterien früher diagnostiziert wird, sind die Zahlen nicht direkt auf jeden Einzelfall übertragbar.
Was senkt oder erhöht das MS-Risiko?
Neben dem MRT beeinflussen weitere Merkmale das Risiko. Höher ist es bei Frauen und bei oligoklonalen Banden im Nervenwasser. Niedriger ist es bei Männern, bei schmerzfreiem Beginn, bei sehr starker Schwellung des Sehnervenkopfs, bei fehlender Lichtwahrnehmung oder Ablagerungen an der Netzhaut, weil diese Merkmale eher auf andere Ursachen hindeuten. In asiatischen Studien liegt das MS-Risiko nach Sehnerventzündung deutlich niedriger, eine koreanische Studie fand etwa 11 Prozent nach sieben Jahren.
Wie verlaufen NMOSD und MOGAD?
Die NMOSD hat die ungünstigste Prognose: Ohne Langzeitbehandlung kehren die Schübe bei den meisten zurück, und jeder Schub kann bleibende Schäden an Sehnerv oder Rückenmark hinterlassen. Mit den heutigen Medikamenten lässt sich das Risiko für Schübe aber stark senken.
Bei MOGAD ist die Erholung des Sehens meist besser als bei NMOSD, obwohl die akute Entzündung oft heftig ist. Etwa die Hälfte erlebt nur einen einzigen Schub. Wiederkehrende Sehnerventzündungen kommen bei einem Teil der Betroffenen vor, besonders wenn die MOG-Antikörper dauerhaft hoch bleiben oder schon mehrere Schübe aufgetreten sind. Kinder und Menschen, bei denen die Antikörper wieder verschwinden, haben ein geringeres Rückfallrisiko.
Wie ist die Prognose bei Kindern?
Die Prognose ist bei Kindern meist gut: Über 90 Prozent bessern sich bald, oft rasch und vollständig, die Erholung kann bis zu sechs Monate dauern. Manche Kinder behalten eine leichte Unschärfe oder Farbsehschwäche.
Das Risiko für eine spätere MS liegt bei Kindern je nach Studie zwischen 4 und 37 Prozent. Höher ist es bei Herden im MRT, bei einem Alter über zehn Jahren und bei oligoklonalen Banden im Nervenwasser. Bei jungen Kindern mit MOG-Antikörpern ist eine MS dagegen unwahrscheinlich. Ein Rückfall sollte bei Kindern immer neurologisch abgeklärt werden.
7 Vorbeugung
In diesem Kapitel (8)
- Kann man einer Sehnerventzündung vorbeugen?
- Was kann ich in der akuten Phase selbst tun?
- Wie gehe ich mit dem Uhthoff-Phänomen um?
- Darf ich nach einer Sehnerventzündung Auto fahren?
- Welche Kontrollen sind nach einer Sehnerventzündung sinnvoll?
- Welche neuen Beschwerden sollte ich ernst nehmen?
- Gibt es Hinweise zu Lebensstil und Ernährung?
- Wie gehe ich mit der Sorge vor MS um?
Kann man einer Sehnerventzündung vorbeugen?
Einer ersten Sehnerventzündung kann man nicht gezielt vorbeugen. Welche Menschen erkranken und wann, lässt sich nicht vorhersagen.
Wer bereits eine Sehnerventzündung hatte, kann das Risiko für weitere Schübe aber senken, indem die Grundkrankheit konsequent behandelt wird. Bei MS, NMOSD oder MOGAD heißt das: regelmäßig zur Neurologie gehen, die verordneten Medikamente zuverlässig nehmen und neue Beschwerden früh melden.
Was kann ich in der akuten Phase selbst tun?
In der akuten Phase hilft es, sich zu schonen und Wärme zu meiden. Lesen, Fernsehen und Bildschirmarbeit schaden dem Sehnerv nicht, auch wenn sie anstrengender sind.
- Sauna, heiße Bäder, lange heiße Duschen und intensiven Sport für einige Zeit meiden, da Wärme die Beschwerden verstärkt.
- Bei Bedarf ein einfaches Schmerzmittel nehmen, nach Rücksprache mit der Ärztin.
- Ein Auge abzudecken ist meist nicht nötig. Wer sich durch das verschwommene Bild gestört fühlt, kann es zeitweise schließen.
- Selbst Notizen über den Verlauf machen: Wann wird es besser, wann schlechter? Das hilft bei der Kontrolle.
Wie gehe ich mit dem Uhthoff-Phänomen um?
Wenn das Sehen bei Wärme schlechter wird, hilft Abkühlung: ein kaltes Getränk, kühles Wasser über die Unterarme, eine Pause im Schatten. Das Sehen bessert sich dann meist innerhalb kurzer Zeit wieder.
Das Phänomen ist harmlos und schadet dem Nerv nicht. Sport ist deshalb nicht verboten. Hilfreich sind kühlere Tageszeiten, luftige Kleidung, Kühlwesten und ausreichendes Trinken. Bleibt die Verschlechterung auch nach dem Abkühlen bestehen, kann es sich um einen neuen Schub handeln, dann sollte man ärztlich nachsehen lassen.
Darf ich nach einer Sehnerventzündung Auto fahren?
Erst wenn die Entzündung abgeklungen ist und die Augenärztin das Sehen als ausreichend beurteilt hat. Gerade Kontrast- und räumliches Sehen können auch bei guter Sehschärfe noch gestört sein.
In Deutschland und Österreich gelten für das Autofahren gesetzliche Mindestanforderungen an Sehschärfe und Gesichtsfeld. Wer mit dem betroffenen Auge vorübergehend schlecht sieht, sollte nicht selbst fahren, auch nicht zur Untersuchung. Ob die Anforderungen nach der Erholung erfüllt sind, lässt sich nur durch eine augenärztliche Untersuchung klären. Für Berufskraftfahrer gelten strengere Regeln. Gefährliche Arbeiten, etwa an Maschinen oder in der Höhe, sollten ebenfalls erst nach Freigabe wieder aufgenommen werden.
Welche Kontrollen sind nach einer Sehnerventzündung sinnvoll?
Sinnvoll sind augenärztliche Kontrollen in den ersten Wochen und Monaten sowie eine neurologische Betreuung. Wie oft kontrolliert wird, hängt von Ursache, MRT-Befund und Verlauf ab; einen festen Plan für alle gibt es nicht.
Bei der Augenärztin werden typischerweise Sehschärfe, Gesichtsfeld und OCT kontrolliert. Wichtig ist eine Kontrolle besonders dann, wenn sich das Sehen nach drei bis vier Wochen nicht bessert. Bei erhöhtem MS-Risiko empfiehlt die Neurologie in Abständen ein erneutes MRT, auch wenn keine neuen Beschwerden auftreten.
Welche neuen Beschwerden sollte ich ernst nehmen?
Neue Seh- oder Nervenbeschwerden, die länger als etwa einen Tag anhalten, sollten Sie ärztlich melden. Das können Zeichen eines neuen Schubs sein, der früh behandelt werden sollte.
- erneute Sehverschlechterung oder Schmerz bei Augenbewegung, am selben oder anderen Auge
- Taubheitsgefühl, Kribbeln oder Schwäche in Armen, Beinen oder im Gesicht
- Doppelbilder, Gleichgewichtsstörungen oder Schwindel
- Blasenstörungen oder anhaltender Schluckauf mit Übelkeit
Von einem MS-Schub spricht man, wenn Beschwerden mindestens etwa einen Tag anhalten und frühestens 30 Tage nach dem vorherigen Schub auftreten. Kurze Verschlechterungen bei Hitze oder Fieber zählen nicht dazu.
Gibt es Hinweise zu Lebensstil und Ernährung?
Eine bestimmte Ernährung oder ein Nahrungsergänzungsmittel, das eine Sehnerventzündung verhindert, ist nicht belegt. Allgemein gesunde Gewohnheiten schaden aber nicht und sind bei MS ohnehin empfohlen.
Bei Sehnervenschäden durch Giftstoffe oder Mangelernährung ist es sinnvoll, auf Tabak und übermäßigen Alkohol zu verzichten und Vitaminmängel ausgleichen zu lassen. Verfahren wie Akupunktur oder Homöopathie werden manchmal angeboten, für sie gibt es keinen Wirksamkeitsnachweis bei der Sehnerventzündung. Sie dürfen eine ärztliche Abklärung nicht verzögern.
Wie gehe ich mit der Sorge vor MS um?
Die Sorge vor MS ist nach einer Sehnerventzündung verständlich und häufig. Hilfreich ist, das persönliche Risiko anhand von MRT und weiteren Befunden mit der Neurologin oder dem Neurologen konkret zu besprechen.
Selbst wenn sich eine MS entwickelt, verläuft sie heute dank früher Behandlung oft deutlich milder als noch vor einigen Jahrzehnten. Patientenorganisationen wie die Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft in Deutschland oder die Multiple Sklerose Gesellschaft Österreich bieten Beratung und Austausch an.
8 Wann sofort zum Arzt?
Eine Sehnerventzündung ist kein Notfall im Sinne einer Minuten-Entscheidung, sie gehört aber noch am selben Tag zur Augenärztin oder zum Augenarzt. Der Grund: Ein rascher Sehverlust auf einem Auge kann auch Ursachen haben, die sofort behandelt werden müssen, und die selteneren Formen wie NMOSD profitieren von einer schnellen Behandlung.
Sofort, ohne Wartezeit, in die Augenklinik oder Notaufnahme (Notruf 112 bzw. in Österreich 144), wenn:
- das Sehen auf einem Auge schlagartig, innerhalb von Sekunden oder Minuten, verloren geht
- beide Augen gleichzeitig oder kurz nacheinander schlechter sehen
- zusätzlich Lähmungen, Taubheitsgefühle, Sprech- oder Schluckstörungen, Gang- oder Blasenstörungen auftreten
- anhaltender Schluckauf, Übelkeit und Erbrechen mit Sehverlust auftreten
- Menschen über 50 Jahre Schläfenkopfschmerzen, Kauschmerzen oder ein allgemeines Krankheitsgefühl mit Sehverlust haben (Verdacht auf Riesenzellarteriitis)
- ein Kind schlecht sieht und dazu Fieber, Verwirrtheit, Krampfanfälle oder starke Schläfrigkeit hat
- starke Kopfschmerzen, Erbrechen und Sehstörungen zusammenkommen
Noch am selben Tag zur Augenärztin oder zum Augenarzt, wenn:
- das Sehen auf einem Auge über Stunden bis Tage schlechter wird
- das Auge beim Bewegen schmerzt und dazu das Sehen nachlässt
- Farben auf einem Auge plötzlich blasser wirken
- ein grauer oder dunkler Fleck in der Mitte des Blickfelds auftaucht
- nach einer früheren Sehnerventzündung erneut Beschwerden auftreten
Innerhalb weniger Tage erneut vorstellen, wenn:
- sich das Sehen nach einer diagnostizierten Sehnerventzündung länger als zwei Wochen weiter verschlechtert
- die Schmerzen länger als etwa zwei Wochen anhalten
- nach drei bis vier Wochen keine Besserung eintritt
- nach dem Absetzen von Kortison die Beschwerden zurückkommen
Routinemäßig sind die vereinbarten Kontrollen bei Augenärztin und Neurologie, auch wenn es Ihnen gut geht.
Fahren Sie bei plötzlicher Sehverschlechterung nicht selbst zur Praxis. Warten Sie nicht auf eine Videosprechstunde, denn die entscheidenden Befunde wie die Pupillenreaktion lassen sich nur vor Ort prüfen. Weitere Warnzeichen am Auge finden Sie auf der Seite Notfall am Auge.
9 Häufige Fragen
Wie erkenne ich eine Sehnerventzündung?
Typisch ist, dass das Sehen auf einem Auge innerhalb von Stunden bis Tagen schlechter wird, das Auge beim Bewegen schmerzt und Farben, besonders Rot, blass wirken. Oft kommt ein grauer Fleck in der Mitte des Blickfelds dazu. Das Auge sieht von außen normal aus. Sicher feststellen kann die Erkrankung nur die Augenärztin oder der Augenarzt, unter anderem mit dem Pupillentest.
Habe ich MS, wenn ich eine Sehnerventzündung habe?
Nicht zwingend. Etwa jeder Zweite mit typischer Sehnerventzündung entwickelt innerhalb von 15 Jahren eine MS, viele aber nie. Das MRT des Kopfes zeigt das persönliche Risiko: Ohne Herde liegt es bei etwa 25 Prozent in 15 Jahren, mit Herden deutlich höher. Besprechen Sie Ihren Befund mit einer Neurologin oder einem Neurologen.
Wie lange dauert eine Sehnerventzündung?
Das Sehen verschlechtert sich meist ein bis zwei Wochen lang, bevor es sich bessert. Die erste Besserung zeigt sich oft nach zwei bis drei Wochen, die deutliche Erholung nach zwei bis drei Monaten. Kleine Fortschritte sind bis zu einem Jahr möglich. Der Schmerz verschwindet meist schon nach wenigen Tagen.
Brauche ich bei einer Sehnerventzündung Kortison?
Nicht immer. Eine Kortison-Stoßtherapie über die Vene beschleunigt die Erholung und lindert Schmerzen, das Endergebnis nach sechs Monaten ist laut Studien aber gleich gut wie ohne Behandlung. Empfohlen wird sie vor allem bei starkem oder beidseitigem Sehverlust, schlechtem Partnerauge und bei Verdacht auf NMOSD oder MOGAD. Kortison nur als niedrig dosierte Tablette wird nicht empfohlen.
Wie läuft eine Kortison-Stoßtherapie ab?
Meist erhalten Sie drei bis fünf Tage lang täglich 500 bis 1.000 mg Methylprednisolon als Infusion, je nach Situation ambulant oder im Krankenhaus. Danach folgen oft für einige Tage Tabletten in sinkender Dosis. Häufige Nebenwirkungen sind Schlafstörungen, Unruhe, Magenbeschwerden und vorübergehend erhöhter Blutzucker.
Kann man von einer Sehnerventzündung blind werden?
Bei der typischen Sehnerventzündung ist eine bleibende Erblindung sehr selten; über 90 Prozent erholen sich gut. Höher ist das Risiko bei einer NMOSD, bei MOGAD mit vielen Rückfällen und bei wiederholten Entzündungen. Deshalb sind eine schnelle Abklärung, der Antikörpertest und gegebenenfalls eine Langzeitbehandlung wichtig.
Warum sieht der Augenarzt bei mir nichts, obwohl ich schlecht sehe?
Bei etwa zwei Dritteln der Erwachsenen sitzt die Entzündung hinter dem Augapfel, im Fachbegriff Retrobulbärneuritis. Der Sehnervenkopf sieht dann bei der Spiegelung normal aus. Die Augenärztin erkennt die Erkrankung aber an der veränderten Pupillenreaktion, der Farbsehstörung und dem Gesichtsfeld. Ein MRT kann die Entzündung sichtbar machen.
Warum sehe ich bei Hitze oder beim Sport schlechter?
Das ist das Uhthoff-Phänomen: Nervenfasern mit geschädigter Schutzhülle leiten bei steigender Körpertemperatur schlechter. Nach dem Abkühlen bessert sich das Sehen wieder. Das Phänomen ist harmlos, bedeutet keinen neuen Schub und kann noch lange nach der Erholung auftreten. Erwähnen Sie es trotzdem bei der nächsten Kontrolle.
Kann eine Sehnerventzündung wiederkommen?
Ja. Nach Studien kommt es innerhalb von zehn Jahren bei etwa einem Fünftel bis einem Drittel zu einer erneuten Entzündung am selben oder anderen Auge, bei MS häufiger. Ein früher Rückfall, besonders nach Absetzen von Kortison, kann auf eine NMOSD oder MOGAD hinweisen und sollte gezielt abgeklärt werden.
Was ist der Unterschied zwischen MS, NMOSD und MOGAD?
Alle drei sind entzündliche Erkrankungen des zentralen Nervensystems, die den Sehnerv treffen können. Die NMOSD wird durch Antikörper gegen Aquaporin-4 verursacht, die MOGAD durch Antikörper gegen MOG; beide werden mit einem Bluttest erkannt. NMOSD und MOGAD brauchen eine andere Behandlung als MS, manche MS-Medikamente können ihnen sogar schaden.
Ist eine Sehnerventzündung bei Kindern anders?
Ja. Bei jüngeren Kindern sind öfter beide Augen betroffen, der Sehnervenkopf ist häufiger geschwollen, und die Erkrankung folgt oft einem Virusinfekt. MOG-Antikörper sind vergleichsweise häufig. Die Prognose ist meist gut. Jedes Kind mit Sehverlust braucht eine zeitnahe Abklärung mit MRT und Antikörpertest, bei Fieber, Verwirrtheit oder Krampfanfällen sofort.
Darf ich mit einer Sehnerventzündung Auto fahren oder arbeiten?
Autofahren sollten Sie erst, wenn die Entzündung abgeklungen ist und Ihre Augenärztin das Sehen als ausreichend beurteilt hat, denn auch Kontrast- und räumliches Sehen können gestört sein. Lesen und Bildschirmarbeit schaden dem Nerv nicht. Ob und wie lange Sie krankgeschrieben werden, hängt von Ihrem Beruf und der Schwere ab.
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- Durchblutungsstörung des SehnervsBei einer Durchblutungsstörung des Sehnervs (anteriore ischämische Optikusneuropathie, AION) bekommt der Sehnervenkopf zu wenig Blut; das Sehen auf einem Auge verschlechtert sich plötzlich und meist schmerzlos, oft bemerkt beim Aufwachen. Sie betrifft vor allem Menschen ab 50 und muss sofort augenärztlich abgeklärt werden, weil hinter ihr eine Riesenzellarteriitis stecken kann, die ohne Kortison innerhalb von Tagen auch das zweite Auge bedroht.
- StauungspapilleEine Stauungspapille ist eine meist beidseitige Schwellung des Sehnervenkopfes, die durch erhöhten Druck im Schädel entsteht. Sie ist kein eigenes Augenleiden, sondern ein Warnzeichen, dessen Ursache – von der idiopathischen intrakraniellen Hypertension bis zum Hirntumor – rasch geklärt werden muss.
- UveitisEine Uveitis ist eine Entzündung der mittleren Augenhaut, zu der Regenbogenhaut, Ziliarkörper und Aderhaut gehören. Sie trifft vor allem Erwachsene zwischen 20 und 60 Jahren, aber auch Kinder mit Kinderrheuma, und kann ohne rechtzeitige Behandlung das Sehen dauerhaft schädigen.
Quellen
Dieser Artikel wurde aus Fachquellen in 4 Sprachen recherchiert (Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch) und auf Deutsch zusammengefasst.
Alle 25 Quellen anzeigen
- Optikusneuritis, S2e-Leitlinie (AWMF-Register 045-010) – Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft (DOG) und Berufsverband der Augenärzte (BVA) (DE)
- Schicht um Schicht zur Diagnose: OCT bei der Optikusneuritis (Neurologie-Update 2025) – Universitätsklinikum Münster (DE)
- Optikusneuritis (Fachversion) – MSD Manual (DE)
- Optikusneuritis (Version für Patienten) – MSD Manual (DE)
- Neuromyelitis-optica-Spektrum-Erkrankung: pathogene Antikörper als Auslöser und Angriffspunkt – Deutsches Ärzteblatt (DE)
- Neuroimmunologie: NMOSD und MOGAD – LMU Klinikum München (DE)
- Multiple Sklerose – Österreichisches Gesundheitsportal gesundheit.gv.at (DE)
- Erste Anzeichen einer MS (Bericht vom DOG-Kongress) – Ärzte Zeitung (DE)
- Demyelinating Optic Neuritis – EyeWiki, American Academy of Ophthalmology (EN)
- Acute Optic Neuritis: An Update on Approach and Management – Journal of Ophthalmic and Vision Research (PubMed Central) (EN)
- Optic neuritis: a comprehensive review of current therapies and emerging treatment strategies – PubMed Central (EN)
- Optic neuritis – Great Ormond Street Hospital for Children NHS Foundation Trust (EN)
- Optic neuritis (patient leaflet) – Hull University Teaching Hospitals NHS Trust (EN)
- Pediatric Optic Neuritis: Description of Four Cases and Review of the Literature – PubMed Central (EN)
- Névrite du nerf optique : diagnostic, traitement et implications cliniques – Revue Médicale Suisse (Hôpitaux Universitaires de Genève) (FR)
- Corticostéroïdes pour le traitement de la névrite optique – Cochrane (FR)
- Item 102 (item 125) : Œil et sclérose en plaques – Collège des Ophtalmologistes Universitaires de France (COUF) (FR)
- Névrite optique – Manuel MSD (version grand public) (FR)
- Névrite optique, fiche pathologie – Ligue Braille (FR)
- Maladies du spectre MOG : des critères diagnostiques pour les différencier de la NMO – Fréquence Médicale (FR)
- Neuritis óptica inflamatoria – Anales del Sistema Sanitario de Navarra (ES)
- Corticoesteroides para el tratamiento de la neuritis óptica – Cochrane (ES)
- Neuritis óptica (diccionario médico) – Clínica Universidad de Navarra (ES)
- Neuritis óptica – Manual MSD (versión para público general) (ES)
- Pediatric optic neuritis (Editorial) – Case Reports, Universidad Nacional de Colombia (ES)
Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche Beratung. Wenn Sie Beschwerden haben, lassen Sie sich von einer Augenärztin oder einem Augenarzt untersuchen. Mehr zum Haftungsausschluss