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augenarzt.vipAugenkrankheiten verständlich erklärt

Netzhaut

Frühgeborenen-Retinopathie (Retinopathia praematurorum, ROP)

Die Frühgeborenen-Retinopathie (ROP) ist eine Erkrankung der noch unreifen Netzhautgefäße bei sehr früh geborenen Kindern. Sie verursacht anfangs keine sichtbaren Zeichen, heilt meist von selbst aus und wird deshalb durch regelmäßige Augenuntersuchungen auf der Neugeborenenstation gesucht; nur wenige Kinder brauchen Laser oder eine Spritze ins Auge.

Stand: November 2026 · Lesezeit ca. 38 Minuten · 25 Quellen in 4 Sprachen

Dringend: Die Untersuchungen laufen nach festem Plan; wird ein Behandlungsstadium erreicht, muss innerhalb von 48 bis 72 Stunden behandelt werden. Nach der Entlassung keinen Termin verschieben. Wann sofort zum Arzt?

1 Kurzübersicht

Die Frühgeborenen-Retinopathie, in der Fachsprache Retinopathia praematurorum und international kurz ROP (retinopathy of prematurity), ist eine Erkrankung der Netzhaut, die nur bei Frühgeborenen vorkommt. Die Netzhaut ist die lichtempfindliche Schicht an der Innenseite des Auges. Ihre Blutgefäße wachsen im Mutterleib von der Mitte nach außen und sind erst um den normalen Geburtstermin fertig. Kommt ein Kind sehr früh zur Welt, ist der äußere Rand der Netzhaut noch ohne Gefäße.

Bei einem Teil der Frühgeborenen wachsen die Gefäße danach nicht geordnet weiter. An der Grenze zwischen durchbluteter und gefäßloser Netzhaut entsteht zunächst eine Linie, dann eine Leiste. In schweren Fällen wachsen krankhafte neue Gefäße aus der Netzhaut heraus in den Glaskörper, das Gel im Augeninneren. Narbengewebe kann die Netzhaut dann abziehen; unbehandelt droht Erblindung.

Die wichtigsten Punkte für Eltern:

  • Die meisten Fälle sind leicht (Stadium 1 oder 2) und bilden sich von selbst zurück, ohne Folgen für das Sehen.
  • Man sieht der frühen ROP nichts an. Weder Eltern noch Pflegekräfte können sie erkennen; nur die Augenspiegelung durch die Augenärztin oder den Augenarzt zeigt sie.
  • Deshalb werden gefährdete Frühgeborene nach einem festen Plan untersucht. In Deutschland gilt das für alle Kinder, die vor 31+0 Schwangerschaftswochen geboren sind, sowie für ältere Frühgeborene mit bestimmten Risiken.
  • Nur wenige Kinder brauchen eine Behandlung: einen Laser der gefäßlosen Netzhaut oder eine Spritze mit einem Anti-VEGF-Medikament ins Auge. Rechtzeitig behandelt, lässt sich eine Erblindung in den meisten Fällen verhindern.
  • Auch nach einer leichten ROP sind Kurzsichtigkeit, Schielen und Schwachsichtigkeit häufiger. Regelmäßige Augenkontrollen in den ersten Lebensjahren sind deshalb wichtig.

Die Krankheit wurde 1942 erstmals beschrieben und hieß früher retrolentale Fibroplasie, nach dem weißen Narbengewebe hinter der Linse im Endstadium. Weltweit gehört sie bis heute zu den häufigsten vermeidbaren Ursachen von Blindheit im Kindesalter. In Deutschland und Österreich ist schwerer Sehverlust durch ROP dank Screening selten geworden.

2 Symptome

In diesem Kapitel (13)

Welche Symptome hat die Frühgeborenen-Retinopathie?

In den Stadien, in denen eine Behandlung noch gut wirkt, hat die Frühgeborenen-Retinopathie keine Symptome, die Eltern bemerken können. Das Baby wirkt nicht anders, die Augen sehen von außen normal aus, und es gibt keine Schmerzen. Alle wichtigen Zeichen liegen hinten im Auge auf der Netzhaut. Sichtbar werden sie nur, wenn die Augenärztin oder der Augenarzt mit weitgestellten Pupillen in das Auge hineinschaut.

Genau deshalb gibt es das Screening. Fachgesellschaften in Deutschland, Großbritannien, Frankreich und den USA betonen gleichermaßen: Auf ein Warnzeichen zu warten, ist bei der ROP keine Option. Wenn Eltern etwas sehen, ist die Krankheit meist schon weit fortgeschritten.

Kann ich die ROP an den Augen meines Babys erkennen?

Nein, eine frühe ROP lässt sich von außen nicht erkennen. Das gilt für Eltern genauso wie für erfahrene Pflegekräfte und Kinderärzte ohne Augenspiegel. Auch das Verhalten des Kindes verrät nichts: Frühgeborene schauen in den ersten Wochen ohnehin noch kaum gezielt, und ihr Sehen entwickelt sich erst.

Wichtig ist auch: Ein unauffälliges Aussehen der Augen bedeutet nicht, dass keine ROP vorliegt. Und eine ROP kann sich innerhalb weniger Wochen verschlechtern, ohne dass sich äußerlich etwas ändert. Die Termine der Untersuchung sind deshalb das eigentliche „Frühwarnsystem“.

Was sieht die Augenärztin oder der Augenarzt bei der Untersuchung?

Bei der Untersuchung sieht die Augenärztin oder der Augenarzt die Grenze zwischen durchbluteter und noch gefäßloser Netzhaut und beurteilt, wie sie sich verändert. Die Befunde werden nach einer internationalen Einteilung (ICROP, aktuell in der 3. Fassung von 2021) beschrieben:

  • Demarkationslinie: eine dünne, flache, weißliche Linie an der Gefäßgrenze (Stadium 1).
  • Leiste: die Linie wird breiter und erhaben, oft lachsrosa (Stadium 2). Dahinter können kleine Gefäßbüschel liegen, die wie „Popcorn“ aussehen.
  • Gefäßneubildung: aus der Leiste wachsen neue Gefäße und Bindegewebe in den Glaskörper (Stadium 3).
  • Erweiterte, stark geschlängelte Gefäße am hinteren Augenpol, das sogenannte Plus-Zeichen, oder eine Vorstufe davon (Prä-Plus).
  • Bei schwerer Erkrankung: Blutungen in der Netzhaut, erweiterte Gefäße der Regenbogenhaut, eine Pupille, die sich mit Tropfen nur schlecht weitstellen lässt, und eine Trübung des Glaskörpers.
  • Im Spätstadium: eine teilweise oder vollständige Netzhautablösung.

Diese Zeichen sind für die Ärzte die eigentlichen „Symptome“ der ROP. Aus ihnen ergibt sich, ob nur kontrolliert oder behandelt wird.

Was bedeuten Zone, Stadium und Plus?

Zone, Stadium und Plus beschreiben, wo die Erkrankung liegt, wie weit sie fortgeschritten ist und wie aktiv sie ist. Zusammen bestimmen sie das Risiko und den Zeitpunkt der Behandlung.

Zonen: Wo liegt die Gefäßgrenze?

Die Netzhaut wird in drei Ringe um den Sehnervenkopf eingeteilt. Je weiter innen die Gefäßgrenze liegt, desto unreifer ist die Netzhaut und desto gefährlicher ist eine ROP.

ZoneLageBedeutung
Zone IKleiner Kreis um den Sehnervenkopf; Radius doppelt so groß wie der Abstand vom Sehnervenkopf zur Stelle des schärfsten SehensSehr unreife Netzhaut, höchstes Risiko für einen schweren Verlauf
Zone IIRing außerhalb von Zone I bis zum Netzhautrand auf der Nasenseite; der innere Teil heißt „posteriore Zone II“Häufigste Lage; Risiko mittel, im hinteren Teil höher
Zone IIIRestliche Sichel am äußeren, schläfenseitigen RandFast ausgereifte Netzhaut, meist milder Verlauf

Stadien: Wie weit ist die Veränderung?

StadiumBefundWas es meist bedeutet
1Flache DemarkationslinieHäufig, bildet sich meist von selbst zurück
2Erhabene LeisteMeist Rückbildung, engere Kontrollen
3Neue Gefäße wachsen in den GlaskörperKann sich zurückbilden; mit Plus oder in Zone I behandlungsbedürftig
4ATeilweise Netzhautablösung, Stelle des schärfsten Sehens liegt noch anRasche Behandlung, meist Operation
4BTeilweise Netzhautablösung mit Beteiligung der Stelle des schärfsten SehensOperation, Sehprognose deutlich schlechter
5Vollständige, trichterförmige Netzhautablösung (5A bis 5C)Schwerer Sehverlust bis Blindheit, auch mit Operation

Die Ausdehnung wird zusätzlich in „Uhrzeiten“ angegeben: Die Netzhaut wird wie ein Zifferblatt in zwölf Abschnitte geteilt. Ein Auge wird immer nach seinem schwersten Befund eingeordnet.

Plus und Prä-Plus: Wie aktiv ist die Erkrankung?

„Plus“ bedeutet, dass die Gefäße am hinteren Augenpol deutlich erweitert und geschlängelt sind, und zwar in mindestens zwei von vier Vierteln (Quadranten). Das Plus-Zeichen ist das wichtigste Zeichen für eine aktive, fortschreitende ROP und der stärkste Grund für eine Behandlung. „Prä-Plus“ ist eine Vorstufe, die engere Kontrollen nach sich zieht.

Was ist eine aggressive ROP?

Die aggressive ROP (A-ROP, früher aggressive posteriore ROP oder AP-ROP) ist eine seltene, sehr schnell fortschreitende Form, die nicht die üblichen Stadien durchläuft. Sie betrifft vor allem extrem unreife Kinder. Die Gefäße sind stark erweitert und geschlängelt, die Netzhautveränderung wirkt eher flach und unscharf, oft mit großen gefäßlosen Flächen und Kurzschlüssen zwischen Arterien und Venen.

Ohne rasche Behandlung kann sich die Netzhaut bei dieser Form innerhalb kurzer Zeit ablösen. Behandelt wird meist innerhalb von 48 Stunden. Seit der Einteilung von 2021 kann eine A-ROP auch weiter außen in der Netzhaut und bei etwas reiferen Kindern auftreten, vor allem in Ländern mit weniger gut ausgestatteten Neugeborenenstationen.

Sind immer beide Augen betroffen?

Die ROP tritt in der Regel an beiden Augen auf, oft aber unterschiedlich stark. Jedes Auge wird einzeln eingeteilt und gegebenenfalls einzeln behandelt. Ein deutlich einseitiger Befund ist ungewöhnlich und lässt die Ärzte auch an andere Erkrankungen denken (siehe Diagnose).

Woran erkennt man eine fortgeschrittene ROP?

Eine fortgeschrittene ROP mit Netzhautablösung kann Zeichen machen, die Eltern oder Angehörige selbst sehen. Das betrifft heute vor allem Kinder, die nicht oder zu spät untersucht wurden, oder sehr seltene schwere Verläufe trotz Behandlung:

  • Weiße oder grau-weiße Pupille (Leukokorie): Statt schwarz oder auf Fotos rot leuchtet die Pupille weißlich, weil hinter der Linse abgelöste Netzhaut und Narbengewebe liegen. Ein weißer Pupillenreflex hat bei Kindern auch andere ernste Ursachen, etwa einen Augentumor oder einen angeborenen Grauen Star, und muss immer sofort abgeklärt werden.
  • Das Kind folgt Gesichtern und Gegenständen nicht oder reagiert kaum auf Licht und Sehreize, auch wenn man das korrigierte Alter berücksichtigt.
  • Augenzittern (Nystagmus): unruhige, pendelnde oder ruckende Augenbewegungen, oft ein Zeichen, dass beide Augen schlecht sehen.
  • Schielen, also ein Auge, das nach innen oder außen abweicht.
  • Selten ein trübes, vergrößertes oder gerötetes Auge, etwa durch einen erhöhten Augeninnendruck als Spätfolge.

Was ist das korrigierte Alter, und warum ist es beim Sehen wichtig?

Das korrigierte Alter ist das Alter des Kindes, gerechnet ab dem eigentlichen Geburtstermin statt ab dem Tag der Geburt. Ein Kind, das zehn Wochen zu früh kam, ist mit vier Monaten nach dem Kalender korrigiert erst etwa sieben Wochen alt. Seine Sehentwicklung entspricht eher diesem korrigierten Alter.

Für Eltern heißt das: Ein Frühgeborenes beginnt später, Gesichter anzuschauen und Dinge mit den Augen zu verfolgen. Das allein ist kein Hinweis auf eine ROP. Fällt das Sehverhalten aber auch im korrigierten Alter auf, sollte das Kind augenärztlich angeschaut werden.

Wie zeigen sich die Folgen einer ROP in den ersten Lebensjahren?

Die häufigsten Folgen einer ROP zeigen sich erst Monate bis Jahre später als Fehlsichtigkeit, Schielen oder Sehschwäche. Sie entstehen auch nach einer leichten, von selbst abgeheilten ROP, nach einem Stadium 3 und nach einer Behandlung aber deutlich häufiger. Was Eltern im Alltag bemerken können:

  • Kurzsichtigkeit: Das Kind hält Bücher und Spielzeug sehr nah vor die Augen, kneift die Augen zusammen oder erkennt Personen erst spät. Bei Frühgeborenen ist die Kurzsichtigkeit oft schon im ersten Lebensjahr vorhanden und kann stark sein.
  • Hornhautverkrümmung (Astigmatismus): Alles wirkt verzerrt unscharf, das Kind ermüdet beim Schauen.
  • Unterschiedliche Brechkraft beider Augen (Anisometropie): Sie fällt von außen nicht auf, ist aber ein Hauptgrund für eine Schwachsichtigkeit.
  • Schielen: ein Auge weicht dauerhaft oder zeitweise ab, besonders bei Müdigkeit. Das Kind hält den Kopf eventuell schief.
  • Schwachsichtigkeit (Amblyopie): Ein Auge sieht schlechter, weil das Gehirn sein Bild unterdrückt. Kinder merken das selbst nicht; manche wehren sich, wenn man das bessere Auge zuhält.
  • Augenzittern und schlechteres Sehen beider Augen nach schwerer ROP.
  • Störungen der Sehverarbeitung: Bei sehr unreif geborenen Kindern verarbeitet manchmal auch das Gehirn Seheindrücke schlechter. Das kann sich durch Unsicherheit beim Greifen, Treppensteigen oder Finden von Dingen zeigen.

Leichte Sehprobleme fallen oft erst im Kindergarten oder in der Schule auf, etwa durch Schwierigkeiten beim Lesen von der Tafel. Deshalb raten die Leitlinien zu festen augenärztlichen Kontrollen, statt auf Auffälligkeiten zu warten.

Welche seltenen Spätfolgen gibt es?

Seltene Spätfolgen der ROP betreffen die Netzhaut, die Linse und den Augeninnendruck. Sie können Jahre bis Jahrzehnte nach der Geburt auftreten:

  • Netzhautfalten und Zug an der Netzhaut durch Narben aus der aktiven Phase; sie können die Sehschärfe dauerhaft mindern.
  • Späte Netzhautablösung, auch im Jugend- oder Erwachsenenalter. Typische Warnzeichen sind dann Lichtblitze, plötzlich viele schwarze Punkte und ein Schatten oder Vorhang im Gesichtsfeld.
  • Grauer Star (Katarakt), manchmal früher als üblich, auch als seltene Folge einer Behandlung.
  • Grüner Star (Glaukom), darunter selten ein akutes Winkelblockglaukom mit Schmerzen, Rötung und Sehverschlechterung.
  • Veränderte Farbwahrnehmung und eingeschränktes äußeres Gesichtsfeld, vor allem nach ausgedehnter Laserbehandlung.
  • Nach einer Anti-VEGF-Behandlung: späte Reaktivierung mit neuen Gefäßwucherungen oder Blutungen, wenn Teile der Netzhaut dauerhaft ohne Gefäße bleiben. Solche Fälle wurden bis zu zehn Jahre nach der Spritze beschrieben.

Welche Beschwerden haben Erwachsene, die als Frühchen eine ROP hatten?

Erwachsene nach ROP haben vor allem häufiger Schielen, Kurzsichtigkeit, Hornhautverkrümmung, Schwachsichtigkeit und eine geringere Sehschärfe als reif geborene Menschen. In der Mainzer Gutenberg-Frühgeborenen-Augenstudie schielten 60 Prozent der Erwachsenen mit früher behandlungsbedürftiger ROP, 27 Prozent derjenigen mit unbehandelter ROP und nur 2 Prozent der reif Geborenen. Manche Betroffene wissen gar nicht, dass sie als Säugling eine ROP hatten.

Für Erwachsene ist es sinnvoll, bei der Augenärztin oder dem Augenarzt die Frühgeburt zu erwähnen. Bei neuen Lichtblitzen, Schatten im Gesichtsfeld oder plötzlicher Sehverschlechterung sollten sie wegen des erhöhten Risikos einer Netzhautablösung rasch untersucht werden.

Wie sieht das Auge nach Untersuchung oder Behandlung aus?

Nach der Screening-Untersuchung sind die Augen oft für einige Stunden gerötet und leicht geschwollen, und das Baby ist unruhiger. Das ist normal und klingt von selbst ab. Die weiten Pupillen bleiben je nach Tropfen einige Stunden bis etwa einen Tag bestehen.

Nach einer Laserbehandlung können Lider und Bindehaut einige Tage gerötet und geschwollen sein. Nach einer Spritze ins Auge ist eine kleine Blutung auf dem Augenweiß an der Einstichstelle häufig und harmlos. Zunehmende Rötung, Eiter, ein trübes Auge oder eine starke Lidschwellung in den Tagen danach können auf eine Infektion hinweisen und müssen sofort gemeldet werden.

Welche Erkrankungen sehen ähnlich aus?

Einige seltene, meist erbliche Netzhauterkrankungen können ähnlich aussehen, kommen aber auch bei reif geborenen Kindern vor. Daran denken die Ärzte besonders bei schweren Befunden an einem Auge oder bei Kindern, die reifer oder schwerer sind als typische ROP-Kinder:

  • familiäre exsudative Vitreoretinopathie (FEVR), eine erbliche Gefäßentwicklungsstörung der Netzhaut,
  • persistierende fetale Gefäßversorgung, meist an einem Auge,
  • Incontinentia pigmenti, eine erbliche Erkrankung von Haut, Zähnen und Netzhaut,
  • Morbus Coats, meist einseitig und meist bei Jungen,
  • Norrie-Syndrom, vererbt über das X-Chromosom, oft mit Schwerhörigkeit,
  • bei weißer Pupille außerdem Retinoblastom, angeborener Grauer Star und Netzhautablösungen anderer Ursache.

3 Ursachen und Risikofaktoren

In diesem Kapitel (7)

Warum entsteht eine Frühgeborenen-Retinopathie?

Die Frühgeborenen-Retinopathie entsteht, weil die Blutgefäße der Netzhaut bei einer sehr frühen Geburt noch nicht fertig gewachsen sind und danach gestört weiterwachsen. Normalerweise sprießen die Netzhautgefäße etwa ab der 16. Schwangerschaftswoche vom Sehnervenkopf aus nach außen. Den Rand der Netzhaut erreichen sie erst zwischen der 36. und 40. Woche. Je früher ein Kind geboren wird, desto größer ist die gefäßlose Fläche, und desto höher ist das Risiko.

Was passiert im Auge? Die zwei Phasen

Die ROP verläuft in zwei Phasen: Erst stoppt das Gefäßwachstum, dann wachsen Gefäße ungeordnet und an der falschen Stelle.

  1. Phase 1, Wachstumsstopp: Außerhalb des Mutterleibs ist der Sauerstoffgehalt im Blut höher als im Mutterleib, vor allem bei zusätzlicher Sauerstoffgabe. Dadurch sinkt der Botenstoff VEGF (vaskulärer endothelialer Wachstumsfaktor), der die Gefäße wachsen lässt. Auch das Wachstumshormon IGF-1 ist bei Frühgeborenen niedrig. Das Gefäßwachstum bleibt stehen, frisch gebildete feine Gefäße können sogar zugrunde gehen.
  2. Phase 2, Wucherung: Einige Wochen später reift die Netzhaut weiter und braucht mehr Sauerstoff. Die gefäßlose Außenzone wird unterversorgt und bildet nun sehr viel VEGF. Das löst ein überschießendes, ungeordnetes Gefäßwachstum aus. Die neuen Gefäße wachsen aus der Netzhaut heraus in den Glaskörper, sind brüchig, können bluten und bilden Narbengewebe, das die Netzhaut abziehen kann.

Diese Abfolge erklärt, warum die ROP typischerweise erst einige Wochen nach der Geburt auftritt, meist in einem Reifealter von 32 bis 40 Wochen (Schwangerschaftswochen bei der Geburt plus Lebenswochen). Sie erklärt auch, warum Medikamente gegen VEGF wirken.

Welche Rolle spielt Sauerstoff?

Sauerstoff ist für viele Frühgeborene lebensnotwendig, zu viel oder stark schwankender Sauerstoff erhöht aber das ROP-Risiko. In den 1940er- und 1950er-Jahren erblindeten viele Frühgeborene, weil Sauerstoff ungeregelt gegeben wurde. Als man ihn daraufhin stark einschränkte, sank zwar die Zahl der Erblindungen, aber mehr Kinder starben.

Heute wird die Sauerstoffsättigung im Blut dauernd gemessen und in einem festgelegten Zielbereich gehalten. Studien fanden bei niedrigeren Zielwerten weniger schwere ROP, aber teils eine höhere Sterblichkeit. Den genauen Zielbereich legt deshalb das Neugeborenen-Team für jedes Kind fest. Sauerstoff ist auch nicht die einzige Ursache: Die ROP entsteht durch das Zusammenspiel vieler Faktoren.

Welche Kinder haben das höchste Risiko?

Das Risiko ist umso höher, je früher und je leichter ein Kind geboren wird. Gesicherte Hauptrisikofaktoren sind:

  • niedriges Gestationsalter (Schwangerschaftswochen bei Geburt), vor allem unter 28 Wochen,
  • niedriges Geburtsgewicht, vor allem unter 1.000 bis 1.250 Gramm,
  • Dauer und Menge der Sauerstoffgabe sowie starke Schwankungen der Sauerstoffsättigung.

Weitere Faktoren, die in Studien mit mehr oder schwererer ROP verbunden sind:

  • langsame Gewichtszunahme nach der Geburt und niedrige IGF-1-Spiegel,
  • Blutvergiftung (Sepsis) und andere Infektionen,
  • Hirnblutung (intraventrikuläre Blutung) und Schäden der weißen Hirnsubstanz,
  • chronische Lungenerkrankung des Frühgeborenen (bronchopulmonale Dysplasie) und lange Beatmung,
  • Atemnotsyndrom, offener Ductus arteriosus (eine Gefäßverbindung am Herzen), angeborene Herzfehler,
  • Bluttransfusionen, erhöhter Blutzucker, lange Ernährung über die Vene,
  • Mehrlingsgeburt,
  • Behandlung mit ECMO (Herz-Lungen-Maschine) oder schwerer Darmentzündung (nekrotisierende Enterokolitis).

Haben wir als Eltern etwas falsch gemacht?

Nein, Eltern verursachen eine ROP nicht. Die entscheidende Ursache ist die unreife Netzhaut bei einer frühen Geburt, die meist nicht vorhersehbar oder vermeidbar war. Auch das Behandlungsteam kann die Krankheit trotz bester Versorgung nicht immer verhindern; es kann aber das Risiko senken und sie rechtzeitig erkennen.

Ist die ROP erblich?

Die ROP ist keine Erbkrankheit. Es gibt Hinweise, dass erbliche Anlagen beeinflussen, wie stark ein Frühgeborenes erkrankt, doch das spielt für die Familie praktisch keine Rolle. Geschwister haben nur dann ein Risiko, wenn sie ebenfalls sehr früh geboren werden. Ähnlich aussehende erbliche Netzhauterkrankungen wie die familiäre exsudative Vitreoretinopathie werden bei der Diagnose abgegrenzt.

Warum ist die ROP in manchen Ländern häufiger?

Die ROP ist dort häufiger, wo viele Frühgeborene überleben, aber Sauerstoff und Überwachung nicht überall gut geregelt sind. Fachleute sprechen von drei „Epidemien“: der ersten durch ungeregelten Sauerstoff in den 1940er- und 1950er-Jahren, der zweiten ab den 1970er-Jahren durch das Überleben immer kleinerer Frühgeborener und der dritten seit den 1990er-Jahren in Ländern mit mittlerem Einkommen, etwa in Lateinamerika und Asien.

Dort erkranken auch reifere und schwerere Kinder, oft über 1.500 Gramm oder nach der 32. Woche. Deshalb sind die Screening-Grenzen in solchen Ländern weiter gefasst. In Ländern wie Deutschland und Österreich betrifft die ROP fast nur sehr unreife Kinder.

4 Diagnose

In diesem Kapitel (12)

Wie wird die Frühgeborenen-Retinopathie festgestellt?

Die ROP wird ausschließlich durch eine Untersuchung des Augenhintergrunds mit weitgestellten Pupillen festgestellt, das sogenannte ROP-Screening. Es findet meist auf der Neugeborenen-Intensivstation statt, am Inkubator oder Wärmebett. Untersucht wird von einer Augenärztin oder einem Augenarzt mit Erfahrung bei Frühgeborenen. Bluttests oder andere Methoden, die die Untersuchung ersetzen könnten, gibt es nicht.

Welche Frühgeborenen werden in Deutschland untersucht?

Nach der deutschen S2k-Leitlinie von 2020 (AWMF 024-010, federführend die Gesellschaft für Neonatologie und pädiatrische Intensivmedizin mit der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft und der Retinologischen Gesellschaft) werden diese Kinder untersucht:

  • alle Frühgeborenen, die vor 31+0 Schwangerschaftswochen geboren sind; vorher lag die Grenze bei 32+0 Wochen,
  • Kinder mit unbekanntem Gestationsalter und einem Geburtsgewicht unter 1.500 Gramm,
  • Frühgeborene zwischen 31+0 und 36+6 Wochen, wenn sie länger als 5 Tage Sauerstoff erhalten haben (vorher 3 Tage),
  • Frühgeborene dieses Alters nach einer ECMO-Behandlung, unabhängig von deren Dauer,
  • Frühgeborene dieses Alters mit weiteren schweren Risiken, etwa schwerer Darmentzündung (nekrotisierende Enterokolitis), bronchopulmonaler Dysplasie, Sepsis oder Blutarmut mit Transfusionsbedarf; hier entscheidet das Neugeborenen-Team.

Die Grenze wurde 2020 gesenkt, weil Daten aus Schweden und Deutschland zeigten, dass reifere Kinder ohne Zusatzrisiken praktisch nie eine Behandlung brauchen. In Deutschland waren nur 1,4 Prozent von 1.505 behandelten Kindern 30+0 Wochen oder älter, und alle hatten zusätzliche Risikofaktoren. So bleiben Kindern belastende, unnötige Untersuchungen erspart. Die Leitlinie wird derzeit überarbeitet; einzelne Werte können sich ändern.

Welche Kriterien gelten in Österreich?

Österreich hat nach unserer Recherche keine eigene, öffentlich zugängliche ROP-Leitlinie; die Kliniken orientieren sich an der deutschen und an internationalen Empfehlungen. Die Kriterien können sich deshalb zwischen den Neugeborenen-Abteilungen etwas unterscheiden. In Lehrmaterialien der Universitätsaugenklinik Wien werden ein Geburtsgewicht unter 1.500 Gramm und eine Geburt vor der 30. Woche als Risikogrenzen genannt, ergänzt um Kinder mit besonderen Risiken.

Die Universitätsklinik für Augenheilkunde in Wien betreibt eine eigene Frühgeborenen-Augenambulanz. Fragen Sie auf der Neugeborenenstation, nach welchen Kriterien Ihr Kind untersucht wird und wer die Termine nach der Entlassung übernimmt.

Wie unterscheiden sich die Kriterien in anderen Ländern?

Die Grenzen unterscheiden sich von Land zu Land, je nachdem, wie reif die Kinder sind, die dort eine schwere ROP entwickeln. Ein Überblick:

Land oder RegionUntersucht werden
Deutschland (Leitlinie 2020)unter 31+0 Wochen; 31+0 bis 36+6 Wochen bei mehr als 5 Tagen Sauerstoff oder weiteren Risiken
Großbritannien (2022, ergänzt 2024)unter 31+0 Wochen oder unter 1.501 Gramm; bei 31+0 bis 31+6 Wochen erwägen
Frankreich (nationales Protokoll 2023)unter 31 Wochen und/oder unter 1.251 Gramm
USA (Empfehlung 2018)bis 30 Wochen oder bis 1.500 Gramm; 1.500 bis 2.000 Gramm bei Risiken
Schweiz (Leitlinie 2026)unter 28+0 Wochen oder unter 1.000 Gramm; bis 32+0 Wochen bei Zusatzerkrankung
Lateinamerika (PAHO 2021)unter 32 Wochen und/oder unter 1.500 Gramm; bis 36 Wochen oder 2.000 Gramm bei Risiken

Für Familien in Deutschland und Österreich zählen die nationalen Vorgaben und die Entscheidung des Behandlungsteams. Die Tabelle zeigt nur, warum Informationen aus dem Internet oft unterschiedliche Zahlen nennen.

Wann findet die erste Untersuchung statt?

Die erste Untersuchung findet in Deutschland meist in der 6. Lebenswoche statt, aber nicht vor einem Reifealter von 31+0 Wochen (postmenstruelles Alter: Schwangerschaftswochen bei der Geburt plus Lebenswochen). Bei sehr früh geborenen Kindern richtet sich der Termin also nach dem Reifealter, bei etwas reiferen nach den Lebenswochen. Frühere Untersuchungen bringen wenig, weil sich die ROP vorher kaum zeigt. Andere Länder setzen den ersten Termin teils schon nach vier Lebenswochen an.

Wie läuft die Untersuchung ab?

Die Untersuchung dauert pro Termin meist nur wenige Minuten und folgt einem festen Ablauf:

  1. Pupillen weitstellen: Etwa 30 bis 60 Minuten vorher bekommt das Kind Tropfen, die die Pupillen erweitern. Die Mittel werden für Frühgeborene niedrig dosiert, weil sie kurz Puls, Atmung oder Verdauung beeinflussen können.
  2. Betäubungstropfen: Sie machen die Oberfläche des Auges unempfindlich.
  3. Lidsperrer: Ein kleiner Halter für Frühgeborene hält die Lider offen.
  4. Spiegelung: Mit einer Stirnlampe und einer Lupe (indirekte Ophthalmoskopie) wird die ganze Netzhaut bis zum Rand betrachtet. Mit einem kleinen stumpfen Instrument wird das Auge sanft gedreht, damit auch die äußersten Bereiche sichtbar werden.
  5. Dokumentation: Zone, Stadium, Ausdehnung, Plus oder Prä-Plus und der nächste Termin werden festgehalten.

Manche Zentren fotografieren die Netzhaut zusätzlich mit einer Weitwinkelkamera. Das hilft, Veränderungen im Verlauf zu vergleichen, und erlaubt die Beurteilung durch Fachleute aus der Ferne. In Frankreich gilt diese Fotografie inzwischen als bevorzugte Methode; in Deutschland ist die Spiegelung mit Stirnlampe der Standard. Den äußersten Rand der Netzhaut zeigen Kameras nicht immer vollständig.

Tut die Untersuchung meinem Baby weh?

Die Untersuchung ist für Frühgeborene unangenehm und belastend, auch mit Betäubungstropfen; die meisten Babys weinen dabei. Das helle Licht, der Lidsperrer und das Drehen des Auges sind stressig, und vorübergehend können Herzfrequenz, Blutdruck und Atmung schwanken. Deshalb wird das Kind überwacht und die Untersuchung so kurz wie möglich gehalten.

Diese Maßnahmen lindern den Stress nachweislich:

  • Pucken oder Einwickeln, ruhiges Halten,
  • Saugen am Schnuller,
  • einige Tropfen Zuckerlösung oder abgepumpte Muttermilch auf die Zunge,
  • gedämpftes Licht im Raum,
  • Ihre Anwesenheit: Viele Kliniken erlauben Eltern, dabei zu sein und ihr Kind zu trösten. Fragen Sie danach.

Danach kann das Baby einige Stunden unruhiger sein, und die Augen können rot und etwas geschwollen aussehen. Starke Schmerzmittel wie Morphin werden nicht routinemäßig gegeben, weil ihr Nutzen die Risiken nicht sicher überwiegt.

Wie oft wird kontrolliert?

Wie oft kontrolliert wird, hängt vom Befund ab: in der Regel alle zwei Wochen, bei riskanten Befunden wöchentlich. Die deutsche Leitlinie sieht vor:

BefundNächste Untersuchung
Gefäßgrenze in Zone I oder hinterer Zone IIwöchentlich
Plus-Zeichen (Plus-Symptomatik)wöchentlich
Stadium 2 oder 3 im hinteren Teil von Zone IIwöchentlich
Stadium 2 oder 3 im vorderen Teil von Zone IIalle 2 Wochen
Übrige Befunde (Grundintervall)alle 2 Wochen
Gefäßgrenze in Zone IIIalle 3 Wochen

Wird ein behandlungsbedürftiger Befund erreicht, folgt die Behandlung innerhalb weniger Tage, möglichst innerhalb von 72 Stunden, bei aggressiver ROP innerhalb von 48 Stunden.

Wann darf das Screening enden?

Das Screening endet, wenn die Netzhaut vollständig mit Gefäßen versorgt ist oder eine ROP sich eindeutig und dauerhaft zurückgebildet hat. Bei Kindern ohne ROP ist das meist bei einem Reifealter zwischen 36 und 45 Wochen der Fall. Nach einer Behandlung gelten eigene, oft deutlich längere Regeln (siehe Verlauf).

Zeichen der Rückbildung sind etwa, dass die Leiste von lachsrosa zu weiß wechselt, Gefäße über die Grenzlinie hinauswachsen und Plus-Zeichen verschwinden. Großbritannien verlangt solche Zeichen bei mindestens zwei Untersuchungen nacheinander.

Was ist der ROP-Pass?

Der ROP-Pass ist ein schriftlicher Befundbogen, der in Deutschland bei der Entlassung mitgegeben und in das gelbe Kinderuntersuchungsheft gelegt wird. Er enthält die bisherigen Befunde, eine eventuelle Behandlung und den nächsten Termin. So können Kinderärztin, Kinderarzt und Augenarztpraxis lückenlos weitermachen. Bewahren Sie ihn gut auf und nehmen Sie ihn zu jedem Termin mit.

Was passiert, wenn mein Kind vor dem Ende des Screenings entlassen wird?

Wird Ihr Kind vor dem Ende des Screenings entlassen, müssen die Untersuchungen ambulant weitergehen, in der Klinik oder in einer erfahrenen Augenarztpraxis. Der erste ambulante Termin sollte schon vor der Entlassung feststehen. Halten Sie ihn unbedingt ein, auch wenn es dem Kind gut geht und die Anreise mühsam ist. Kann ein Termin nicht wahrgenommen werden, rufen Sie sofort an und vereinbaren einen neuen innerhalb weniger Tage.

Kann man das Risiko vorhersagen?

Es gibt Rechenhilfen, die anhand der Gewichtszunahme in den ersten Lebenswochen abschätzen, welche Kinder eine schwere ROP entwickeln könnten, etwa den WINROP-Algorithmus. Sie können Hinweise Wochen im Voraus geben, sind aber nicht zuverlässig genug, um die Untersuchung zu ersetzen. Auch künstliche Intelligenz zur Auswertung von Netzhautfotos wird erforscht, ist aber noch kein Standard.

5 Behandlung

In diesem Kapitel (12)

Muss jede Frühgeborenen-Retinopathie behandelt werden?

Nein, die meisten Fälle müssen nicht behandelt werden, weil sie sich von selbst zurückbilden. Stadium 1 und 2 und auch manches Stadium 3 ohne Plus werden nur engmaschig beobachtet. In Deutschland erhalten von rund 12.000 untersuchten Kindern pro Jahr bis zu 500 eine Behandlung; 2014 waren es etwa 2 Prozent der Untersuchten. In Frankreich entwickeln rund 30 Prozent der Frühgeborenen unter 31 Wochen eine ROP, behandelt werden etwa 3 Prozent.

Wann ist eine Behandlung nötig?

Eine Behandlung ist nötig, wenn die ROP so aktiv ist, dass ohne Eingriff eine Netzhautablösung droht. Die deutsche Leitlinie nennt als Behandlungsgrund:

  • Zone I: jedes Stadium mit Plus-Zeichen sowie Stadium 3 auch ohne Plus,
  • Zone II: Stadium 3 mit Plus-Zeichen; nach der Leitlinie von 2020 nicht mehr nur ab einer bestimmten Zahl betroffener „Uhrzeiten“, sondern auch bei geringerer Ausdehnung nach Einschätzung der Behandelnden,
  • aggressive ROP in Zone I oder im hinteren Teil von Zone II.

International wird diese Gruppe oft „Typ-1-ROP“ genannt (nach der amerikanischen ETROP-Studie). In den USA, Frankreich und der Leitlinie für Lateinamerika zählt auch Zone II, Stadium 2 mit Plus dazu; Großbritannien wertet diesen Befund als Grenzfall, der behandelt oder binnen einer Woche erneut kontrolliert wird.

Wie schnell muss behandelt werden?

Ist ein Behandlungsstadium erreicht, sollte möglichst innerhalb von 72 Stunden behandelt werden, bei aggressiver ROP innerhalb von 48 Stunden. Jede Verzögerung erhöht das Risiko einer Netzhautablösung. Manchmal muss ein Kind dafür in ein spezialisiertes Zentrum verlegt werden. Die Entscheidung trifft ein Team aus Augenheilkunde, Neonatologie und Anästhesie, das auch den Allgemeinzustand des Kindes berücksichtigt.

Welche Behandlungen gibt es?

Die zwei Hauptbehandlungen sind die Laserkoagulation der gefäßlosen Netzhaut und die Injektion eines Anti-VEGF-Medikaments in den Glaskörper. Bei Netzhautablösung kommt eine Operation dazu. Die früher übliche Kältebehandlung (Kryotherapie) wird nur noch in Ausnahmefällen eingesetzt, etwa wenn ein Laser nicht möglich ist oder die Sicht ins Auge getrübt ist.

Wie funktioniert die Laserbehandlung?

Beim Laser werden mehrere hundert bis über tausend kleine Laserpunkte auf die gefäßlose äußere Netzhaut gesetzt, nicht auf die Leiste selbst. Das verödete Gewebe bildet kein VEGF mehr, und die krankhaften Gefäße bilden sich in etwa ein bis zwei Wochen zurück. Die Laserpunkte sind zunächst weiß und werden in einigen Tagen dunkel pigmentiert.

  • Narkose: Der Eingriff erfolgt unter tiefer Sedierung oder Vollnarkose, oft auf der Intensivstation. Manche Kinder brauchen danach vorübergehend wieder Atemunterstützung; Atempausen und langsamer Puls sind in den ersten Stunden möglich.
  • Dauer: meist ein bis zwei Stunden für beide Augen.
  • Danach: Augentropfen gegen Entzündung und manchmal Antibiotika für etwa eine Woche; erste Kontrolle nach etwa fünf bis neun Tagen.
  • Wirksamkeit: Bei sorgfältiger Behandlung versagt der Laser in weniger als 9 Prozent der Fälle. Meist genügt eine Sitzung; gelegentlich wird nach zwei bis drei Wochen nachgelasert.

Der Laser ist seit Jahrzehnten erprobt, und ein Rückfall nach vollständiger Behandlung ist selten. Der Preis ist ein dauerhafter Verlust der äußeren Netzhaut: Das äußere Gesichtsfeld wird etwas kleiner, was im Alltag meist kaum auffällt. Außerdem führt der Laser häufiger zu Kurzsichtigkeit; in französischen Daten waren 50 bis 65 Prozent der gelaserten Augen kurzsichtig, ein Teil davon stark. Seltene Komplikationen sind Blutungen, Entzündungen, Verbrennungen an Hornhaut oder Iris, Grauer Star und erhöhter Augeninnendruck.

Wie wirkt die Anti-VEGF-Spritze?

Die Anti-VEGF-Spritze blockiert den Botenstoff VEGF, der das krankhafte Gefäßwachstum antreibt; die neuen Gefäße bilden sich dann meist innerhalb von ein bis drei Tagen zurück. Das Medikament wird mit einer sehr feinen Nadel in den Glaskörper gespritzt. Der Eingriff dauert nur wenige Minuten, erfolgt unter sterilen Bedingungen mit Desinfektion des Auges und meist mit Betäubung oder Sedierung.

Ein großer Vorteil: Die äußere Netzhaut wird nicht zerstört, und die normalen Gefäße können danach oft weiter bis zum Rand wachsen. Bei ROP in Zone I und bei aggressiver ROP gilt die Spritze nach der gemeinsamen Stellungnahme von DOG, Retinologischer Gesellschaft und Berufsverband der Augenärzte (2020) als dem Laser überlegen. Kinder werden nach der Spritze seltener stark kurzsichtig.

Welche Anti-VEGF-Medikamente werden eingesetzt?

Eingesetzt werden die Wirkstoffe Ranibizumab, Aflibercept und Bevacizumab, die sich in Zulassung und Studienlage unterscheiden:

WirkstoffZulassung für ROPWichtige Studie
RanibizumabIn der EU für Frühgeborene zugelassen (seit 2019)RAINBOW: Erfolg nach 24 Wochen bei 80 % (0,2 mg) gegenüber 66 % mit Laser; Unterschied knapp nicht gesichert
AfliberceptFür ROP zugelassen, in den USA und in EuropaFIREFLEYE: Erfolg bei rund 85 % gegenüber 82 % mit Laser; Gleichwertigkeit knapp nicht belegt
BevacizumabNicht zugelassen, Anwendung außerhalb der Zulassung (Off-Label)BEAT-ROP (2011): weniger Rückfälle als Laser bei Zone I, nicht bei Zone II

In der RAINBOW-Studie mit 225 Kindern aus 26 Ländern hatten nach zwei Jahren 5 Prozent der mit Ranibizumab behandelten Kinder eine hohe Kurzsichtigkeit, gegenüber 20 Prozent nach Laser. Ungünstige Netzhautbefunde waren nach Ranibizumab seltener, die Sehschärfe unterschied sich nicht. Die Studie wurde vom Hersteller finanziert. In Frankreich wird Ranibizumab für die ROP trotz EU-Zulassung nicht erstattet; die Kostenübernahme in Deutschland und Österreich klärt die behandelnde Klinik.

Welche Nachteile und Risiken hat die Spritze?

Der wichtigste Nachteil der Spritze sind späte Rückfälle (Reaktivierungen), die eine lange Nachkontrolle nötig machen. Die Wirkung lässt nach einigen Wochen nach; ist die Netzhaut dann noch nicht vollständig mit Gefäßen versorgt, kann die ROP wieder aufflammen. Nach Bevacizumab traten Rückfälle im Mittel nach 16 Wochen auf, nach Laser nach 6 Wochen. Am häufigsten sind sie bei einem Reifealter zwischen 45 und 55 Wochen, in Einzelfällen viel später.

  • Rückfallraten: je nach Studie und Wirkstoff sehr unterschiedlich, von wenigen bis über 50 Prozent. In einer deutschen Beobachtung von 241 Kindern waren es 8,3 Prozent, am häufigsten bei aggressiver ROP, sehr niedrigem Geburtsgewicht und langem Klinikaufenthalt.
  • Nachbehandlung: Ein Rückfall wird mit erneuter Spritze oder Laser behandelt. Bleiben Teile der Netzhaut dauerhaft gefäßlos, werden sie oft vorsorglich gelasert.
  • Augeninfektion (Endophthalmitis): sehr selten, aber ernst.
  • Verletzung von Linse oder Netzhaut durch die Nadel: selten.
  • Nicht im Stadium 4 oder 5: Hier kann das rasche Schrumpfen der Gefäße den Zug an der Netzhaut verstärken.

Deshalb empfehlen die deutschen Fachgesellschaften, Anti-VEGF nur in Zentren zu geben, die auch lasern können und eine lange Nachsorge sicherstellen.

Kann die Spritze dem übrigen Körper schaden?

Ob die Spritze die Entwicklung des Kindes beeinflusst, ist nicht abschließend geklärt. Ein Teil des Medikaments gelangt ins Blut und senkt dort für einige Zeit den VEGF-Spiegel; VEGF ist auch für die Entwicklung von Lunge und Gehirn wichtig. Große kontrollierte Studien wie BEAT-ROP und RAINBOW fanden keinen klaren Nachteil. Einige Beobachtungsstudien und Metaanalysen fanden nach Bevacizumab etwas häufiger mittelschwere Entwicklungsverzögerungen, andere nicht.

Eine Metaanalyse aus Taiwan (2025) wirft zudem die Frage einer möglicherweise höheren Sterblichkeit nach Anti-VEGF auf; die Studienlage dazu ist unklar. Solche Beobachtungsdaten sind schwer zu deuten, weil oft gerade die kränksten Kinder eine Spritze erhalten. Der Cochrane-Review von 2018 kam zu dem Schluss, dass die Daten zu Langzeitfolgen für den Körper noch nicht ausreichen. Lassen Sie sich die Abwägung für Ihr Kind genau erklären.

Laser oder Spritze: Was ist besser?

Keine der beiden Behandlungen ist für alle Kinder besser; die Wahl hängt vor allem von der Lage der ROP ab. Ein Vergleich:

LaserAnti-VEGF-Spritze
WirkungRückbildung in 1 bis 2 WochenRückbildung in 1 bis 3 Tagen
Bevorzugt beiROP in Zone II, wenn lange Nachsorge schwierig istROP in Zone I, aggressive ROP, schlechte Sicht ins Auge, instabile Kinder
Äußere NetzhautDauerhaft verödet, etwas kleineres GesichtsfeldBleibt erhalten, Gefäße können weiterwachsen
KurzsichtigkeitHäufig, oft starkSeltener
RückfälleSelten, meist frühHäufiger, auch Monate später
NarkoseMeist Vollnarkose oder tiefe Sedierung, längerKurzer Eingriff
NachsorgeWochen bis wenige MonateViele Monate, teils über Jahre
Offene FragenLangzeitdaten über Jahrzehnte vorhandenLangzeitwirkung auf den Körper unklar

2016 wurden in Deutschland bereits 53 Prozent der ROP-Behandlungen mit Anti-VEGF durchgeführt. Manchmal werden beide Verfahren kombiniert, etwa ein späterer Laser der noch gefäßlosen Netzhaut nach einer Spritze.

Was geschieht bei einer Netzhautablösung?

Bei einer Netzhautablösung (Stadium 4 und 5) ist eine Operation durch spezialisierte Kinder-Netzhautchirurgen nötig. Bevorzugt wird eine Glaskörperentfernung (Vitrektomie), bei der die Linse möglichst erhalten bleibt; das Narbengewebe, das an der Netzhaut zieht, wird entfernt. Alternativ oder ergänzend wird ein Band um den Augapfel gelegt (Cerclage), das die Augenwand eindellt.

Die Aussichten hängen stark vom Stadium ab. Im Stadium 4A liegt die Netzhaut nach der Operation in 72 bis 100 Prozent wieder an, und ein brauchbares Sehen ist oft möglich. Im Stadium 4B gelingt das in 63 bis 92 Prozent, das Sehen bleibt aber meist stark eingeschränkt. Im Stadium 5 lässt sich die Netzhaut nur bei einem Teil der Augen wieder anlegen, und das erreichbare Sehen ist sehr gering. Mehr zur Ablösung bei Erwachsenen lesen Sie unter Netzhautablösung.

Wie werden Eltern einbezogen?

Eltern werden vor jeder Behandlung ausführlich aufgeklärt und müssen zustimmen. Fragen Sie nach, was Ihnen wichtig ist. Hilfreiche Fragen sind etwa:

  • Wo genau liegt die ROP, und warum muss jetzt behandelt werden?
  • Warum wird bei unserem Kind Laser oder Spritze empfohlen?
  • Wer behandelt, wo, und mit welcher Narkose?
  • Wie hoch ist die Chance, dass eine Behandlung reicht?
  • Wie lange und wie oft sind danach Kontrollen nötig, und wo finden sie statt?
  • Worauf sollen wir nach der Behandlung achten?

Viele Kliniken geben schriftliche Elterninformationen mit. Elterninitiativen und Frühchen-Vereine bieten Austausch mit anderen Familien.

6 Verlauf und Prognose

In diesem Kapitel (7)

Wie verläuft eine Frühgeborenen-Retinopathie?

Meist verläuft die ROP mild: Sie erreicht Stadium 1 oder 2 und bildet sich innerhalb einiger Wochen von selbst zurück, während die Gefäße weiter zum Rand der Netzhaut wachsen. Rund 80 Prozent der betroffenen Augen heilen spontan. Das Sehen von Kindern mit zurückgebildetem Stadium 1 oder 2 unterscheidet sich kaum von dem frühgeborener Kinder ohne ROP.

Bei einem kleinen Teil schreitet die ROP fort. In der amerikanischen CRYO-ROP-Studie entwickelten zwar zwei Drittel der Kinder unter 1.251 Gramm eine ROP, aber nur 18 Prozent erreichten Stadium 3 und nur 6 Prozent die Behandlungsschwelle. Unbehandelt kann eine schwere ROP innerhalb von Wochen bis Monaten zur Netzhautablösung führen; mindestens die Hälfte der Augen mit schwerer ROP erleidet dann bleibenden schweren Sehverlust.

Wie gut ist die Prognose nach einer Behandlung?

Nach rechtzeitiger Behandlung ist die Prognose meist gut: Eine Netzhautablösung lässt sich in den meisten Fällen verhindern. Britische Elterninformationen nennen eine gute bis sehr gute Sehschärfe bei 50 bis 80 Prozent der früh behandelten Kinder. Wie gut ein Kind am Ende sieht, lässt sich oft erst nach Monaten oder Jahren sicher sagen.

Das Ergebnis hängt davon ab, wie schwer und wie weit innen die ROP lag. Auch nach erfolgreicher Behandlung haben viele Kinder eine Fehlsichtigkeit oder schielen. In einer schwedischen Studie mit 232 behandelten Kindern hatten später 14 Prozent eine Sehminderung, 38 Prozent schielten und 52 Prozent waren fehlsichtig.

Wie lange sind Kontrollen nach einer Behandlung nötig?

Nach einem Laser sind die Kontrollen meist nach einigen Wochen bis Monaten abgeschlossen, nach einer Anti-VEGF-Spritze dauern sie deutlich länger. Die deutsche Leitlinie empfiehlt nach der Behandlung zunächst dieselben Abstände wie davor. Beendet werden dürfen die Kontrollen erst, wenn die ROP nicht mehr aktiv ist und die Netzhaut vollständig mit Gefäßen versorgt ist, verbliebene gefäßlose Flächen gelasert wurden oder über mehrere Monate kein krankhafter Befund mehr vorlag.

  • Nach Laser: Kontrollen etwa nach 1 und 2 Wochen, bei Rückbildung nach 4 bis 6 Wochen, dann nach 3 und 6 Monaten (Beispiel aus dem französischen Protokoll).
  • Nach Anti-VEGF: Kontrollen mindestens bis zu einem Reifealter von 65 Wochen, nach französischer Empfehlung bis 75 Wochen. Manche Zentren machen um die 60. Woche eine Gefäßdarstellung mit Farbstoff in Narkose, um gefäßlose Restflächen zu finden.

Rückfälle nach einer Spritze wurden in einer deutschen Beobachtung im Mittel bei einem Reifealter von 51 Wochen und in Einzelfällen noch mit 69 Wochen gefunden, also teils über ein halbes Jahr nach dem errechneten Geburtstermin.

Wie häufig sind Kurzsichtigkeit, Schielen und Schwachsichtigkeit?

Kurzsichtigkeit, Schielen und Schwachsichtigkeit sind nach einer ROP deutlich häufiger, besonders nach Stadium 3 und nach einer Behandlung. Einige Zahlen aus Studien:

  • In einer Berliner Untersuchung von 5- bis 12-Jährigen waren 32 Prozent der behandelten Augen kurzsichtig, aber nur 2,9 Prozent der Augen mit spontan zurückgebildeter ROP. Eine Hornhautverkrümmung hatten 62 gegenüber 28 Prozent, ungleiche Brechkraft beider Augen 41 gegenüber 8,8 Prozent.
  • In der Mainzer Gutenberg-Studie (4 bis 17 Jahre) war eine ROP-Behandlung stark mit Schwachsichtigkeit verbunden; auch eine Geburt bis zur 28. Woche erhöhte das Risiko.
  • In einer Studie mit Frühgeborenen unter 1.701 Gramm schielten mit sechs Monaten 29 Prozent der Kinder mit Stadium 3, aber nur 3 Prozent der Frühgeborenen ohne ROP.
  • Kurzsichtigkeit und Hornhautverkrümmung nehmen bei ehemaligen ROP-Kindern oft bis ins Jugendalter zu.

Auch Frühgeborene ohne ROP sind häufiger fehlsichtig als reif geborene Kinder; in der französischen EPIPAGE-2-Studie waren es je nach Reife 28 bis 43 Prozent. Die gute Nachricht: Diese Folgen lassen sich mit Brille, Abklebetherapie und gegebenenfalls Schieloperation meist gut behandeln, wenn sie früh erkannt werden. Mehr dazu unter Kurzsichtigkeit, Schielen und Schwachsichtigkeit.

Welche augenärztlichen Kontrollen braucht mein Kind nach dem Screening?

Nach dem Screening braucht jedes ehemalige Frühgeborene regelmäßige augenärztliche Kontrollen, nach einer schweren oder behandelten ROP häufiger und länger. Die Empfehlungen unterscheiden sich im Detail:

  • Eine deutsche Untersuchung empfiehlt regelmäßige Kontrollen mindestens bis zum 6. Lebensjahr.
  • Das französische Protokoll sieht für alle gescreenten Frühgeborenen, mit oder ohne ROP, eine augenärztliche und orthoptische Untersuchung vor dem 1. Geburtstag, mit 2,5 bis 3 Jahren und mit 4 bis 5 Jahren vor, jeweils mit Tropfen zur Messung der Brechkraft.
  • Nach einer behandelten ROP: etwa alle 6 Monate bis zum 3. Lebensjahr, danach jährlich bis ins Jugendalter.
  • Großbritannien empfiehlt nach Stadium 3 (behandelt oder zurückgebildet) Kontrollen für mindestens 5 Jahre.
  • Bei Narben an der Netzhaut sind lebenslang mindestens jährliche Kontrollen sinnvoll.

In Österreich sind augenärztliche Untersuchungen im Eltern-Kind-Pass vorgesehen, in Deutschland prüfen die Kinderärzte das Sehen bei den U-Untersuchungen. Für ehemalige ROP-Kinder ersetzen diese Vorsorgen die Kontrollen bei der Augenärztin oder dem Augenarzt aber nicht.

Was ist, wenn mein Kind sehbehindert bleibt?

Bleibt ein Kind sehbehindert, sind frühe Förderung und Hilfsmittel entscheidend für seine Entwicklung. Dazu gehören Frühförderung für sehbehinderte Kinder, vergrößernde Sehhilfen, Beratung durch Sehbehindertenpädagogik und später die passende Unterstützung in Kindergarten und Schule. Frühförderstellen, Blinden- und Sehbehindertenverbände und Sozialberatung der Klinik helfen auch bei Anträgen auf Leistungen. Ihre Kinderärztin oder Ihr Kinderarzt kann Sie an die richtigen Stellen vermitteln.

Beeinflusst die Frühgeburt das Sehen auch über die Augen hinaus?

Ja, bei sehr unreif geborenen Kindern kann auch die Verarbeitung von Seheindrücken im Gehirn beeinträchtigt sein, unabhängig von der ROP. Hirnblutungen oder Schäden der weißen Hirnsubstanz können zu Problemen beim Erkennen, Orientieren oder bei der Hand-Auge-Koordination führen. Solche Schwierigkeiten werden bei Entwicklungsuntersuchungen nach der Frühgeburt mitbeachtet.

7 Vorbeugung

In diesem Kapitel (6)

Kann man einer Frühgeborenen-Retinopathie vorbeugen?

Ganz verhindern lässt sich die ROP nicht, aber die Neugeborenenmedizin kann das Risiko für schwere Verläufe deutlich senken. Der wirksamste Schutz wäre, eine Frühgeburt zu vermeiden, was oft nicht möglich ist. Die wichtigste Vorbeugung gegen Erblindung ist das rechtzeitige Screening mit Behandlung zum richtigen Zeitpunkt.

Was tut die Neugeborenenstation, um das Risiko zu senken?

Die Neugeborenenstation senkt das Risiko vor allem durch gut gesteuerten Sauerstoff und eine gute Versorgung des Kindes insgesamt:

  • Sauerstoff nach Bedarf: Die Sättigung wird dauerhaft mit einem Pulsoximeter gemessen, Sauerstoff wird nur so viel wie nötig gegeben, starke Schwankungen werden vermieden. Die Leitlinie für Lateinamerika nennt als Beispiel einen Zielbereich von 89 bis 94 Prozent; in Europa legen die Kliniken eigene Bereiche fest.
  • Kortison vor der Geburt zur Lungenreifung und Surfactant nach der Geburt: Beides verbessert die Atmung und hat dazu beigetragen, dass schwere ROP bei reiferen Frühgeborenen seltener wurde.
  • Gutes Wachstum und Ernährung nach der Geburt.
  • Vermeiden und rasches Behandeln von Infektionen.

Hilft Muttermilch?

Muttermilch schützt nach der Leitlinie der Panamerikanischen Gesundheitsorganisation (PAHO) vor einer ROP; sie empfiehlt Muttermilch und Kolostrum (die erste Milch) ausdrücklich. Muttermilch hat für Frühgeborene ohnehin viele Vorteile. Wenn Sie abpumpen können und möchten, unterstützt das Team Sie dabei; wenn nicht, ist das kein Grund für Schuldgefühle.

Helfen Vitamine, Lichtschutz oder Nahrungsergänzung?

Für Vitamin E und für das Abdunkeln der Augen ist keine schützende Wirkung belegt. Die Leitlinie für Lateinamerika hält Vitamin A, Vitamin E, Inositol oder Laktoferrin nur unter bestimmten Bedingungen für erwägenswert; in Deutschland und Österreich sind sie keine Standardvorbeugung. Omega-3-Fettsäuren und bestimmte Transfusionsstrategien werden erforscht. Erythropoetin, ein Mittel gegen Blutarmut, kann schwere ROP sogar häufiger machen und wird zur Vorbeugung nicht empfohlen. Geben Sie Ihrem Kind keine Nahrungsergänzungsmittel ohne Rücksprache mit dem Neugeborenen-Team.

Was können Eltern selbst tun?

Das Wichtigste, was Eltern tun können, ist, jeden Untersuchungstermin einzuhalten, auch nach der Entlassung. Außerdem hilft:

  • Dabei sein: Trösten, Halten, Hautkontakt und Saugen am Schnuller lindern den Stress der Untersuchung.
  • Den ROP-Pass und alle Befunde zu jedem Termin mitbringen, auch zur Kinderärztin oder zum Kinderarzt.
  • Termine planen: Klären Sie vor der Entlassung, wer den nächsten Termin übernimmt, wo er stattfindet und wen Sie bei Problemen anrufen.
  • Nachfragen: Lassen Sie sich Befunde erklären, etwa Zone, Stadium und ob Plus vorliegt.
  • Spätere Kontrollen nicht auslassen, auch wenn das Kind gut zu sehen scheint.
  • Eine verordnete Brille konsequent tragen lassen und eine Abklebetherapie wie besprochen durchführen.

Wie unterstütze ich die Sehentwicklung im Alltag?

Die Sehentwicklung lässt sich im Alltag vor allem durch Nähe, Blickkontakt und kontrastreiche Reize unterstützen. Frühgeborene schauen anfangs am liebsten in Gesichter auf kurze Entfernung. Bei Kindern mit eingeschränktem Sehen empfehlen Fachleute eine frühe, gezielte Sehförderung schon in der Klinik und danach durch Frühförderstellen. Besondere Übungen oder Geräte, die eine ROP heilen, gibt es nicht.

8 Wann sofort zum Arzt?

Die frühe Frühgeborenen-Retinopathie können Eltern selbst nicht erkennen. Das größte Risiko ist deshalb ein verpasster Untersuchungstermin. Zeitkritisch ist vor allem die Behandlung: Wird ein Behandlungsstadium festgestellt, sollte innerhalb von 72 Stunden behandelt werden, bei aggressiver ROP innerhalb von 48 Stunden.

Sofort, am selben Tag, in der Klinik oder bei der Augenärztin oder dem Augenarzt melden:

  • wenn das Auge in den Tagen nach einer Spritze oder einem Laser zunehmend rot, geschwollen oder trüb wird, Eiter absondert oder das Kind ungewöhnlich schmerzgeplagt wirkt (mögliche Infektion),
  • bei einer weißen, grauen oder gelblichen Pupille, auch wenn sie nur auf einem Foto mit Blitz auffällt,
  • bei einem trüben, vergrößerten oder stark tränenden Auge mit Lichtscheu (Hinweis auf erhöhten Augendruck, siehe Angeborener Grüner Star),
  • bei älteren Kindern und Erwachsenen nach ROP: plötzliche Lichtblitze, viele neue schwarze Punkte, ein Schatten oder Vorhang im Gesichtsfeld (mögliche Netzhautablösung),
  • bei plötzlichem starkem Augenschmerz mit Rötung und Sehverschlechterung.

Weitere Warnzeichen finden Sie auf der Seite Notfall am Auge.

Innerhalb weniger Tage:

  • wenn ein ROP-Termin verpasst wurde: sofort anrufen und einen neuen Termin innerhalb weniger Tage vereinbaren,
  • bei neu auftretendem Augenzittern,
  • wenn das Kind im korrigierten Alter von etwa drei Monaten Gesichter nicht anschaut oder nicht verfolgt,
  • bei einem dauerhaft schielenden Auge.

Zeitnah, innerhalb weniger Wochen:

  • zeitweises Schielen, schiefe Kopfhaltung, sehr nahes Heranhalten von Dingen,
  • Verdacht, dass ein Auge schlechter sieht, etwa Abwehr beim Zuhalten eines Auges.

Routinemäßig: alle vereinbarten Screening-, Nachsorge- und Vorsorgetermine wahrnehmen, auch wenn alles in Ordnung scheint.

9 Häufige Fragen

Warum muss mein Frühchen zum Augenarzt?

Weil die Netzhautgefäße bei sehr früh geborenen Kindern noch unreif sind und eine Frühgeborenen-Retinopathie anfangs keinerlei sichtbare Zeichen macht. Nur die Augenspiegelung zeigt, ob sich die Gefäße normal entwickeln. So kann eine schwere Form rechtzeitig behandelt werden, bevor sich die Netzhaut ablöst.

Ab welcher Schwangerschaftswoche wird auf ROP untersucht?

In Deutschland werden alle Kinder untersucht, die vor 31+0 Schwangerschaftswochen geboren sind. Ältere Frühgeborene bis 36+6 Wochen werden untersucht, wenn sie länger als fünf Tage Sauerstoff bekamen, mit ECMO behandelt wurden oder weitere schwere Risiken hatten. In Österreich und anderen Ländern können die Grenzen etwas abweichen.

Tut die ROP-Untersuchung dem Baby weh?

Sie ist unangenehm und belastend, auch mit Betäubungstropfen; die meisten Babys weinen. Zuckerlösung oder Muttermilch, Schnuller, Pucken und Ihre Nähe lindern den Stress. Danach können die Augen einige Stunden rot und leicht geschwollen sein.

Wird mein Kind durch die ROP blind?

In den allermeisten Fällen nicht. Die meisten ROP-Fälle bilden sich von selbst zurück, und schwere Formen lassen sich durch rechtzeitige Behandlung meist stoppen. Erblindung droht vor allem, wenn eine schwere ROP unentdeckt bleibt oder sich trotz Behandlung die Netzhaut ablöst.

Was ist besser bei ROP: Laser oder Spritze?

Das hängt von der Lage der Erkrankung ab. Bei ROP nahe dem Sehnerv (Zone I) und bei aggressiver ROP gilt die Anti-VEGF-Spritze als überlegen und führt seltener zu starker Kurzsichtigkeit. Der Laser ist länger erprobt, hat weniger späte Rückfälle und braucht eine kürzere Nachsorge, zerstört aber die äußere Netzhaut.

Ist die Anti-VEGF-Spritze für mein Baby gefährlich?

Augeninfektionen und Verletzungen sind sehr selten. Offen ist, ob das Medikament, das zum Teil ins Blut gelangt, die Entwicklung beeinflusst; große kontrollierte Studien fanden keinen klaren Nachteil, einzelne Beobachtungsstudien Hinweise darauf. Sicher ist, dass nach der Spritze lange Kontrollen nötig sind, weil die ROP Monate später zurückkehren kann.

Wie lange muss mein Kind nach ROP zur Kontrolle?

Das Screening läuft, bis die Netzhaut vollständig mit Gefäßen versorgt ist, meist bis zu einem Reifealter von 36 bis 45 Wochen (Schwangerschaftswochen bei der Geburt plus Lebenswochen). Nach einer Spritze sind Kontrollen mindestens bis zu einem Reifealter von 65 Wochen nötig. Danach sind regelmäßige Augenuntersuchungen mindestens bis zum Schulalter sinnvoll, nach behandelter ROP oft bis ins Jugendalter.

Braucht mein Kind nach ROP später eine Brille?

Die Wahrscheinlichkeit ist erhöht. Kurzsichtigkeit, Hornhautverkrümmung und ungleiche Sehstärke beider Augen sind nach ROP häufiger, vor allem nach einem Laser. Eine früh angepasste Brille verhindert, dass zusätzlich eine Schwachsichtigkeit entsteht.

Kann ich selbst erkennen, ob mein Baby eine ROP hat?

Nein. Die frühe ROP ist von außen unsichtbar und verursacht keine Beschwerden. Erst bei einer Netzhautablösung können eine weiße Pupille, fehlendes Fixieren oder Augenzittern auffallen; dann ist die Krankheit aber schon weit fortgeschritten.

Kann die ROP nach der Entlassung noch schlimmer werden?

Ja. Solange die Netzhautgefäße nicht fertig gewachsen sind, kann sich eine ROP auch nach der Entlassung verschlechtern, und nach einer Spritze kann sie Monate später zurückkehren. Deshalb sind die ambulanten Termine genauso wichtig wie die Untersuchungen auf der Station.

Ist die Frühgeborenen-Retinopathie erblich?

Nein. Ursache ist die Unreife der Netzhaut bei einer frühen Geburt. Geschwister haben nur dann ein Risiko, wenn auch sie sehr früh zur Welt kommen. Ähnlich aussehende erbliche Netzhauterkrankungen werden bei der Untersuchung abgegrenzt.

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Quellen

Dieser Artikel wurde aus Fachquellen in 4 Sprachen recherchiert (Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch) und auf Deutsch zusammengefasst.

Alle 25 Quellen anzeigen
  1. Leitlinie empfiehlt Screening auf Frühgeborenenretinopathie bei Geburten vor der 31. Schwangerschaftswoche – Deutsches Ärzteblatt (DE)
  2. Screening und Behandlung der Frühgeborenenretinopathie (Stahl, Göpel; Dtsch Arztebl 2015;112:730-5) – Deutsches Ärzteblatt (DE)
  3. Anti-VEGF-Therapie der Frühgeborenenretinopathie, Stellungnahme vom 18.05.2020 – DOG, Retinologische Gesellschaft, BVA (DE)
  4. Retinopathia praematurorum – MSD Manual, Ausgabe für medizinische Fachkreise (DE)
  5. Anti-VEGF-Medikamente zur Behandlung von Frühgeborenen (Cochrane-Review CD009734) – Cochrane Deutschland (DE)
  6. Der Wiener Augenatlas: Frühgeborenenscreening – Universitätsklinik für Augenheilkunde und Optometrie, MedUni Wien (DE)
  7. Unklare Studienlage bei Frühgeborenen-Retinopathie: höhere Mortalität nach Anti-VEGF-Therapie als nach Laserbehandlung? – Deutsches Ärzteblatt (DE)
  8. Screening for retinopathy of prematurity – the most important changes in the new German guidelines 2020 (Li et al., Ophthalmologe 2021) – Der Ophthalmologe / PubMed Central (EN)
  9. Visual acuity, amblyopia and refractive error in preterm children with and without ROP (Gutenberg Prematurity Study Young) – PubMed Central (EN)
  10. Retinopathy of Prematurity – EyeWiki, American Academy of Ophthalmology (EN)
  11. UK Screening of Retinopathy of Prematurity Guideline (2022, revised 2024) – Royal College of Paediatrics and Child Health mit RCOphth und BAPM (EN)
  12. Screening for retinopathy of prematurity: Information for parents and carers – Royal College of Paediatrics and Child Health (EN)
  13. Treatment for retinopathy of prematurity (ROP) – Royal Berkshire NHS Foundation Trust (EN)
  14. Ranibizumab versus laser therapy for the treatment of very low birthweight infants with retinopathy of prematurity (RAINBOW) – The Lancet 2019 / PubMed (EN)
  15. Classifying retinopathy of prematurity – Community Eye Health Journal / PubMed Central (EN)
  16. Long-Term Ocular Outcomes of Prematurity – Journal of Clinical Medicine 2025 / PubMed Central (EN)
  17. Protocole National de Diagnostic et de Soins (PNDS) Rétinopathie du prématuré – Haute Autorité de Santé (HAS), Centre de référence OPHTARA (FR)
  18. La rétinopathie du prématuré – Hôpitaux universitaires de Genève (HUG) (FR)
  19. Rétinopathie de la prématurité – Manuel MSD, version professionnelle (FR)
  20. Síntesis de evidencia y recomendaciones: guía de práctica clínica para el manejo de la retinopatía del prematuro – Organización Panamericana de la Salud, Rev Panam Salud Publica 2021 (ES)
  21. Retinopatía de la prematuridad – National Eye Institute (NEI), NIH (ES)
  22. Retinopatía del prematuro – Clínica Universidad de Navarra (ES)
  23. Fármacos antifactor de crecimiento endotelial vascular para el tratamiento de la retinopatía del prematuro (Cochrane CD009734) – Cochrane (ES)
  24. Fiabilidad en el cribado de la retinopatía del prematuro mediante el análisis de retinografías – Anales de Pediatría 2014 (ES)
  25. Miopía en pacientes con retinopatía de la prematuridad – Revista Cubana de Oftalmología 2022 (ES)

Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche Beratung. Wenn Sie Beschwerden haben, lassen Sie sich von einer Augenärztin oder einem Augenarzt untersuchen. Mehr zum Haftungsausschluss